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Kleider machen Leute (1921)

Es ist ein absolut deutsches Spiel mit all der vertrauten Schönheit, die wir an Gottfried Keller lieben. In der bisweilen schlichten, anspruchslosen Art …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Vorlage
  2. 2. Handlung
  3. 3. Herstellung und Erhaltung
  4. 4. Deutung
  5. 5. Zeitgenössische und spätere Bewertung

Überblick und Vorlage

Kleider machen Leute, auch Bräutigam auf Kredit, ist eine österreichisch-deutsche Literaturverfilmung aus dem Jahr 1921. Regie führte Hans Steinhoff, für den der Film das Regiedebüt war; die Hauptrollen spielen Hermann Thimig als Jaro Strapinsky und Dora Kaiser als Nettchen. Das Drehbuch von Hans Steinhoff und Robert Weil, der das Pseudonym Homunkulus verwendete, entstand nach Motiven der gleichnamigen Novelle von Gottfried Keller.

Der Film zeigt, wie äußere Kleidung die gesellschaftliche Wahrnehmung bestimmt: Ein armer Schneider wird wegen seines vornehmen Aussehens für einen Grafen gehalten. Er wird dadurch zugleich Nutznießer und Opfer einer Verwechslung.

Handlung

Die Handlung spielt in der Biedermeierzeit und stellt optisch ein Spitzweg-Milieu dar. Der Schneider Jaro Strapinsky wird in Seldwyla von seinem Meister entlassen, nachdem dieser ihn im Frack eines noblen Herrn vor dem Spiegel entdeckt. Auf der Suche nach Arbeit nimmt ihn der Kutscher eines Grafen nach Goldach mit.

Dort halten die Einwohner Strapinsky für den erwarteten Grafen: Er trägt vornehme Kleidung und kommt in einer prächtigen Kutsche an. Zunächst möchte er das Missverständnis berichtigen. Die angesehenen Bürger bleiben jedoch bei ihrer Vorstellung, weil sie sich von einer Verbindung mit dem vermeintlichen Grafen persönliche und geschäftliche Vorteile versprechen. Strapinsky fügt sich schließlich zögernd in die ihm zugeschriebene Rolle.

Beim Wirt des Gasthauses „Zur goldenen Waage“ häufen sich seine Schulden. Zwar will er fliehen, kann sich aber nicht aus der Rolle lösen. Zugleich verliebt er sich in Nettchen, die Tochter des Amtmanns, und sie erwidert seine Gefühle. Melchior Böhnli, der selbst auf Nettchen gehofft hat, beobachtet Strapinsky misstrauisch. Seine zerstochenen Finger bestärken Böhnli in dem Verdacht, dass dieser ein Hochstapler sei.

Am Hochzeitstag von Nettchen und Jaro enthüllt Böhnli, dass der Bräutigam ein armer Schneider ist. Nettchen hält dennoch zu Jaro, weil ihre Liebe echt ist. Beide wollen gemeinsam eine Zukunft aufbauen.

Herstellung und Erhaltung

Der Film wurde von Juni bis August 1921 gedreht. Außenaufnahmen entstanden im Wienerwald sowie nahe Hütteldorf bei Wien. Hans Neumann gestaltete die Innenausstattung, Hans Dostal und Robert Reich die allgemeine Ausstattung, Karl Alexander Wilke die Kostüme. Die Trickzeichnungen schuf Mayblond (Michael Maybaum) nach Ideen von Hans Steinhoff.

Ursprünglich umfasste der viragierte Film – also ein farblich getöntes Filmmaterial – 1.893 Meter in 5 Akten. Erhalten ist nur ein vom Bundesarchiv-Filmarchiv restauriertes Fragment des 2. Aktes. Es beruht auf einer viragierten und getonten Nitro-Kopie und ist 326 bis 335 Meter lang, entsprechend 14 Minuten bei 21 Bildern pro Sekunde.

Die Zensur erklärte den Film am 19. Dezember 1921 unter Nr. B 4962 für jugendfrei. Die Uraufführung fand am 29. Dezember 1921 im U.T. Kurfürstendamm in Berlin statt, die Wiener Premiere am 22. September 1922. Für den Hansa-Verleih der UFA brachte der Film Verluste. Steinhoff erhielt danach jedoch einen Vertrag bei der Berliner Gloria-Film.

Deutung

Elisabeth Büttner deutet den Film als Frage nach dem Glück. Strapinsky steigt unerwartet in der gesellschaftlichen Hierarchie auf, weil andere in seiner Kleidung einen edlen Herrn sehen. Die Goldacher Honoratioren möchten an dessen vermeintlichem Ansehen teilhaben. Erst allmählich erkennt Strapinsky seine neue Stellung als möglichen Glücksfall und fügt sich ihr.

Nettchen weiß nach dieser Deutung von Anfang an, was Glück für sie bedeuten kann. Zunächst wird sie vom „Objekt der Glücksverheißungen“ übersehen; durch ihren Erfindungsreichtum und den Zufall erhält sie eine Chance, die sie ergreift. Auch bei mehreren Möglichkeiten des Glücks zweifelt sie nicht an ihrer Entscheidung.

Das Filmarchiv Österreich hebt die Selbstgefälligkeit der Goldacher Honoratioren, den Witz der Zwischentitel und eine Animation hervor, die die Handlung des Tages in eine nächtliche Traumwelt überführt. Rauch verwirrt darin die Sinne, sogar die Standfestigkeit von Kirchtürmen wird infrage gestellt; „List regiert“.

Zeitgenössische und spätere Bewertung

Die zeitgenössische Kritik lobte den Film und feierte Steinhoff als vielversprechendes neues Talent, während die Verfilmung beim Publikum durchfiel. Das Filmarchiv Österreich bezeichnete sie als „ein Fest der Sinne, der Farben, der Überrumpelung“. Dass der Film nur fragmentarisch erhalten ist, sei dabei kein Mangel, weil der unvollständige Charakter den Esprit verdichte. Zugleich wird festgestellt, dass der gesellschaftskritische Ansatz von Kellers Vorlage im Film wegfalle.

Der Film-Kurier vom 30. Dezember 1921 würdigte Steinhoffs Fähigkeit, die heitere Keller-Geschichte ohne unpassende oder persiflierende Wirkung darzustellen, und rechnete ihn zu den „Luxusregisseure[n]“. E. K. lobte in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 1. Januar 1923 die stilwahre, künstlerisch anerkennenswerte Regie, die eine „glücklichere“ Biedermeierzeit zurückzaubere; die Regie erinnere bisweilen an Langs Müden Tod. Der Berliner Börsen-Courier sah in dem Werk den Geist Gottfried Kellers und hob unter anderem Trickzeichnungen, sonnige Aspekte sowie Hermann Thimigs Spiel hervor.

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