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Körpersozialisation

Körpersozialisation beschreibt den Prozess der Anpassung an und der Aneignung von gesellschaftlichen sozialen Normen (Sozialisation) durch den Menschen, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee der Körpersozialisation
  2. 2. Forschungsansätze und soziale Modellierung
  3. 3. Körper als Vermittler gesellschaftlicher Strukturen
  4. 4. Soziale Ungleichheit, Klasse und Gender
  5. 5. Kritik und neurobiologische Impulse

Grundidee der Körpersozialisation

Körpersozialisation bezeichnet den Prozess, in dem Menschen gesellschaftliche soziale Normen über ihren Körper und durch körperliche Handlungen anpassen und aneignen. Sie ist ein wichtiges Thema der Körpersoziologie, also der soziologischen Beschäftigung mit Körpern.

Robert Gugutzer beschreibt den menschlichen Körper als „durch und durch soziales Phänomen“. Was Menschen mit ihrem Körper tun, wie sie ihn bewerten und welches Wissen sie über ihn haben, ist demnach von Kultur, Gesellschaft und Epoche geprägt. Der Körper gilt in dieser Sicht nicht nur als natürliches Produkt der Biologie, sondern als etwas, das durch Sozialisation geformt wird. Thomas Alkemeyer betont zudem, dass Körperbewegung als kleinste Einheit sozialwissenschaftlicher Analyse verstanden werden kann.

Forschungsansätze und soziale Modellierung

Die neuere Debatte untersucht, welche sozialen Standardisierungsprozesse, normativen Manipulationsformen und performativen Spielräume – also Möglichkeiten, Körperlichkeit handelnd darzustellen – individuelle Körper erfahren. Dabei setzen sich Studien unter anderem mit Norbert Elias, Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Erving Goffman und Harold Garfinkel auseinander. Weitere Bezugspunkte sind die Gendertheorie von Judith Butler und Nancy Fraser sowie sozialanthropologische Studien von Helmuth Plessner, Peter L. Berger und Thomas Luckmann.

Nach Alkemeyer wird die Bewegung des Körpers sozial modelliert. Sie wurde in verschiedenen Ansätzen als Technisierung bei Marcel Mauss und Leontjew, als Normierung und Regulierung bei Simmel, als Zivilisierung bei Elias sowie als Disziplinierung bei Foucault beschrieben. Körpersozialisation betrifft damit nicht nur einzelne Körperhaltungen oder Bewegungen, sondern auch die Regeln und Erwartungen, nach denen Körper in einer Gesellschaft wahrgenommen und eingesetzt werden.

Körper als Vermittler gesellschaftlicher Strukturen

Marcel Mauss zufolge entsteht durch Interaktion eine „soziale Motorik“. An ihr können Schicht- und Gesellschaftszugehörigkeit erkennbar werden. Körper werden dabei durch materielle Kultur geformt: durch Techniken, Werkzeuge und Handlungen. Die Sozialisation körperlicher Haltung wirkt sich nach Mauss auf Psyche, Motorik und Sichtweisen aus.

Pierre Bourdieu erklärt Körpersozialisation mit seiner Habitustheorie. Der Habitus bezeichnet dabei verinnerlichte Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster. Seine „Stille Pädagogik“ meint, dass Einstellungen, Werte, Kosmologien nicht ausdrücklich gelehrt werden, sondern über stumme, gestische und körperliche Prozesse implizit übertragen werden. Über diese „mehr oder weniger stumme und implizite körperliche Pädagogik“ können laut Bourdieu auch Kosmologie, Ethik, Metaphysik und Politik vermittelt werden. Der „Laib“ ist bei ihm „eine Art Gedächtnisstütze“. Der Körper steht somit im Zentrum seiner Erklärung, wie gesellschaftliche Strukturen durch Sozialisation weitergegeben werden.

Soziale Ungleichheit, Klasse und Gender

Aktuelle Gendertheorie und Bourdieus Habitustheorie behandeln Körpersozialisation als einen Weg, über den soziale Ungleichheit reproduziert werden kann. Bourdieu geht davon aus, dass gesellschaftliche Strukturierungsstrukturen über den Körper aufgenommen und dauerhaft manifestiert werden. Auf Grundlage von Daten aus den sechziger und siebziger Jahren zeigte er nach Uwe H. Bittlingmayer, dass die beherrschte Klasse ein auf Stärke bezogenes Körperkonzept favorisierte. Seine Körpersoziologie nimmt einen herrschaftstheoretischen und probabilistischen Zusammenhang zwischen sozialer Position und Körperkonzepten an: Ungleichheit zeigt sich nicht nur in unterschiedlichen Körperkonzepten, sondern kann über sie weitergegeben werden.

Paula-Irene Villa zufolge ist die leibliche Ebene der sozialen Verortung, etwa in Klasse und Geschlecht, wesentlich für die Entwicklung eines „sozialen Sinns“: eines intuitiven Gefühls für die eigene soziale Stellung. Alkemeyer beschreibt außerdem, dass Körperbilder und Metaphern Sinnlichkeit und Emotionalität in politische Prozesse einbinden und unbewusste Sinninhalte aktivieren können. Als Beispiel nennt er den Kult um den sportlich trainierten Männerkörper im NS-Regime, der Stimmungen und Sehnsüchte im Sinne des Regimes hervorrufen sollte.

Geschlecht ist nach Jürgen Baur eine frühe und grundlegende biosoziale Differenzierungskategorie; Lebensläufe und Körperkarrieren werden geschlechtstypisch ausgelegt. Regine Gildemeister betont, dass Menschen andere im Alltag nicht einfach aufgrund von Physiologie, Hormonen oder Chromosomen als „weiblich“ oder „männlich“ einordnen. Entscheidend seien Darstellungsleistungen von Körpern und deren Interpretation in Interaktionen; dies steht im Zusammenhang mit doing Gender. Körperliche Form, Haltung und Maße sind nach der auf Bourdieu bezogenen Darstellung keine bloß unproblematisch vorhandenen physischen Eigenschaften, sondern körperlicher Ausdruck.

Kritik und neurobiologische Impulse

Stephen Turner kritisiert Bourdieus Konzept, weil es für die Sozialisationsforschung offenlasse, wie Vorannahmen und Praktiken in eine Person gelangen, wo sie dort hingehen und in welcher Form sie übertragen werden. Er hält die Vorstellung einer vollständig verborgenen „Stillen Pädagogik“ für logisch inkonsistent: Damit Muster weitergegeben werden können, müssten sie seiner Ansicht nach in offenkundigem Verhalten erscheinen. Die Weitergabe beruhe auf gegenseitiger Wahrnehmung und könne daher nicht allein im Verborgenen stattfinden.

Robert Schmidt sieht neue Impulse für die Diskussion aus der Neurobiologie. Insbesondere Erkenntnisse zu Spiegelneuronen stützten nach ihm Bourdieus Überlegungen, dass Sozialisation durch Körperinteraktion auch unbewusst erfolgen kann.

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