Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Ivan Krastev
Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft seien aus unterschiedlichen Gründen kaum mehr in der Lage oder willens, einzugestehen, dass unkontrollierte …
Inhalt5 Abschnitte
Person und Bedeutung
Ivan Jotov Krastev, geboren am 1. Januar 1965 in Lukowit, ist ein bulgarischer Politologe und Politikberater. Er beschäftigt sich besonders mit Demokratie, europäischer Politik, politischem Misstrauen, Migration und den Spannungen zwischen Ost- und Westeuropa. Als Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien leitet er den Schwerpunkt „Die Zukunft der Demokratie“. Seine Bedeutung beruht vor allem auf seinen Analysen der politischen Entwicklung Europas nach dem Zerfall des Ostblocks sowie der Krisen liberaler Demokratien.
Beruflicher Weg und Funktionen
Nach dem Zerfall des Ostblocks und den anschließenden Regierungswechseln oder Revolutionen arbeitete Krastev unter anderem an der Central European University (CEU) in Budapest. Er ist Leiter des Centre for Liberal Strategies in Sofia und publizierte für die Zeitschrift „Transit. Europäische Revue“ des IWM. Außerdem gehört er dem Kuratorium der Erste Stiftung in Wien an.
Krastev war Teil des Gründerkreises der Denkfabrik European Council on Foreign Relations. Weitere Tätigkeiten führten ihn zu den Denkfabriken Center for European Policy Analysis und Friends of Europe. Von 2004 bis 2006 war er Mitglied der von Giuliano Amato geleiteten Internationalen Balkan-Kommission, von 2005 bis 2011 gehörte er dem Beirat des International Institute for Strategic Studies an. In den Jahren 2013, 2014 und 2016 war er Fellow bei der Robert Bosch Stiftung in Berlin.
Seit 2015 veröffentlicht Krastev regelmäßig politische Analysen in der internationalen Ausgabe der „New York Times“. Zudem ist er für das Beratungsunternehmen Macro Advisory Partners tätig. Im Jahr 2020 erhielt er den Jean-Améry-Preis für europäische Essayistik.
Europaanalyse und Demokratieverständnis
In seinem 2017 erschienenen politisch-zeitgeschichtlichen Hauptwerk „After Europe“, auf Deutsch „Europadämmerung. Ein Essay“, bezeichnet Krastev die Flüchtlingskrise als „das 9/11 Europas“. Nach seiner Analyse führte die Öffnung der Grenzen durch die deutsche Bundesregierung im Jahr 2015, insbesondere für arabische und afrikanische Flüchtlinge, zu einer neuen Spaltung zwischen Ost- und Westeuropa. Zusammen mit der bereits bestehenden Nord-Süd-Spaltung könne sie den Kontinent politisch auseinanderreißen.
Krastev macht dafür eine Elite verantwortlich, die sich nach seiner Auffassung besonders in Migrationsfragen von den Wünschen und Einstellungen der gesellschaftlichen Mehrheit entfernt habe. Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft seien aus unterschiedlichen Gründen kaum noch fähig oder bereit anzuerkennen, dass unkontrollierte Zuwanderung wirtschaftliche und kulturelle Konflikte verursache.
Die unterschiedlichen Reaktionen in Deutschland und Osteuropa erklärt Krastev mit deren jeweiliger Vergangenheit. Den Deutschen schreibt er das Bedürfnis zu, sich durch einen öffentlich sichtbaren Kosmopolitismus – also eine weltbürgerliche Haltung – von der eigenen Geschichte zu lösen. Der Wunsch vieler Osteuropäer nach nationaler Souveränität und kultureller Homogenität sei dagegen eine Abwehrreaktion auf den von der Sowjetunion betriebenen Internationalismus. Krastev folgert, dass nur ein „Europa der Nationen“ dauerhaft bestehen könne, nicht aber ein zentralisiertes europäisches Imperium.
Krastev kennt Wladimir Putin persönlich. Im März 2022 sprach er im Magazin „Der Spiegel“ über die Einsamkeit des Autokraten, Putins völkisches Denken und den Schuldkomplex eines ehemaligen KGB-Agenten.
Symposium zu Demokratie und Weltordnung
Vom 22. bis 27. Februar 2026 veranstaltete Krastev auf Schloss Elmau das internationale Symposium „World in Pieces“. Dort trat auch Curtis Yarvin auf, der im Artikel als antidemokratischer Vordenker bezeichnet wird und kurz zuvor auf Einladung Martin Sellners eine Rede gehalten hatte.
Yarvins Einladung wurde bereits vor Beginn der Veranstaltung kritisiert, unter anderem von Daniel Kehlmann. Quinn Slobodian und Lea Ypi sagten ihre Teilnahme aus Protest ab. Krastev verteidigte die Einladung mit dem Argument, Yarvins Gedanken führten zu der grundsätzlichen Frage, ob die Demokratie es wert sei, verteidigt zu werden.
Wichtige Veröffentlichungen
Krastevs Veröffentlichungen behandeln vor allem Korruption, Antiamerikanismus, Demokratie, politisches Misstrauen, Europas Krisen und die Folgen der COVID-19-Pandemie. Zu seinen Werken gehören „Shifting Obsessions: Three Essays on the Politics of Anticorruption“ (2004), das mit Alan McPherson herausgegebene Buch „The Anti-American Century“ (2007), „Europe’s Democracy Paradox“ (2012), „In Mistrust We Trust: Can Democracy Survive When We Don’t Trust Our Leaders?“ (2013) und „Democracy Disrupted“ (2014).
Sein Buch „After Europe“ erschien 2017; die deutsche Übersetzung von Michael Bischoff trägt den Titel „Europadämmerung. Ein Essay“. Gemeinsam mit Stephen Holmes veröffentlichte Krastev 2019 „The Light that Failed. A Reckoning“, auf Deutsch „Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung“, übersetzt von Karin Schuler. Ebenfalls von Karin Schuler übersetzt wurde „Ist heute schon morgen? Wie die Pandemie Europa verändert“, das 2020 erschien.