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Imperiale Lebensweise

Ressourcenkonflikte und ökologische Abhängigkeiten in der neoliberalen Globalisierung. In: Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik. Band 24, Heft …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundidee
  2. 2. Definition und Funktionsweise
  3. 3. Bedeutung von imperial
  4. 4. Kritische Einwände

Grundidee

Die imperiale Lebensweise ist ein sozialwissenschaftlicher Begriff, den die Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen in die internationale politische Diskussion eingeführt haben. Systematisch ausgearbeitet wurde er in ihrem 2017 erschienenen Buch Imperiale Lebensweise; eine weitere Bearbeitung folgte 2024 in Kapitalismus am Limit. Der Begriff steht für eine grundlegende Kritik an der globalen sozial-ökologischen Ungleichheitsordnung.

Gemeint ist: Die alltäglichen Lebens-, Konsum- und Produktionsweisen vor allem in hochindustrialisierten Ländern wie Westeuropa und den USA beruhen auf einem hohen Verbrauch von Ressourcen, der weltweit nicht für alle Menschen verallgemeinerbar ist. Diese Lebensweise ist nicht nur in wirtschaftlichen und staatlichen Strukturen verankert, sondern auch in Gewohnheiten und Praxismustern des Alltags.

Definition und Funktionsweise

Der Begriff wurde erstmals 2009 verwendet und später weiter ausgearbeitet. Er soll globale Ungleichheiten erklären, die nicht nur aus ungleichen ökonomischen und politischen Machtverhältnissen entstehen, sondern auch aus einer hegemonial verbreiteten, also gesellschaftlich vorherrschenden, dominanten Lebensweise.

Brand und Wissen verbinden damit soziale und ökologische Kritik am Weltwirtschaftssystem. Unter imperialer Produktionsweise verstehen sie eine Produktionsweise, bei der Ressourcen wie Erdöl, Land und Arbeitskraft aus dem Globalen Süden ausgebeutet beziehungsweise extrahiert werden. Diese Ressourcen werden überwiegend im Globalen Norden verbraucht; Abfälle und ökologische Folgen werden über die Senken des Südens wieder entsorgt.

Die Autoren sehen darin eine Krise, weil die zugrunde liegenden Konsum- und Produktionsmuster trotz sichtbarer Folgen wie Klimaerwärmung, Ressourcenübernutzung und Artensterben für viele Menschen im Norden und Süden attraktiv bleiben. In den Mittel- und Oberschichten des Nordens hätten sich diese Muster in den letzten Jahrzehnten weiter verfestigt und würden nach außen verteidigt. Zugleich breite sich in Ländern des Globalen Südens eine periphere imperiale Lebensweise aus, wenn besser gestellte Lohnabhängige und privilegierte Klassen sich an westlichen Lebensweisen orientieren.

Bedeutung von imperial

Mit „imperial“ meinen Brand und Wissen nicht einfach die Herrschaft einer Minderheit über eine sehr große Mehrheit. Sie beziehen sich vielmehr auf den Zugriff des Kapitalismus auf sein „Äußeres“. Damit ist eine Produktions- und Lebensweise gemeint, die Menschen strukturell aufgezwungen wird, ihnen unter den gegebenen Bedingungen aber zugleich erweiterte Lebens- und Handlungsspielräume gibt.

Der Begriff schließt an frühere Diskussionen über „neoliberal-imperiale Politik“ und an Christoph Görgs Begriff des „ökologischen Imperialismus“ an. Brand und Wissen verstehen die imperiale Lebensweise außerdem als Forschungsprogramm: Sie soll empirisch untersucht werden, etwa in den Lebensbereichen Wohnen, Ernährung und Kleidung.

Kritische Einwände

Der Soziologe Klaus Dörre kritisierte 2018, der Begriff könne die Bevölkerungen des Globalen Nordens zu stark in einem vereinnahmenden „Wir“ zusammenfassen. Dadurch könnten soziale Unterschiede und unterschiedliche Konsumniveaus überdeckt werden. Außerdem bestehe die Gefahr, Ausbeutung, Entfremdung, Ungleichheit und Unsicherheit innerhalb dieser Gesellschaften zu relativieren.

Gleichzeitig sieht Dörre in der Analyse von Brand und Wissen einen politischen Nutzen. Sie könne gesellschaftliche Trends zu neuen Konsummustern, vegetarischer oder veganer Ernährung politisch und kapitalismuskritisch ausrichten. Außerdem relativiere sie Ohnmachtserfahrungen und apokalyptische Zukunftsbilder, weil sie eine Emanzipationsperspektive offenhalte: Einzelne könnten jederzeit etwas tun, und eine Ethik ökologischen Verzichts lasse sich zuerst auf das eigene Leben anwenden.

Ähnlich argumentierte Stephan Lessenich 2016: Anders zu trinken, anders zu essen, bewusster zu kaufen und reflektierter zu konsumieren stehe grundsätzlich jedem Einzelnen offen. Für eine radikale gesellschaftliche Veränderung in Richtung Nachhaltigkeit sei dies nach seiner Auffassung aber nur ein erster Schritt. Hans Günter Bell und Paul Schäfer kritisierten 2018 am Buch von Brand und Wissen, dass die politischen Handlungsmöglichkeiten unscharf blieben. Besonders die Zusammenfassung sehr unterschiedlicher Ideen wie De-Growth oder bedingungsloses Grundeinkommen unter dem Begriff „Suchbewegung“ hielten sie für wenig produktiv.

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