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Homo sociologicus
Der homo sociologicus (lat. = soziologischer Mensch) ist ein von Ralf Dahrendorf konzipiertes Akteursmodell der Soziologie, bei dem der Mensch als ein durch …
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Grundidee des homo sociologicus
Der homo sociologicus (lateinisch: „soziologischer Mensch“) ist ein von Ralf Dahrendorf entwickeltes Akteursmodell der Soziologie. Es beschreibt den Menschen als ein durch die Gesellschaft bedingtes Wesen. Sein Handeln wird durch soziale Rollen, Normen, Werte und Erwartungen geprägt.
Eine soziale Rolle ist die Gesamtheit der Erwartungen, die an eine Person in einer bestimmten gesellschaftlichen Position gerichtet werden. Im Alltag übernimmt jeder Mensch verschiedene Rollen. Mit jeder Rolle sind bestimmte Regeln und Verhaltensanforderungen verbunden. Diese Erwartungen stammen meist nicht von der Gesamtgesellschaft, sondern von kleineren Gruppen, die für die jeweilige Rolle wichtig sind.
Die einzelne Person kann die gesellschaftlichen Erwartungen nach diesem Modell nicht einfach zurückweisen, weil sie von außen an sie herangetragen werden. Sie ist einer individuellen Mischung aus Normen und Erwartungen unterworfen, die ihr Handeln bestimmt. Erwartungen können außerdem verinnerlicht werden. Dann bewertet sich das Individuum bei einer Regelverletzung selbst negativ oder bei regelgerechtem Verhalten positiv. Scham und Stolz sind Beispiele für solche inneren Reaktionen.
Rollenkonflikte und gesellschaftlicher Druck
Die verschiedenen Rollen eines Menschen können miteinander in Konflikt geraten. Bei einem Inter-Rollenkonflikt widersprechen sich Erwartungen aus verschiedenen Rollen. Ein Intra-Rollenkonflikt entsteht, wenn innerhalb derselben Rolle unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen.
Wenn solche Konflikte auftreten, fügt sich der homo sociologicus der Rolle, auf der der stärkste Druck durch Normen, Werte und Erwartungen liegt. Sein Verhalten erscheint dadurch weniger als Ergebnis einer völlig freien Entscheidung, sondern als Reaktion auf gesellschaftliche Anforderungen.
Die Theorie wurde deshalb häufig dafür kritisiert, dem Menschen den freien Willen abzusprechen. Sie stellt besonders deutlich die Frage, wie viel Eigenständigkeit ein Individuum besitzt, wenn sein Handeln durch Rollen und Erwartungen gelenkt wird.
Muss-, Soll- und Kann-Erwartungen
Gesellschaftliche Erwartungen unterscheiden sich danach, wie verbindlich sie sind und welche Folgen eine Verletzung hat.
Muss-Erwartungen sind in jedem Fall zu erfüllen. Sie sind häufig gesetzlich geregelt. Wer sie verletzt, muss nicht nur mit sozialen Sanktionen, sondern auch mit rechtlichen Strafen rechnen. Als Beispiele nennt der Artikel Diebstahl und Mord.
Soll-Erwartungen erzeugen einen kaum schwächeren Druck als Muss-Erwartungen. Ihre Verletzung wird jedoch nur sozial sanktioniert, nicht rechtlich bestraft. Beispiele sind leises Verhalten in einer Bibliothek und pünktliches Erscheinen am Arbeitsplatz.
Kann-Erwartungen müssen grundsätzlich nicht erfüllt werden. Ihre Nichterfüllung zieht in der Regel keine negativen Folgen nach sich. Dazu gehören außergewöhnliches Engagement und allgemein altruistisches Verhalten. Da solche Leistungen nicht von vornherein erwartet werden, fällt vor allem auf, wenn jemand sie erbringt. Dann können positive Reaktionen wie Zuneigung oder Anerkennung folgen.
Autonomie und die „ärgerliche Tatsache der Gesellschaft“
Das Modell berührt ein zentrales Problem der Philosophischen Anthropologie: den Widerspruch zwischen dem von anderen beeinflussten Rollenhandeln und der Autonomie beziehungsweise Willensfreiheit des Individuums. Dahinter steht das Paradox von Notwendigkeit und Freiheit des menschlichen Willens.
Die zugespitzte Frage lautet, was vom Menschen „an sich“ übrig bleibt, wenn man den homo sociologicus von ihm abzieht. Da nach Dahrendorf kein Mensch rollenlos leben kann und deshalb immer Erwartungen und Sanktionen ausgesetzt ist, bezeichnete er diese unvermeidbare Einbindung in gesellschaftliche Zusammenhänge ironisch als die „ärgerliche Tatsache der Gesellschaft“. Damit wird ausgedrückt, dass Menschen ihre Rollen zwar als Einschränkung erleben können, ihnen aber nicht vollständig entkommen.