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Habituation
„Die Extinktion unterscheidet sich von der Habituation dadurch, daß sie im Zusammenhang mit vorher erlernten Reaktionen auftritt, während bei der Habituation …
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Begriff und Bedeutung
Habituation, auch Habituierung oder Gewöhnung genannt, bezeichnet die allmählich abnehmende Antwortbereitschaft auf wiederholt dargebotene Reize, die sich als bedeutungslos erwiesen haben. Sie gilt als eine der einfachsten Formen des Lernens. Die Reaktion kann schließlich vollständig ausbleiben. Wird der Reiz nach Eintritt der Habituation ausreichend lange nicht mehr dargeboten, nimmt die Reaktionsstärke wieder zu.
Habituation beruht auf zentralnervösen Veränderungen und ist von anderen Vorgängen abzugrenzen. Bei der Extinktion nimmt eine zuvor erlernte Reaktion ab, während Habituation typischerweise angeborene Reaktionen betrifft, die nicht durch Konditionierung entstanden sind. Die periphere Anpassung an einen Reiz, etwa die Anpassung der Hörempfindlichkeit an ein Dauersignal oder der Pupille an Helligkeitsunterschiede, ist ebenfalls keine Habituation. Auch Ermüdung darf nicht mit ihr verwechselt werden. Der gegenteilige Prozess, also eine Zunahme der Reaktionsstärke, wird Sensitivierung genannt.
Beispiele aus Tier- und Menschenwelt
Bei Tieren sorgt Habituation dafür, dass ständig vorhandene, bedeutungslose Reize ausgeblendet werden und unnütze Reaktionen ausbleiben. Bei der Meeresschnecke Aplysia californica löst die Berührung der verletzlichen Fadenkiemen zunächst einen Schutzreflex aus: Die Kiemen werden zurückgezogen. Bei häufigen Berührungen in kurzem Abstand nimmt der Reflex jedoch ab und setzt schließlich aus. Nach einer Wartezeit normalisiert sich die Reaktion wieder.
Ein Krallenfrosch zuckt anfangs zusammen, wenn an die Scheibe seines Terrariums geklopft wird. Nach mehreren Wiederholungen reagiert er nicht mehr. Puten fliehen zunächst auch vor über ihnen fliegenden Gänsen, wenn sie in deren Nähe gehalten werden. Mit der Zeit gewöhnen sie sich an diese häufigen Vögel und fliehen nur noch vor selteneren, meist einzeln kreisenden Vögeln. Auch die Orientierungsreaktion einer Erdkröte auf ein nicht essbares, beuteähnliches Objekt nimmt bei Wiederholung ab. Vogelscheuchen und über Lautsprecher verbreitete Warnrufe verlieren ihre abschreckende Wirkung, weil sich Vögel daran gewöhnen.
Beim Menschen wurde Habituation bereits bei Ungeborenen und Neugeborenen beobachtet. Reaktionen auf akustische Signale, etwa eine Autohupe, werden schwächer, je häufiger die Laute auftreten. Auch wiederholte olfaktorische und visuelle Reize können zur Gewöhnung führen, sofern sie folgenlos bleiben. Beispiele aus dem Alltag sind die Gewöhnung an Kleidung, eine neue Brille oder das gleichmäßige Summen von Fahrzeugen auf einer entfernten Autobahn. Dass dieses Summen nach kurzer Zeit kaum noch stört, liegt nicht an erschöpften Sinneszellen: Setzt das Geräusch aus, wird die Veränderung bemerkt.
Nachweis und Eigenschaften
Eine abnehmende Reaktion kann auch durch Ermüdung oder sensorische Adaption entstehen. Bei Ermüdung ist der Organismus allgemein weniger leistungsfähig; bei sensorischer Adaption wird ein andauernder Reiz zunehmend schwächer wahrgenommen. Habituation lässt sich durch mehrere Eigenschaften erkennen:
- Sie ist reizspezifisch: Die Reaktion nimmt nur gegenüber dem wiederholten Reiz ab. Reagiert eine Ratte nach Gewöhnung an helles Licht weiterhin stark auf ein lautes Geräusch, spricht dies für Habituation und gegen allgemeine Ermüdung.
- Sie ist reaktionsspezifisch: Auf denselben Reiz können verschiedene Reaktionen unterschiedlich beeinflusst werden. Ein wiederholt gehörter Klingelton löst etwa keine Schreckreaktion mehr aus, während das Gespräch weiterhin angenommen wird. Eine sensorische Adaption würde dagegen die Wahrnehmung des Signals insgesamt beeinträchtigen.
- Sie ist zeitlich unterschiedlich dauerhaft und kann nach einer reizfreien Pause teilweise verschwinden.
Für Verhaltensforscher ist Habituation zugleich nützlich und problematisch. Sie müssen Versuchstiere häufig wiederholt denselben Reizen aussetzen, um deren Wirkung zuverlässig zu untersuchen. Zu kurze Zeitabstände können jedoch eine Habituation auslösen und dadurch die Ergebnisse verfälschen. Deshalb sind ausreichend lange Pausen zwischen den Versuchsdurchgängen einzuplanen.
Lang- und Kurz-Zeit-Habituation
Die Lang-Zeit-Habituation hält vergleichsweise lange an. Wer ein ungewöhnliches abstraktes Gemälde zunächst aufmerksam betrachtet, reagiert bei späteren Begegnungen deutlich schwächer darauf. Auch nach fünf Wochen oder noch länger kann die Reaktion gegenüber dem ersten Anblick vermindert sein.
Die Kurz-Zeit-Habituation dauert deutlich kürzer. In einer Disko kann sich die anfängliche Störung durch laute Musik abschwächen. Verlässt man den Ort für einige Stunden und kehrt zurück, stört die Lautstärke erneut. Diese Form wird auch bei Versuchstieren beobachtet, etwa bei aversiven Reizen wie Elektroschocks. Ihr wichtigstes Kennzeichen ist die Spontanerholung: Nach einem „time-out“, also einer reizfreien Zeitspanne, tritt die zuvor abgeschwächte Reaktion wieder stärker auf.