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Graffiti-Jargon
In der Graffiti-Szene hat sich im Laufe der Jahre ein eigener Graffiti-Jargon entwickelt. Der Wortschatz stammt weitgehend aus dem amerikanischen Englisch …
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Grundidee und soziale Ordnung
Der Graffiti-Jargon ist der Fachwortschatz der Graffiti-Szene. Er stammt weitgehend aus dem amerikanischen Englisch, wird international verstanden und in nicht englischsprachigen Ländern meist unübersetzt übernommen. Writing, kurz für Style-Writing oder Graffiti-Writing, bezeichnet die Gestaltung und das Anbringen künstlerischer Graffiti, bei denen der eigene Name das Basiselement der Komposition bildet. Ein Writer ist ein Graffiti-Sprüher, der Writing praktiziert.
Zentral ist der Style: die besondere, möglichst eigenständige Art, Buchstaben zu gestalten und Stilelemente zu einem stimmigen Gesamtbild zu verbinden. Einen guten und möglichst einzigartigen Style zu entwickeln, gilt als eines der höchsten Ziele. Skills sind die Fertigkeiten im Umgang mit Buchstaben und Sprühdose. Flow bezeichnet die Dynamik und Harmonie einer Gesamtkomposition, Swing dagegen den Schwung der einzelnen Buchstaben und ihre gemeinsame Bewegung.
Fame bedeutet hohes Ansehen und Bekanntheit unter Writern. Ein King ist ein anerkannter, herausragender Writer mit viel Fame; Unterkategorien sind etwa „King of Style“, „King of Bombing“ und „King of the Line“. Ein All City King ist in der ganzen Stadt mit Bildern präsent. Eine Legende ist ein allgemein bekannter und respektierter Writer, ein Oldie ein angesehener Veteran. Toy bezeichnet einen unerfahrenen beziehungsweise schlechten Writer; ein Newcomer ist zwar neu, hat das Toy-Stadium aber bereits überwunden. Respect meint die Anerkennung fremder Fähigkeiten, Werke und Writer.
Eine Crew ist ein Zusammenschluss von Writern, die gemeinsam sprühen. Ihr meist aus Buchstaben oder Zahlen bestehendes Kürzel wird von allen Mitgliedern verbreitet. Ein Battle ist ein gewaltfreier künstlerischer Wettkampf zwischen Writern oder Crews. Neutrale Schiedsrichter bewerten vor allem den Style, teilweise aber auch die Quantität; der Sieger erhält Fame.
Grundformen, Schriftstile und Bildaufbau
Ein Tag ist das Signaturkürzel und Pseudonym eines Writers sowie die Urform des daraus entwickelten Piece. Tags werden mit Sprühdosen, wasserfesten Stiften, Rollen oder durch Einritzen angebracht. Ziele sind ein guter, innovativer Style und eine möglichst starke Präsenz. Ein Handstyle ist eine besonders kunstvolle Art des Taggens; Handskills bezeichnen die Fähigkeit, mit einem Marker ein ästhetisch ansprechendes Tag zu fertigen. Ein Oneliner ist ein Tag oder Throw-up, dessen Buchstaben ohne Absetzen in einem Zug geschrieben werden.
Ein Piece, kurz für Masterpiece, ist eigentlich ein aufwendiges, meist mehrfarbiges und großflächiges Graffito, wird aber oft allgemein für ein gesprühtes Bild verwendet. SUPERKOOL 223 soll 1971 das erste Piece gesprüht haben. Masterpiece bezeichnet heute das vom Writer selbst bestimmte beste eigene Bild. Ein Burner ist ein besonders gelungenes, auffällig gutes Piece. Ein Quickpiece ist ein aus Zeitmangel schnell und schlicht gesprühtes Piece. Ein Throw-up ist ein rasch gemaltes Bild mit nur grober oder ganz fehlender Füllung.
Wichtige Schriftstile sind der Blockbuster aus großen, blockartigen und weithin lesbaren Buchstaben sowie der Bubble-Style aus dicken, blasenartigen Buchstaben, als dessen Erfinder Phase 2 gilt. Wildstyles sind kompliziert und stark verschlungen; zusätzliche Elemente und zahlreiche Verbindungen können sie kaum lesbar machen. PHASE2 und DONDI aus New York gelten als Pioniere. Beim 3D-Style entstehen Buchstaben und Elemente ohne Outlines allein durch Licht und Schatten; besonders DAIM, DELTA und ERNI trugen zu seiner weltweiten Etablierung bei.
Die Outline ist die unmittelbare Kontur der Buchstaben. Die optionale Second Outline oder Frameline umrahmt den gesamten Schriftzug; eine mit Abstand verlaufende Second Outline heißt High Line. Das Fill-in ist die ein- oder mehrfarbige Fläche innerhalb der Outline. Ein Silverpiece besitzt meist schwarze, früher hitzerote Outlines und eine Füllung aus Chromsilber. Inlines verlaufen am Innenrand der Buchstaben und lassen das Bild plastischer wirken. Highlights ahmen Lichtreflexe nach. Blocks erzeugen einen einfachen 3D-Effekt, Bubbles sind runde Farbflächen, und Fading ist ein fließender Übergang zwischen zwei Farben. Ein Drip oder eine Nase ist herunterlaufende, zu dick aufgetragene Farbe: oft ein Anfängerfehler, manchmal ein beabsichtigtes Stilmittel.
Der Background ist der Hintergrund eines Piece und kann aus einfachen Flächen, Bubbles, Landschaften oder aufwendigen Farbverläufen bestehen. Eine Cloud ist ein meist einfarbiger, eindimensionaler Hintergrund. Character sind häufig comicartige Figuren. Ein Mural oder eine Concept Wall ist ein aufwendiges, großflächiges Gesamtwerk mehrerer Writer zu einem gemeinsamen Thema.
Geräte, Techniken und Arbeitsweisen
Die Can, Dose, Kanne oder Büchse ist die Sprühdose. Das Cap oder Nozzle ist der Sprühkopf, der den Lack verteilt. Fatcaps erzeugen einen breiten Strahl und eignen sich für große Füllungen; Skinnycaps einen dünnen Strahl für Outlines; Softcaps geben wenig Farbe für Farbübergänge ab. Ein Junkie-Cap oder Needle-Cap besitzt eine Kanüle und ermöglicht sehr feine, langsam gezogene Linien. Marker, Stift oder Tagger bezeichnet einen Filzstift zum Anbringen von Tags; Ink ist meist seine Nachfülltinte.
Firstlines sind die Linien, mit denen ein Bild vorgerissen wird. Besteht ein Piece nur aus dieser ersten Kontur, heißt es Outliner. Cutten bedeutet, eine Linie mit der Farbe einer angrenzenden Fläche scharf zu überschprühen, um sie dünner zu machen und saubere Kanten zu erzeugen. Beim Freestyle entsteht das Bild während des Malens ohne Skizze oder auswendig gelernten Style. Ein Sketch ist eine Skizze oder schnelle Bildidee auf Papier und kann ebenfalls vollfarbig und aufwendig sein. Das Blackbook dient für Skizzen und häufig auch Fotos; verwandte Formen sind Sketchbook sowie Travel- oder Guestbook, wobei die Grenzen nicht eindeutig sind.
Bombing bezeichnet das schnelle, einfache und auf Quantität ausgerichtete illegale Anbringen von Tags, Throw-ups, Quickpieces oder Silverpieces. Streetbombing findet auf offener Straße statt, Trainbombing oder Trainwriting auf Zügen und Underground im Untergrund, etwa in U-Bahn-Stationen. Beim BackJump wird ein bewegliches Objekt während eines kurzen Halts besprüht. Getting up bedeutet meist das Malen und seltener den Aufstieg in der Szenehierarchie.
Beim Streichbombing oder Rollerbombing werden gewöhnliche Wand- oder Lackfarbe und Pinsel, Farbrollen oder Streichpads verwendet. So lassen sich große Flächen preisgünstig füllen; Malerstangen ermöglichen hoch gelegene Bilder. Roll-up wird von unten nach oben, Roll-down von oben nach unten ausgeführt. Paste-ups sind Zeichnungen oder Schablonen auf Papier, die mit Weizen- oder Tapetenkleister befestigt werden. Sticker verbreiten Namen oder Crewkürzel schnell; Egg-Shell-Sticker sind besonders schwer zu entfernen. Scratching erzeugt Tags durch Zerkratzen glatter Oberflächen. Etching hinterlässt Ätzspuren, meist mit selbstgebauten, mit Fluorwasserstoffsäure gefüllten Markern. Diese Technik ist wegen der hochgiftigen Säure für Sprayer und andere Menschen äußerst gefährlich; Flusssäure verursacht tiefe, sehr schlecht heilende Verätzungen.
Zugbilder, Orte und Formate
Ein Panel ist allgemein ein Zugbild unter den Fenstern; ursprünglich meinte der Begriff nur Window-down-Pieces zwischen zwei Waggontüren. Window-down bezeichnet grundsätzlich ein Zugbild unterhalb der Fenster. Ein Flying Panel liegt über den Fenstern, erreicht aber nicht die Unterkante des Zuges. Ein End to End erstreckt sich über die gesamte Länge eines Waggons, jedoch nicht über dessen ganze Höhe. Ein Top to Bottom nimmt die gesamte Höhe, aber nicht die gesamte Länge ein.
Ein Wholecar ist ein einzelner Waggon, der in einer Aktion in ganzer Höhe und Länge bemalt wurde, meist nur auf einer Seite. Arbeiten mehrere Writer daran, teilen sie sich gewöhnlich die Fläche; malt ein Writer den Waggon allein, heißt das One-Man-Wholecar. Wholecars genießen in der Szene hohes Ansehen, verhindern aber für Fahrgäste den Lichteinfall und sind für Verkehrsbetriebe sehr unangenehm. Ein Wholetrain besteht aus mehreren Wholecars; dafür müssen wirklich alle Waggons zumindest auf einer Seite von oben bis unten bemalt sein. Ein Married Couple sind zwei dauerhaft zusammenbleibende, einseitig vollständig bemalte Waggons, ein Family Couple entsprechend drei. Beide Formen sind wegen schneller Reinigung heute selten.
Ein Yard oder Train-Yard ist ein Gelände, auf dem Züge oder U- und S-Bahnen meist zur Reinigung und Wartung abgestellt werden. Ein Yardrain liegt vor, wenn mehrere Sprayer in ein Yard eindringen, um Bilder zu schaffen. Lay-Ups sind kleine Zugabstellanlagen, offiziell Kehranlagen, häufig an Endhaltepunkten oder Knotenpunkten. Ein Scrapyard oder Trashyard enthält ausgemusterte, zur Verschrottung bestimmte Waggons. Spot bezeichnet einen ausgewählten geeigneten Ort; ein Hot Spot erfordert wegen vieler Passanten oder starken Verkehrs besondere Schnelligkeit und Aufmerksamkeit.
Eine Hall of Fame oder Wall of Fame ist eine meist legal besprühbare Fläche für hochwertige Pieces. Sie kann zugleich traditionsreicher Treffpunkt und Battleort sein und internationale Künstler anziehen. Corner bezeichnet ebenfalls einen Treffpunkt. Die Bench war ursprünglich eine Bank am Bahnhof, an der Writer bemalte Züge beobachteten und fotografierten, Neuigkeiten und Blackbooks austauschten und jüngere von erfahreneren Writern lernten. Heute ist Benching seltener und wird oft allein betrieben.
Szeneregeln, Konflikte und Kontrolle
Biting bedeutet, den Style oder Tag eines anderen Writers nachzuahmen oder vollständig zu kopieren. Ein solcher Biter genießt wenig Ansehen. Crossen ist das teilweise Übermalen, Zutaggen oder Durchstreichen eines fremden Bildes. Going over beziehungsweise Covern meint das vollständige Übersprühen und wird als Mittel verwendet, einem anderen Writer zu schaden. Killen bedeutet, sämtliche Bilder eines Writers zu crossen oder zu übermalen; Toyen heißt, ein Werk mit „toy“ zu markieren oder zu crossen. Eine Destroyline, Terrorline, Damageline oder Hateline ist eine lange Linie durch eine Fläche oder ein Bild und drückt Verachtung oder Unmut aus. Eine Policeline ist eine über mehrere Meter gezogene Linie, die etwa während einer Flucht entsteht.
Buffing bezeichnet das Entfernen von Graffiti; Buff war ursprünglich die Reinigungsanlage für Bahnwaggons. Bleibt das Bild danach sichtbar, heißt es Geisterbild. Der Bust ist das Fassen eines Writers durch die Polizei. Botten bedeutet, einen Spot schnell zu verlassen. Spotten oder Watchen heißt, für andere die Umgebung zu beobachten; ein Spotter beziehungsweise Checker hält Wache und prüft, ob Polizei, Sicherheitskräfte oder Reinigungspersonal anwesend sind. Als BaBu oder Bobs werden Bahnpolizisten bezeichnet, als Boss Sicherheitsbeauftragte von Nahverkehrsbetrieben.
Racken und Bogarting bezeichnen das Stehlen von Sprühdosen. Wrecken bedeutet, leere Dosen durch Aufstechen oder Zerschlagen unbrauchbar zu machen, damit Restfarbe nicht zum Crossen verwendet wird. Diese Begriffe beschreiben Praktiken des Jargons; der Artikel stellt zugleich heraus, dass etwa Bombing illegal und Etching besonders gefährlich ist.