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Gemeinsame Forschungsstelle

Sie unterstützt die europäische Politik durch technisch-wissenschaftliche Dienstleistungen. Dieser Auftrag sowie ihre Einbettung in den öffentlichen Dienst …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernaufgabe und Bedeutung
  2. 2. Arbeitsbereiche und Nutzen für Politik
  3. 3. Organisation und Standorte
  4. 4. Zusammenarbeit, Öffentlichkeit und Finanzierung
  5. 5. Arbeitsumfeld und soziale Aspekte
  6. 6. Entwicklung seit der Gründung

Kernaufgabe und Bedeutung

Die Gemeinsame Forschungsstelle (GFS), englisch Joint Research Centre (JRC), ist eine Generaldirektion der Europäischen Kommission. Sie wurde 1958/59 gegründet, hat ihren Sitz in Brüssel und arbeitet als große Forschungseinrichtung für die Europäische Union. Im Artikel werden Iliana Ivanova als Kommissarin und Bernard Magenhann als Generaldirektor genannt. Für den 31. Dezember 2006 werden rund 2.800 Mitarbeiter angegeben, für 2007 ein Jahresetat von um EUR 350 Mio.

Die GFS unterstützt die Politik der Europäischen Union durch technisch-wissenschaftliche Dienstleistungen. Ihr Ursprung liegt in der Nuklearforschung, heute arbeitet sie überwiegend in nicht-nuklearen Bereichen. Wichtig ist ihre besondere Rolle als wissenschaftliche Beratungsstelle, die nicht einem einzelnen Mitgliedsland zugeordnet wird. Diese empfundene Neutralität ist vor allem dann bedeutsam, wenn Mitgliedstaaten gemeinsame Regeln, Messverfahren oder Entscheidungen brauchen.

Arbeitsbereiche und Nutzen für Politik

Die Schwerpunkte der GFS liegen vor allem beim Umwelt- und Gesundheitsschutz. Sie hilft bei der Politikformulierung, also beim Entwickeln politischer Regeln und Standards. Ein Beispiel ist die Festlegung von Qualitätsmerkmalen und Kontrollmethoden für Lebensmittel wie Wein, bei der aus mehreren Möglichkeiten eine für alle Mitgliedsländer akzeptierte Methode erarbeitet werden kann.

Sie unterstützt auch die Politikdurchführung, also die praktische Umsetzung politischer Aufgaben. Bei einem Nuklearunfall wie in Tschernobyl kann sie unterschiedliche Umweltdaten aus den Mitgliedsländern zusammenführen, vergleichbar darstellen und den Staaten als Entscheidungshilfe bereitstellen.

Welche Themen die GFS bearbeitet, hängt von den Forschungsprogrammen der Europäischen Union ab. Ihre Aufgaben verändern sich daher mit den politischen Prioritäten der EU. Gleichzeitig sollen ihre Forschungsergebnisse zum allgemeinen weltweiten Wissensstand beitragen. Dazu veröffentlicht sie Ergebnisse in der wissenschaftlichen Gemeinschaft und arbeitet in Projekten mit Universitäten, Forschungszentren und Unternehmen zusammen.

Organisation und Standorte

In der GFS arbeiten Forschende und Techniker aus vielen Disziplinen zusammen, darunter Chemiker, Informatiker, Ingenieure, Geographen und Wirtschaftswissenschaftler. Diese breite Zusammensetzung ist nötig, weil politische Probleme oft nur durch mehrere Fachrichtungen gemeinsam bearbeitet werden können.

Die Einrichtungen sind auf mehrere Mitgliedsländer verteilt. Zur Zentralverwaltung in Brüssel kommen Forschungsstandorte und Institute: JRC Karlsruhe in Eggenstein-Leopoldshafen bei Karlsruhe beschäftigt sich mit radioaktiven Elementen schwerer als Uran, den Transuranen oder Actinoiden, sowie mit ihrer Wirkung auf Materialien. JRC Geel in Belgien, früher Institut für Referenzmaterialien und Messungen, entwickelt Elemente eines gemeinsamen Messsystems, etwa für die europaweit gleiche Bestimmung radioaktiver Substanzen.

Das Institut für Energie in Petten in den Niederlanden arbeitet unter anderem zu Sicherheitsaspekten neuer Kernreaktortypen und zu Testverfahren für Brennstoffzellen. In Ispra in Italien liegen mehrere Institute: Das Institut für Umwelt und Nachhaltigkeit untersucht Umweltverschmutzung und ihre Auswirkungen auf Mensch und Natur, etwa auf Wasser oder Klima, mit chemischen Verfahren und satellitengestützter Fernerkundung. Das Institut für Gesundheit und Verbraucherschutz untersucht industrielle Substanzen und Methoden zur Sicherung der Lebensmittelqualität. Das Institut für Schutz und Sicherheit des Bürgers arbeitet unter anderem zu Nuklearsicherheit, Missbrauchsvermeidung und informationstechnischen Anwendungen zur Kontrolle von Regeln wie Fischfangquoten oder Pflanzenanbau. Das Institut für technologische Zukunftsforschung in Sevilla erstellt Studien, die technologiebezogene Politik vorausschauender machen sollen.

Zusammenarbeit, Öffentlichkeit und Finanzierung

Die GFS soll ihr Wissen nicht nur erforschen und veröffentlichen, sondern auch wirtschaftlich nutzbar machen. Dazu gehören Forschungsprojekte mit Industriebeteiligung, industrielle Gastwissenschaftler, die Lizenzierung von Patenten, Auftragsforschung für Unternehmen und eine gewisse Unterstützung von Unternehmensgründungen.

Mit Universitäten und Hochschulen ist die GFS über persönliche Kontakte, Projektarbeiten von Studierenden, Doktorandenaufenthalte und einzelne Gastlehrveranstaltungen verbunden. Für die Öffentlichkeit gibt es Medienarbeit, Tage der offenen Tür und zum Teil Besuche von fachlichen Gruppen und Schulgruppen. Das dient auch der Popularisierung von Wissenschaft unter Schülerinnen und Schülern.

Finanziert wird die GFS weit überwiegend über direkte Aktionen der Rahmenprogramme für Forschung und technologische Entwicklung der Europäischen Union. Diese finanzieren Basisforschung in politisch vorrangigen Themen. Dazu kommen Drittmittel, vor allem aus Projekten der indirekten Aktionen des Rahmenprogramms, Dienstleistungen für andere Teile der Europäischen Kommission sowie Auftragsforschung für industrielle und öffentliche Auftraggeber aus Mitgliedsländern. Etwas über die Hälfte des wissenschaftlichen und unterstützenden Personals ist festangestellt; etwa ein Drittel arbeitet mit Zeitverträgen. Hinzu kommen abgeordnete Mitarbeitende, Gastwissenschaftler, Doktoranden und Studierende. Mitarbeiterinnen machen etwas mehr als ein Drittel des Gesamtpersonals aus.

Arbeitsumfeld und soziale Aspekte

Die GFS ist ein internationales Arbeitsumfeld. An jedem Standort arbeiten Menschen aus verschiedenen EU-Mitgliedsländern, besonders unter den Wissenschaftlern. Zugleich sind Angehörige des jeweiligen Standortlandes stark vertreten, vor allem in technischen und verwalterischen Unterstützungsfunktionen. Außerdem kommen Gastwissenschaftler aus europäischen und außereuropäischen Ländern, zum Beispiel aus den USA und Indien.

Die wichtigste Arbeitssprache ist Englisch, weil es die Sprache der Wissenschaft ist. Je nach Arbeitsgruppe können auch andere Sprachen verwendet werden. Die lokale Sprache des jeweiligen Standorts spielt ebenfalls eine wichtige Rolle.

Das soziale Umfeld ähnelt dem anderer internationaler Einrichtungen wie NATO oder UNO. Die Integration in die gastgebende Gesellschaft hängt stark von den einzelnen Personen ab. Viele Forschungsanstalten liegen, mit Ausnahme Sevillas und Karlsruhes, eher ländlich. Das kann für Familien angenehm sein, während Alleinstehende teils längere Fahrten in die nächste Großstadt in Kauf nehmen müssen. An größeren Standorten gibt es kulturelle und sportliche Vereinigungen oder organisierte Ausflüge. Beim Ruhestand ziehen manche Beschäftigte zurück ins Herkunftsland oder in südlichere Gegenden; für Ispra wird eine nennenswerte Kolonie pensionierter Ehemaliger erwähnt.

Entwicklung seit der Gründung

Die GFS entstand auf Grundlage des Vertrags zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) Ende der 1950er Jahre zunächst als Gemeinsame Kernforschungsstelle (GKFS). Die Forschungsanstalten wurden Anfang der 1960er Jahre aufgebaut. Karlsruhe wurde neu gebaut, während andere Standorte durch die Übertragung nationaler Kernforschungseinrichtungen auf EURATOM entstanden.

Am Anfang waren die Aktivitäten auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet: bessere Reaktortypen zu entwickeln. EURATOM-Mittel unterstützten auch Nuklearforschung in den Mitgliedstaaten und industrielle Zusammenarbeit. Ende der 1960er Jahre geriet diese Ausrichtung in eine Krise, weil sich der Ministerrat auf kein neues Arbeitsprogramm nach 1967 einigen konnte.

Die Folge war eine Diversifizierung in nicht-nukleare Bereiche. 1971 wurde der Bezug auf Kernforschung aus dem Namen gestrichen; aus der GKFS wurde die Gemeinsame Forschungsstelle. Ab 1974 galt ein neues Mehrjahresprogramm. Arbeiten zur Reaktorentwicklung wurden zugunsten von Themen wie Umweltschutz, Wirkung chemischer Substanzen, nukleare Sicherheit, satellitengestützte Fernerkundung, Solarenergie und neue Materialien zurückgestellt.

Seit den 1980er Jahren wurde die GFS stärker auf Politikunterstützung, industrielle Anwendungsfelder und organisatorische Integration ausgerichtet. Beispiele aus dieser Zeit sind eine große europäische Testanlage für Solarenergieforschung um 1981, Beiträge zur europäischen Umweltpolitik zu Beginn der 1980er Jahre sowie Fortschritte in Fernerkundung, neuen Materialien und interner Vernetzung mit dem Internetprotokoll. Seit Ende der 1980er Jahre wurde wieder stärker auf integrierte Aktivitäten gesetzt, was zur institutsbasierten Organisation beitrug. Die Arbeit der GFS wird regelmäßig begutachtet; besonders genannt werden eine wissenschaftliche Begutachtung von 1999 und ein Gutachten von 2003 über die Forschung der vorausgegangenen fünf Jahre.

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