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Gefährliche Liebschaften
Gefährliche Liebschaften (französisch: Les Liaisons dangereuses ou Lettres recueillies dans une société et publiées pour l'instruction de quelques autres) …
Inhalt6 Abschnitte
Einordnung und Grundform
„Gefährliche Liebschaften“ ist ein Briefroman von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos. Der französische Originaltitel lautet „Les Liaisons dangereuses ou Lettres recueillies dans une société et publiées pour l’instruction de quelques autres“. Der Roman erschien erstmals am 23. März 1782 in Frankreich. Er gilt als Hauptwerk der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts und als Sittengemälde des ausgehenden Ancien Régime, also der vorrevolutionären Gesellschaftsordnung in Frankreich.
Der Roman besteht aus 175 Briefen. Erzählt wird nicht durch einen allwissenden Erzähler, sondern nur durch die Briefe der Figuren. Dadurch kennt der Leser oft mehr als einzelne Figuren und erkennt Intrigen früher als die Opfer. Diese Form erzeugt Spannung und Ironie: Die Briefe zeigen, was die Personen voneinander wissen, was sie verbergen und wie sie andere bewusst täuschen.
Im Mittelpunkt stehen zwei Intrigen der Marquise de Merteuil und des Vicomte de Valmont. Beide fühlen sich nicht an moralische und traditionelle sexuelle Normen gebunden und benutzen Liebe, Verführung und gesellschaftlichen Ruf als Mittel der Macht. Die Marquise beschreibt im 81. Brief ihre Haltung mit dem Satz: „Ich muss siegen oder untergehen.“
Handlung
Die Haupthandlung beginnt mit dem Racheplan der Marquise de Merteuil. Ihr früherer Liebhaber, der Comte de Gercourt, hat sie verlassen und will nun die 15-jährige Cécile de Volanges heiraten, die gerade aus der Klosterschule kommt. Merteuil will Cécile vor der Ehe verführen und entjungfern lassen, um Gercourt zu demütigen. Dafür bittet sie ihren früheren Geliebten, den Vicomte de Valmont, um Hilfe.
Valmont lehnt zunächst ab, weil ihm Cécile als Ziel zu leicht erscheint. Ihn reizt mehr die Verführung der tugendhaften verheirateten Madame de Tourvel. Merteuil verspricht ihm eine Nacht mit ihr, wenn er ihr einen schriftlichen Beweis für die Verführung Tourvels bringt. Gleichzeitig beeinflussen Merteuil und Valmont Cécile und ihren Musiklehrer Chevalier Danceny, die sich ineinander verlieben. Merteuil spielt Cécile gegenüber die Vertraute und beruhigt zugleich deren Mutter, Madame de Volanges.
Valmont kommt bei Madame de Tourvel zunächst kaum voran, obwohl sie Gefühle für ihn entwickelt. Als Madame de Volanges Tourvel vor Valmonts schlechtem Charakter warnt, rächt sich Valmont, indem er Cécile vergewaltigt. Später nutzt er Céciles Schlüssel, schleicht nachts in ihr Zimmer und erreicht durch Druck und Zärtlichkeiten ihre Einwilligung. Cécile gibt sich danach Mitschuld, zeigt depressive Symptome, wird schwanger und erleidet eine Fehlgeburt. Merteuil rät ihr dennoch, die geplante Ehe als gesellschaftliche Fassade zu nutzen und ihre Affären fortzusetzen.
Im vierten Teil steigert Valmont seine Bemühungen um Madame de Tourvel. Er täuscht tiefe Schuldgefühle vor und stellt sie vor die Alternative „Sie besitzen oder sterben“. Tourvel gibt nach und beginnt eine Beziehung mit ihm. Valmont meldet Merteuil seinen „Sieg“, doch Merteuil wirft ihm vor, er sei inzwischen in Tourvel und vielleicht auch in Cécile verliebt. Um seine Unabhängigkeit zu beweisen, bricht Valmont mit Tourvel. Diese erleidet einen Nervenzusammenbruch, geht ins Kloster und stirbt später.
Zwischen Valmont und Merteuil kommt es nun zum offenen Kampf. Merteuil gibt Danceny belastende Briefe über Valmonts Rolle bei Céciles Entjungferung. Danceny fordert Valmont zum Duell und tötet ihn. Vor seinem Tod versöhnt sich Valmont mit Danceny und gibt ihm Merteuils Briefe. Danceny verbreitet sie in der Gesellschaft. Am Ende sind fast alle Hauptfiguren zerstört: Tourvel stirbt, Cécile wird Nonne, Danceny geht nach Malta, und Merteuil verliert Ruf, Vermögen und Schönheit, erkrankt an Pocken und flieht ins Ausland.
Figuren und Rollen
Im Zentrum stehen Valmont und Merteuil; die übrigen Figuren sind meist Opfer oder Werkzeuge ihrer Intrigen. Zu den sieben Hauptkorrespondenten gehören Marquise de Merteuil, Vicomte de Valmont, Madame de Tourvel, Cécile de Volanges, Chevalier Danceny, Madame de Volanges und Madame de Rosemonde.
Die Marquise de Merteuil ist adelig, verwitwet und entscheidet sich gegen eine erneute Ehe, um unabhängig zu bleiben. Sie wahrt nach außen den Ruf einer ehrbaren Frau, führt aber heimlich ein Leben voller geplanter Affären und Intrigen. Der Roman zeichnet sie als böse und rücksichtslos, gibt ihr aber auch eine Begründung: In ihrer Gesellschaft bedeute eine Eroberung für Männer einen Sieg, für Frauen aber eine Niederlage. Deshalb versteckt sie sich hinter einer Maske.
Der Vicomte de Valmont ist hochadelig, reich, charmant und als Verführer berüchtigt. Sein Ziel ist es, Macht über andere zu beweisen. Besonders reizt ihn Madame de Tourvel, weil sie als tugendhaft und religiös gilt. Er benutzt Sprache, Täuschung und gesellschaftliche Situationen, um sie in eine Abhängigkeit zu bringen. Obwohl er Gefühle entwickelt, will er diese nicht anerkennen.
Cécile de Volanges ist 15 Jahre alt, naiv und schlecht auf die Welt vorbereitet. Sie verliebt sich in ihren Musiklehrer Danceny, wird aber von Valmont und Merteuil manipuliert. An ihr zeigt der Roman laut Artikel auch die Folgen mangelhafter Bildung von Frauen.
Madame de Tourvel ist verheiratet, treu, ehrlich und im Roman am positivsten gezeichnet. Gerade ihre Tugend macht sie für Valmont zu einem begehrten Ziel. Madame de Volanges ist Céciles Mutter und warnt Tourvel vor Valmont. Madame de Rosemonde ist Valmonts Tante und Freundin Tourvels; auf ihrem Landsitz treffen wichtige Figuren zusammen. Danceny ist Céciles Musiklehrer und liebt sie, wird aber ebenfalls in die Intrigen hineingezogen.
Erzähltechnik und Schauplätze
Die Briefform ist für das Verständnis des Romans zentral. Da nur Briefe vorliegen, gibt es keine neutrale Stimme, die alles erklärt. Jede Figur schreibt aus ihrer eigenen Perspektive, mit ihren eigenen Interessen und oft mit der Absicht, den Empfänger zu beeinflussen. Briefe sind daher nicht nur Informationsquellen, sondern auch Werkzeuge der Verführung, Kontrolle und Täuschung.
Ein Beispiel ist Valmonts Wohltätigkeit gegenüber einer verschuldeten Familie. Der Leser erfährt zuerst aus Valmonts Brief, dass er die Familie nur rettet, weil ein Diener Madame de Tourvels ihn beobachtet. Danach berichtet Tourvel begeistert davon, ohne das Manöver zu durchschauen. So entsteht ein Unterschied zwischen dem Wissen des Lesers und dem Wissen der Figur.
Die Briefe zeigen häufig auch, wie sie übermittelt werden und welche Folgen Verzögerungen haben. Manchmal reagieren Figuren auf eine Lage, die sich beim Eintreffen des Briefes schon verändert hat. Berühmt ist Brief 48, in dem Valmont der Marquise mitteilt, dass er einen Liebesbrief an Madame de Tourvel geschrieben habe, während er als Unterlage den Rücken der Kurtisane Émilie benutzt.
Die Schauplätze bleiben oft ungenau. Der Landsitz Madame de Rosemondes wird nicht näher lokalisiert. Außerdem spielt die Handlung in Paris; genannt werden unter anderem die Kirche St-Roch, die Straße vor der Oper und die Comédie Italienne. Die ungenauen Ortsangaben passen zur Briefform: Die Briefschreiber müssen Orte, die ihnen selbst selbstverständlich sind, nicht ausführlich erklären.
Deutung und Wirkung
Laclos stellt dem Roman zwei Vorworte voran, die eine Herausgeberfiktion erzeugen: Das Werk gibt sich als Sammlung ausgewählter Briefe aus. Ein Vorwort behauptet, die geschilderten Personen seien so sittenlos, dass sie unmöglich im aufgeklärten 18. Jahrhundert gelebt haben könnten. Diese Ironie macht deutlich, dass der Roman die Gesellschaft seiner Zeit bloßstellt.
Schon bei Erscheinen war der Roman ein Skandalerfolg. Nach dem Titelblatt erschien er in Amsterdam, tatsächlich aber in Paris; Laclos zeichnete nur mit seinen Initialen. Innerhalb eines Monats wurden 2000 Exemplare verkauft. Im ersten Jahr folgten acht weitere Ausgaben, darunter Raubdrucke. Bis zur Französischen Revolution gab es 15 französische Ausgaben, bis zu Laclos’ Tod 1803 insgesamt 21. Bereits 1783 erschien die erste deutsche Übersetzung von Christian von Bonin.
Später galt das Buch lange als unmoralisch, wurde aber durch Autoren wie Baudelaire und die Brüder Goncourt wieder aufgewertet. Seitdem gilt es als französischer Klassiker. 1999 wählten Mitglieder der Académie Goncourt den Roman auf Platz eins einer Liste von zwölf wesentlichen Werken der französischen Literatur.
In der Literaturkritik wird diskutiert, ob Laclos vor allem einen galanten erotischen Roman schreiben wollte oder ob er eine moralisch-satirische, gesellschaftskritische Absicht hatte. Der Artikel stellt beide Deutungen dar. Für die gesellschaftskritische Lesart spricht, dass der Roman die Masken, Machtspiele und moralische Heuchelei einer adeligen Gesellschaft sichtbar macht. Laclos selbst verteidigte die Kunst, auch die Schattenseiten des Daseins darzustellen.
Ausgaben und Adaptionen
Der Roman wurde vielfach übersetzt, neu herausgegeben, illustriert und für andere Medien bearbeitet. Zu den deutschen Ausgaben gehören die erste Übersetzung von Christian von Bonin aus dem Jahr 1783, Heinrich Manns Fassung „Schlimme Liebschaften“ beziehungsweise „Gefährliche Freundschaften“, Übersetzungen von Franz Blei, Walter Widmer, Hans Kauders und die Neuübersetzung von Wolfgang Tschöke aus dem Jahr 2003.
Mehrere Künstler illustrierten den Roman, darunter Charles Monnet und Marguerite Gérard im Jahr 1796, außerdem Jules Bourdet, Aubrey Beardsley 1896, Götz von Seckendorff 1920 und George Barbier 1920.
Der Stoff wurde oft verfilmt oder modernisiert. Genannt werden unter anderem Roger Vadims französischer Film „Les Liaisons dangereuses“ von 1959, Stephen Frears’ US-Film „Dangerous Liaisons“ von 1988 mit John Malkovich, Glenn Close, Michelle Pfeiffer, Uma Thurman und Keanu Reeves, Miloš Formans „Valmont“ von 1989 und „Cruel Intentions“ von 1999. Auch eine US-amerikanische Streaming-Serie „Cruel Intentions“ erschien 2024.
Für die Bühne entstanden unter anderem Heiner Müllers „Quartett“ von 1980, uraufgeführt 1982, und Christopher Hamptons „Les Liaisons Dangereuses“ von 1985. Außerdem wurde der Stoff für Oper und Musical bearbeitet, etwa durch Claude Prey, Conrad Susa, Piet Swerts, Luca Francesconi sowie in mehreren Musicalfassungen.