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Forschungsgeschichte von Urartu
Die Forschungsgeschichte Urartus beschreibt die Schritte, um die Siedlungen, das Leben und die Geschichte des Reiches von Urartu mit seiner Hauptstadt …
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Gegenstand und Bedeutung
Die Forschungsgeschichte Urartus beschreibt, wie Siedlungen, Lebensweise und Geschichte des Reiches von Urartu erforscht wurden. Urartu hatte seine Hauptstadt Tuschpa, auch Tušpa, beim heutigen Van in der Türkei am Vansee. Die Forschung ist wichtig, weil viele Kenntnisse über Urartu erst durch Inschriften, Grabungen, Festungen, Tempel, Gräber und Bewässerungsanlagen erschlossen wurden.
Von Anfang an war die Forschung schwierig: Viele Fundorte lagen in politisch unsicheren oder schwer zugänglichen Gebieten, mehrere Expeditionen scheiterten an Gewalt, Wetter oder Kriegen, und frühe Grabungen wurden teilweise unprofessionell durchgeführt. Außerdem wurden Fundstellen geplündert, sodass wichtige Gegenstände ohne sicheren Fundzusammenhang in den Kunsthandel gelangten.
Frühe Entdeckungen bei Van
1827 reiste Friedrich Eduard Schulz im Auftrag der französischen Société asiatique in das Gebiet von Van. Das war 15 Jahre vor der Erforschung Mesopotamiens in Ninive (1842) und Khorsabad (1843). Angeregt wurde seine Reise durch Berichte des armenischen Geschichtsschreibers Moses von Choren aus dem 5. Jahrhundert über die Legende der assyrischen Königin Schamiram. Darin wurde eine neue Stadt „östlich des Salzsees“ und „südlich des Ararat-Tals“ beschrieben. Der Geograph Carl Ritter vermutete, dass die Ruinen östlich des Vansees zu finden seien.
Schulz bestätigte diese Vermutung. Er fand zahlreiche Inschriften, teils in assyrischer Sprache, teils in einer bis dahin unbekannten Sprache. Mit seinen 42 Abklatschen, also Abdrücken von Inschriften, und seiner Beschreibung des Van-Felsens konnten die Ruinen als Überreste der Stadt Tuschpa identifiziert werden.
Kelischin-Stele und frühe Risiken
Schulz gilt auch als Entdecker der Kel-i-Schin-Stele, auch Kelišin. Sie ist eine urartäisch-assyrische Bilingue, also eine zweisprachige Inschrift, aus blauem Diorit. Er fand sie auf dem gleichnamigen Bergpass in 2981 Meter Höhe zwischen Oschnaviyeh im Iran und Rawanduz im Irak, auf iranischer Seite. Ende 1829 wurde Schulz in der Nähe von Başkale von Kurden ermordet. Teile seiner Aufzeichnungen konnten zurückgewonnen werden, ein Abklatsch der Kelischin-Stele war aber nicht darunter.
Auch spätere Versuche waren gefährlich oder erfolglos. Sir Henry Creswicke Rawlinson versuchte am 26. Oktober 1838, einen Abklatsch anzufertigen, konnte dies aber wegen −20 °C und vereister Oberfläche nicht tun. 1849 kehrte er ohne Kopie, aber mit einer Antiquitätensammlung für das Britische Museum nach England zurück. Der deutsche Gelehrte R. Rosch versuchte später, die Stele im Sommer zu erreichen, wurde jedoch mit seinen 38 Begleitern überfallen und ermordet.
Weitere Forscher wie Charles Texier und Sir Austen Henry Layard besuchten Van. Layard beschrieb die Felsgräber auf dem Burgberg von Van und fertigte eine Skizze der Argišti-Kammer an. Auch andere Forscher, etwa der Franzose Deyrolle, stellten Abklatsche von Inschriften her; seine Abklatsche werden heute im Louvre aufbewahrt.
Toprakkale und Keilschrift
Das europäische Interesse an den Altertümern von Van führte Anfang der 1870er Jahre dazu, dass Einwohner den frei zugänglichen Kalksteinfelsen Toprakkale, die Königsresidenz des 7. Jahrhunderts, durchsuchten und Funde an Kunsthändler verkauften. Einige Stücke gelangten ins Britische Museum und regten eine Grabung an. 1880/81 gruben Captain Emilius Clayton, G. C. Raynolds und Hormuzd Rassam auf dem Felsen nordwestlich von Van. Die Grabung wurde bald abgebrochen, weil die aus Mesopotamien erwarteten Funde ausblieben. Sie galt als schlecht und unprofessionell: Lehmziegelmauerwerk wurde nicht erkannt, die Grabung war teils unbeaufsichtigt, und Fundunterschlagungen waren wahrscheinlich. Die Ergebnisse wurden erst 70 Jahre später durch Richard David Barnett veröffentlicht.
Parallel entwickelte sich die Keilschriftforschung. In den 1870er Jahren stellte Sir Archibald Henry Sayce eine erste systematische Sammlung urartäischer Keilinschriften zusammen. Durch Fortschritte bei der Entzifferung der assyrischen Keilschrift erkannte er, dass die unbekannte Sprache weder Assyrisch noch eine andere semitische Sprache war. Verschiedene Entzifferungsversuche, etwa durch François Lenormant 1871 mit Georgisch und Andreas David Mordtmann 1872–1877 mit Armenisch, scheiterten. 1890/91 sammelte Karl Sester in Van Keilinschriften und kritisierte in Briefen die Arbeit der Engländer auf Toprakkale.
Belck, Lehmann-Haupt und Zwischenkriegszeit
Waldemar Belck entdeckte 1891 die „Inschriftenstele vom Priestersee“ beziehungsweise „Rusa-Stele vom Keşiş Gölü“. Sie beschreibt den Bau eines Stausees zur Wasserversorgung Tuschpas und einer neuen Residenz. Sie gilt als Gründungsurkunde von Rusahinili, der „Stadt des Rusa“, womit Rusa II. gemeint ist. Dieses jüngere Regierungszentrum wurde mit Toprakkale verbunden.
Belck und Carl Ferdinand Friedrich Lehmann-Haupt führten 1898/99, unterstützt durch die Rudolf Virchow Stiftung, eine Expedition nach Van und Umgebung durch. Sie erreichten zwar die Kel-i-Schin-Stele, konnten wegen schlechten Wetters aber keinen Abklatsch anfertigen. Belck wurde außerdem mehrfach angegriffen; nach einem Mordanschlag kam es zu einem diplomatischen Problem zwischen Kaiser Wilhelm II. und Sultan Abdülhamid II., der Belck schließlich 60.000 Goldmark Entschädigung zahlte. Ihre Grabungen waren besser als die frühere britische Grabung, doch auch sie erkannten Lehmziegelmauerwerk nicht als Gebäudemauern. Trotzdem brachten ihre Funde die Entzifferung der urartäischen Sprache deutlich voran.
Zwischen den Weltkriegen arbeiteten Nikolai Jakowlewitsch Marr und Iosif Abgarovich Orbeli ab 1916 am Nordhang des Van-Felsens und fanden eine vierseitige Stele mit den Annalen von Sarduri II., die Siege Urartus über Nachbarn schildern. Da vielen europäischen Forschern der Zugang nach Van verwehrt blieb, konzentrierten sie sich auf Inschriften in Europa. Albrecht Götze gewann aus der Kel-i-Schin-Stele wichtige Gleichsetzungen, und Johannes Friedrich erarbeitete Grundlagen der Grammatik, deren erster Abriss noch Gültigkeit besitzt. Boris Borisovič Piotrovskij begann 1939 mit Grabungen auf Karmir-Blur bei Jerewan, wo die Stadt Teišebai URU lag. Kirsop Lake und Silva Lake wollten 1938–1940 am Van-Felsen ältere Ergebnisse prüfen, doch der Zweite Weltkrieg beendete die Arbeit; viele Funde gingen mit der torpedierten Athenia unter.
Nachkriegszeit und neuere Forschung
Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich die archäologische Forschung zunächst auf Sowjet-Armenien. Armenische Wissenschaftler setzten die Arbeiten in Karmir-Blur fort. Ab 1950 wurde Arinberd, also Erebuni, ausgegraben. Dabei zeigte sich, dass die Festung im 7. Jahrhundert verlassen und das Gut nach Teišebai gebracht worden war; Schilde mit Weiheinschriften aus Erebuni wurden in Teišebai URU gefunden. Die Festung wurde also weder durch Brand noch durch Krieg zerstört. Seit 1964 wurde Armawir, Argištihinili, untersucht, damals das größte administrative Zentrum Transkaukasiens.
Ab 1956 führte Charles Burney Geländebegehungen im Van-Gebiet durch und entdeckte urartäische Festungen, Bewässerungsanlagen und weitere Fundstätten. 1959 begannen Tahsin Özgüç in Altıntepe und Arif Erzen auf Toprakkale neue Untersuchungen. In Altıntepe wurden Steingräber mit bronzenem Inventar und ein Tempel mit Wandmalereien entdeckt. Auf Toprakkale fand Erzen Gründungstafeln aus Bronze sowie silberne und goldene Plättchen in den vier Ecken des Ḫaldi-Tempels. Wolfram Kleiss erforschte in den späten 1960er Jahren urartäische Architektur und Keramik, unter anderem in Nordwest-Iran und mit Stephan Kroll in der Festung Bastam.
1976 besuchte eine italienische Gruppe mit Mirjo Salvini die Kel-i-Schin-Stele mit Sondergenehmigung und militärischer Begleitung. Die politischen Ereignisse 1978–79 und der erste Golfkrieg verschlossen die Gegend erneut für ausländische Archäologie. Nach dem Golfkrieg wurden die Forschungen wieder aufgenommen: Oktan Belli unternahm Erkundungsreisen in der Türkei, Nekropolen in der Provinz Erzurum wurden erschlossen, das Gebiet um Van erkundet und der Van-Felsen durch Tarhan-Sevin systematisch untersucht. 1989 wurde in Ayanıs, 35 km nördlich von Van, eine Festung des 7. Jahrhunderts entdeckt und von Altan Çilingiroğlu ausgegraben; sie war eine Gründung von Rusa II.
Trotz neuer Forschungen sind von etwa 300 urartäischen Fundstellen in der Türkei, im Iran, in der Armenischen Republik und im Irak wahrscheinlich nur ein Drittel bis die Hälfte wissenschaftlich erfasst. Besonders Gräber werden weiterhin geplündert, weil der Verkauf urartäischer Artefakte an Europäer und Amerikaner lukrativ ist. Ein Beispiel sind über 2000 gepunzte Bronzebleche aus Giyimli südöstlich von Van, die über Händler teilweise in Museen gelangten; vermutlich gab es dort einen Tempel. In den letzten Jahrzehnten wurden die Forschungen zur frühen Eisenzeit im späteren Urartu sowohl in der Türkei als auch in Armenien intensiviert.