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Forró
Forró ist ein brasilianischer Musikstil und Paartanz aus dem Nordosten des Landes. Er ist mittlerweile in ganz Brasilien bekannt und populär; in den Städten …
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Grundlagen
Forró ist ein brasilianischer Musikstil und Paartanz aus dem Nordosten Brasiliens. Der Begriff wird mehrfach verwendet: Er bezeichnet einen bestimmten Rhythmus, zugleich aber auch eine ganze Stilrichtung sowie die Tanzfeste, auf denen diese Musik gespielt wird. Menschen, die Forró tanzen oder spielen, heißen forrozeiro beziehungsweise forrozeira.
Forró ist heute in ganz Brasilien bekannt und populär. Besonders in Städten des Nordostens wie Fortaleza, Recife oder Natal gibt es häufig Forró-Feste, die die ganze Nacht dauern. Auch außerhalb Brasiliens, zum Beispiel in Deutschland und anderen europäischen Ländern, gewinnt Forró seit Beginn des 21. Jahrhunderts an Bedeutung.
Zum Verständnis von Forró gehören immer zwei Seiten: die Musik und der Tanz. Musikalisch umfasst Forró mehrere Rhythmen und Stilrichtungen. Tänzerisch ist Forró ein Paartanz, der je nach Stil eng, mit vielen Drehungen oder mit ausgeprägter Fuß- und Beinarbeit getanzt wird.
Musik und Stilrichtungen
Unter dem Begriff Forró werden fünf Rhythmen zusammengefasst: Forró selbst, Baião, Xaxado, der schnelle Arrasta-pé und Xote, der mit leichtem Shuffle-Feel gespielt wird. Xote leitet sich von „Schottisch“ ab. In der Musik lassen sich osteuropäische Einflüsse hören; der Artikel nennt eine enge Verwandtschaft zur Polka und Ähnlichkeiten mit Sinti- und Roma-Musik.
Grob unterscheidet man zwei Musikstile: forró pé-de-serra und forró eletrônico. Forró pé-de-serra ist der eher traditionelle, volkstümliche Stil. Er wurde besonders durch Luiz Gonzaga geprägt und war in den 1940er- und 1950er-Jahren in ganz Brasilien beliebt. Typische Instrumente des traditionellen Forró pé-de-serra sind Zabumba, Sanfona und Triangel.
In den 1960er-Jahren kam Forró im Süden Brasiliens aus der Mode, während dort Bossa Nova und Rockmusik populärer wurden. Im Nordosten blieb Forró jedoch erfolgreich. Später veränderte sich der traditionelle Stil: Bühnenauftritte wurden stärker als Show gestaltet, mit Beleuchtung und Tänzern. Außerdem wurden elektronische Musikinstrumente und Schlagzeug ergänzt. Daraus entwickelte sich etwa Anfang der 1990er-Jahre der forró eletrônico.
Etwa zehn Jahre später entstand in São Paulo der forró universitário. Er belebte den traditionellen Forró pé-de-serra wieder und erweiterte ihn durch Instrumente wie Flöte, Geige und Kontrabass. Der Begriff bezeichnet keinen eigenen Musikstil, sondern eine regionale und zeitliche Ausprägung des Forró pé-de-serra. Er wurde besonders bei Studierenden beliebt, weil Forrópartys mit Livemusik im Südosten Brasiliens eher kostengünstig waren.
Herkunft und Verbreitung
Zur Herkunft des Wortes Forró gibt es unterschiedliche Erklärungen. Laut dem brasilianischen Philologen Evanildo Bechara ist Forró eine Verkürzung von forrobodó. Dieser Begriff sei eine Abwandlung des galizisch-portugiesischen Wortes forbodó beziehungsweise des französischen faux-bourdon. Der Gebrauch von forrobodó ist spätestens für das Jahr 1912 belegt, als das Theaterstück „Forrobodó“ von Carlos Bettencourt und Luís Peixoto mit Musik von Chiquinha Gonzaga uraufgeführt wurde.
Daneben gibt es eine Volksetymologie, nach der Forró aus dem englischen Ausdruck „For all“ entstanden sein soll. Nach dieser Erzählung sollen beim Bau der Great-Western-Eisenbahn durch eine englische Firma Tanzveranstaltungen für alle Arbeiter organisiert worden sein. Arbeiter ohne Englischkenntnisse hätten daraus „Forró“ gemacht. Der Artikel stellt diese Erklärung als Volksetymologie dar.
Spätestens mit dem 1937 erschienenen Stück „Forró na roça“ von Manuel Queirós und Xerém ging das Wort Forró in die Musikgeschichte ein. Ursprünglich war Forró ein regionaler Stil der música nordestina, also der Musik des brasilianischen Nordostens. In anderen Teilen Brasiliens wurde er zunächst eher geringgeschätzt. Durch Migration aus dem armen Nordosten in den Süden verbreitete sich Forró jedoch im ganzen Land. In den Großstädten des Südens entstanden Lokale, in denen Migranten ihre Kultur pflegen konnten; dort entwickelte sich schließlich auch der forró universitário.
Eine wichtige Rolle spielt Forró beim Fest São João, dem Fest des heiligen Johannes, das zur brasilianischen Wintersonnenwende am 24. Juni gefeiert wird. Wie der Samba zum Karneval in Rio gehört, gehören die Trios de Forró zu São João. Besonders präsent ist Forró in Campina Grande, Caruaru, Mossoró und Juazeiro do Norte, wo große São-João-Feste stattfinden. Auch in Aracaju, Fortaleza, João Pessoa, Natal, Maceió, Recife und Teresina spielen viele Forró-Bands bei privaten Festen, die vor allem bei Jugendlichen beliebt sind.
Forró beeinflusste auch die Música Popular Brasileira, kurz MPB. Viele Stars der MPB nahmen Forró-Material in ihr Repertoire auf. Als Beispiel nennt der Artikel Gilberto Gil, der mit Forró-Stücken mehrere Hits hatte. Häufig werden Forró und andere Stile der música nordestina gemischt, etwa Maracatu, Frevo, Coco, Ciranda und Embolada. Daraus entstanden auch neue Ausprägungen wie Mangue Beat und Funkeado.
In Portugal ist Forró wegen der Kolonialvergangenheit und späterer Migrationsbewegungen schon lange bekannt. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts verbreitet sich Forró auch in anderen Teilen Europas. In vielen europäischen Großstädten, von Barcelona und Brüssel über Stuttgart bis St. Petersburg, finden regelmäßig Tanzfestivals statt, bei denen meist auch Forró-Bands auftreten.
Wichtige Musiker
Der bekannteste Forró-Musiker war wahrscheinlich Luiz Gonzaga (1912–1989) aus Exu im Bundesstaat Pernambuco. Er wird bis heute „O Rei do Baião“ genannt, also „König des Baião“. Baião ist einer der Rhythmen, die unter dem Oberbegriff Forró zusammengefasst werden.
Weitere bekannte Musiker dieser Generation waren Jackson do Pandeiro, Dominguinhos und der Akkordeonist Arlindo Ramos Pereira. Neben dem traditionell im Trio gespielten Forró gibt es inzwischen auch eine Pop-Version dieser Musik, den forró universitário, zum Beispiel von Elba Ramalho oder der Gruppe Falamansa. Andere bekannte Forró-Künstler sind oder waren Sivuca, Alceu Valença, Miltinho Edilberto und Zé Ramalho.
Tanz und Tanzstile
Forró wird als Paartanz getanzt. Der Artikel beschreibt ihn als sehr sinnlich: Die Körper der Tanzpartner berühren sich dabei oft fast vollflächig. Beide bewegen sich synchron im charakteristischen Rhythmus der Musik. Je nach Stil wird überwiegend in geschlossener Haltung getanzt, oder es werden Figuren und Drehungen eingebaut. Der Ende der 1980er-Jahre in Europa kurzzeitig populäre Lambada hat seine Tanzbewegung vom Forró geerbt.
Wie in vielen Paartänzen unterscheidet man zwei Tanzrollen: Leader, also die führende Rolle, und Follower, also die folgende Rolle. Traditionell tanzen im Forró häufig Männer als Leader und Frauen als Follower. Viele Communities versuchen aber, diese Rollenmuster bewusst zu hinterfragen. Deshalb sieht man bei Forróveranstaltungen zunehmend auch gleichgeschlechtliche Tanzpaare sowie führende Frauen und folgende Männer.
Die Tanzstile sind nicht einheitlich standardisiert. Begriffe und Unterscheidungen können regional verschieden definiert werden. Weil Forró weltweit getanzt wird, haben Festivals eine wichtige Funktion: Dort treffen unterschiedliche regionale Stile aufeinander und werden weitergegeben.
Forró pé-de-serra beschreibt den traditionellen Tanzstil der Anfangszeit. Bei seiner Wiederbelebung in der Studentenszene im Süden Brasiliens wurden viele Figuren aus anderen Tänzen übernommen, besonders aus Salsa im Cuban Style, aber auch aus Samba de Gafieira und Brazilian Zouk. Deshalb ist dieser Stil besonders durch Drehungen und Armbewegungen geprägt.
Forró Roots oder Estilo Itaúnas ist ein neuerer Stil innerhalb des Pé-de-serra-Tanzens. Er stammt aus dem Dorf Itaúnas in Espírito Santo, wo eines der größten Forró-Festivals Brasiliens stattfindet. Auch das Rootstock-Festival in Belo Horizonte trug zur Verbreitung bei. Der Stil zeichnet sich vor allem durch footwork aus, also Fuß- und Beinarbeit, zum Beispiel sogenannte sacadas. Drehungen und offene Tanzhaltung werden eher sparsam eingesetzt.
Forró eletrônico wird zu Forró-eletrônico-Musik getanzt. Elemente des Forró pé-de-serra kommen darin zwar vor, aber Schritte wie miudinho, valsarão oder cacau ersetzen die Pé-de-serra-Grundschritte. Tänzerinnen und Tänzer aus Roots- und Universitario-Stilen können meist problemlos miteinander tanzen, weil beide zu Forró Pé-de-serra gehören. Wer nur den Eletrônico-Stil gelernt hat, kann dagegen Schwierigkeiten haben, mit Pé-de-Serra-Tänzern zu harmonieren.
Forró casino wurde von Marinho Braz entwickelt. Es ist kein eigener Tanzstil, sondern eine Spielart des Forró universitario. Ähnlich wie beim Rueda de Casino wird im Kreis getanzt. Ein Ansager bestimmt, welche Figuren getanzt werden. Die Kommandos tragen Namen, die zum Beispiel an berühmte Forró-Musiker, brasilianische Staaten und Regionen oder Begriffe der brasilianischen Landschaft angelehnt sind.
Forró in Deutschland
Forró ist auch in Deutschland verbreitet und wird immer beliebter. Große Forró-Communitys gibt es unter anderem in Stuttgart seit 2006, Freiburg seit 2011, Aachen seit 2005, Köln seit 2013, Berlin, Hamburg, München und Bochum. Oft werden Forró-Kurse an Universitätsstandorten im Hochschulsport angeboten. Dadurch ist Forró besonders unter Studierenden beliebt.
Ein wichtiger Teil der Forró-Kultur außerhalb Brasiliens sind Forró-Festivals. Dort wird brasilianische Forró-Kultur gefeiert. Meist gibt es Tanzunterricht in Workshops, die oft von Tanzlehrerinnen und Tanzlehrern aus anderen, auch internationalen Forró-Communitys geleitet werden. Teilnehmende können häufig zwischen verschiedenen Themen und Schwierigkeitsstufen wählen. Zu den Hauptbestandteilen gehören außerdem Partys mit Forró-Konzerten, Livemusik oder Aufführungen.
Je nach Größe eines Festivals werden auch Workshops zu typischen Forró- oder brasilianischen Musikinstrumenten angeboten, zum Beispiel Pífano, Zabumba oder Sanfona. Manchmal gibt es zusätzlich Kurse zu weiteren brasilianischen Tänzen wie Samba de Gafieira, Coco, Cavalo Marinho, Frevo oder Zouk. In der Regel haben Forró-Festivals keinen Wettbewerbscharakter.
Das weltweit erste Forró-Festival außerhalb Brasiliens fand 2008 in Stuttgart statt. Es wurde vom brasilianischen Tanzlehrer Terra Pasqualini organisiert. Das „Forró de Domingo Festival“ in Stuttgart war bis zu seiner letzten Ausgabe 2018 das größte Forró-Festival in Europa und zog ein stark internationales Publikum an. Eine dort aufgezeichnete Forró-Performance aus dem Jahr 2014 hat mehr als 53 Millionen Aufrufe auf YouTube.
Weitere regelmäßig stattfindende Festivals in Deutschland sind unter anderem Forró Aachen Festival, Psiu! Berlin, Forró Tage Hamburg, Tome Forró Berlin, Forrócamp Rügen, Forró Miudinho Berlin, Forró Marathon Freiburg, Forró de Colônia Festival, Forró Weekend Bochum und Forrówelt Festival Osnabrück.