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Ein Liebesversuch (Kurzgeschichte)

Als die Geschichte veröffentlicht wurde, standen die Auschwitzprozesse unmittelbar bevor. In der Geschichte wird der Versuch einer Massensterilisation im …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bedeutung
  2. 2. Handlung
  3. 3. Erzählweise und Aufbau
  4. 4. Historischer Hintergrund
  5. 5. Deutung
  6. 6. Ausgaben und Forschung

Überblick und Bedeutung

„Ein Liebesversuch“ ist eine Kurzgeschichte von Alexander Kluge. Sie erschien 1962 in seiner ersten Prosaveröffentlichung „Lebensläufe“ und gilt als seine bekannteste Prosaarbeit. Der Text befasst sich mit Geschehnissen in Konzentrations- und Vernichtungslagern zur Zeit des Nationalsozialismus. Er bezieht sich auf ein Experiment von 1943, das in einem deutschen Vernichtungslager tatsächlich durchgeführt wurde.

Die Kurzgeschichte zeigt die Grausamkeit der Vernichtungslager nicht durch ausführliche Gefühlsdarstellung, sondern durch nüchterne Objektivität. Gerade diese sachliche Darstellung macht deutlich, wie Menschen im nationalsozialistischen System zu Versuchspersonen und Aktenfällen gemacht wurden. Nach ihrem Erscheinen löste die Geschichte Bestürzung aus. Sie wurde bald als Klassenlektüre an Schulen eingeführt, brachte Kluge aber auch den Vorwurf der Pornographie ein. Als der Text veröffentlicht wurde, standen die ersten Auschwitzprozesse unmittelbar bevor; dadurch traf die Erzählung den „Nerv der Zeit“.

Handlung

Im Mittelpunkt steht ein Versuch zur Massensterilisation im Konzentrationslager Auschwitz während des Zweiten Weltkriegs. Sterilisation bedeutet, einen Menschen unfruchtbar zu machen. 1943 kam Röntgenstrahlung als Mittel zur Sterilisation auf, weil sie als besonders billig galt. In der Geschichte soll geprüft werden, ob die durch Röntgenstrahlung erreichte Unfruchtbarkeit dauerhaft ist.

Dazu werden ein weiblicher und ein männlicher Häftling in einen Raum gebracht. Die Lagerleitung erwartet, dass es zum Beischlaf kommt. Beide Versuchspersonen sind jüdische Gefangene und wurden vorher sorgfältig ausgewählt. Die Verantwortlichen glauben, zwischen ihnen bestehe gegenseitiges erotisches Interesse. Die Gefangenen erhalten eine größere Zelle, die sogar mit Teppich ausgestattet ist. Durch ein Bullauge kann die Lagerleitung beobachten, was in der Zelle geschieht.

Das Experiment scheitert. Die beiden Häftlinge vermeiden jeden Kontakt miteinander. Auch Manipulationen und gewaltsame Eingriffe der Lagerleitung ändern daran nichts. Am Ende werden beide Versuchspersonen erschossen. Der Text zeigt damit, dass das Lager die Gefangenen vollständig kontrollieren will, aber dennoch nicht erzwingen kann, was es aus ihnen herauspressen möchte.

Erzählweise und Aufbau

Die Kurzgeschichte beginnt mit einer Einleitung. Dort erfährt der Leser die Bedingungen und das Ziel des geplanten Experiments. Danach folgt ein Teil, der formal an ein Interview erinnert. Die einzelnen Absätze beginnen jeweils mit einer kurzen, prägnanten Frage, auf die eine Antwort folgt.

Zunächst wirkt es so, als würden unbekannte Personen einen KZ-Funktionär befragen. Die Fragen stehen in der Wir-Form. Dadurch entsteht der Eindruck, die Fragenden gehörten selbst zur Lagerleitung. Diese Form hat eine besondere Wirkung: Der Leser wird scheinbar in die Perspektive der KZ-Funktionäre hineingezogen und beobachtet die Gefangenen durch deren Augen.

Im Verlauf des Dialogs stellt sich jedoch heraus, dass die Fragen nicht von anderen Personen stammen. Ein beteiligter KZ-Funktionär stellt sie an sich selbst. Er versucht, sich mit dieser dialektischen Methode an das Experiment zu erinnern. Dialektisch bedeutet hier: Er nähert sich dem Geschehen durch Fragen und Antworten. Sein Ziel ist nicht Mitgefühl, sondern eine Erklärung dafür, warum das Experiment damals misslungen ist.

Historischer Hintergrund

Die Kurzgeschichte erschien 1962, also unmittelbar vor den ersten Auschwitzprozessen. Diese zeitliche Nähe ist wichtig, weil damals die öffentliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen in Auschwitz und mit nationalsozialistischen Tätern stark zunahm.

Als mögliche Quelle für Kluge wird die Dokumentation „Medizin ohne Menschlichkeit“ von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke genannt. Mitscherlich und Mielke veröffentlichten 1948 erstmals Texte über Praktiken, die NS-Ärzte in Konzentrationslagern durchgeführt hatten. Die Geschichte steht dadurch in engem Zusammenhang mit der Aufarbeitung medizinischer Verbrechen im Nationalsozialismus.

Deutung

Die Interpretation des Textes setzt besonders bei seiner Form und seiner Perspektive an. Der Sprecher befragt sich selbst vor allem zur organisatorischen und technischen Seite des Experiments. Er fragt also nicht nach dem Leid der Gefangenen, sondern danach, warum der Versuch nicht funktionierte. Diese einseitige Sicht macht die Kälte und Gleichgültigkeit der Nationalsozialisten sichtbar.

Nach den Akten fühlten die beiden Versuchspersonen große Zuneigung füreinander. Die KZ-Funktionäre folgerten daraus, der Versuch werde gelingen. Dieser Rückschluss zeigt ihre Unfähigkeit, außerhalb einer sachlichen und scheinbar logischen Ebene zu denken. Die Interpretation betont, dass gerade diese Rationalisierung, also die Umdeutung menschlicher Beziehungen in technische Abläufe, zum Funktionieren des Regimes beitrug.

Die Gefangenen erscheinen im Text nur durch die Aussagen des Täters. Es gibt keine Innenbeschreibung und keinen Dialog zwischen ihnen. Auch in den Akten werden nur noch ihre Initialen genannt. Dadurch wird die Auslöschung ganzer Lebensläufe durch das nationalsozialistische System veranschaulicht. Dass der Leser nur durch den Täter etwas über die Opfer erfährt, zeigt zugleich die Macht und Kontrolle des Systems über seine Feinde.

Ein wichtiger Moment ist die Frage des Sprechers: „Wurden wir selbst erregt?“ Seine Antwort lautet: „Jedenfalls eher als die beiden im Raum; wenigstens sah es so aus. Andererseits wäre uns das verboten gewesen. Infolgedessen glaube ich nicht, dass wir erregt waren.“ Darin liegen zwei Ebenen: Zuerst deutet er an, dass die Funktionäre möglicherweise erregt waren. Dann korrigiert er sich, weil dies als „Rassenschande“ gegolten hätte. Sofort kehrt er zu einer rationalisierenden Sprache zurück: Weil es verboten gewesen sei, könne es nicht gewesen sein.

Ausgaben und Forschung

Der Text erschien zuerst in Alexander Kluges „Lebensläufe“, Stuttgart: Goverts, 1962, auf den Seiten 133–136. Später wurde er unter anderem in „Chronik der Gefühle. Bd. 2. Lebensläufe“, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2000, auf den Seiten 770–772 veröffentlicht. Außerdem erschien er in „Klassische deutsche Kurzgeschichten“, herausgegeben von Werner Bellmann, Stuttgart: Reclam, 2003, auf den Seiten 253–257; dieser Druck beruht auf der Ausgabe von 2000.

In der Forschung wird die Geschichte unter anderem im Zusammenhang mit Kluges knapper Erzählweise, mit NS-Medizin und Öffentlichkeit sowie mit dem Verhältnis von Faktizität und literarischer Darstellung untersucht. Genannt werden Arbeiten von Jens Birkmeyer, Hans-Joachim Hahn und Veronika Zangl.

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