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Dritte Generation Ost
Die Dritte Generation Ost ist ein Verein, der der Debatte um Ostdeutschland seit 1990 neue Impulse geben will und sich dem Engagement in Ostdeutschland …
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Gegenstand und Generationenverständnis
Die Dritte Generation Ost ist eine Initiative und ein Verein, die der Debatte über Ostdeutschland seit 1990 neue Impulse geben und sich für Engagement in Ostdeutschland einsetzen. Im Mittelpunkt stehen Deutsche, die ungefähr zwischen 1975 und 1985 in der DDR geboren wurden. Diese jüngste noch in der DDR geborene Generation soll eine eigene Stimme erhalten. Außerdem will die Initiative durch Dialog das Bild Ostdeutschlands von tradierten Klischees und Vorurteilen befreien.
Die Bezeichnung „Dritte Generation Ostdeutschland“ ist ein soziologisches Konstrukt. Die Generationen werden folgendermaßen unterschieden: Die erste Generation ist die Aufbaugeneration der Großeltern, die zweite Generation ist die in der DDR geborene, sozialisierte, ausgebildete und berufstätige Elterngeneration. Die dritte Generation wird als Wendekinder bezeichnet. Die zeitliche Abfolge lautet: Kriegskinder → DDR-Kinder → Wendekinder.
Im internationalen Vergleich liegen die DDR-Jahrgänge im Übergangsbereich zwischen Generation X und Generation Y. Merkmale dieser westlichen Generationenkonzepte zeigen sich vor allem bei den jüngeren Jahrgängen der Generation Y. Das Netzwerk vertritt die Hypothese, dass die Umbrucherfahrung von 1989 die Wendekinder deutlich geprägt hat. Sie erlebten den Systemwandel unmittelbar und bekamen zugleich die Unsicherheit und Arbeitslosigkeit ihrer in der DDR sozialisierten Eltern mit. Zusätzlich wird nach dem Konzept der transgenerationalen Weitergabe vermutet, dass traumatische Familienerlebnisse aus zwei deutschen Diktaturen unbewusst an spätere Generationen weitergegeben wurden. Ein Dialog zwischen den Generationen soll sichtbar machen, wie die jüngere deutsche Geschichte individuelle Familienbiografien beeinflusst hat. Auf die Dritte Generation Ost folgen ostdeutsche Angehörige der Generation Y, die sich wegen ihrer Sozialisation in der Bundesrepublik überwiegend als Teil einer gesamtdeutschen Generation verstehen, allerdings mit Einschränkungen.
Entstehung von Netzwerk und Verein
Die Idee zur Initiative entstand im Herbst 2009, zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution und des Mauerfalls. Die acht Gründungsmitglieder kritisierten, dass in Printmedien und Fernsehsendungen meist ältere Männer über die DDR und die Wende diskutierten. Adriana Lettrari wollte deshalb die zwischen 1975 und 1985 Geborenen sichtbar machen und sowohl die in Ostdeutschland Gebliebenen als auch die in die alten Bundesländer Abgewanderten erreichen.
Am 1. Juni 2010 trafen sich erstmals Interessierte. Aus dem ursprünglich geplanten Erfahrungsaustausch entstand ein regelmäßig arbeitendes Team aus Ost- und Westdeutschen. Es entwickelte die Idee eines großen Treffens der bis dahin „unsichtbaren“ Dritten Generation Ostdeutschland. Für die finanziellen und rechtlichen Aufgaben wurde parallel die gemeinnützige Wendekind gUG gegründet. Erste Fördermittel kamen von der Bundesstiftung Aufarbeitung. Später entstanden zahlreiche weitere Aktivitäten; auch weltbewusst e. V. arbeitete im Rahmen von Biografiearbeit zu diesem Thema.
2013 erwies sich die bisherige Organisationsform aus Initiativgruppe und rechtlicher Trägergesellschaft für viele Engagierte als nicht mehr tragfähig. Ein Teil der Aktiven gründete deshalb den gemeinnützigen Verein Perspektive³. Ziel waren demokratische und transparente Entscheidungsprozesse. Perspektive³ ist unabhängig, überparteilich und selbstorganisiert. Der Verein arbeitet an soziokulturellen Projekten, etwa Film-Wettbewerben und Ausstellungen, sowie an Bildungsprojekten mit Publikationen und Lernmaterialien für den Schulunterricht. Inhaltlich untersucht er die Sichtweisen, Erfahrungen und das Wissen der Dritten Generation Ostdeutschland zu vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen gesellschaftlichen Fragen und macht die Diskussion öffentlich sichtbar.
Treffen, Netzwerk und erste Publikation
Die erste Konferenz der Dritten Generation Ost fand vom 8. bis 10. Juli 2011 im Collegium Hungaricum Berlin (CHB) statt. Rund 130 junge Ostdeutsche nahmen an der dreitägigen Konferenz teil. Sie legte den Grundstein für ein Netzwerk, das inzwischen mehr als 2000 Menschen umfasst und Vereine sowie Institutionen als Partner einbindet.
Das zweite Generationstreffen fand am 24. November 2012 erneut im CHB statt. Im Zentrum stand der Dialog zwischen der zweiten und dritten Generation Ost. Dabei ging es besonders um die Frage, wie Erfahrungen und Ansichten der Elterngeneration die als Wendekinder bezeichnete Generation geprägt und beeinflusst haben.
Ein Ergebnis der Konferenz war das Buch „Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen.“, das im August 2012 im Ch. Links Verlag erschien. Mehr als 30 Autoren schildern darin persönliche Erfahrungen in Ost und West und geben der Dritten Generation Ostdeutschland eine Stimme. Das Buch stellt unterschiedlichen Erfahrungen, Positionen und Forderungen die Vorstellung eines einzigen feststehenden „So war es“ entgegen. Die einzelnen Perspektiven bleiben eigenständig, ergeben zusammen aber ein Bild der Generation. Im November 2012 veröffentlichte die Bundeszentrale für politische Bildung eine Lizenzausgabe. Das Buch regte außerdem die deutschen Wissenschaftlerinnen Katrin Bahr und Melanie Lorek zur Gründung des Netzwerks Third Generation Ost in den USA an.
Öffentliche Aktivitäten und politische Einordnung
Im Juni 2012 veranstaltete die Initiative unter dem Motto „Losmachen!“ eine zehntägige Bustour durch die neuen Bundesländer. Die Route verlief in Form einer Acht von Berlin aus durch alle fünf neuen Bundesländer. Ziel war es, außerhalb Berlins mit Angehörigen der Dritten Generation Ost in Kontakt zu kommen. Stationen waren unter anderem Schwedt/Oder, Neubrandenburg, Schwerin, Zossen, Mittelherwigsdorf in der Oberlausitz, Pobershau im Erzgebirge, Jena, Halle und Lutherstadt Wittenberg. Vor Ort sprach die Initiative mit lokalen Initiativen, Aktivisten, Politikern und engagierten Privatpersonen. Gunther Scholtz dokumentierte die Tour im Film „Mit dem Bus durch den Osten – Die Dritte Generation Ost auf Tour“.
Zum 25-jährigen Jubiläum der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2015 erschien auf change.org ein Memorandum, an dem Akteure des Netzwerks beteiligt waren. Darin bezeichneten sich „Wende-, West- und Migrationskinder“ gemeinsam als „Generation Deutsche Einheit“. 2016 veröffentlichte das Netzwerk außerdem einen Sammelband mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Dritten Generation Ostdeutschland.
Auseinandersetzung mit der Elterngeneration
2016 erschien im Ch. Links Verlag der Sammelband „Wie war das für Euch? Die Dritte Generation Ost im Gespräch mit den Eltern“. Er richtet sich auf bisher wenig bearbeitete Fragen an die Elterngeneration und fand auch bei anderen Altersgruppen Resonanz. Thematisiert werden unter anderem der Alltag in der DDR, politische Aktivität, der mögliche Wunsch auszureisen, Erfahrungen mit der Staatssicherheit, das Leben von Frauen in der DDR, die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere sowie die Erfahrung der Eltern mit dem Ende der DDR.
Die Fragen werden als emotional und teilweise unbequem beschrieben. Für sie habe es zuvor oft keinen Raum und keine Gelegenheit gegeben. Lesungen und bundesweite Diskussionsveranstaltungen trugen zu einem breiteren gesellschaftlichen Diskurs bei. Die Mitherausgeberin Judith C. Enders wurde 2019 in die von Matthias Platzeck geleitete Kommission der Bundesregierung „30 Jahre friedliche Revolution und deutsche Einheit“ berufen.
Ziele, Kritik und Ehrungen
Zu den Zielen des Vereins gehören:
- bürgerliches Engagement in Ostdeutschland zu stärken;
- junge Ostdeutsche zu ermutigen, ihre Zukunft aktiv zu gestalten;
- jungen Ostdeutschen Gehör zu verschaffen;
- die Geschichte der DDR und der friedlichen Revolution neu zu verstehen;
- den Diskurs über Ostdeutschland von etablierten Klischees und Vorurteilen zu befreien;
- die Gesellschaft in Deutschland und Europa mitzugestalten.
Kritik formulierte die Weimarer Autorin Andrea Hanna Hünniger in einem Artikel im „Freitag“ mit dem Titel „Die wollen nur reden“. Sie warf der Dritten Generation Ost vor, eine „therapeutische Nachholbewegung“ zu sein, die vor allem reden wolle. Zugleich hielt sie die Generation für potenziell wichtig, um die gegenwärtige Lage Ostdeutscher, darunter bedrohte Altersarmut der Eltern und prekäre Lebensverhältnisse der jüngeren Generation, politisch hörbar zu machen.
Die Initiative und ihre Akteure erhielten mehrere Auszeichnungen und Nominierungen: 2013 den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis nach 1108 Stimmen (54,8 %) sowie eine Nominierung für denselben Preis zusammen mit Kazim Erdogan und EXIT Deutschland; 2012 den 2. Platz beim Einheitspreis von SUPERillu und der Bundeszentrale für politische Bildung sowie die Auszeichnung als Demografie-Beispiel des Monats Juni der Staatskanzlei Land Brandenburg. 2016 erhielten Adriana Lettrari und ihr Engagement den Preis Frauen Europas der Europäischen Bewegung Deutschlands. 2017 folgte für sie der Women of Europe Award in der Kategorie „Woman in Action“, verliehen von der Europäischen Bewegung International und der European Women’s Lobby.