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Die Frau auf der Treppe

Im Roman Die Frau auf der Treppe von Bernhard Schlink aus dem Jahr 2014 steht eine Frau zwischen zwei Männern, ein weiterer verliebt sich in sie.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Ausgangslage und Flucht
  2. 2. Australien und die Vergangenheit
  3. 3. Späte Liebe und zentrale Aussage
  4. 4. Rezeption und Kritik

Ausgangslage und Flucht

Bernhard Schlinks Roman Die Frau auf der Treppe erschien 2014. Im Mittelpunkt steht Irene, die zwischen zwei Männern steht: ihrem Ehemann, dem Unternehmer Peter Gundlach, und dem Maler Karl Schwind. Ein junger Rechtsanwalt verliebt sich ebenfalls in sie. Irene entzieht sich schließlich allen drei Männern. Mehr als 40 Jahre später treffen die vier Personen in Australien wieder zusammen.

Die erste Hälfte der Handlung spielt 1968 und wird von dem späteren Ich-Erzähler rückblickend erzählt. Gundlach ist etwa 40 Jahre alt, Irene Anfang 20 und Schwind Anfang 30. Schwind hat ein türgroßes Bild von Irene gemalt, auf dem sie dem Betrachter frontal und nackt eine Treppe herunterkommt. Gundlach hat das Bild bezahlt und erhalten, doch Irene hat ihn verlassen und lebt nun mit Schwind zusammen. Er lehnt eine Scheidung ab. Irene verfügt durch ein Erbe über eigenes Geld und arbeitet im Museum für Kunsthandwerk, Design.

Gundlach und Schwind wollen sowohl Irene als auch das Bild besitzen. Deshalb beauftragen sie einen etwa 25-jährigen Rechtsanwalt aus einer angesehenen Frankfurter Kanzlei. Er soll einen Vertrag formulieren, der Irenes Rückkehr zu ihrem Ehemann und die Rückgabe des Bildes an den Maler regelt. Der Anwalt verliebt sich jedoch in Irene und hilft ihr unter Verletzung seiner beruflichen Pflichten. Mit seiner Unterstützung bringt Irene das Bild an sich und entkommt anschließend allen drei Männern.

Gundlach erstattet keine Anzeige und meldet den Diebstahl nicht beim Art Loss Register. Irene und das Bild bleiben verschwunden. In den folgenden Jahrzehnten entwickeln sich die drei Männer beruflich und privat weiter: Gundlachs Unternehmen wächst, Schwind wird zum berühmtesten und teuersten zeitgenössischen Maler, und der Rechtsanwalt wird Partner und später Senior seiner Kanzlei. Seine Ehe zerbricht durch den tödlichen Unfall seiner Frau. Seine berufliche Verfehlung bleibt ohne Folgen.

Australien und die Vergangenheit

Etwa 40 Jahre später, um 2010, führt der Erzähler Vertragsverhandlungen in Sydney. In einer Kunstgalerie entdeckt er das Bild von Irene. Eine Detektivagentur findet ihren Aufenthaltsort in der Nähe von Sydney. Irene lebt dort seit 1990 allein unter falschem Namen und illegal in einem Haus an der Küste eines Naturschutzgebiets. Sie arbeitet als Krankenschwester und hilft ihren Nachbarn. Außerdem hat sie verlassenen, streunenden, drogen- oder alkoholabhängigen Kindern vorübergehend ein Zuhause und Unterstützung gegeben.

Irene hatte das Bild der Galerie überlassen, weil sie Gundlach und Schwind noch einmal sehen wollte. Kurz darauf erscheinen beide. Gundlach möchte das Bild zurück, Schwind möchte Irene und das Bild auf einer Ausstellung in New York präsentieren. Beide verlangen dies, ohne Irene darum zu bitten. Gundlach und der Erzähler wollen außerdem erfahren, was Irene in den vergangenen Jahrzehnten getan hat. Gundlach berichtet, dass sie in Deutschland polizeilich gesucht wurde und auf einem Fahndungsplakat kaum erkennbar abgebildet war. Er hatte befürchtet, von Irene oder ihren Freunden im Namen der Revolution erschossen zu werden.

Irene erklärt, sie sei damals „aus den Fugen“ und frei von allem gewesen, was sie begrenzt oder gehalten habe. Sie beschreibt ihr damaliges Leben als eine Art Sucht, von der sie später wie auf Entzug gewesen sei. 1980 wurde sie in der damaligen DDR aufgenommen. Dort habe das Leben nach den „verrückten Jahren“ für sie eine rettende, beinahe sanatoriumsartige Wirkung gehabt. Nach dem Mauerfall entging sie der Verhaftung, weil sie kurz danach mit ihrem noch bis 1990 gültigen Pass nach Australien reiste. Das Bild, das ihre Mutter aufbewahrt hatte, nahm sie mit.

Auf die Frage, was sie damals getan habe, antwortet Irene nur, sie sei dabei gewesen, als jemand getötet wurde, und habe damals noch nicht gewusst, dass sich nichts ändere. Mehr erklärt sie nicht; sie zeigt weder später Bedauern noch Reue. Ihre Verbindung zur RAF und zum terroristischen Untergrund wird damit angedeutet, aber nicht vollständig aufgeklärt. Ihre Beteiligung war nach ihrer Darstellung nur teilweise politisch motiviert und auch vom Streben nach „Gerechtigkeit für die Ausgebeuteten und Erniedrigten“ bestimmt. Die Galerie wird gutgläubig Eigentümerin des Bildes, das inzwischen mehr als zwanzig Millionen wert ist. Gundlach und Schwind reisen schließlich ab.

Späte Liebe und zentrale Aussage

Der Erzähler bleibt bei Irene. Sie entschuldigt sich dafür, ihn früher verletzt und andere Menschen noch stärker benutzt zu haben. Irene ist an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt und wird bald sterben. Der Erzähler und sie nehmen ihre Beziehung wieder auf. Er versorgt und pflegt sie und akzeptiert die Nähe, die sie ihm schenkt. Ihre Vergangenheit interessiert ihn nicht mehr; seine Liebe gilt der Irene, die sie in der Gegenwart ist.

Während eines Buschbrands rettet der Erzähler Irene und sich mit einem Boot. Am nächsten Morgen ist Irene verschwunden: Sie war aufgewacht, hatte sich an den Rand des Boots bewegt und sich ins Wasser fallen lassen. Die gemeinsame Zeit dauerte 14 Tage. Der Erzähler erkennt, dass er ohne sie nicht einfach in sein früheres Leben zurückkehren kann. Der Roman endet mit seiner Rückkehr nach Frankfurt.

An Irenes Geschichte wird die Frage behandelt, wie ein Mensch nach einem jahrelangen Leben im terroristischen Untergrund und nach Straftaten weiterleben kann. Der Roman zeigt, dass danach ein normal erscheinendes Leben möglich ist und die betreffende Person nicht mehr gefährlich sein muss. Zugleich bleiben die Taten und die fehlende Aufklärung bestehen: Irene legt durch ihre Erzählung ihre Schuld teilweise offen, gibt aber keine ausreichenden Erklärungen. Die Hinterbliebenen und die Opfer müssen mit dieser Unvollständigkeit leben.

Ein vergleichbares Thema behandelt Schlink bereits in Das Wochenende von 2008. Dort wird ein deutscher Terrorist, der wegen vier Morden verurteilt wurde, nach 23 Jahren Haft wegen einer fortgeschrittenen Krebserkrankung begnadigt. Nach seiner Entlassung will er nur noch ein privates Leben führen und arbeiten, zeigt aber keine Reue. Nils Minkmar fasst den thematischen Gedanken 2015 mit der Aussage zusammen, dass auch Terrorismus enden könne und Terroristen, ihr Umfeld und ihre Unterstützer in vielen Fällen nicht durch Polizei und Militär besiegt würden, sondern einfach in Rente gingen, teilweise nach jahrelanger Haft.

Rezeption und Kritik

Die Rezensionen konzentrieren sich vor allem auf die komplizierten Beziehungen am Anfang und auf die späte Liebe zwischen Irene und dem Erzähler. Einige Kritiker sehen in der Handlung vor allem einen kleinen, originellen Liebesroman oder eine flotte und gute Komödie. Andere bewerten Irenes Flucht mit dem VW-Bus als grotesk und durch und durch unwahrscheinlich.

Die Urteile fallen insgesamt stark unterschiedlich aus. Der Roman wird teilweise als masslos enttäuschendes Buch und als verkitschte Seifenoper bezeichnet. Ein weiterer Vorwurf lautet, Schlink habe die Konstellation nur konstruiert und passgerecht zusammengesetzt, ohne sie mit genügend Leben zu erfüllen.

Irenes Verbindung zum linksradikalen Untergrund wird in den Rezensionen eher beiläufig behandelt und nicht von allen Rezensenten erwähnt. Sie habe viele Jahre in der linken Terrorszene und anschließend versteckt in der DDR verbracht, ohne dass der Roman darüber Genaues mitteile. Schlink wird deshalb als „der Vergangenheitsbewältiger“ bezeichnet. Im Vergleich zu Der Vorleser wird Die Frau auf der Treppe teilweise als das bessere Buch bewertet, weil die Vergangenheit von Irene und dem Erzähler mit der Geschichte des DDR-Aufenthalts und des bundesdeutschen Terrorismus verbunden werde.

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