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Deutsche Chemie
Die Deutsche Chemie bezeichnet eine Sonderentwicklung des Faches Chemie innerhalb des nationalsozialistischen Wissenschaftssystems.
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Gegenstand und Zielsetzung
Die „Deutsche Chemie“ war eine Sonderentwicklung der Chemie innerhalb des nationalsozialistischen Wissenschaftssystems. Sie sollte das Fach auf der Grundlage der nationalsozialistischen Ideologie neu begründen und die moderne Chemie ersetzen oder übertreffen. Vergleichbare Bestrebungen gab es auch in der „Deutschen Physik“ und der „Deutschen Mathematik“.
Die Initiative entstand in der NS-Zeit, etwa um 1935. Getragen wurde sie von den publizistisch tätigen Chemikern Conrad Weygand, Rembert Ramsauer, Helmut Harms, Karl Lothar Wolf und Robert M. Müller. Alle außer Ramsauer waren Hochschullehrer. Die Beteiligten wollten eine Theorie und Systematik der Chemie ausarbeiten, die sich auf rassentheoretische Vorstellungen stützte. Sie behaupteten, nur deutsche Forscher könnten die Natur in ihrer Ganzheit erkennen.
Die gestalthafte Atomlehre
Im Mittelpunkt der „Deutschen Chemie“ stand die „gestalthafte Atomlehre“. Sie wurde von Karl Lothar Wolf und Rembert Ramsauer entwickelt und von Wolf in einem Lehrbuch formuliert. Die Lehre verstand sich als Alternative zum modernen Atommodell.
Ihre Grundlage bildete eine Verbindung der historischen Atomlehre des deutschen Arztes Daniel Sennert mit Goethes Morphologie. Der Begriff „Gestalt“ bezeichnete dabei nicht die äußere Form eines Gegenstands. Gemeint war vielmehr der Träger der kleinsten Menge der Qualität aller materiellen Erscheinungen in der Natur.
Die Vertreter der „Deutschen Chemie“ lehnten die moderne Chemie als rationalistisch, mechanistisch und zu speziell ab. Stattdessen wollten sie ein umfassendes, ganzheitliches Naturbild entwickeln, das verschiedene Vorgänge und Formen der Natur auf ein gemeinsames Entwicklungsmuster zurückführte.
Verbindung zur NS-Ideologie und Wirkung
Die politische Verbindung entstand über die Vorstellung von Einheitlichkeit und Ganzheit. Nach dem Konzept der „Deutschen Chemie“ konnten unterschiedliche Naturvorgänge und -formen trotz ihrer Verschiedenheit auf dieselbe „Gestalt“ zurückgeführt werden. Die „gestalthafte Atomlehre“ ging außerdem von einem ganzheitlichen und organischen Naturbild sowie von einer Rangordnung der Elemente aus.
Diese Vorstellungen wurden mit der nationalsozialistischen Idee eines einheitlichen „Volkskörpers“ und einer festen Rangordnung der Rassen in Beziehung gesetzt. Dadurch sollte die naturwissenschaftliche Theorie ideologisch mit dem Nationalsozialismus übereinstimmen.
Wolfs Lehrbuch über die „gestalthafte Atomlehre“ fand im „Dritten Reich“ und bis in die Nachkriegszeit hinein eine gewisse Verbreitung. Einen bemerkenswerten Einfluss auf die etablierten Theorien der Chemie konnte die „Deutsche Chemie“ jedoch weder während des Nationalsozialismus noch in den Nachkriegsjahren gewinnen. Wolfs Beschäftigung mit Goethe führte nach dem Krieg dazu, dass er Mitherausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Weimar wurde.