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Christentum im Libanon
Das Christentum im Libanon hat eine lange Tradition und bildete bis ins 20. Jahrhundert eine religiöse Mehrheit innerhalb der libanesischen Bevölkerung, …
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Überblick und Bevölkerungsanteil
Das Christentum im Libanon hat eine lange Tradition. Bis ins 20. Jahrhundert bildeten Christen eine religiöse Mehrheit innerhalb der libanesischen Bevölkerung, besonders im Libanongebirge. Der Libanon gilt außerdem als Zufluchtsland für Christen aus anderen Staaten des Nahen Ostens.
Nach der Schaffung des „Groß-Libanons“ 1922 entwickelte sich das Land unter französischer Mandatsherrschaft von einem Gebiet des Osmanischen Reiches zu einem unabhängigen Staat, der von einem christlichen Präsidenten geführt wurde. Frankreich stärkte durch die Institutionalisierung des Konfessionalismus besonders die maronitischen Christen. Der Nationalpakt von 1943 machte die libanesische Republik unabhängig und beendete das französische Mandat. Artikel 95 der Verfassung sollte die Machtaufteilung zwischen Religionsgruppen sichern, doch maronitische Führer blieben lange im Zentrum der Macht.
Der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung wird unterschiedlich angegeben, weil die letzte offizielle Volkszählung von 1932 stammt und spätere Zahlen Schätzungen sind. Außerdem verändern geringere Kinderzahlen in wohlhabenderen und mittleren Schichten sowie Rückkehrraten aus der großen Diaspora die Anteile. Genannt werden 51,2 % im Jahr 1932, 25 % im Jahr 1985, 41 % im Jahr 2010 und 37 % im Jahr 2018. In jüngerer Zeit wanderten wegen des Bürgerkriegs und des Libanonkrieges 2006 viele Christen nach Europa, Amerika und Australien aus.
Christliche Kirchen und Gemeinschaften
Im Libanon gibt es mehrere christliche Kirchen, darunter sehr alte und autochthone, also im Land selbst verwurzelte Kirchen. Sie üben jeweils ihr eigenes Personenstandsrecht aus, etwa für Fragen von Ehe und Familie, und sind durch den politischen Konfessionalismus auch im Parlament vertreten.
Die größte christliche Gruppe ist die Maronitische Kirche. Ihr Patriarch residiert in Bkerke; seit 1866 besitzt sie mit der Kongregation der libanesisch-maronitischen Missionare eine Priestergemeinschaft. Die zweitgrößte christliche Gruppe ist die Griechisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, deren Patriarch in Damaskus residiert. Die drittgrößte Gruppe ist die Griechisch-katholische Kirche, auch Melkitische Kirche genannt, ebenfalls mit Patriarchensitz in Damaskus.
Weitere Gruppen sind die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien mit Patriarchensitz in Damaskus, die Syrisch-katholische Kirche als mit Rom unierte Kirche mit Patriarchensitz in Beirut, die Armenische Apostolische Kirche mit Katholikos in Antelias und die Armenisch-Katholische Kirche mit Patriarch in Bzommar. Die Armenier kamen auch infolge des Völkermordes in der Türkei in den Libanon und sind seit 1962 im libanesischen Parlament vertreten. Daneben gibt es Katholiken des lateinischen Ritus durch Zuwanderung oder Konversion sowie protestantische Kirchen, besonders seit dem Wirken angelsächsischer Missionare.
Die christlichen Kirchen werden in vier große Religionsgemeinschaften eingeteilt. Die katholischen Kirchen umfassen unter anderem Maroniten, Melkiten, Syrisch-Katholiken, Armenisch-Katholiken, die Lateinische Kirche und die Chaldäisch-Katholische Kirche; sie bilden die größte christliche Religionsgemeinschaft im Libanon. Die orthodoxen Kirchen, vor allem die rum-orthodoxe oder griechisch-orthodoxe Kirche, bilden die zweitgrößte. Die altorientalischen Kirchen umfassen unter anderem die Armenische Apostolische Kirche, die Syrisch-Orthodoxe Kirche, die Koptisch-orthodoxe Kirche Ägyptens mit einigen Gemeinden im Libanon sowie die Assyrische Kirche des Ostens; sie bilden die drittgrößte christliche Religionsgemeinschaft. Die evangelischen Kirchen, darunter armenisch-protestantische, presbyterianische, nationale evangelische, anglikanische und baptistische Gemeinden, bilden die kleinste christliche Religionsgemeinschaft.
Siedlungsgebiete
Die christlichen Gruppen sind im Libanon regional unterschiedlich verteilt. Griechisch-orthodoxe Christen leben sowohl an der Küste als auch im Libanongebirge. Ein bekanntes griechisch-orthodoxes Siedlungsgebiet ist der Distrikt Koura.
Die Maroniten wohnen traditionell in den Bergen. Durch den Bürgerkrieg zogen jedoch viele Maroniten nach Beirut. Der Osten Beiruts ist hauptsächlich von Christen bewohnt. Die Stadt Zahlé ist überwiegend von Melkiten bewohnt. In Tripoli gibt es mit Mina einen christlich bewohnten Stadtteil. Im Süden des Libanon liegen einige christliche Dörfer, zum Beispiel Mardsch Uyun.
Politische Ordnung
Die politische Ordnung des Libanon ist stark vom Konfessionalismus geprägt. Damit ist gemeint, dass politische Ämter und Sitze nach religiösen Gruppen verteilt werden. Die konfessionelle Parität, also die zahlenmäßige Gleichstellung von Christen und Muslimen in bestimmten staatlichen Bereichen, gilt im Nahen Osten als einzigartig.
Diese Ordnung geht auf den Nationalpakt von 1943 zurück und wurde 1989 durch das Abkommen von Taif verändert. Seitdem sind 50 Prozent der Parlamentssitze für Christen reserviert, obwohl Christen nach den im Artikel genannten Schätzungen längst weniger als 40 % der im Libanon lebenden Gesamtbevölkerung ausmachen. Staatsämter und Funktionen im öffentlichen Dienst sind paritätisch zwischen Christen und Muslimen aufgeteilt.
Der libanesische Staatspräsident ist ein Maronit, ebenso der oberste Befehlshaber der Armee. Der stellvertretende Ministerpräsident ist ein griechisch-orthodoxer Libanese. Nach dem Abkommen von Taif umfasst das Parlament insgesamt 128 Sitze, im Verhältnis Christen:Muslime 5:5. Die christlichen Sitze verteilen sich auf Maroniten 34, Rum Orthodoxe 14, Griechisch-Katholische 8, Armenisch-Orthodoxe 5, Armenisch-Katholische 1 und Andere 1. Vor dem Abkommen von Taif gab es insgesamt 99 Sitze mit einer Verteilung von 6:5; damals entfielen auf Maroniten 30, Rum Orthodoxe 11, Griechisch-Katholische 6, Armenisch-Orthodoxe 4, Armenisch-Katholische 1 und Andere 1.
Lage und Konflikte
Der Libanon war traditionell ein Zufluchtsort für Christen aus dem Nahen Osten. Im Vergleich zu Christen in anderen Ländern der Region sind Christen im Libanon sehr autonom und weniger Repressionen ausgesetzt. Zugleich beschreibt der Artikel Probleme und Bedrohungen: In manchen Gegenden wurden Geschäfte, die Alkohol verkaufen, von islamistischen Gruppen attackiert.
Eine frühe Gewalterfahrung war der Bürgerkrieg im Libanongebirge im Sommer 1860 zwischen christlichen Maroniten und Drusen. Dabei kamen insgesamt 20.000 Christen ums Leben, dazu eine unbekannte Zahl von Drusen. Außerdem wurden 380 christliche Dörfer und 560 Kirchen zerstört.
Nach der Unabhängigkeitserklärung von 1943 verliefen die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen zunächst friedlich. Eine Wende brachten die Libanonkrise 1958 und der libanesische Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Im Bürgerkrieg verübte die christliche Phalange-Miliz 1976 das Massaker von Karantina an palästinensischen Flüchtlingen. Kurz darauf verübten Palästinenser in Damur das Massaker von Damur an christlichen Einwohnern. Als eines der schlimmsten Kriegsverbrechen von christlicher Seite nennt der Artikel das Massaker von Sabra und Schatila 1982, bei dem zahlreiche Palästinenser durch Phalangisten ermordet wurden.
Die Kriege und Konflikte mit Israel, darunter der Libanonkrieg 1982, der Libanonkrieg 2006 und der Konflikt um die Schebaa-Farmen, erschwerten das politische und wirtschaftliche Leben sowie die Sicherheitslage. Dadurch verstärkten sich besonders bei jungen Libanesen Gründe für Auswanderung. Christliche Libanesen fühlen sich laut Artikel im Vergleich zu muslimischen Auswanderungswilligen zusätzlichem Druck und Einschränkungen ihrer Freiheiten ausgesetzt.
Der Artikel nennt außerdem gezielte Grundstückskäufe durch muslimische Investoren in christlichen Kerngebieten über Mittelsmänner, etwa oberhalb des Klosters Balamand. Für 2006 werden Übergriffe islamistischer Extremisten auf Kirchen und christliche Gebiete genannt, unter anderem in Aschrafiyya nach dem Karikaturenstreit und nach einer LBC-Sendung „Basmatwatan“, in der Hassan Nasrallah karikiert wurde. Erwähnt werden auch Mordfälle und Anschläge, darunter die Ermordung einer Nonne in Haddath im Jahr 2001 sowie Attentate 2005 und 2006 auf christliche Journalisten und Politiker wie Gebran Tueni, May Chidiac, Samir Kassir, George Hawi, Elias Murr, Pierre Gemayel junior und Michel Pharaon. Die offene politische Diskussion werde für Christen durch Drohungen und Einschüchterungen von islamistischer Seite zunehmend schwieriger. Im Weltverfolgungsindex des Hilfswerks Open Doors wird der Libanon im Jahr 2024 auf Platz 72 geführt.