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Blaue Stunde

Der Begriff Blaue Stunde bezieht sich auf die Zeitspanne innerhalb der abendlichen oder morgendlichen Dämmerung, in der sich die Sonne so weit unterhalb des …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und charakteristische Merkmale
  2. 2. Physikalische Entstehung der Blaufärbung
  3. 3. Dauer und Einflussfaktoren
  4. 4. Bedeutung für die Fotografie
  5. 5. Darstellung in Kunst, Literatur und Musik

Begriff und charakteristische Merkmale

Die Blaue Stunde bezeichnet eine Zeitspanne innerhalb der abendlichen oder morgendlichen Dämmerung. Sie tritt auf, wenn die Sonne so weit unter dem Horizont steht, dass das blaue Lichtspektrum am Himmel dominiert, während die Nacht noch nicht begonnen hat oder bereits vorbei ist. Der Begriff ist umgangssprachlich und besitzt keine offizielle Definition wie die drei Dämmerungsphasen.

Typischerweise befindet sich die Sonne dabei zwischen 4 und 8 Grad unterhalb des Horizonts. Die Blaue Stunde umfasst damit Teile der bürgerlichen Dämmerung, bei einem Sonnenhöhenwinkel von 0 bis 6 Grad, und der nautischen Dämmerung, bei 6 bis 12 Grad. Obwohl die Färbung auch am Morgen vorkommt, wird „blaue Stunde“ meist als Bezeichnung für die Abenddämmerung verwendet. In der Dichtung steht die Wendung laut Duden für die Zeit der Dämmerung und wird häufig mit melancholischen Gefühlen verbunden.

Die Blaue Stunde unterscheidet sich von der Goldenen Stunde, die kurz nach Sonnenaufgang oder kurz vor Sonnenuntergang liegt. Sie ist auch bei bedecktem Himmel sichtbar, weil sich die charakteristische blaue Färbung dann ebenfalls zeigt.

Physikalische Entstehung der Blaufärbung

Das Himmelsblau am Tag entsteht vor allem durch die Rayleigh-Streuung. Dabei wird Licht mit kürzerer Wellenlänge, insbesondere blaues Licht, stärker gestreut. Während der Dämmerung fällt das Sonnenlicht jedoch immer schräger ein und legt einen längeren Weg durch die Erdatmosphäre zurück. Dadurch ist ein großer Teil des blauen Lichts bereits herausgestreut, bevor das Licht den Himmel über dem Beobachtungsort erreicht.

Gleichzeitig durchquert das Licht einen längeren Weg durch die Ozonschicht in 15 bis 30 Kilometer Höhe. Dort wirkt die Chappuis-Absorption: Ozon absorbiert Licht im gelben, orangen und roten Spektrum, sodass der blaue Anteil stärker hervortritt. Diese Wirkung ist am Tag gegenüber der Rayleigh-Streuung deutlich schwächer, wird während der Dämmerung aber zunehmend wichtig.

Der französische Chemiker James Chappuis erkannte bereits 1880, dass Ozon sichtbares Licht blau färben kann. Der US-amerikanische Geophysiker Edward Hulburt (1890–1982) stellte 1952 den Zusammenhang mit der Blaufärbung während der Dämmerung her. Er verglich Messungen von Lichtintensität und Färbung mit theoretischen Berechnungen. Erst durch die Einbeziehung der Chappuis-Absorption stimmten Theorie und Messdaten überein.

Zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangs wird die Färbung des Himmels zu einem Drittel durch die Rayleigh-Streuung und zu zwei Dritteln durch die Chappuis-Absorption bestimmt. Im weiteren Verlauf der Dämmerung wird die Chappuis-Absorption zum einzigen maßgeblichen Effekt.

Dauer und Einflussfaktoren

Die „Stunde“ dauert nur ausnahmsweise ungefähr 60 Minuten. Ihre tatsächliche Länge hängt von der Dauer der Dämmerung und damit vom Tiefenwinkel der Sonne unter dem Horizont ab. Entscheidend sind außerdem die geographische Breite des Beobachtungsortes und der jahreszeitlich veränderliche Tagbogen.

In Mitteleuropa dauert die Blaue Stunde ungefähr 30 Minuten zur Tag-und-Nacht-Gleiche und etwa 50 Minuten zur Sonnenwende. In den Tropen beträgt sie mit nur geringen Schwankungen ungefähr 20 Minuten. Während der Weißen Nächte am Polarkreis kann sie bis zu fünf Stunden dauern.

Bedeutung für die Fotografie

In der Fotografie wird die Blaue Stunde für Available-Light-Aufnahmen, also Aufnahmen mit dem vorhandenen Licht, und für Nachtfotografie genutzt. Die Umgebung ist dann noch leicht erhellt und besser sichtbar als bei völliger Dunkelheit. Dadurch werden die Kontraste zwischen hellen und dunklen Bereichen abgeschwächt, und die Bilder erhalten eine besondere Stimmung.

Gebäudeinnenräume können ungefähr denselben fotografischen Kontrastumfang wie eine nicht künstlich beleuchtete Fassade und ihre Umgebung erreichen. Zusätzlich entsteht ein deutlicher Farbkontrast zwischen dem blauen Himmel, orangefarbenen Glühlampen und türkisfarbenen Leuchtstoffröhren. Die Farbtemperatur des Himmels liegt zwischen 9000 K und 12000 K. Sie entspricht ungefähr der Farbtemperatur des Taghimmels aus dem Schatten. Die durch die Chappuis-Absorption veränderte spektrale Zusammensetzung zeigt sich daher in der Farbtemperatur nicht signifikant.

Darstellung in Kunst, Literatur und Musik

Die Blaue Stunde ist ein wiederkehrendes Motiv der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik. In der Malerei und im Holzschnitt wird sie vor allem genutzt, um Dämmerung, Sonnenuntergang und eine besondere Lichtstimmung darzustellen. Beispiele sind Max Klingers Gemälde Die blaue Stunde (1890), António Cândido da Cunhas Sonnenuntergang (1897), Ödön Tulls Dämmerung (1897), James Dickson Innes’ Tiefe Dämmerung, Pyrenäen (1912/1913) sowie Holzschnitte von Charles W. Bartlett und Kawase Hasui aus dem Jahr 1920.

In Gedichten erscheint die Blaue Stunde unter anderem bei Stefan George in Blaue Stunde aus dem Jahr 1899, bei Oskar Loerke in Blauer Abend in Berlin (1911), bei Gottfried Benn und bei Ingeborg Bachmann. In der Literatur wird der Ausdruck häufig über die konkrete Tageszeit hinaus verwendet und mit Träumen, Melancholie oder einer Übergangssituation verbunden. Wolfgang Koeppens Roman Tauben im Gras von 1951 beschreibt die „heure bleue“ im melancholischen Bewusstsein der Figur Philipp als eine Zeit des Träumens und einer relativen Freiheit. Weitere Romane mit dem Titel Die blaue Stunde beziehungsweise Die blauen Stunden stammen in deutschen Übersetzungen von William Boyd (1994) und Joan Didion (2012).

Auch in der Musik wird der Ausdruck als Titel oder Motiv verwendet. Genannt werden unter anderem das Chanson Blaue Stunde von Herbert Nelson und Rudolf Nelson in einer Aufnahme von Greta Keller, Udo Lindenbergs Bezug im Lied Odyssee (1983), Lieder von Funny van Dannen (2002), Faun (2014), Leoniden (2021) und Provinz (2023) sowie das Album The Blue Hour von Federico Albanese (2016). Peter Fox’ Schwarz Zu Blau wird als bittere Ode an die Blaue Stunde und Berlin bezeichnet. 2020 veröffentlichte außerdem Gentleman das Album Blaue Stunde; die koreanische Gruppe TXT brachte im selben Jahr das Lied Blue Hour heraus.

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