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Bewusstmachung (Fremdsprachenunterricht)
Sie machen deutlich, dass mit dem Present Perfect letztlich immer eine Aussage über einen gegenwärtigen Zustand gemacht wird: A: Would you like something to …
Inhalt5 Abschnitte
Ziel und Grundidee
Bewusstmachung im Fremdsprachenunterricht bedeutet, Schülerinnen und Schülern bei fehleranfälligen grammatischen Regelhaftigkeiten gezielte Verständnis- und Strukturierungshilfen zu geben. Gemeint sind vor allem Regeln, die semantisch oder morphosyntaktisch komplex sind oder durch mögliche Interferenzen mit der Muttersprache Schwierigkeiten bereiten. Die Hinweise sollen Zusammenhänge transparent und damit nachvollziehbar machen.
Fremdsprachenunterricht wird von Lernenden oft vor allem als Grammatikunterricht wahrgenommen und deshalb abgelehnt. Ein weitgehend handlungsorientierter Unterricht soll dieses Vorurteil aufbrechen. Innerhalb sinnvoller Sprachhandlungen sollen die Schülerinnen und Schüler, unterstützt durch die Lehrkraft, wesentliche Regularitäten der Fremdsprache wahrnehmen und lernen.
Nach dem Prinzip der Lernorientierung müssen Sprachlernende Strukturierungen vor allem selbst leisten. Strukturierungen sind das intuitive Erfassen oder bewusste Erkennen sprachlicher Regelhaftigkeiten. Dafür brauchen sie viele Begegnungen mit Sprache in Situationen, Kommunikation und Texten. Diese Erfahrungen reichen für viele jedoch nicht aus; dann sind zusätzliche Hilfen erforderlich.
Entdeckendes Lernen
Schülerinnen und Schüler sollen möglichst eigenaktiv lernen, eigene Lernwege erproben und sich grammatische Regelhaftigkeiten erschließen. Sie dürfen dabei aber nicht mit erfolglosen und frustrierenden Versuchen allein gelassen werden.
Eine zentrale Hilfe ist, die Funktion grammatischer Formen im Kontext zu erkennen. Der Lernweg kann von einer grammatischen Form zum erklärenden Kontext führen oder von der Textbesprechung zur Form und anschließend wieder zurück zum Text.
Wenn aus der Klasse ein Verständnisproblem entsteht, können Lernende zunächst Ungewissheit aushalten, bis der weitere Kontext eine Klärung ermöglicht. Sie sollen das Problem präzisieren, plausible Vermutungen zur Bedeutung einer Konstruktion bilden und diese im weiteren Text oder Gespräch überprüfen. Außerdem können sie im Grammatikteil des Schulbuchs oder in einer Schülergrammatik nachschlagen und ihre Erklärung mit Partnern oder der Tischgruppe vergleichen.
In Freiarbeitsphasen bleibt mehr Zeit für eigene Strukturierungen. Mit Konkordanzprogrammen wie Mini Concordancer, MicroConcord oder Wordsmith können Schülerinnen und Schüler in Textdatenbanken Belegstellen für eine Struktur suchen und typische Verwendungskontexte erkennen. Sie können auch selbst Erklärungen oder Übungen entwickeln, gegebenenfalls mit einem Autorenprogramm und Datenbankbelegen. Besonders handlungsorientiert ist dies, wenn das Material für einen krankheitsbedingt abwesenden Mitschüler erstellt wird.
Gelenkte Hilfen und Veranschaulichung
Können Schülerinnen und Schüler sprachliche Zuordnungen und Strukturierungen nicht selbst leisten, werden ihnen schrittweise Hilfen angeboten. Dies wird als „gelenkte Induktion“ bezeichnet.
Lerngespräche sind die natürlichste und „sanfteste“ Form der Bewusstmachung. Sie greifen Hilfen auf, die Kinder auch beim Erwerb der Muttersprache erhalten: Verweise auf die Situation, kurze und deutlich ausgesprochene Sätze, Mimik, Intonation, Gesten, Pausen, Vereinfachungen, Wiederholungen, variierende Umschreibungen, Rückfragen, Kontexthinweise und Erklärungen. Solche zunächst meist vorbewussten Strukturierungen müssen nach der unterrichtlichen Erfahrung oft gezielt unterstützt und gefestigt werden.
Die Muttersprache kann trotz eines grundsätzlich fremdsprachig geführten Unterrichtsgesprächs eine wesentliche Lernhilfe sein. Ein kurzes muttersprachliches Einsprengsel kann helfen, im Gespräch zu bleiben. „Stille Regeln“ können durch idiomatische Übersetzungen erkennbar werden, ohne die Regel ausdrücklich zu benennen, etwa: She’s been learning Latin for two hours. = „Schon seit zwei Stunden paukt sie Latein.“ Eine freie Übersetzung kann die Funktion des Present Perfect verdeutlichen, wenn Folgen einer Handlung in der Gegenwart relevant sind, etwa Have you had lunch yet? = „Bist du hungrig?“ oder I’ve been sent by the Labour Exchange. = „Ich komme vom Arbeitsamt.“ Bei der „muttersprachlichen Spiegelung“ wird die fremde Struktur bewusst nachgebildet: Does your dog bite? = „Tut dein Hund beißen?“
Bei der Sandwich-Technik spricht die Lehrkraft das fremdsprachliche Original vor, fügt eine passende Übersetzung ein und wiederholt anschließend das Original. So können sich Lernende beim Nachsprechen auf die Form konzentrieren. Formale Strukturierungen arbeiten zudem mit Veranschaulichungen, etwa Handlungspfeilen: Die gewohnte Richtung von links nach rechts kann mit Zeit, Bewegung und Handlung verbunden werden. Bei Fragen mit do wird diese Richtung durchbrochen; die Verbindung von do mit dieser „Gegenläufigkeit“ soll den sicheren Gebrauch der do-Erweiterung indirekt fördern. Die deutschen Fragewörter wer und wen können dabei ohne die Begriffe „Subjekt“ und „Objekt“ an vorhandene muttersprachliche Intuitionen anknüpfen.
Festigung durch Handeln und Übungen
Grammatisches Wissen kann in Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit handlungsorientiert gefestigt werden. Beispiele sind: ein grammatisches Problem anhand eines Textes, Witzes oder Spruchs erklären; ein Arbeitsblatt oder Poster mit Grafik, Erklärungen und Beispielen für einen abwesenden Mitschüler erstellen; eine eigene systematische Übung entwickeln, von der Klasse bearbeiten und besprechen lassen; einen individuellen „Spickzettel“ schreiben; Merksprüche, Eselsbrücken, Merkzettel oder Mind Maps in einer Grammatikkartei ordnen; oder einen Rap beziehungsweise Songtext zu einem grammatischen Problem schreiben und vortragen. Diese Aktivitäten können wiederholt zwischen systematischen Übungsphasen und Phasen handlungsorientierten Sprachgebrauchs eingesetzt werden.
Übungen festigen den Gebrauch grammatischer Formen durch verteilte und variierte Wiederholung. Empirische Untersuchungen weisen jedoch darauf hin, dass ausschließlich form- oder strukturbezogene Übungen die sprachliche Kompetenz nicht im traditionell erwarteten Maß fördern. Übungen sollen deshalb auch inhaltlich-funktional bestimmt sein: Die Aufmerksamkeit muss immer wieder auf die Bedeutung und Funktion der Form gelenkt werden.
Systematisch-funktionale Übungen enthalten eine bestimmte grammatische Funktion besonders häufig, aber in klar strukturierten Mini-Situationen. Beim englischen Present Perfect machen etwa Fragen von A deutlich, dass die Antworten von B jeweils einen gegenwärtigen Zustand betreffen: „Would you like something to eat? – No, thanks. I’ve just had lunch.“ oder „Do you know where Julia is? – Yes, I’ve just seen/met her [in the library].“ Weitere mögliche Antworten sind I haven’t seen her recently und I’ve never been there.
Funktionale Übungen sind beispielsweise grammatikorientierte Spiele, Rollenspiele oder die Besprechung authentischer Texte und Songs, in denen eine Form inhaltlich begründet gehäuft vorkommt. Genannt werden used to (do) und would (do) in Bruce Springsteens „The River“ und dessen Intro. Wiederholtes Hören, Mitsummen und Mitsingen schafft zusätzliche Übungseffekte. Kennzeichnend ist, dass Inhalte und persönliches Engagement, nicht grammatische Problempunkte, im Vordergrund stehen.
Fehlerkorrektur und Sprachbewusstheit
Die Art und Häufigkeit von Fehlerkorrekturen soll davon abhängen, ob gerade kommunikativ gehandelt oder systematisch geübt wird. In kommunikativ-handelnden Phasen gilt strikt das Prinzip message before accuracy: Die Mitteilung ist wichtiger als sprachliche Genauigkeit. Geeignet sind Zeit für Formulierung und sofortige Selbstkorrektur, ein Reparaturangebot, Korrekturvorschläge von Mitschülern, eine Reparaturhilfe oder ein Korrekturgespräch nach der Kommunikationsphase.
Eine Reparaturhilfe ermöglicht Selbstkorrektur, ohne die Kommunikation abzubrechen: Auf S: „I have gone to England last year.“ reagiert die Lehrkraft etwa mit „Oh, you went to England. Where exactly did you go?“ Die Schülerin oder der Schüler kann dann die korrekte Form verwenden. Beim nachträglichen Korrekturgespräch merkt sich die Lehrkraft Fehler zunächst kommentarlos und bespricht sie erst nach Abschluss der kommunikativen Phase.
Sprachbewusstheit beziehungsweise language awareness unterstützt konstruktive Lernprozesse. Wichtig sind erstens die Bewusstheit für grammatische Besonderheiten der Fremdsprache im Unterschied zur Muttersprache und zweitens die Bewusstheit der Lernenden für ihre eigenen Lernprozesse. Dazu gehört insbesondere, Fehler auch als durch Muttersprache und eigene Kultur bedingt zu verstehen.