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Ballonflucht

Mit einer aufsehenerregenden Ballonflucht gelang am 16. September 1979 den Familien Strelzyk und Wetzel aus Pößneck (Thüringen) die Flucht über die …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern des Ereignisses
  2. 2. Planung und Bau
  3. 3. Die geglückte Flucht
  4. 4. Folgen für die Familien und Erinnerungsstücke
  5. 5. Darstellungen und ähnliche Fälle

Kern des Ereignisses

Die Ballonflucht bezeichnet die Flucht der Familien Strelzyk und Wetzel aus Pößneck in Thüringen aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland. Sie gelang am 16. September 1979 mit einem selbstgebauten Heißluftballon. Die Flucht war aufsehenerregend, weil die Familien damit die innerdeutsche Grenze überwanden, die von der DDR streng bewacht wurde.

Beteiligt waren Peter Strelzyk und Günter Wetzel, die in der Kunststofffabrik VEB Polymer Pößneck Arbeitskollegen waren, sowie ihre Ehefrauen und Kinder. Insgesamt flohen acht Personen. Das Vorhaben war riskant, weil der Ballon heimlich gebaut werden musste, die Materialien auffallen konnten und ein Scheitern nahe der Grenze schwere Folgen gehabt hätte.

Planung und Bau

Peter Strelzyk und Günter Wetzel beschafften zusammen mit ihren Ehefrauen über Monate Stoff, nähten eine Ballonhülle, bauten eine Gondel und experimentierten mit einem Brenner. Für die Ballonhülle hatten sie zunächst ein erforderliches Volumen von 2800 Kubikmetern berechnet.

Die Familien bauten insgesamt drei Ballons. Der erste Ballon bestand aus Futterstoff aus einer Ledertaschenfabrik. Bei einem Füllversuch erwies sich der Stoff als ungeeignet, deshalb vernichteten die Familien den Ballon.

Der zweite Ballon bestand aus Taftstoff, den Peter Strelzyk und Günter Wetzel in einem Kaufhaus in Leipzig gekauft hatten. Um den Kauf zu erklären, gaben sie sich als Mitglieder eines Segelclubs aus. Weil die Gondel zu klein war, um beide Familien zu tragen, stieg die Familie Wetzel vorübergehend aus dem Plan aus. Die Familie Strelzyk versuchte daraufhin in der Nacht vom 3. zum 4. Juli 1979 allein zu fliehen.

Dieser Versuch begann auf einer Wiese zwischen Oberlemnitz und Heinersdorf im heutigen Saale-Orla-Kreis. Während des Flugs saugte sich die Ballonhülle durch starken Nebel mit Wasser voll. Dadurch verlor der Ballon früher als geplant an Höhe. Nach 34 Minuten Fahrt ging er zwei Kilometer vor der Grenze auf DDR-Gebiet bei Hornsgrün nieder. Die Strelzyks konnten unbemerkt nach Hause zurückkehren, mussten aber den Ballon und persönliche Gegenstände im Wald zurücklassen.

Ein Volkspolizist entdeckte die Reste einige Tage später privat beim Holzsammeln, meldete den Fund aber nicht, weil er unbefugt das Sperrgebiet entlang der Grenze betreten hatte. Am Morgen des 20. Juli 1979 fand ein Jäger den Ballon und meldete ihn dem örtlichen ABV der Volkspolizei. Die Staatssicherheit begann eine Fahndung, die ergebnislos blieb. Am 14. August 1979 veröffentlichten die Behörden in der Volkswacht eine Anzeige, in der sie um Hinweise zu gefundenen Gegenständen baten: einem Barometer, einem Taschenmesser und einer Wasserpumpenzange. Die Anzeige stellte den Zusammenhang mit einer nicht näher bezeichneten „schweren Straftat“ her.

Währenddessen arbeiteten beide Familien an einem dritten Ballon. Diesmal kauften sie das Material in vielen kleinen Posten an unterschiedlichen Orten, damit der Kauf weniger auffiel. Die Hülle hatte ein Volumen von 4200 Kubikmetern, war 28 Meter hoch und 20 Meter breit. Sie wurde aus vier verschiedenen Stoffen genäht: Regenschirmseide, Taftstoff, Zeltnylon und Bettinletts. Die Gondel bestand aus einer 1,40 m mal 1,40 m großen Metallplattform mit einem 80 cm hohen Geländer aus vier Eckpfosten und Wäscheleine.

Die geglückte Flucht

Am 15. September 1979 wurden die letzten Stoffbahnen in Jena gekauft und vernäht. Wegen günstiger Wetterbedingungen entschieden sich die Familien, noch in derselben Nacht zu starten. Der Wind kam aus Norden. Das war für die Flucht günstig, weil die Grenze südlich lag und der Ballon dadurch in Richtung Bundesrepublik treiben konnte.

Als Startplatz nutzten sie erneut die Wiese bei Oberlemnitz, von der auch der gescheiterte Versuch vom 4. Juli begonnen hatte. Während der Fahrt kauerten die acht Personen mit dem Rücken zum Geländer in der Gondel. In der Mitte standen vier Propangasflaschen, an denen sie sich festhielten. Propangas diente als Brennstoff für den Heißluftballon: Durch erhitzte Luft in der Hülle konnte der Ballon steigen und schweben.

In Grenznähe bemerkten Soldaten der Grenztruppen den Ballon von einem Wachturm aus. Sie sahen ein gelegentlich rot flackerndes Licht in großer Höhe. Ein Soldat richtete den Scheinwerfer des Wachturms nach oben, doch dessen Licht reichte kaum bis zum Ballon. Die Soldaten meldeten den Vorfall ihrem Vorgesetzten, konnten aber nichts mehr tun, weil der Ballon das Gebiet der DDR bereits verlassen hatte.

Die Fahrt dauerte 28 Minuten. In dieser Zeit legte der Ballon 18 Kilometer zurück. Er landete in einem Waldstück bei Naila im Landkreis Hof in Bayern. Nach der Landung versteckten sich die Frauen mit den Kindern zunächst im Wald. Die beiden Männer erkundeten das Gelände und trafen schließlich auf eine bayerische Polizeistreife. Diese bestätigte ihnen, dass sie die Bundesrepublik erreicht hatten.

Folgen für die Familien und Erinnerungsstücke

Nach Darstellung Günter Wetzels auf seiner Website brachen die beiden Familien wegen einiger Unstimmigkeiten schon kurz nach der gemeinsamen Flucht den Kontakt zueinander ab. Peter Strelzyk eröffnete ein Elektrofachgeschäft in Bad Kissingen. Günter Wetzel wurde Kfz-Meister in der Nähe von Hof.

Ein Freund Strelzyks kam in der DDR wegen Fluchthilfe in Haft. Nachdem er 1982 in die Bundesrepublik ausreisen durfte, stellte Strelzyk ihn als Mitarbeiter ein. Später stellte sich heraus, dass das Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS, ihn während der Haft als Inoffiziellen Mitarbeiter angeworben hatte. Ein Inoffizieller Mitarbeiter war eine Person, die heimlich Informationen für die Staatssicherheit lieferte. Möglicherweise war er gezielt beauftragt worden, Strelzyk geschäftlich zu schädigen. Auch die Familie Wetzel wurde vom MfS beobachtet.

Nach der deutschen Wiedervereinigung zog das Ehepaar Strelzyk wieder in sein früheres Reihenhaus in Pößneck. Peter Strelzyk starb am 11. März 2017 im Alter von 74 Jahren in Jena.

Die Flüchtlinge schenkten die Gondel des Ballons der Stadt Naila. Diese gab sie zusammen mit zehn Bahnen des Ballonstoffs an das Mauermuseum am Berliner Checkpoint Charlie weiter. Die Ballonhülle ist seit Oktober 2024 im Stadtmuseum Naila ausgestellt. Zuvor war sie seit Mai 2019 im Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg zu sehen.

Darstellungen und ähnliche Fälle

Die Ballonflucht wurde mehrfach in Filmen und Medien aufgegriffen. 1982 erschien der US-amerikanische Spielfilm Mit dem Wind nach Westen. Außerdem beschrieben die Strelzyks die Flucht in einem Buch. 2018 wurde die Geschichte erneut verfilmt, diesmal als deutscher Thriller Ballon von Michael Herbig. Auch die MacGyver-Folge GX-1 spielt indirekt auf die Ballonflucht an: Der Protagonist baut darin einen improvisierten Heißluftballon, um die innerdeutsche Grenze zu überqueren.

Ein ähnlicher Fluchtversuch endete tödlich: Winfried Freudenberg verunglückte im März 1989 bei einem Versuch, mit einem Gasballon von Ost- nach West-Berlin zu fliehen. Ein Gasballon unterscheidet sich vom Heißluftballon dadurch, dass er durch ein leichteres Gas getragen wird, während ein Heißluftballon durch erwärmte Luft aufsteigt.

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