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Baal (Brecht)
Baal ist ein Drama von Bertolt Brecht. Die erste Fassung schrieb der Zwanzigjährige 1918, die zweite 1919. Darauf folgten weitere Fassungen.
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Grundkonstellation
Baal ist ein Drama von Bertolt Brecht. Die erste Fassung entstand 1918, die zweite 1919; danach folgten weitere Fassungen. Das Stück erschien 1922, seine Uraufführung fand am 8. Dezember 1923 im Alten Theater in Leipzig unter der Regie von Alwin Kronacher statt. Die Handlung spielt zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Im Mittelpunkt steht Baal, ein junger und talentierter Lyriker. Zu den wichtigsten Figuren gehören Ekart, ein Komponist und Baals Freund, Mech, ein Verleger und Großkaufmann, Mechs Frau Emilie, der Kritiker Dr. Piller, Johanna, die Freundin von Johannes, die Kellnerin Luise sowie Johannes Schmidt, ein Bewunderer Baals. Brecht integrierte mehrere seiner frühen Lieder und Gedichte in das Drama, teilweise in enger Anlehnung an Gedichte von François Villon.
Handlung
Baal trägt bei einer Abendgesellschaft seines Gönners Mech ein Gedicht vor. Obwohl die Anwesenden ihm Begeisterung und Bewunderung entgegenbringen, zeigt er kein Interesse, benimmt sich rüpelhaft und wird hinausgeworfen. Seine Haltung fasst er mit den Worten zusammen: „Was kann ich dafür, wenn dein Wein, den du mir gibst, mich besoffen macht!“
Mechs Frau wird Baals Liebhaberin. Baal behandelt sie roh und zwingt sie beispielsweise, in einer Branntweinschenke einen Kutscher zu küssen. Außerdem schläft er mit Johanna, der deutlich jüngeren Freundin seines Bewunderers Johannes. Als Baal ihr zu erkennen gibt, dass er nichts weiter von ihr will, stürzt Johanna sich verzweifelt in einen Bach.
Baal schwängert Sophie Dechant. Er hat sie anfangs vermutlich geliebt, betrachtet sie jedoch bald als Last und versucht, sie seinem Freund Ekart zu überlassen: „Was muss ich dir geben, dass du meine Frau nimmst?“ Im Frühling verschwindet Baal mit Ekart. Die beiden ziehen betrügerisch durch die Lande.
Acht Jahre später ersticht Baal Ekart während eines Streits. Anschließend flieht er zu Holzfällern. Dort stirbt er schließlich. Das Drama endet offen mit dem Bericht eines Holzfällers über Baals letzte Worte: „Ich horche noch auf den Regen“.
Abgrenzung und antiillusionistisches Theater
Baal entstand 1918 als Gegenposition zu Hanns Johsts expressionistischem Drama Der Einsame. Ein Menschenuntergang. In Johsts Stück scheitert ein Dichter an der Gesellschaft, weil er ihr geistig weit voraus ist, und endet in der Einsamkeit. Brecht entwarf Baal als radikales Gegenbild zu Johsts Figur Grabbe.
Baal ist ein Mensch, der sich dem Vitalismus verschrieben hat. Damit ist hier eine vollkommene Hinwendung zur Natur gemeint. Diese Abwendung vom Menschen geschieht auf Kosten der Gesellschaft. Brecht führt den Vitalismus dadurch ad absurdum und demontiert das expressionistische Pathos, das den Menschen in einen natürlichen Zustand zurückversetzen will. Der Expressionismus war somit ein Anregungspunkt für die Entstehung des Stücks, zugleich verwendet Brecht expressionistische Stilmittel.
Brecht grenzt sich außerdem von der aristotelischen Theorie ab und fordert ein antiillusionistisches Theater. Nach seiner Auffassung hindert die Illusion die Zuschauer am selbstständigen Denken. Das Ziel ist deshalb ein Stück, mit dem sich die Zuschauer nicht identifizieren. Brecht schrieb in seinem Tagebuch, er hoffe, im Baal und in Dickicht den „großen Fehler sonstiger Kunst“ vermieden zu haben: ihre „Bemühung mitzureißen“.
Epische Strukturelemente
Baal entstand lange vor Brechts späterer Konzeption des epischen Theaters. Diese Theorie wurde erst 1930 entwickelt; eine endgültige Fassung gab es nie. Trotzdem enthält Baal bereits zahlreiche Elemente, die in Richtung des epischen Theaters weisen. Dazu gehört besonders der Verfremdungseffekt: Die Darstellung soll die unmittelbare Identifikation und Illusion unterbrechen.
Eine wichtige Form dieses Verfremdungseffekts sind die eingestreuten Lieder und Gedichte. Bereits das Eingangsgedicht Der Choral vom großen Baal erfüllt diese Funktion. Außerdem enthält das Stück:
- die Verbindung verschiedener Gattungen,
- Identitätsauflösungen,
- Regieanweisungen und Nebentext,
- Figuren, die als Erzähler auftreten,
- Widersprüchlichkeiten in der Handlung,
- Widersprüche im zeitlichen Ablauf,
- widersprüchliche Dialoge,
- einen offenen Einstieg und
- ein offenes Ende.
Trotz dieser Merkmale ist Baal noch kein Stück des epischen Theaters. Es fehlt die Darstellung von Gesellschaftsprozessen. Geschichte erscheint nur in abstrakter Form. Das Stück ist daher in gewissem Maß „episierend“: Die Episierung findet in der Form, nicht aber im Inhalt statt. Auch die für Brechts spätere Werke typische Dialektik fehlt noch.
Kritische Einordnung
Brecht kritisierte Baal rückblickend als zwar asoziale Figur, fügte jedoch hinzu, Baal sei „in einer asozialen Gesellschaft“ asozial. Damit verwies er auf den gesellschaftlichen Zusammenhang, der in der späteren Bewertung der Figur berücksichtigt werden müsse.
1938 bezeichnete Brecht Baal außerdem als „den Sichausleber und Andreausleber“. Diese Formulierung fasst die Figur als jemanden zusammen, der sich selbst und andere hemmungslos auslebt.