Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Überwachungskapitalismus

Überwachungskapitalismus (englisch surveillance capitalism) ist ein vor allem von der US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Theoretische Grundlagen
  3. 3. Zuboffs zentrale Kritik
  4. 4. Vorgeschlagene Gegenmaßnahmen
  5. 5. Rezeption und Weiterentwicklung

Begriff und Grundidee

Überwachungskapitalismus (englisch: surveillance capitalism) bezeichnet nach Shoshana Zuboff ein marktwirtschaftliches kapitalistisches System. Unternehmen schöpfen mit technischen Mitteln persönliche Daten von Menschen ab, sammeln und analysieren Informationen über deren Verhaltensweisen und bereiten sie für marktökonomische Entscheidungen auf. Daraus werden Verhaltensvorhersagen erzeugt, mit deren Nutzung Gewinne erzielt werden können. Zuboff verwendete den Begriff erstmals öffentlich in der zweiten Septemberwoche 2014 bei ihrer Eröffnungsrede im M100 Sanssouci Colloquium in Potsdam.

Die Datenerfassung erfolgt vor allem durch marktbeherrschende Internetunternehmen („Big Tech“). Erfasst werden Nutzungsdaten aus dem Internet, sozialen Medien, Telefonen, Fernsehern, WLANs, Smart Homes, Kraftfahrzeugen, dem Internet der Dinge und verschiedenen Sensoren. Mithilfe von Big Data, also der Verarbeitung großer Datenmengen, werden diese Daten analysiert, verarbeitet und für Unternehmen sowie andere Marktteilnehmer nutzbar gemacht. Nach Zuboff übersteigt die so systematisch und zielgerichtet erfasste Datenmenge häufig das, worüber staatliche Behörden verfügen. Die Nutzer verlieren dabei die Kontrolle über Informationen, die ursprünglich aus ihrem eigenen Leben stammen.

Zuboff beschreibt den Überwachungskapitalismus zugespitzt als „Putsch von oben“ und als „totalitäres Projekt“. Er stelle die Souveränität des Volkes und demokratische Normen infrage. Einen wichtigen Ausgangspunkt sieht sie in den Veränderungen der Musikindustrie zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Napster und besonders Apple ermöglichten mit iPods, iTunes und später iPhones, Musik individuell, jederzeit, an jedem Ort und nach eigenen Wünschen zu erwerben und zu konsumieren. Die Downloads stiegen von fünf Millionen im ersten Monat auf zwei Milliarden viereinhalb Jahre später, Anfang 2007, und auf über 25 Milliarden im Jahr 2013. Daraus entwickelte sich das Konsumprinzip „was-wann-wo-und-wie-immer-ich-will“.

Nach Zuboff prallen dabei zwei Kräfte aufeinander: der gesellschaftliche Wandel von Fremdbestimmung zu Selbstbestimmung und die neoliberale politische Ökonomie, die den Drang nach psychologischer Selbstbestimmung und moralischem Handeln hemme oder umkehre. Das zunächst selbstbestimmt wirkende Internet sei mit dem Aufstieg von Google, Facebook, WhatsApp und ähnlichen Unternehmen zur Illusion geworden. Die scheinbar kostenlosen Angebote hätten als Preis die Aufgabe der Privatsphäre.

Theoretische Grundlagen

Zuboff versteht den Überwachungskapitalismus als neue Marktform. Sie folgt weiterhin der bekannten Logik der Kapitalakkumulation, beruht aber zusätzlich auf der kommerziellen Monetarisierung des Wissens über das aktuelle Verhalten von Konsumenten. Zugleich soll das zukünftige Verhalten vorhergesagt und beeinflusst werden, damit neue Einnahmequellen entstehen.

Private menschliche Erfahrungen werden dabei wie frei zugängliches Rohmaterial behandelt. Durch heimliche Verhaltensbeobachtung entstehen Prognosen, die als „Verhaltensprodukte“ auf neuen Märkten verkauft werden. Unternehmen können dadurch ohne angemessene Autorisierung Einfluss auf das Verhalten anderer nehmen, um den eigenen Profit und die eigene Macht zu vergrößern. Der Begriff Big Data kann nach Zuboff verschleiern, dass persönliche Daten systematisch abgeschöpft und verarbeitet werden, ohne dass der Einzelne wirksam einwilligt.

Als Beispiel für die Interessen der großen Unternehmen nennt Zuboff einen Deal zwischen Google und Microsoft aus dem Jahr 2016. Die Rivalen hätten beschlossen, gegenseitige Kartellprozesse zu vermeiden, um einer drohenden Regulierung zu entgehen. Dies bestätige aus ihrer Sicht, dass ein scheinbar demokratischer, aber unregulierter Markt das Abschöpfen persönlicher Daten begünstige.

Zuboffs zentrale Kritik

Zuboff kritisiert, dass der Überwachungskapitalismus menschliches Verhalten nicht nur vorhersagen, sondern auch verändern will. Dadurch sollen Einnahmen und Marktbeherrschung entstehen. Die fehlende Regulierung gebe Internetunternehmen die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, welche Daten sie von Nutzern erzeugen, auf welchem Weg sie diese gewinnen und wie sie sie verwenden. Unternehmen könnten dadurch die digitale Zukunft nach ihren Vorstellungen festlegen und Fakten schaffen.

Die Nutzer würden zu unbezahlten Arbeitskräften gemacht, weil sie die für das Geschäftsmodell notwendigen Daten liefern und dabei faktisch über diese Daten enteignet werden. Zuboff unterscheidet dabei drei Begriffe: Die abgeschöpften Daten nennt sie „Überwachungsgüter“ (surveillance assets), das daraus erwirtschaftete Kapital „Überwachungskapital“ (surveillance capital) und das gesamte kapitalistische System „Überwachungskapitalismus“ (surveillance capitalism).

Eine weitere Folge ist laut Zuboff eine beispiellose Asymmetrie des Wissens. Wenige „Überwachungskapitalisten“ verfügten über sehr viel Macht, während diese Macht für die Öffentlichkeit häufig weder transparent noch leicht erkennbar sei. Die Sammlung von Nutzerdaten sei außerdem längst nicht mehr auf die großen Internetkonzerne beschränkt, sondern ein fester Bestandteil auch vieler Online-Start-ups und ihrer Anwendungen.

Vorgeschlagene Gegenmaßnahmen

Zuboff lehnt den informationellen Kapitalismus nicht grundsätzlich ab. Sie hält jedoch eine bloße „Gegen-Deklaration“, die das Verhalten der Internetkonzerne zurückweist, für unzureichend. Zusätzlich brauche es eine „synthetische Deklaration“, durch die eine andere, neue Form des Informationskapitalismus entstehen könne.

Vor allem fordert sie administrative, wahrscheinlich gesetzliche Maßnahmen. Konzerne sollen mit Datensätzen sensibler personenbezogener Daten nicht nach eigenem Belieben umgehen dürfen. Durch das Zusammenführen vieler Informationen in Big Data werde der Mensch „gläsern“ und verwundbar, während die Konzerne immer mächtiger würden. Wenn solche Datensätze unreguliert zu Handelswaren werden, seien gesellschaftliche Verwerfungen zu erwarten. Regulierung müsse deshalb Teil der sozialen Ordnung sein, auf demokratischen Prinzipien beruhen und Menschen vor Datenmissbrauch schützen.

Zuboff meint, die Welt sei in eine vorgutenbergsche Ordnung zurückgefallen. Die demokratisierende Wirkung der Gutenberg-Revolution, durch die das gemeine Volk am Wissen der Gesellschaft teilhaben konnte, werde aufgehoben, weil das Wissen, das Konzerne mithilfe künstlicher Intelligenz aus ihren Daten gewinnen, in privater Hand liege. Es sei einer „kleinen Priesterschaft privat angestellter Computerspezialisten“ überlassen, die es für private wirtschaftliche Interessen nutze.

Einen vollständigen Schutz vor instrumentellem Machtmissbrauch innerhalb einer Demokratie hält Zuboff nicht für möglich. Gesetze könnten außerdem nur greifen, wenn sich zuvor die öffentliche Meinung verändert habe. Daher fordert sie die Zivilgesellschaft auf, „Sand im Getriebe“ zu sein und sich den Mechanismen des Überwachungskapitalismus zu widersetzen. Ihre Hoffnung richtet sich besonders auf Gesetzesinitiativen der Europäischen Union, darunter den Digital Services Act und den Digital Markets Act.

Rezeption und Weiterentwicklung

Im deutschsprachigen Raum wurde Zuboff unter anderem durch Veröffentlichungen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den Jahren 2013 und 2014 bekannt. Dirk Hohnsträter hebt an ihrem Buch Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus den klaren Blick für die Macht- und Kommunikationsstrategien weniger dominanter Konzerne hervor. Er kritisiert jedoch Zuboffs These, der Überwachungskapitalismus bedeute einen vollständig neuen Entwurf der marktwirtschaftlichen Ordnung.

Matthias Burchardt sieht Zuboffs beschriebene Tendenzen auch in der Bildungspolitik bestätigt. Er kritisiert die Digitalisierungsoffensive Johanna Wankas und den Digitalpakt, weil Pädagogik dadurch zur Sozialtechnologie und erziehungswissenschaftliche Reflexion durch Statistik ersetzt werde. 2019 bewertete er Digitalisierung als Teil einer Entwicklung zum totalitären Überwachungskapitalismus.

Arno Rolf vergleicht Zuboffs Erzählung von der Zerstörung der Demokratie durch Big Data und künstliche Intelligenz mit Armin Nassehis Erklärung digitaler Gesellschaften durch Mustererkennung in komplexen Gesellschaften. Beide Sichtweisen schließen sich nach Rolf nicht aus, sondern können einander ergänzen.

Trevor Paglen erklärte 2023, der Überwachungskapitalismus werde angesichts künstlich erzeugter Medien und personalisierten Targetings durch einen „PSYOPS-Kapitalismus“ (psyops capitalism) abgelöst. In diesem Modell könnten öffentliche und private Akteure Menschen nicht nur hyperindividuell analysieren, sondern auch ihr Kaufverhalten und ihr politisches Engagement gezielt steuern.

Weiterlesen

Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten ; Amtssprache · Englisch ; Hauptstadt · Washington, D.C. ; Staats- und Regierungsform · föderale präsidentielle konstitutionelle Republik. Marktwirtschaft Die Marktwirtschaft ist ein zentraler Begriff der ökonomischen Theorie und der Wirtschaftsgeschichte. In der Theorie der Wirtschaftsordnungen bezeichnet … Kapitalismus Die Epoche des modernen Kapitalismus bezeichnet eine wirtschaftsgeschichtliche Periode, die im 18. Jahrhundert in Europa mit der industriellen Revolution begann … Daten Daten bezeichnet als Plural von Datum Fakten, Zeitpunkte oder kalendarische Zeitangaben. Als Pluralwort steht es für durch Beobachtungen, Messungen u. a. Demokratie Demokratie (von altgriechisch δημοκρατία dēmokratía Volksherrschaft) ist ein Begriff für Formen der Herrschaftsorganisation auf der Grundlage der … Totalitarismus Totalitarismus bezeichnet eine Herrschaftsform mit einem uneingeschränkten Verfügungsanspruch der Herrschenden über die Beherrschten, auch im persönlichen … Internet Mit Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter oder YouTube trat das bidirektionale Austauschen von Inhalten unter den Nutzern (sogenanntem user … Big Tech Die fünf größten IT-Unternehmen nach Marktkapitalisierung sind Alphabet (vor allem Google), Amazon, Apple, Meta (Facebook, Instagram, Whatsapp) und Microsoft ( … Wireless Local Area Network WLANs stellen Anpassungen der Schicht 1 und 2 des OSI-Referenzmodells dar, wohingegen in WPANs z. B. über eine im Netzwerkprotokoll vorgesehene Emulation der … Smart Home Smart Home ist ein Oberbegriff für technische Verfahren und Systeme zur Gebäudeautomation in Wohnräumen und -häusern, in deren Mittelpunkt eine Erhöhung von … Internet der Dinge Das Internet der Dinge (IdD) (auch: „Allesnetz“; englisch Internet of Things, Kurzform: IoT) ist ein Sammelbegriff für Technologien einer globalen … Sensor Ein Sensor (von lateinisch sentire, deutsch „fühlen“ oder „empfinden“), auch als Detektor, (Messgrößen- oder Mess-)Aufnehmer oder (Mess-)Fühler bezeichnet, …