Worin irren sich Atheisten, Markus Gabriel? | Sternstunde Religion | SRF Kultur SRF Kultur Sternstunden https://www.youtube.com/watch?v=ppQPM8Ea-94 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Hallo zusammen. Gibt es einen Gott? Oder ist die Frage falsch gestellt? 0:05 Sollten wir besser fragen: Was bedeutet Gott für unser Leben? Doch was soll Gott noch bringen, wenn alles im Leben 0:13 ohne Gott naturwissenschaftlich Erklärung findet? Markus Gabriel, der renommierte Philosoph und Bestsellerautor 0:21 hält diesen Naturwissenschafts- fetischismus für fatal und falsch. Wie lässt sich aber sonst unsere Wirklichkeit erklären? 0:32 Mit Untertiteln von SWISS TXT Gibt es einen Moment oder eine Erfahrung in Ihrem Leben, 0:40 die Ihre Sicht auf Gott verändert hat? Ich denke, fundamental gibt es verschiedene Punkte in meinem Leben, 0:47 von denen ich sagen würde, dass ich den Eindruck gehabt habe, dass die Wirklichkeit mir eine Bedeutung entgegenbringt, 0:54 die ich nicht gesetzt habe. Das sind die Geburt meiner Kinder, das Kennenlernen meiner Frau ... 1:00 Oder Situationen wie der Tod des eigenen Vaters in meinem Fall, wo man das Gefühl hat - 1:07 in Grenzsituationen, wie der Philosoph Karl Jaspers das nannte -, dass man mit etwas zu tun hat, das einen selbst überschreitet. 1:15 D.h., Sie würden diese Momente als Gottesmomente bezeichnen? Ich glaube, der Ursprung der religiösen Erfahrung 1:24 und der Frage nach Gott, den Göttern oder dem Göttlichen liegt darin, dass Menschen eine bestimmte Erfahrung 1:31 mit der Wirklichkeit machen. Dass die Wirklichkeit nicht nur im Allgemeinen unverfügbar ist, 1:37 dass wir die Wirklichkeit letztlich nicht verändern, ihr nicht entrinnen können. 1:42 Sondern dass die unverfügbare Wirklichkeit, das, worüber wir keine Kontrolle haben, 1:46 uns Bedeutung entgegenbringt. Ich glaube, das ist die eigentliche religiöse Erfahrung. 1:51 Der Eindruck, als ob die Wirklichkeit selber mit einem spricht, eine tiefere Bedeutung hat 1:57 als die Oberfläche des alltäglichen Geschehens. Das möchte ich gerne mit Ihnen in diesem Gespräch entziffern. 2:05 Dabei würde ich dieses Thema gern in vier Themenblöcken - wenn es uns gelingt - 2:11 differenziert betrachten. Beginnen möchte ich mit dem persönlichen Gott, 2:18 dann den philosophischen Gott, wie man ihn nennt. Danach den religiösen Gott und am Ende Gott und die Gegenwart. 2:25 Herr Gabriel, in Ihrem aktuellen Buch "Sätze über Sätze", in dem Sie uns durch eine Art ABC des wachen Denkens führen, 2:34 fand ich den Eintrag zum Buchstaben G doch etwas überraschend und erklärungsbedürftig. 2:41 Sie schreiben nämlich: Wie ist dies zu erklären? 2:56 Wenn man durch die gesamte Geschichte des philosophischen und religiösen Nachdenkens 3:01 über Gott und die Götter schaut, wird man in den letzten 3'000 bis 4'000 Jahren - 3:06 das sagen auch andere Ideenhistoriker - immer wieder Momente finden, 3:10 in denen eine bestimme Frage gestellt wurde. Und zwar unter polytheistischen Bedingungen - 3:15 Menschen glaubten, es gibt viele Götter. Diese Frage war, ob es einen höchsten Gott gibt. 3:20 Schon in Ägypten kam man auf den Gedanken - Echnaton ist der damit verbundene Name -, 3:26 dass es einen höchsten Gott gibt. Das war dann oft die Sonne. 3:30 Ein Gegenstand in der Wirklichkeit als mächtigste Quelle von Sinn und Bedeutung. 3:36 Dann zieht sich die Idee argumentativ durch die Geschichte der Philosophie. 3:41 Spinoza ist da vielleicht der grösste Name. Doch man findet das schon in der Antike. 3:46 Platon, Aristoteles und andere grosse Denker. Ganz zu schweigen von nicht-westlichen Kontexten, 3:52 wo es auch immer wieder auftaucht. Warum? 3:57 Stellen wir uns vor, es gäbe viele allerhöchste Mächte. Das ist die einfachste Überlegung. 4:03 Viele Quellen des Seins. Dann wäre es so, dass aus jeder dieser Quellen des gesamten Seins 4:09 alles gekommen sein muss. Das geht natürlich nicht. 4:13 Wenn die Wirklichkeit insgesamt organisiert ist, kann es nicht mehrere gleich gute Organisationen geben. 4:19 Es kann letztlich nur eine Art und Weise geben, in der die Dinge insgesamt 4:25 unter einer Allmacht optimal organisiert sind. Das war die Idee. 4:29 Daher sagen die grossen Philosophen ... Xenophanes hat das in der Antike formuliert, 4:34 Platon, Aristoteles, und dann zieht sich das durch die Zeiten. 4:38 ... dass es entweder einen Gott gibt oder keinen. D.h., entweder sind die Dinge in einem riesigen Chaos gefangen 4:45 und es gibt keine Organisation. Es gibt - wie man modern sagen würde - keinen Sinn des Lebens. 4:50 Oder es gibt genau e i n e Quelle der Organisation. "Alles ist auf eines hin angeordnet", sagt Aristoteles. 4:57 Das ist die philosophische Uridee des Monotheismus. Die monotheistischen Religionen argumentieren letztlich auch so. 5:04 Es ist also völlig undenkbar, dass in der Wüste mehrere Götter auftauchen, 5:09 auch wenn Gott im Hebräischen ursprünglich im Plural benannt wurde, als Elohim. 5:14 Doch wie sind Sie darauf gekommen, unter dem Buchstaben G ausgerechnet Götter zu subsumieren 5:21 und nicht Goofy oder andere Themen, die Sie auch interessieren. Mit anderen Worten: 5:27 Was für einen Stellenwert hat der Begriff Gottes für das wache Denken? 5:35 Wir sollten nicht unterschätzen, was unsere philosophischen und sonstigen Vorfahren uns gelehrt haben. 5:42 Wir reden hier nicht nur über Tausende von Jahren, sondern vielleicht über Hunderttausende von Jahren. 5:47 Die Frage nach Gott oder dem Göttlichen ist die wichtigste Frage der Menschheit. 5:53 Wir unterschätzen das heute, weil wir glauben, dass sei eine x-beliebige, vertauschbare Frage. 5:59 Man könnte über Gott reden oder über Goofy. Oder über Geld vielleicht sogar noch eher. 6:04 Warum also Gott? Ich glaube, dass die Frage nach Gott - 6:08 ganz einfach formuliert "Gibt es Gott?" - eine der wichtigsten Fragen ist. 6:14 Da die Bedeutung der Wirklichkeit, in der wir uns befinden, wesentlich davon abhängt, ob es Gott gibt oder nicht. 6:21 Die Philosophie hat immer gesagt, der würdigste Gegenstand des philosophischen Nachdenkens sei Gott. 6:28 Ich sehe nicht, warum wir an dieser grundlegenden Spielregel etwas ändern sollten. 6:33 D.h., Sie würden sagen, dass nicht nur die Religionen Instanzen sind, die den Gedanken Gottes wachhalten, 6:40 sondern das ist auch ein Inhalt der Philosophie. Sie bezeichnen ihn auch noch als den grössten Inhalt, 6:49 doch nennen wir ihn überhaupt einen Inhalt. Denn in der heutigen Geistesgegenwart 6:54 scheint mir die Frage etwas ins Abseits geraten zu sein. In der Tat. Doch das ist eine junge Entwicklung. 7:01 Es gibt keine bedeutende Philosophie, an die sich noch jemand erinnert, 7:06 die - vorsichtig gesagt - nicht zentrale Überlegungen über Gott angestellt hat. 7:12 Das gilt nicht nur für die Philosophie, sondern ursprünglich auch für die Naturwissenschaften. 7:17 Isaac Newton beschäftigte sich mehr mit theologischen Studien, also mit der Frage nach Gott, als mit Physik. 7:25 Das ist ein bemerkenswerter Befund. D.h., nichts, was philosophisch von Bedeutung ist, kommt aus, 7:31 ohne eine Beantwortung der Frage, wie man es mit der Religion hält. Da gibt es auch keine sinnvolle Ausnahme. 7:38 Der Umstand, dass wir seit einigen Jahrzehnten - mehr ist das welthistorisch gesehen nicht - 7:43 glauben, dass Gott ein optionales Thema der Philosophie sei, sozusagen eine Nische der Religionsphilosophie, 7:51 die unterfinanziert ist und für die wenig Interesse besteht, ist eine provinzielle Entwicklung der Menschheitsgeschichte. 8:01 Ich glaube nicht, dass das nachhaltig ist. Eigentlich wollte ich mit Ihnen über den persönlichen Gott reden, 8:07 doch wir reden schon über den philosophischen Gott. Das ist gut so, wir bleiben dabei 8:13 und holen den persönlichen Gott vielleicht später noch ein. Sie haben es direkt und indirekt schon benannt: 8:20 Seit der Antike ist die Frage nach Gott und dem Göttlichen eine bleibende Frage der Philosophie. 8:27 Dennoch befinden wir uns heute in einer Zeit, die man als eine Zeit der Gotteskrise bezeichnen kann. 8:35 Lassen Sie uns zunächst zwei gewichtige Stimme dazu hören. Ich finde, die Religion sollte kritisiert werden, 8:44 weil sie als Konkurrenz gegen die wissenschaftlichen Erklärungen für das Leben und das Universum 8:51 ins Feld geführt wird. Das ist nicht gut für die Erziehung. 8:55 Denn es erweckt den Eindruck, man könne die Verantwortung, Dinge zu verstehen, umgehen. 9:03 Und zwar mit einfachen Erklärungen wie: Das hat Gott gemacht. 9:10 Wie weiss ich, ob es den Weihnachtsmann nicht gibt? Den Osterhasen? 9:16 Das Monster von Loch Ness? Ich weiss es nicht. 9:20 Vielleicht gibt es sie tatsächlich. Doch ich bin ziemlich sicher und sage wie Richard Dawkins, 9:26 wahrscheinlich gibt es Gott nicht. Und ich meine, sehr wahrscheinlich. 9:31 Ich denke, die Existenz Gottes ist so unwahrscheinlich wie die Existenz des Weihnachtsmannes. 9:39 Ich gebe gern zu, dass die frühe Religion bei der Bildung von Gruppenidentitäten 9:46 eine wichtige Rolle spielte und den sozialen Zusammenhang ermöglichte. 9:53 Diese Rolle ist heute weniger notwendig. Ich sehe die Religion als sehr wichtige frühe Stütze. 10:02 Als eine Prothese, wenn Sie so wollen, um die Zivilisationen mit Demokratie, Wissenschaft, 10:09 freier Presse und all diesen guten Errungenschaften auszustatten. Sie war der Motor dafür. 10:19 Doch jetzt können wir die Religion abschaffen? Jetzt kann die Religion verschwinden. 10:26 Bevor Sie sich dazu verhalten, noch eine kleine Anmerkung. Bei der Auswahl der Stimmen suchte ich eine weibliche Stimme. 10:36 Die Stimme einer Atheistin, die sich prominent genauso artikuliert. 10:40 Ich bin aber nicht fündig geworden. Dann dachte ich, ich müsste eigentlich gründlicher recherchieren. 10:48 Dann habe ich es gelassen. Und zwar deswegen, weil ich dachte, die Frage gebe ich Herrn Gabriel weiter. 10:55 Warum muss ich gründlich suchen, um die Stimme zu finden? Wieso gibt es kaum Frauen, die sich atheistisch artikulieren? 11:05 Das ist eine schwierige Frage, zu der man recherchieren müsste. Das Verhältnis von Theologie und Gender 11:12 ist ein hochkomplexes, das man erforschen muss. Doch auch da wären sicher 11:18 auf beiden Seiten der Gemengelage Stimmen zu finden. Es gibt insbesondere gewichtige Mystikerinnen, 11:25 die man vielleicht als Vorstufen einer bestimmten Form der Religion kategorisieren müsste. 11:31 Doch wir müssen sehen, dass auch im theologischen Denken ... Ich nenne jetzt nur x-beliebig Hildegard von Bingen als Beispiel. 11:40 Oder die Heilige ... - Mechthild von Magdeburg. ... die Heilige Theresa usw. 11:46 D.h., man wird immer wieder Figuren auf beiden Seiten des Nachdenkens über Gott finden. 11:51 Warum das atheistische Lager, insbesondere die Neoatheisten, die wir gerade gehört haben, 11:58 Daniel Dennett, Richard Dawkins oder auch der Physiker Lawrence Krauss, die sozusagen zur selben Gang gehören ... 12:04 Warum da der Atheismus eine vielleicht männliche Gestalt annimmt, 12:09 wäre eine interessante Frage der Geschlechterforschung. Nun zur eigentlichen Frage. 12:14 Die zwei widersprechen Ihnen ja diametral. Wo ist der springende Punkt des Atheismus? 12:22 Ich glaube, die Erklärungen, die wir eben von Dennett und Dawkins gehört haben, 12:28 sind auf der elementaren religions- philosophischen Ebene falsch. Wir haben Aussagen gehört, 12:36 die bei genauerer Betrachtung nachweislich falsch sind. Z.B. die These von Richard Dawkins, 12:43 dass Gott angeführt wird, um Phänomene der Natur naturwissenschaftlich mit einer schlechten Erklärung zu erklären: 12:50 "Gott hat das gemacht." Warum gibt es zwei Geschlechter im Paradies? 12:56 Gott hat das gemacht. Warum gibt es Krankheiten? Gott hat sie gesandt. 13:02 Das aber ist nicht in der Religion zu finden. Es ist eine religionsphilosophisch inakzeptable These, 13:09 dass der Begriff oder die Idee Gottes in der Menschheitsgeschichte eingeführt wurde, 13:14 um Naturerscheinungen zu klären. Ich würde behaupten, das ist 13:18 eine der schlechtesten religions- wissenschaftlichen Hypothesen, die man formulieren kann. 13:24 D.h., unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten halte ich die Aussage von Dennett für disqualifiziert. 13:30 Dito für ... Von Dawkins, Entschuldigung. Dito für die Aussage Dennetts, dass die Funktion der Religion Gottes 13:36 darin besteht, soziale Kohäsion zu stiften. Und dass überdies Gott für diese Funktion 13:42 heute nicht mehr gebraucht wird in demokratischen Staaten. Das widerspricht der Tatsache, 13:48 dass auch in liberalen, demokratischen Rechtsstaaten sehr viele Menschen an Gott glauben, 13:53 und dass es organisierte Kirchen mit Kirchensteuer gibt. Z.B. in der Schweiz oder in Deutschland. 13:59 Auch das widerspricht insgesamt den Tatsachen. Und es stimmt gar nicht, dass menschliche Gemeinschaften 14:05 durch den Glauben an Gott immer zusammengehalten wurden und jetzt können wir das z.B. durch Naturwissenschaften ersetzten. 14:13 Die Erklärungen, die wir hier gehört haben, über den Ursprung und die Funktion der Religion, 14:19 sind unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten - und das beanspruchen Dennett und Dawkins - nicht seriös. 14:26 Darin sehe ich das erste Problem. Doch nun kann es ja sein, 14:30 dass alle anderen irren. Die Kirchen können irren. 14:36 Das alte Argument von Feuerbach, dass wir aus einer tiefgreifenden Sehnsucht nach dem, 14:43 was wir nicht sind und was wir gern haben und sein wollten, all das projizieren. 14:49 Nämlich es gäbe Gott, um die Schwäche der Menschheit zu füllen. 14:54 D.h., Sie würden sagen, Marxisten, Neoatheisten, Naturalisten, sie alle irren? 15:00 Richtig, das würde ich sogar ganz bestimmt so behaupten. Da wir es hier noch nicht mit einer religiösen Frage zu tun haben. 15:08 Wir befinden uns auf dem Feld vor Beantwortung der Frage, ob es Gott gibt. 15:13 Jetzt stellen wir die Frage: Wie kommen Menschen auf die Idee Gottes 15:18 und welche soziologische oder explanatorische Funktion hat die Idee Gottes im menschlichen Leben? 15:25 Auf diese Frage gibt es wissenschaftliche Antworten. Diese wissenschaftlichen - religionswissenschaftlichen, 15:31 theologischen, religionsphilosophischen - Antworten, die wir aus dem Lager Feuerbach usw. hören, 15:38 sind alles Thesen, die nachweislich nicht tragfähig sind. Das stimmt alles so nicht, was wir da hören. 15:45 Es gibt viel bessere Alternativen. In den letzten 200 Jahren wurde dazu gearbeitet. 15:50 Es ist interessant, dass diese gesamte Diskussionslage, die wir aus den relevanten Disziplinen haben ... 15:56 Sei es die Ägyptologie, die sich mit der Frage des Ursprungs des Monotheismus in Ägypten beschäftigt, 16:01 oder die Judaistik oder die Islamwissenschaft. Um nur mal Gebiete aufzurufen, 16:06 an die man bei Religion manchmal nicht denkt. Dort kriegen wir Antworten auf die Frage, 16:11 die - im Wettbewerb mit dem, was wir gehört haben - aus meiner Sicht besser sind. 16:17 Da geht es schon los. Lassen Sie uns in den zweiten Themenkomplex eindringen, 16:23 den religiösen Gott Zuvor vielleicht die Frage, die auch dazu gehört: 16:29 Wie würden Sie dann den Andrang auf diese Sicht erklären? Worin besteht die Anziehungskraft von Naturalismus 16:41 und v.a. von Atheismus? Wir leben in den letzten 200 Jahren in einem Zeitalter, 16:49 das sich auf dem Weg zu dem befindet, was ich den modernen Nihilismus nennen möchte. 16:55 Der moderne Nihilismus ist die vielen von uns einleuchtende Idee, dass das Leben nach dem Tod 17:01 genauso sein wird wie das Leben vor dem Tod, also gar nicht. Und dass unser individuelles Leben darin besteht, 17:08 dass wir in einem kurzen Zeitfenster - mit etwas Glück in 80 gesunden Jahren - 17:14 nach dem Augenblicksglück streben. Und dass es mehr Sinn im Leben oder gar Sinn des Lebens nicht gibt. 17:20 Es gibt dieses ganz kurze Zeitfenster. Was ausserhalb dieses individuellen Zeitfensters passiert, 17:27 erklärt die Naturwissenschaft. Wie die Dinge waren, bevor es mich gab, 17:31 kann die Physik erforschen. Da galten bereits die Naturgesetze, 17:36 Energieerhaltungssätze, Strukturbildung, Evolution usw. Was nach mir kommt, ist im Wesentlichen so wie jetzt, 17:43 nur ohne mich. Der moderne Nihilismus leuchtet uns ein, 17:47 er scheint geradezu selbstverständlich. In diesem Bild kann Gott keine relevante Rolle spielen. 17:54 Da würde man sagen: "Was soll Gott denn in dem Bild?" Das wäre tatsächlich eine unnötige Zusatzhypothese, 18:02 wie Laplace gesagt hat. Als Napoleon ihn fragte: "Wie sieht das in Ihrer Physik mit Gott aus?", 18:08 sagte Laplace bekanntlich: "Ich habe kein Bedürfnis für eine solche Hypothese." 18:12 D.h., wenn man glaubt, dass die Wirklichkeit ungefähr so ist, 18:17 wie wir glauben, dass die Physik sie beschreibt ... 14 Mrd. Lichtjahre, 18:22 Entfaltung von Materie und Energiestrukturen in der Raumzeit, und mehr gibt es nicht zu sagen. 18:27 Wenn wir das glauben, verschwindet Gott und der Sinn unseres Lebens wird reduziert 18:32 auf eine mehr oder weniger egoistische Bedürfnisbefriedigung. Das ist der moderne Nihilismus. 18:38 Ist das nur egoistisch? Warum ist es schlecht, so zu leben? 18:42 Wer braucht denn heute noch Gott? Die Frage ist ja, ob die Weltanschauung, 18:47 die ich gerade skizziert habe, richtig ist. Ich kann in dieser Weltanschauung leben - 18:53 Um den Preis, den wir heute erleben: einer Gefahr der Selbstausrottung der Menschheit. 18:58 Ein Teil ... - Das würden Sie zurückführen auf ein atheistisches, nihilistisches Weltbild? 19:03 Ja, eindeutig. Ich behaupte, dass die Kombination des modernen Kapitalismus - 19:10 mit all seinen Vorzügen, die ich nicht infrage stelle - mit dem Positivismus, dem Glauben, dass die Naturwissenschaften allein 19:18 erklären, wie es um den Menschen und seine Gesellschaft steht ... Dass diese Kombination, 19:24 die im 19. Jh. die grosse Weltbildformation wird ... Ein solches Weltbild haben wir im Grunde heute geerbt. 19:30 Diese Kombination ist die Quelle der derzeitigen ökologischen Krise. Das würde ich tatsächlich behaupten. 19:37 Damit sehen wir, wohin es - jedenfalls derzeit - führt. Eine ethische Reform, auch für ein solches Weltbild, 19:43 ist ohnehin notwendig. D.h., Sie würden sagen, 19:48 dass die Welt mehr ist als die Summe der Puzzleteilchen der Materie? Fraglos. 19:57 Wir wissen, wenn wir die Idee hätten, dass die Wirklichkeit insgesamt nichts anderes ist 20:03 als Verschiebungen materiell energetischer Systeme ... Also Materialismus mit moderner Physik erklärt. 20:09 Das ist natürlich schwierig. Die Quantenphysik ist nicht so materialistisch 20:15 wie die Korpuskeltheorien der Frühen Neuzeit. Dennoch hätte man dann eine Idee des Humeschen Mosaiks, 20:22 wie das der Philosoph David Lewis nannte. Die Wirklichkeit ist ein Puzzleteil und dann noch eins, 20:27 und wenn man fertig ist, hat man sie. Was man dabei aber von vornherein übersieht, ist, 20:32 dass unsere naturwissenschaftlichen, erfolgreichen, beeindruckenden Erklärungen 20:37 eben dieser Puzzlestruktur, selber Dinge in Anspruch nehmen, die naturwissenschaftlich nicht erklärbar sind. 20:44 Z.B.: Warum ist die Natur mathematisch beschreibbar? Der grosse Physiker und Nobelpreisträger Eugene Wigner 20:50 schrieb einen tollen Aufsatz zu dem Thema: "The Unreasonable Effectiveness of Mathematics", 20:56 also "Die unvernünftige Effizienz der Mathematik". Bis heute ungeklärt ist die Frage, wie es sein kann, 21:02 dass unsere mathematischen, geistigen, nicht materialistischen Erklärungen ... 21:07 Eine Differentialgleichung, die man braucht, um Physik zu schreiben, 21:11 ist selber nicht Teil der materiell energetischen Wirklichkeit. Daran sehen wir von vornherein, 21:16 dass die logischen, rationalen, mathematischen Ressourcen, dank derer wir das Universum physikalisch erst entziffern können, 21:24 Indikator eines Höheren sind. Deshalb geht es selbst bei Einstein noch um Gott. 21:28 Wenn Einstein gegen die Quantenphysik das berühmte Diktum "Gott würfelt nicht" ausspricht, 21:33 sehen wir das sogar im Herzen der modernen Physik. D.h., dass Gott bei Einstein, und sei es als Chiffre, 21:40 eine Rolle spielt. Wie würden Sie sich zur Existenz oder Nichtexistenz Gottes verhalten, 21:49 wenn wir über den religiösen Gott sprechen, indem Sie mir erklären, was das mit Heidi 21:58 und Einhörnern zu tun hat? Heidi, Einhörner und den Weihnachtsmann - 22:06 da möchte ich Dennett dringend widersprechen - gibt es natürlich wirklich. 22:12 Mindestens als Fiktionen. Die Dinge, die über Heidi wahr sind, dass ihr Grossvater der Alpöhi ist, 22:19 der, wenn ich mich richtig erinnere, in Neapel im Militär gedient hat. 22:24 Dass sie ein Waisenmädchen ist, dass sie in Graubünden lebt usw. Das sind alles Wahrheiten über Heidi. 22:31 Genauso gibt es Wahrheiten über Einhörner. Dass sie ein Horn haben, 22:36 dass im Film "Das letzte Einhorn" am Ende viele Einhörner vorkommen. Es gibt viele Wahrheiten über diese fiktionalen Dinge. 22:43 Daraus folgt, dass es diese fiktionalen Dinge gibt, und sei es in Akten unserer Einbildungskraft. 22:49 D.h., den Weihnachtsmann gibt es mindestens in Praktiken des Glaubens an ihn. 22:54 Dennett unterschätzt, dass es viele Dinge nur deswegen gibt, weil wir an sie glauben. 23:01 D.h. aber nicht, dass es sie deswegen nicht gibt. Dinge, die es nur gibt, weil wir an sie glauben, 23:06 Geld, Demokratie, freie Presse, Liebe, alle Beispiele, die Dennett selber gebracht hat, 23:11 gibt es nur, weil sie abhängig davon sind, wie wir uns zu ihnen verhalten. 23:17 Selbst wenn Gott im Reich der Einhörner und Heidis existiert, und ich glaube, darauf werden wir Gott nicht reduzieren können, 23:24 selbst dann wäre Gott immer noch die mächtigste Fiktion. Dann wäre seine Macht die, die die Bibel als Werk hat: 23:31 Bestseller aller Zeiten zu sein. Das wäre dennoch eine Macht, die von dieser Fiktion ausgeht. 23:38 Genau diese Erklärung, eines Gottes als die mächtigste Fiktion, scheint mir für das religiöse Selbstverständnis 23:50 noch nicht genügsam zu sein. Das genügt noch nicht. 23:54 Denn Religionen scheinen zu behaupten, dass Gott mehr ist als die mächtigste Fiktion. 24:01 Mir scheint, das ist gerade das Problem, vor dem wir stehen. Inwiefern kann man aus einer Fiktion, 24:09 auch wenn sie die mächtigste ist, Bedeutung und Sinn schaffen? 24:15 Da kommt in der Tat die Schnittstelle des religiösen und des philosophischen Gottes ins Spiel. 24:21 Grosse Denker wie René Descartes, der physikalisch nicht gerade ungebildet war ... 24:28 Wir alle kennen kartesische Koordinatensysteme. Wir hätten keine moderne Physik und Mathematik ohne Descartes, 24:34 der bezüglich des Universums materialistisch argumentiert hat. Doch Descartes hat einen berühmten Gottesbeweis geführt, 24:41 der im 20. Jh. von Emmanuel Levinas verfeinert wurde. Da war der Gedanke, dass die Idee Gottes, 24:47 und sei sie eine Fiktion, so argumentierten sie ... Das glaube ich nicht, aber ich will darauf hinweisen, 24:53 dass das der springende Punkt ist. Sie argumentierten so, dass sie sagten, 24:57 diese Idee kann niemandem eingefallen sein. Man kann verstehen, dass jemandem Heidi oder Einhörner einfallen, 25:05 aber das ist eine Idee, die so mächtig ist, so viel Inhalt hat, nämlich den Inhalt der Unendlichkeit selbst, 25:12 dass sie niemandem eingefallen sein kann. Die Idee hat einen Inhalt, der über alles hinausgeht, 25:17 was wir uns vorstellen können. Das ist übrigens auch wenig bekannt: 25:21 Der wahre Sinn des berühmten ontologischen Gottesbeweises von Anselm von Canterbury geht nicht so, wie man gern hört, 25:29 dass er sagt: "Stell dir vor, es gäbe ein allermächtigstes Wesen." "Dieses allermächtigste Wesen muss existieren, 25:35 sonst gäbe es ein noch mächtigeres Wesen, nämlich das mächtigste Wesen, das existiert." 25:40 Das ist die vereinfachte Version. Anselm geht aber weiter, genauso wie Descartes und Levinas, 25:45 indem sie sagen, Gott ist mächtiger als alles, grösser noch als alles, was wir denken können. 25:51 Dieser Überschuss, der Gedanke von etwas, das wir denken können, 25:56 das aber grösser ist als alles, was wir denken können, das ist die Schnittstelle, 26:00 an der sich das reine philosophische Nachdenken über Gott und der Gott der Religion, 26:06 der Gott Abrahams, Isaacs und Jakobs berühren. Hm. 26:12 Und doch kann man vor einem philosophischen Gott weder musizieren noch tanzen. 26:18 Lassen Sie uns einige Eindrücke hierzu anschauen, die die besondere Hingabe und Sehnsucht 26:24 menschlicher Existenz dokumentieren, die nach Gott und Göttlichem hungert. * Trommeln * 26:34 * Wasserrauschen * * Donner * 26:38 * Trommeln * * Ethnischer Gesang * 26:50 * Sphärische Klänge * * Schnelle Laute * 27:04 * Trommeln * Herr Gabriel, fehlt Ihnen diese letzte Berührung, 27:13 die die Philosophie nicht bieten kann? Ich würde sagen, auf gewisse Weise schon. 27:20 Philosophie ist ja die Disziplin, die damit arbeiten muss, dass es Dinge gibt, 27:27 die wir nicht wissen, nicht erfassen und nicht erkennen können. Ich verstehe die Philosophie als die Wissenschaft der Grenzen. 27:34 Der Grenzen des Sagbaren, des Denkbaren und auch der Grenzen unseres Wissens. 27:39 Was jenseits der Grenzen ist, die wir philosophisch durch ordentliche Arbeit gerade noch ziehen können, 27:46 ist etwas, wo die Philosophie nicht weiterkommt. Daher auch das atheistische Bedürfnis in der Philosophie, 27:53 endlich einen Schlussstrich unter die philosophische Arbeit zu machen und Dogmatiker zu werden. 28:00 Also zu glauben, dass man doch Bescheid weiss. Die Dinge sind so, wie Physik oder Neurowissenschaft sagen. 28:06 Das wäre eine endgültige Erklärung. Dann haben wir zwar die Details noch nicht, 28:10 wissen aber ungefähr wie es aussieht. Dazu hat Immanuel Kant zu Recht gesagt: 28:15 "Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen." Er sagt das, darauf folgt direkt eine Kritik 28:22 am "Dogmatismus der Metaphysik", den er für eine Quelle des Unglaubens hält. 28:27 Was er damit meint ist: Glaube in der Philosophie beginnt damit, dass wir verstehen: 28:32 Hier ist eine Grenze, diese Grenze verschiebt sich. Wir wissen oft nicht genau, wo die Grenzen liegen. 28:38 Die Grenzen des Denkbaren stehen nicht fest. Sie sind beweglich, da die Menschheit sich 28:43 durch wissenschaftlichen Fortschritt bewegt. Doch jenseits der Grenze des Wissbaren, 28:47 wo auch immer sie genau liegt, dort liegt - wenn überhaupt - der Gott der Religion. 28:52 Das ist deshalb ein anderer Gott als der, der philosophisch angepeilt werden kann. 28:56 Wenn es den Gott der Religion gibt ... Dazu habe ich mich heute hier noch gar nicht verhalten. 29:03 Ich habe nur gesagt, was es heissen würde, darüber nachzudenken. ... dann wäre Gott ein persönlicher Gott. 29:10 Ein Gott, der von der anderen Seite einer von uns gerade noch beschreibbaren Grenze her, 29:16 antwortet, uns entgegenkommt. Das wäre der persönliche Gott und auch der Gott, 29:22 um den es in der Religion geht. Das ist eben kein Gott des Aberglaubens, 29:27 wie die Neoatheisten meinen. Das ist der Gott, vor dem man niederkniet. 29:33 Das ist der Gott, zu dem Menschen beten. Das ist der Gott der Freude, 29:38 der Quelle des Tanzes, der Ängste usw. Das ist eine Erfahrung und kein Spaghetti-Monster, 29:45 das Menschen einführen, weil sie schlecht in Physik sind. D.h., Sie würden das Verhältnis zwischen Philosophie und Religion 29:53 als ein Verhältnis zwischen Grenze und Grenzüberschreitung beschreiben? Wo steht Markus Gabriel innerhalb dieser Beschreibung? 30:04 Ich versuche in meiner philosophischen Arbeit immer wieder, die Hand sozusagen über die Grenze zu strecken. 30:12 Ich bin mit dem Kopf auch nicht durch die Grenze gekommen, sonst wäre ich auch schon kein Philosoph mehr. 30:18 Aber vielleicht ist es so, dass ich bereit bin, wie viele Philosoph/-innen der Tradition auch - 30:25 z.B. Edith Stein, die grosse Denkerin aus Freiburg, die sich mit den Themen des 20. Jh. beschäftigt hat. 30:33 Sie war eine berühmte Schülerin Husserls. Sie versucht, sozusagen mit dem Kopf über die Grenze hinwegzukommen. 30:41 Ich habe jedenfalls meine Hände in Richtung Transzendenz ausgestreckt. Ich weiss nicht, ob sie jemand entgegengenommen hat. 30:48 Wenn ich das schon wüsste und nicht nur die Markierung einer Grenze hätte, 30:53 dann wäre ich als Philosoph religiös und dann in dieser Funktion nicht mehr Philosoph. 30:59 Philosophen sind - wenn ich so theologisch reden darf - allenfalls wie Johannes der Täufer. 31:04 Jemand anderes muss antworten, das kann die Philosophie selbst nicht mehr tun. 31:09 Und ich bin froh und zufrieden mit der Rolle des Philosophen. Unbefriedigend ist, dass man nicht in die Transzendenz blicken kann. 31:17 Man kann sie aber schützen vor denjenigen, die behaupten, es gäbe sie nicht. 31:21 Und das sehe ich als eine Funktion der Philosophie. Ist das mit ein Grund, warum in allen Ihren Büchern 31:28 mindestens ein Kapitel über Religion oder Gott existiert? Vielleicht war das auch ein Grund, weshalb ich Sie als Philosophen 31:37 in die "Sternstunde Religion" geholt habe, um zu fragen, welches Bedürfnis dahinter steckt. 31:44 Ist das die ausgestreckte Hand, die Sie erwähnten? Ja, man könnte vielleicht sagen - um noch mal zum Beginn 31:51 unseres Gesprächs zurückzukehren und den Kreis zu schliessen: Ich glaube, dass es von uns unabhängige Bedeutung gibt. 32:02 Nicht nur sprachliche Bedeutung, die es uns erlaubt, miteinander zu kommunizieren, 32:07 oder strukturelle Bedeutung, die wir in der Form eleganter physikalischer Gleichungen erfassen können, 32:13 sondern menschliche, existenzielle Bedeutung. Wir wissen alle, dass unsere Freunde, unsere Liebsten 32:21 oder die wichtigsten Dinge, die uns passieren, die wir für verändernd halten, 32:26 also unsere relevanten Erfahrungen - die gegenwärtige Philosophie spricht von "transformativen Erfahrungen", 32:35 wie die Geburt eines Kindes oder das sich Verlieben - dass wir da auf Bedeutung treffen, die schon da ist, 32:43 auf eine Art des Schicksals. Wie würden Sie dann den Unterschied 32:47 zwischen religiös und areligiös definieren? Konkret würde ich sagen, jemand ist wirklich Atheist, wenn er glaubt, 32:55 dass er die eigene Frau auch nicht hätte heiraten können. Die atheistische Einstellung wäre: Mein Kind bedeutet mir nur mehr 33:03 als andere Kinder, weil das evolutionär nützlich ist. Weil ich ein Primat bin, muss ich 33:08 aus irgendwelchen Endorphin- Ausschüttungsgründen usw. - also hormonal scheint mir dieses kleine Tier wichtiger 33:16 als jenes kleine Tier. Das wäre eine atheistische Ein- stellung zu seinen eigenen Kindern 33:22 oder zur eigenen Frau - man hätte auch eine andere haben können. Und die religiöse Einstellung ist, zu sagen: 33:28 Die bedeutenden Dinge in meinem Leben - Freundschaften, mein Beruf, das Gelingen, das Schöne, 33:35 Seen und Berge, um Schweizer Beispiele für etwas aus meiner Sicht objektiv Schönes aufzurufen ... 33:42 Wenn man glaubt, der Zürichsee oder der Genfersee - um beiden Seiten der Schweiz ihr Recht zu geben -, 33:50 seien objektiv schön, dann ist man eigentlich schon religiös. Wenn man glaubt, das sieht nur schön aus für Tiere wie wir, 33:57 dann ist man nicht religiös. Das ist die Wasserscheide, wo man steht. 34:02 Das würde heissen, dass ein Atheist nicht romantisch sein kann? Richtig. Neoatheisten müssen ja versuchen, 34:09 alles im menschlichen Leben auf das zu reduzieren, was sich naturwissenschaftlich mehr oder weniger einfach erklären lässt. 34:17 D.h., Liebe muss dann eine Funktion der Fortpflanzung sein. Oder die Erfahrung des Schönen muss eine Erfahrung der Sicherheit sein. 34:25 "Hier fühle ich mich gut, hier bin ich sicher, und deswegen erscheint mir der Bergsee schön." 34:31 Dieses Mehr, das Sie sozusagen anführen, warum ist das kein Wunschdenken? 34:36 Dass Ihre Frau die einzige alternativlose Person ist, die Sie lieben, oder Ihren Kindern wirklich diese Bedeutung zukommt? 34:45 Was ist, wenn das nicht der Fall ist? Wir wissen das ja nicht. 34:50 Deswegen sind wir frei. Eine Antwort auf die Frage, wie sich Gott, wenn es ihn denn gibt, 34:56 zum Menschen verhält, ist zu sagen - was die Theologien auch sehr eindeutig sagen -, 35:01 dass Gott den Menschen als frei geschaffen hat. Wir wären nicht frei, wenn wir die Frage, 35:06 ob wir es hier mit einer Projektion zu tun haben oder mit der Erfassung dessen, wie die Dinge sind, 35:13 objektiv beantworten könnten. Deswegen sagt Kant ja: 35:17 "Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen." Das ist keine Ausrede, sondern das Bewusstsein dafür, 35:24 dass sich diese Frage nur beantworten lässt, indem man den Sprung in den Glauben wagt. 35:31 Im Übrigen ist es nicht so, als hätte der Atheismus hier den Vorzug weniger naiv zu sein als die religiöse Einstellung, 35:38 denn der Atheismus ist auch ein Sprung in den Glauben. Nämlich in den Glauben, dass wir alles naturwissenschaftlich 35:46 erklären können, obwohl das faktisch nicht so ist. Es ist nicht möglich, naturwissenschaftlich zu erklären - 35:52 auch nicht mit Supercomputern -, wie genau die Moleküle dieses Tisches so zusammenhängen, 35:57 dass wir von der quantenmechanischen Kleinstebene bis zu dieser Mesoskala kommen. 36:03 Das ist physikalisch nicht gelöst, weil es da viel zu viele Freiheitsgrade gibt. 36:09 Sie würden also sagen, dass man genau genommen gar nicht atheistisch sein kann. 36:16 Richtig. Der Atheismus ist selber eine Form des Glaubens. Nur eben ein Glaube ohne Gott. 36:23 Der Atheismus ist der Glaube an die Bedeutungslosigkeit des eigenen Lebens. 36:28 Das ist der Glaube. Und die Frage ist, auch mal aus psychotherapeutischer Perspektive: 36:35 Warum möchte man dann lieber glauben und hält es für weniger naiv, dass das eigene Leben und das der anderen 36:42 eigentlich objektiv bedeutungslos ist? Warum möchte man das lieber glauben als zu glauben, 36:49 dass die Dinge, die uns bedeutungs- voll erscheinen, es auch sind? Warum ist das naiv und nicht das andere? 36:57 Diese Antwort, aus existenzieller Perspektive, habe ich von den Atheisten bisher noch nicht erhalten. 37:04 Wir sprachen über das Persönliche, das Individuelle, auch über das philosophisch-religiöse Verschränktsein. 37:12 Wie steht es um die Gesellschaft, die Gemeinschaft? Welche Bedeutung hätte dann die Religion 37:21 für eine säkulare Gesellschaft? In einer säkularen Gesellschaft, in deren Grundform 37:27 der liberale demokratische Rechtsstaat ist, darf jeder nach seiner Façon selig werden. 37:34 D.h., ganz entscheidend müssen wir sehen, dass die metaphysischen, theologischen, religiösen 37:40 und auf eine bestimmte Weise sogar die philosophischen Grundlagen unserer Gesellschaft unseren liberalen Entscheidungsspielraum 37:48 nicht übermässig strukturieren. Das ist der Sinn des säkularen Staates. 37:54 Und das ist eine vernünftige Idee, weil sie auf der liberalen Erkenntnis aufbaut 37:59 dass wir Dinge nicht wissen. Der heute moderne Imperativ - "Folge der Wissenschaft!", 38:05 "Baue wissenschaftliche Grundlagen für den Staat!" - ist ein wesentlich antiliberaler Imperativ 38:10 und auch nicht mehr der säkulare Rechtsstaat, weil wir eine bestimmte Form der versteckten Religiosität verwenden, 38:18 um andere Religionen auszuschliessen. Der wahre liberale, demokratische Rechtsstaat 38:23 erträgt nicht nur, sondern fördert die Pluralität der religiösen Erfahrungen der Wirklichkeit. 38:30 Und was hat die säkulare Gesellschaft von der Religion? Welchen Mehrwert hat sie davon? 38:38 Die Anerkennung des Umstandes, dass sehr viele Menschen in vielen Staaten dieser Welt, 38:43 auch in Demokratien wie Indien z.B., dass die absolute Mehrheit der Menschen religiös ist - 38:49 die überwältigende Mehrheit im Falle von Indien. Wir können keinen liberalen, demokratischen Rechtsstaat haben, 38:56 der das wesentliche Bedürfnis der Menschen in seiner Pluralität, das schliesst den Atheismus selbstverständlich mit ein, 39:03 dass ein solcher Staat einige Menschen und teilweise sogar Mehrheiten 39:07 nicht in ihren fundamentalen Haltungen anerkennt. Das wäre ja so, als könnte der Staat wissen, 39:13 dass es Gott nicht gibt und die Naturwissenschaften das Universum vollständig erklären. 39:19 Das wäre für mich überraschend, wenn Olaf Scholz diese relevante Erkenntnis hätte. 39:24 D.h., der Bundeskanzler im Fall von Deutschland oder die Bundesratsstruktur in der Schweiz 39:32 können doch nicht darauf aufbauen, dass man die relevanten weltanschaulichen Fragen zunächst einmal klärt. 39:38 Sondern der liberale demokratische Rechtsstaat ist weltanschaulich maximal offen und baut deswegen seine Gesetze so - 39:46 Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit usw. -, dass sie Raum geben für Religion, 39:52 ohne diesen Raum zu entleeren oder selbst zu füllen. D.h., der säkulare Rechtsstaat ist religionsfreundlich. 39:59 Die Frage ist nur, weil ... Religionen haben ja mehrere Seiten. 40:07 Die sind ja nicht nur positiv besetzt. Sie generieren nicht nur Bedeutung in einer säkularen Gesellschaft 40:13 und unterstützen diese, sie haben auch extreme Formen. Es gibt genügend Missstände. 40:19 Ob es nun mit Kirchen oder anderen Formen der Religiosität zu tun hat, Extremismus, Fundamentalismus - 40:25 das sind Fragen und Krisen unserer Zeit. Sie sind es denn auch, die die Neigung erzeugen, 40:33 dass man die Religion überhaupt infrage stellt. Gibt es etwas Religiöses, das Ihnen zuwider ist? 40:42 Der Dogmatismus. D.h. der Glaube, dass man Bescheid weiss. 40:47 Eine Schwachstelle jeder organisierten Religion ist, dass sie Fundamentalismus generieren kann. 40:55 D.h., Glauben wird dann plötzlich doch durch Wissen ersetzt. Aus Wissen werden sogar konkrete Handlungsanweisungen abgeleitet, 41:04 die für alle Menschen gelten sollten. Das gibt es nicht nur in der Form des islamistischen Terrorismus, 41:12 der uns insbesondere zu Beginn dieses Jahrhunderts beschäftigte, sondern auch in der Form des christlichen Fundamentalismus. 41:20 Etwa die evangelikalen Formen radikalen Christentums in den USA, die dafür sorgen werden, dass der Verbrennermotor so schnell 41:30 nicht verschwindet und die viele andere Missstände generieren. Das sind auch alles Formen 41:36 eines aus meiner Sicht religiösen Aberglaubens. Warum Aberglaube? Weil aus der Erfahrung Gottes sicherlich nicht konkret 41:43 abgeleitet werden kann, wie alle Menschen zu leben haben. Das ist die Pointe. 41:51 In den heiligen Schriften bleibt vieles offen. Die Dinge sind nicht eindeutig. 41:56 D.h., die Gefahr der Religion ist, dass sie umschlägt, nicht mehr in ein persönliches Erleben von Bedeutsamkeit, 42:05 sondern in eine Anmassung von Wissen dort, wo wir keines haben. Das ist genau die Dialektik. 42:13 Aber ist das nicht d a s Religiöse? Also ist das Problem der Religion dann nicht die Religion selbst, 42:20 die sich irgendwann doch organisiert und Machtstrukturen schafft? Vielleicht der Durst der Menschen nach Erklärungen, 42:28 dass sie wissen wollen, was richtig und was falsch ist? Woher unsere Bedeutung kommt? Warum wir leben und wo wir hingehen? 42:37 Dass Religion all das in gewisser Weise klärt oder zumindest eine Lesart vorschlägt. 42:42 Ja, und da müssen wir uns hüten, und zwar deswegen, weil Religion das nicht leisten kann. 42:48 Wenn Religion das versucht - und das ist vielleicht die Art von organisierter Religion, 42:55 die Dennett und Dawkins aus poli- tischen Gründen angreifen wollen, überschreitet sie ihre eigene Grenze. 43:02 D.h., von Menschen organisierte Religion kann nicht mehr sein als das, was Menschen wissen. 43:09 Und dann ist es nicht möglich, dass wir auf der Basis heiliger Schriften 43:17 oder ihrer Interpretation unter gegenwärtigen Bedingungen konkrete ethische Handlungsanweisungen ableiten. 43:25 Das ist nicht machbar. Was sagt uns das Neue Testament über die Ethik Künstlicher Intelligenz? 43:31 Nichts. Weil keine Rede sein kann von der Ethik der Künstlichen Intelligenz 43:37 im Jahre 0, es war kein relevantes Thema. Und so ist es mit jedem anderen Thema auch. 43:43 Ein modernes Phänomen - ein sehr schwieriges - wie die medizinisch vertretbare Form der Abtreibung -, 43:50 dazu können die heiligen Texte nichts Sinnvolles sagen, weil sie sich dazu noch nicht verhalten konnten. 43:57 Deswegen müssen wir in der Gegenwart bestenfalls dafür sorgen, dass der Raum der Transzendenz geöffnet bleibt. 44:04 Aber in diesen Raum einzudringen mit Wissensansprüchen, verletzt eigentlich die Spielregeln der Religion. 44:10 Sie plädieren also für ein dialogisches System, in dem sich Religion, Philosophie, Kulturwissenschaften und Künste 44:19 gemeinsam an der Wirklichkeit abarbeiten? Ist es das, was Sie unter einer neuen Aufklärung fordern? 44:28 Um zum vierten Themenkomplex zu kommen, der Frage nach Gott und der Gegenwart. 44:33 Meine Idee einer neuen Aufklärung besteht darin, dass wir unsere ethischen Fragen - 44:39 was schulden wir einander lediglich insofern wir Menschen sind? Was sollen wir tun, jeder von uns? 44:47 Diese Fragen können wir nur dadurch beantworten, dass wir alle Sektoren der Gesellschaft 44:52 in ein neuartiges Gespräch miteinander bringen. Und das schliesst selbstverständlich mit ein, 44:58 dass wir die Religionen, im Plural, mit ihren verschiedenen Ansprüchen nicht nur in einen Dialog miteinander versetzen, 45:05 sondern auf die Frage losjagen, wie die Wirklichkeit beschaffen ist. Es war ja einmal so, früher wurden Kriege für die Frage geführt: 45:15 Trinität - ja oder nein? Und faktisch werden auch heute noch Religionskriege geführt. 45:21 Und wir wollen keine Religionskriege führen, sondern die religiösen Fragen, auch die theologischen, 45:27 miteinander seriös bearbeiten. Natürlich muss die Theologie mit am Tisch sitzen, 45:33 was in den Ethikkommissionen auch häufig so ist. Aber es darf dann im liberalen, demokratischen Rechtsstaat 45:39 nicht nur die christliche Theologie sein, auch in mehrheitlich christlich geprägten religiösen Kontexten. 45:45 Unsere hinduistischen oder muslimischen Mitbürgerinnen müssen mit am Tisch sitzen, wenn wir religiöse Fragen erörtern. 45:52 Das wäre sozusagen die neue Aufklärung. Das ist keine anti-religiöse Haltung, sondern genau das, 45:58 was wir von "Nathan der Weise" gelernt haben: Die Religion hat den ethischen Anspruch, 46:03 den jede Ethik haben muss, nämlich einen universalen. Und dort, wo religiöse Erfahrung den universalen Anspruch einlösen kann, 46:11 gehört sie eben auch mit an den Tisch. Wo das nicht so ist, 46:16 ist sie für gesellschaftliche Fragen unerheblich. D.h., unser Leben hat einen Sinn, den wir ihm selbst nicht geben? 46:24 Davon würde ich fest ausgehen. Argumentieren wir mal anders rum: 46:29 Wenn das Leben nur den Sinn hätte, den wir ihm gäben, dann wäre dieses, das sich selbst Setzen des Sinns, 46:38 selber etwas, das schon da ist. Wir setzen das ja nicht noch mal. Wer glaubt, dass das Leben nur den Sinn hat, den man ihm gibt, 46:46 glaubt ja an seine eigene absolute Schöpferkraft. D.h., die Idee Gottes ist dort anwesend, 46:53 aber man hat sie von aussen nach innen verlegt. "Die Sonne, sie war nicht, ehe ich sie schuf", 47:00 heisst es einmal ironisch bei Goethe. Da wird auch eine Figur vorgeführt, 47:04 die genau so eine Auffassung hat, in "Faust II". Das ist der moderne Nihilismus, der letztlich glaubt, 47:11 dass er selber an die Stelle Gottes getreten ist. Insofern ist er nicht ansatzweise so atheistisch, wie er gerne vorgibt. 47:19 Demnach würde dann der Zauber Gottes daher kommen, weil er abwesend ist. Richtig. Ein jüdischer Freund von mir sagte jüngst - 47:28 das war mir nie so klar und fasst vieles zusammen, was ich für eine echte religiöse Wahrheit halte: 47:35 "Man kann Gott um vieles bitten." "Das heisst aber lange noch nicht, dass er zuhört." 47:41 D.h., Gott ist nicht Teil eines Algorithmus. Wer glaubt, dass er durch ein Gebet etwas erreichen kann, 47:51 sozusagen eine Wunschliste an Gott, der wird immer wieder scheitern. Das heisst aber nicht, dass es keinen Gott gibt, 47:58 sondern es bedeutet nur, dass der Abstand zwischen Mensch und Gott darin besteht, dass das, was wir gerade für unseren Wunsch halten, 48:06 aus der angenommenen Perspektive Gottes noch lange nicht relevant ist. 48:12 Das heisst ... ... wenn es keinen Gott gäbe, würden Sie einen Gott erfinden? 48:19 Wenn es keinen Gott gäbe, würden Menschen ihn erfinden. Und darin bin ich mir ja mit den Atheisten einig. 48:26 Entweder es gibt einen Gott, unabhängig von unseren Projektionen, oder Gott ist mindestens unsere Projektion. 48:33 Das war die Erkenntnis Georg Friedrich Wilhelm Hegels, der teilweise auf diese Debatte schon antwortet. 48:41 Die Links-Hegelianer Feuerbach und Marx haben Hegel eine Projektionsthese entnommen. 48:48 Hegel sagt aber genau genommen, dass es für Gott unerheblich ist, ob er unabhängig von unserer Setzung existiert, 48:55 weil diese Setzung schon so mächtig ist, dass man sagen kann: Vielleicht ist Gott der Umstand, dass wir hier etwas setzen, 49:03 das wir nicht selbst gemacht haben können. Gott wäre dann die Idee von etwas, auf das wir nur stossen können, 49:10 wenn wir es nicht selbst gemacht haben. Deswegen sagen die Traditionen ja: 49:15 Gott und die Wirklichkeit sind letztlich dasselbe. Daraus ergibt sich das Problem, dass das, was wir Gott nennen, 49:22 nicht eindeutig ist. Wenn wir nochmals auf Heidi zurückkommen: 49:27 Ich denke, dass Ihr Verständnis und Ihr Sinn für Heidi doch ein anderer sein dürfte als jener vieler anderer. 49:34 Dadurch gäbe es sozusagen unterschiedliche Heidis - Elfen und Einhörner und alles, was es in irgendeiner Weise gibt, 49:45 in irgendeinem Sinnfeld. Wie würde sich darin dann Gott einfinden? 49:51 Gäbe es dann doch mehrere Götter? Wenn Gott bloss ein fiktionaler Gegenstand wäre wie Heidi, 49:57 dann gäbe es dadurch natürlich viele Götter. Genau das haben Sie ja behauptet, Gott sei eine Fiktion. 50:03 Nein, ich habe gesagt, Gott ist mindestens die mächtigste Fiktion. Jetzt ist die Frage, 50:09 ob wir die mächtigste Fiktion so denken können, dass eine Vielheit noch möglich ist. 50:15 D.h., wenn wir Gott durchdenken, ist es dann noch möglich, dass sich jeder ein anderes Gottesbild macht? 50:23 In der Projektionsthese ist die Antwort Ja. Deswegen sagt die Projektionsthese, die in der Antike entwickelt wurde, 50:31 dass die Götter, wenn man sie zeichnet, immer so aussehen wie die Menschen- gruppe, die sie erfunden hat. 50:37 "Der Gott der Äthiopier sieht aus wie ein Äthiopier", sagt Xenophanes. Das war die Kritik daran. 50:44 Und die römischen Götter sehen aus wie Römer. Aber der wahre Gott, wenn es ihn denn gibt, 50:50 sieht gar nicht mehr irgendwie aus. Das ist ja die Pointe des Bilderverbotes. 50:55 D.h.: Gott, wenn er mehr ist als bloss die mächtigste Fiktion, unterscheidet sich von Heidi in der Tat wesentlich dadurch, 51:02 dass es letztlich nicht einmal möglich wäre, sich ihn verschieden vorzustellen. 51:08 Deswegen muss Gott immer eine Seite der Transzendenz haben, wenn es ihn denn wirklich gibt. 51:16 D.h., wenn Gott die mächtigste Fiktion ist, dann ist er als diese mächtigste Fiktion eben alles, 51:22 aber keine Fiktion. - Richtig. Wenn Gott die mächtigste Fiktion ist und als solcher dann auch existiert, 51:29 und der Inhalt dieser Fiktion Gott ist und nicht Heidi - ein Waisenmädchen, das in Graubünden lebt usw. -, 51:36 dann muss Gott in dieser Stelle im Reich der Fiktionen eine andere Seite haben, die wir nicht sehen. 51:44 Das berichten ja die interessanten Begegnungen Moses mit Gott. Einige der Höhepunkte für mich in den monotheistischen Schriften 51:52 sind diese Begegnungen. Moses sieht ja nur einen Teil Gottes und erblindet schon. 51:58 Und die relevante Frage im Exodus 3:14 ist ja, wo Gott sich vorstellt ... 52:03 Moses fragt: "Wer bist du eigentlich?" Er sieht nur den brennenden Dornenbusch, 52:08 der immer weiter brennt und sich nicht verzerrt. Irgendwann fragt er: "Wer bist du eigentlich? 52:14 Dann sagt er den berühmten Satz, gibt den Gottesnamen an: "Ehjeh Ascher Ehjeh." 52:19 Ich würde das mit Futur übersetzen - darüber wird viel gestritten: "Ich werde sein, der ich sein werde." 52:26 Auch gerne übersetzt als: "Ich bin, der ich bin." "Ich bin, der ich sein werde." "Ich will sein, der ich sein will." 52:31 Oder kurzum: "Warte mal ab, du wirst schon sehen." So würde ich Exodus 3:14 übersetzen. 52:37 D.h., die Pointe ist, dass wenn es Gott gibt und er uns nur einen Teil seiner Selbst zeigt 52:43 und der Rest entzogen bleibt, damit es eben diesen Unterschied gibt 52:47 zwischen Gott als der mächtigsten Fiktion, die ja mindestens als Fiktion in der Bibel existiert ... 52:54 Keine Lesart der Bibel sagt etwas anderes. D.h., Gott existiert mindestens als die mächtigste Fiktion. 53:00 Die Frage ist, ob Gott darüber hinaus existiert. Und diese Frage lässt sich genauso beantworten, 53:05 dass wenn Gott wirklich existiert, er anders als Heidi nicht im Plural legitimer Interpretationen existiert. 53:14 Herr Gabriel, meine letzte Frage: Was müsste geschehen, damit der Philosoph Markus Gabriel 53:20 einst doch gesteht: "Es gibt den einen Gott." Muss ein Prophet kommen oder was brauchen Sie noch? 53:27 Nein, ich denke, ich muss nur 85 werden. Wenn wir uns dann wiedersehen sollten, 53:32 dann sage ich Ihnen, ob ich etwas gesehen habe. Darauf freue ich mich. 53:37 Vielen Dank für das Gespräch. - Danke, Herr Karimi. Was denkt ihr? Sollen wir an Gott glauben? 53:44 Oder hat er, sie oder es jede Glaubwürdigkeit verloren? Schreibt es unten in die Kommentare. 53:50 Und weitere Gedankenanstösse findet ihr in diesen Sendungen.