Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).
RELIGION WISSENSCHAFTLICH ERKLÄRT: MYTHOS, LOGOS & METAPHERN | Die größere Wahrheit der Wirklichkeit
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 66 Zeilen
- Herzlich willkommen bei "Himmel Herrgott und die Welt". Heute spreche ich über die Sprache, wie sie Wirklichkeit erfasst.
- Ich spreche über Logos, Mythos und Metaphern. Es ist auffällig, dass bei den Lappländern, bei den Samen, über 20 Begriffe für Schnee und Eis vorhanden sind,
- über 26 für auf auftauen und frieren. Bei den Beduinen über zehn Begriffe für Sand. Wir können nicht so differenziert sprechen.
- Dort ist es überlebenswichtig, für die verschiedenen Formen verschiedene Begriffe, Zustandsformen sozusagen zu benennen.
- Wir kennen das, wenn wir Englisch lernen: Wir sprechen vom Himmel, der Engländer unterscheidet zwischen heaven und sky. Das Firmament ist sky, aber
- wir beten: our father in heaven. Es wäre schön, wenn die Deutsche Sprache auch etwas differenzierter in diesem Bereich sein könnte. Aber das zeigt, wie
- Sprachen unterschiedlich sind. Nach Benjamin Lee Whorf, der Indianer- Sprachen untersucht hat und festgestellt hat, dass die völlig anders sein können
- als unsere Sprache, nach Benjamin Lee Whorf also gibt es eine Strukturierung unserer Grammatik und unseres Denkens und unseres
- Weltbildes. Das liegt an den unterschiedlichen Sprachen. Diese sogenannte Relativitätstheorie der
- Sprache soll uns aber heute nicht beschäftigen, sondern ich möchte noch einmal auf Logos und Mythos kommen. Bei den alten Griechen war diese
- Unterscheidung schon vorhanden, also vor über zweieinhalbtausend Jahren. Logos und Mythos heißt beides "Wort", aber hat eine ganz unterschiedliche Bedeutung.
- Logos meint die begriffliche, die lehrhafte, die - wir würden heute sagen - wissenschaftliche Sprache. Mythos meint die erzählende Rede, in Symbolen, in
- Bildern, in Gleichnissen, in Geschichten. Beides heißt Wort, aber ist etwas völlig anderes. Im Mythos gibt es keine
- Definitionen, keine Formeln. Mit den Geschichten möchten diese Mythen, diese Geschichten, die Seele ansprechen, die tiefer liegenden Schichten unseres
- Bewusstseins. Allerdings können, das ist das Besondere, in diesen Symbolen und Geschichten
- tiefere Wahrheiten liegen als in wissenschaftlichen Formeln. Mythos will Sinn stiften, diese Geschichten die Symbole wollen
- Sinn stiften. Wenn ich sage: Ich liebe dich, und jemand antwortet: dann beweise es mir, dann begibt sich mein Gegenüber auf die logische Ebene.
- Er möchte Beweise. Diese logische, diese Beweis-Ebene, diese naturwissenschaftliche Ebene möchte Wissen schaffen.
- Mythos möchte Weisheit schaffen. Ich möchte ein Beispiel nennen: die Rose. Was ist eine Rose? Was
- macht der Naturwissenschaftler: er nimmt die Rose und zerpflückt sie, legt sie unter das Mikroskop, alle Einzelteile werden beschriftet,
- ja es werden vielleicht auch chemische Bestandteile analysiert. Ist das die Rose, wenn ich diese Bestandteile als Ganzes wieder zusammenfüge?
- Die Rose ist mehr! Die Rose, die aufknospet. Die Rose im Morgentau. Die Rose, die ich verschenke, meiner Liebsten. Die Rose, die ich geschenkt bekomme, als Zeichen
- der Liebe. Wenn ich zurückgehe und die Rose wirken lasse, dann habe ich eine größere Fülle, ein größeres Verständnis von dem, was eine Rose ist. Vielleicht
- kann man sagen, der Logos sieht die Außenwelt der Dinge, der Mythos versucht die Innenwelt der Dinge zu sehen.
- Aber vielleicht wird deutlich an dieser Stelle, dass beide Sichtweisen ihre Berechtigung haben und dass wir letzten Endes daran arbeiten müssen,
- beide Sichtweisen zusammenzuführen, denn das bringt ein Mehr an Wirklichkeits- erfassung. Mythos und Logos müssen zusammenarbeiten,
- dann ist die Wahrheit der Wirklichkeit größer. Mythos und Logos erinnern auch an die rechte und linke Gehirnhälfte, über die ich in einem anderen Video
- schon gesprochen habe. Die linke Gehirnhälfte ist ja für die Logik, für die Mathematik, für die Sprache, für die Strukturierung zuständig. Die
- rechte für Farben, für Musik, für Rhythmus, für Ästhetik, ja für Religion für dieses Sinn-Erfassen. Und beide Gehirnhälften haben
- ja auch eine Verbindung und müssen und sollen zusammenarbeiten. Das Problem, glaube ich, in der heutigen Zeit ist, dass die Naturwissenschaft und
- diese Logik mit ihren mit ihrem Beweis-Denken sich zu sehr in den Vordergrund spielt, ja sozusagen paradigmatisch unser ganzes Denken bestimmt: wir wollen immer
- für alles Beweise. Die rechte Gehirnhälfte, der Mythos, lebt von den Hinweisen der Wirklichkeit. Also diese Zusammenarbeit zu fördern,
- das ist eigentlich nicht nur mein Ansatz, sondern eine grund-menschliche Angelegenheit, beide Gehirnhälften zur vollen Entfaltung zu bringen und die
- Wirklichkeit, die Wahrheit unserer Wirklichkeit damit noch größer erfassbar machen. Seshalb möchte ich in diesem
- Zusammenhang auch noch mal auf den Wert der Metapher hinweisen. Metapher heißt ja: eine Übertragung, eine sprachliche Übertragung.
- Das klassische Beispiel für Metapher ist: Achill ist ein Löwe. Achill, der antike Krieger ist stark wie ein Löwe. Wenn ich jetzt logisch daran gehe, Achill
- ist ein Löwe, deann lüge ich ja, das stimmt ja gar nicht. Achill ist ein Mensch. Ich möchte mit dieser Metapher etwas ausdrücken,
- also eigentlich ist diese Metapher "Achill ist ein Löwe" nicht wahr, aber sie sagt mehr über die Wirklichkeit aus, als wenn ich sie nicht sagen würde. Das ist
- der Ansatz. Diese Umschreibungen versuchen die Wirklichkeit in einem größeren Zusammenhang zu fassen, in einer
- größeren Art zu fassen. Nach Aristoteles haben wir eine rhetorische Verantwortung für die Wirklichkeit, für die Wahrheit, für das Wahre. Und Wissen
- heißt: sagen können, was ist. Sprecher und Hörer entdecken sozusagen in den Metaphern die Wirklichkeit und die tiefergehende Wirklichkeit neu. Metaphern
- sind sozusagen "ausgesprochene Entdeckungen der Wirklichkeit", die wir wahrnehmen. Und Metaphern sind keine Definitionen. Metapher ist keine logische
- Sprache, Metaphern sind auf der anderen Seite, der rechten Gehirnhälfte anzusiedeln. Also dadurch, dass sie etwas eigentlich Falsches sagen, so wie "Achill
- ist ein Löwe", gehen sie über die Wirklichkeit hinaus und sind gerade darin wahr und sind gerade darin wichtig für uns und unsere Wirklichkeits-Erfassung.
- Jetzt wird auch deutlich, warum Religion ohne Metaphern, ohne Gleichnisse, ohne Symbole nicht auskommt. Und es wird
- deutlich, dass es genuine Sprache ist. Wir sprechen ja über Gott. Gott ist letzten Endes etwas, was ich nicht fassen kann.
- Gott ist letzten Endes eine Metapher für Sinn. Gott ist eine metapher für das Unfassbare, eine Metapher für den
- Schöpfer, der unser Denken, unserer Raum-Zeit-Kontinuum übersteigt, und wir versuchen in Metaphern, also in Begriffen, die wir menschlich verstehen, dieses
- Unfassbare zu fassen. Also Gott ist Vater, Gott ist wie ein Licht in der Nacht, der Stern über Bethlehem - ist natürlich nicht der Stern, aber das
- Licht in der dunklen Welt. Auch im Koran steht in Sure 18: Wenn die Welt voll Tinte wär, könnte ich gar nicht Gott allumfassend aufschreiben,
- so groß ist er. Und trotzdem erfassen wir immer etwas von dieser Wirklichkeit, die unsere Materie, die unsere Raum-Zeit übersteigt - mit Metaphern, und drücken es
- aus. Aristoteles meinte, symbolische Sprache sei "uneigentliche" Sprache, metaphorische Sprache sei "uneigentliche" Sprache.
- Aber nach dem, was wir hier besprochen haben, wird deutlich, dass es gar nicht anders geht. Religion, diese Dimension des Göttlichen,
- des was hinter unserer Wirklichkeit steht, des eigentlich Unfassbaren, kann gar nicht anders als nur mit Metaphern und in metaphorischer Sprache mitgeteilt
- werden. Und deshalb kann ich den Theologen Eberhard Jüngel verstehen, wenn er sagt, nein, metaphorische Sprache ist "eigentliche"
- sprache für Religion, genuine Sprache für Religion, es geht gar nicht anders! Wie soll ich sonst das Unfassbare fassbar machen.
- Deswegen wird deutlich, dass es nicht sinnvoll ist zu sagen, das ist ja "nur" ein symbol oder "nur" eine Geschichte. Gerade diese Geschichten, Symbole drücken
- doch diesen Mehrwert an Wirklichkeit aus, der nicht logisch erfassbar wird; der Mehrwert, der nicht logisch auflösbar ist.
- Deswegen haben diese metaphorischen Gedanken eine eigene Berechtigung und sie dienen dazu, unsere Wirklichkeit reicher zu machen.
- Und deswegen lade ich einmal als Religionswissenschaftler, dann aber auch als jemand, der sagt: erfasse die Wirklichkeit möglichst optimal und
- möglichst umfassend, lade ich dazu ein, diese Geschichten der Religion zu lesen und den tieferen Wahrheitsgehalt zu erspüren; also für Christen wären viele
- Geschichten in der Bibel, die Schöpfungsgeschichte, die Geschichten von Jesus, die Gleichnisse, interessant, und sie wirken auf eigene Weise. Und ich lade
- dazu ein, Logos und Mythos, Wissenschaft und Religion noch mehr zusammen zu sehen, um eine noch größere Erfassung der
- wirklichkeit zu erfahren. Mit einer bekannten Metapher möchte ich heute schließen von Antoine de Saint-Exupéry: "Man sieht nur mit
- dem Herzen gut", sagt der kleine Prinz. Ich danke für eure Aufmerksamkeit, nutzt bitte wieder die Kommentarfunktion für Rückmeldungen und Fragen. Mit Interesse
- werde ich sie lesen und für weitere Videos verwenden. Passt gut auf euch auf, bis zum nächsten mal.
Zum Nachlesen
Absolute MetapherDen Begriff absolute Metapher prägte der deutsche Philosoph Hans Blumenberg im Rahmen seiner Mitarbeit an Joachim Ritters Projekt einer Begriffsgeschichte.
MythosIm religiösen Mythos wird das Dasein der Menschen mit der Welt der Götter, Geister und übernatürlichen Kräften verknüpft. Mythen erheben einen Anspruch auf …
Metapher... adverbiale Bestimmung lautet „im übertragenen Sinn(e)“. Im religionswissenschaftlichen Kontext findet auch der Begriff „Bilderrede“ Anwendung.