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NatKAT: Vulnerabilitäten und Resilienzen - Vulnerabilität (Lektion 3, Video 2.1) | iMooX.at
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Transkriptautomatisch erstellt · 58 Zeilen
- Gunnar Stange: Ein ganz zentraler Begriff im Zusammenhang mit der Frage, wie Gesellschaften in der Lage sind, auf Naturkatastrophen zu reagieren, ist ihre Vulnerabilität beziehungsweise
- Verwundbarkeit. Deren Ausmaß ist entscheidend dafür, welche Auswirkungen Naturkatastrophen auf betroffene Gemeinschaften tatsächlich haben. Der Begriff Vulnerabilität oder auch die
- Anfälligkeit von Gesellschaften gegenüber Veränderungen der Umwelt hat sich in den 1980er Jahren etabliert und wurde seitdem bis zum heutigen Tage auf unterschiedliche
- Art und Weise definiert. Der Begriff geht auf die geografische Naturgefahrenforschung zurück und sollte es ermöglichen, die sozialen und ökonomischen Bedingungen
- von Naturkatastrophen mit zu berücksichtigen. Heutzutage stellt er den zentralen konzeptionellen Zugang für unterschiedliche Ansätze im Naturgefahren- und Katastrophenmanagement dar.
- Der Begriff der Vulnerabilität wurde allerdings auch in der Ökologie, der physischen und psychischen Gesundheitsforschung, der Entwicklungszusammenarbeit und der
- Klimaforschung aufgegriffen, um hier nur einige Beispiele zu nennen. Ganz allgemein wird Vulnerabilität als ein Maß für die Anfälligkeit beziehungsweise
- den Mangel an Widerstandskraft eines bestimmten Raumes, einer Population, eines Objektes, eines Individuums und oder eines Systems, beispielsweise eines sozioökologischen Systems, für die Folgen
- eines eingetretenen Ereignisses, verstanden. Wie wir gleich noch genauer sehen werden, bezieht sich Vulnerabilität jedoch nicht nur auf die Eigenschaften, beispielsweise eines Raumes
- oder einer Population, sondern umfasst auch deren Handlungskapazitäten in Form von Bewältigungs- und Anpassungsprozessen beziehungsweise -strategien. Eine für unseren Kontext
- bedeutsame Konzeptualisierung von Verwundbarkeit ist die sogenannte soziale Vulnerabilität, die in der Entwicklungsforschung in Ländern des globalen Südens in den 1980er Jahren entstand.
- Grundlegend für die Vulnerabilitätsforschung waren die Arbeiten des Nobelpreisträgers Amartya Sen zu fehlenden Verfügungsrechten als Ursache für Hunger, also Sozialkatastrophen in Indien.
- Auf Basis dieser und weiterer umfassender empirischer Sozialforschung mit von Armut betroffenen Bevölkerungsgruppen stellt Robert Chambers 1989 fest, dass die verwundbarsten
- Menschen im Umgang mit Risiken eigene, sehr komplexe und dynamische Strategien entwickeln. Solche Strategien können beispielsweise die Diversifikation des Haushaltseinkommens sein,
- um bei Ausfall einer Einkommensart auf eine andere ausweichen zu können. Das ist etwa der Fall, wenn ein Bauer zusätzlich Arbeiten auf einer Baustelle annimmt oder eine Hausfrau neben
- der unbezahlten Arbeit zu Hause stundenweise in anderen Haushalten arbeitet. Chambers, der auch über viele Jahre Direktor des einflussreichen Institute for Development Studies war, stellte
- darüber hinaus fest, dass die Art und Weise, wie sich Menschen in Gesellschaften verhalten, ganz maßgeblich davon bestimmt wird, wie verwundbar sie gegenüber Risiken sind. Er verstand Verwundbarkeit
- also als ein Spannungsfeld zwischen äußerer Bedrohung und internen Bewältigungsmechanismen. Der Geograph Hans-Georg Bohle entwickelt aus diesem Zugang später das Konzept der doppelten
- Struktur von Verwundbarkeit, die, wie Sie in der Grafik sehen, einerseits zwischen der Exposition beziehungsweise dem Ausgesetztsein gegenüber einem Risiko, also der externen Seite,
- und andererseits der Bewältigung, also dem Umgang mit dem Risiko durch Betroffene, der internen Seite der Verwundbarkeit unterscheidet. Der von Hans-Georg Bohle
- verwendete Begriff der Exposition bezieht sich nicht allein auf räumliche Aspekte von Exposition, sondern bezieht auch Fragen des Ressourcenzugangs, also Verfügungsrechte über Ressourcen wie etwa
- Nahrungsmittel, und Aspekte von Mensch-Umwelt Beziehungen mit ein. Gleichermaßen berücksichtigt die interne Seite der Verwundbarkeit Fragen der Regierungsführung und die Reaktionsfähigkeit auf
- Risiken. Zwei Merkmale von Verwundbarkeit, die in der sozialwissenschaftlichen und entwicklungsgeographischen Diskussion eine besondere Rolle spielen, sind die Bedeutung
- sozialer Beziehungen für und die Dynamik von Vulnerabilität, also ihre Veränderbarkeit. Verwundbarkeit, so eine zentrale These von Watts und Bohle im Jahre 1993, ist durch die
- spezifische Position von Individuen und Gruppen im Netz der sozialen Beziehungen, hier speziell der Machtbeziehungen und der verfügungsrechtlichen Beziehungen, bestimmt. Die Handlungen von Akteuren
- zur Lebenssicherung unter Katastrophenrisiko sind also vor allem von den sie umgebenden gesellschaftlichen Bedingungen und Prozessen abhängig. Abhängigkeiten und Machtverhältnisse
- sind dabei zentral, um die gesellschaftliche Praxis des Lebens mit Risiko zu verstehen. Wie aber kann Verwundbarkeit gegenüber Naturrisiken und Katastrophen unterschiedlicher
- Art nun konkret gefasst und festgestellt werden? Schauen wir uns dazu zunächst den sogenannten Sustainable Livelihoods-Ansatz an, der auf der Grundlage der Vorarbeiten von Robert
- Chambers ebenso am Institut for Development Studies in Sussex, England, entwickelt und später von der britischen Entwicklungsbehörde DFID für die entwicklungspolitische Praxis
- übernommen wurde. Grundsätzlich handelt es sich beim Sustainable Livelihood Framework um eine für die praktische Anwendung entwickelte Verwundbarkeitsanalyse, auf deren Grundlage
- die Lebensbedingungen von marginalisierten Bevölkerungsgruppen verbessert werden sollten. Wie Sie in der bildlichen Darstellung sehen, geht der Analyserahmen zunächst von der Bestimmung des
- Verwundbarkeitskontextes aus, also von Risiken wie Schocks, beispielsweise des plötzlichen Preisverfalls von Agrarprodukten, denen Haushalte oder auch Gemeinschaften ausgesetzt sind. Im
- Weiteren wird mittels des Analyserahmens erhoben, über welche Aktiva, also Kapitalien, Armutsgruppen zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes verfügen oder auch nicht verfügen. Zu diesen Kapitalien
- zählen Naturkapital, wie zum Beispiel der Zugang zu Trinkwasser, physisches Kapital, also beispielsweise das Vorhandensein einer Transportinfrastruktur, Finanzkapital, also
- beispielsweise Geld, Humankapital, Bildung und Sozialkapital im Sinne von Beziehungen zu anderen. Politische und institutionelle Strukturen und Prozesse beeinflussen die Verteilung und Nutzung
- dieser Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft. Qualität und Quantität der verfügbaren Ressourcen und die jeweilige Zusammensetzung der Kapitalien zur Risikoanpassung bestimmen darüber,
- ob der Haushalt nachhaltig gesichert werden kann. Kritikpunkte, wie etwa dass in dem Analyserahmen die bereits angesprochenen gesellschaftlichen Machtbeziehungen zu wenig berücksichtigt werden
- und der fehlende Bezug zur gesellschaftlichen Ursachen der Verwundbarkeit haben dazu geführt, dass das ursprüngliche Livelihood Konzept beispielsweise im Zusammenhang mit konflikt-
- und gewaltorientierter Risikoforschung inzwischen weiterentwickelt wurde. Im konkreten Kontext von Naturkatastrophen thematisiert die geographische Hazard- beziehungsweise Gefahrenforschung das
- Thema Gesellschaft-Umwelt-Beziehungen in Form von Verwundbarkeitanalysen. Beachtenswert ist an dieser Stelle das von Piers Blaikie und Kollegen 1994 entwickelte Pressure and Release Modell.
- Dieses versteht Verwundbarkeit als Risiko, das an der Schnittstelle zwischen einem gesellschaftlichen und einem ökologischen System auftritt und daher Rückschlüsse zwischen
- Naturgefahr und gesellschaftlicher Verwundbarkeit zulässt. Zwar werden, wie Sie in der Grafik sehen, in dem Modell Naturgefahren lediglich aufgezählt, allerdings liefert das Modell insofern einen
- Erkenntnismehrwert, als dass es Verwundbarkeit als einen voranschreitenden Prozess konzeptualisiert. Dabei führen tieferliegende Ursachen wie etwa Machtstrukturen zu risikobehafteten
- gesellschaftlichen Prozessen, also Druckfaktoren wie etwa Bevölkerungsdruck, die sich dann in Unsicherheiten für betroffene Bevölkerungsgruppen in katastrophenanfälligen Gebieten,
- wie beispielsweise durch Überschwemmungen gefährdete Siedlungsgebiete, manifestieren. Verwundbarkeit wird im Pressure and Release Modell also als kontextabhängige Merkmale sozialer
- Einheiten verstanden, die darüber entscheiden, in welchem Verhältnis soziale Einheiten gegenüber der Naturgefahr stehen. Diese Merkmale entscheiden letztlich über die gesellschaftlichen Risiken und
- die Auswirkungen einer Naturgefahr. Bisher haben wir uns vor allem die sozialwissenschaftliche Seite der Verwundbarkeit angeschaut. In der nächsten Grafik sehen Sie eine
- von David Alexander im Jahre 2004 entwickelte Darstellung der Koppelung naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Ansätze in Bezug auf Vulnerabilität. Auf der naturwissenschaftlichen
- Seite werden einerseits die Merkmale von Naturgefahren und sie auslösende Elemente wie beispielsweise Wirbelstürme aufgezeigt, auf der sozialwissenschaftlichen Seite hingegen
- werden die unterschiedlichen Dimensionen Expositionen, Sensitivität und Bewältigungs- und Anpassungskapazitäten und -strategien im Hinblick auf potenzielle Schäden berücksichtigt.
- Erst in der Zusammenschau dieser Komponenten kann letztlich Risikoeinschätzung von Naturgefahren erfolgen. Alexander betont allerdings, dass die gesellschaftliche Verwundbarkeit
- häufig die Katastrophenschäden stärker beeinflussen kann als die Naturgefahr selbst. Naturgefahren betreffen also nicht alle Menschen einer betroffenen Region gleich. Das relative
- Katastrophenpotenzial einer Gesellschaft wird stark von der Dynamik und der sozialen wie räumlichen Differenziertheit gesellschaftlicher Verhältnisse bestimmt. Das Konzept verbindet
- also eine handlungs- und akteursorientierte sozialwissenschaftliche Verwundbarkeitsforschung mit einer auf Risiko bezogenen naturwissenschaftlichen Gefahrenforschung.
- Erst beide zusammen ermöglichen die Bewertung der Risiken, die von Naturgefahren ausgehen. Zusammenfassend können wir also feststellen, dass das Konzept der Vulnerabilität die Anfälligkeit
- exponierter Menschen und Bevölkerungsgruppen mit ihren sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen sowie kulturellen Fähigkeiten zur Bewältigung und Anpassung nachteiliger
- Folgen von Gefahren verbindet. Die Analyse der Verwundbarkeit generiert Erkenntnisse darüber, wie sich Extremereignisse und Naturgefahren auf die verschiedenen Gruppen einer Gesellschaft
- auswirken können. Verwundbarkeit charakterisiert demnach die physische, wirtschaftliche, soziale oder politische Schadensanfälligkeit des Systems oder der Gemeinschaft.
Zum Nachlesen
VulnerabilitätDer Begriff Vulnerabilität (von lateinisch vulnus „Wunde“ bzw. vulnerare „verwunden“) bedeutet „Verwundbarkeit“ oder „Verletzbarkeit“.
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