NatKAT: Vulnerabilitäten und Resilienzen - Vulnerabilität (Lektion 3, Video 2.1) | iMooX.at iMooX at https://www.youtube.com/watch?v=ezFwxDwogP4 Transkript (automatisch erstellt) 0:07 Gunnar Stange: Ein ganz zentraler Begriff im Zusammenhang mit der Frage, wie Gesellschaften in der Lage sind, auf Naturkatastrophen zu reagieren, ist ihre Vulnerabilität beziehungsweise 0:18 Verwundbarkeit. Deren Ausmaß ist entscheidend dafür, welche Auswirkungen Naturkatastrophen auf betroffene Gemeinschaften tatsächlich haben. Der Begriff Vulnerabilität oder auch die 0:30 Anfälligkeit von Gesellschaften gegenüber Veränderungen der Umwelt hat sich in den 1980er Jahren etabliert und wurde seitdem bis zum heutigen Tage auf unterschiedliche 0:41 Art und Weise definiert. Der Begriff geht auf die geografische Naturgefahrenforschung zurück und sollte es ermöglichen, die sozialen und ökonomischen Bedingungen 0:50 von Naturkatastrophen mit zu berücksichtigen. Heutzutage stellt er den zentralen konzeptionellen Zugang für unterschiedliche Ansätze im Naturgefahren- und Katastrophenmanagement dar. 1:02 Der Begriff der Vulnerabilität wurde allerdings auch in der Ökologie, der physischen und psychischen Gesundheitsforschung, der Entwicklungszusammenarbeit und der 1:11 Klimaforschung aufgegriffen, um hier nur einige Beispiele zu nennen. Ganz allgemein wird Vulnerabilität als ein Maß für die Anfälligkeit beziehungsweise 1:20 den Mangel an Widerstandskraft eines bestimmten Raumes, einer Population, eines Objektes, eines Individuums und oder eines Systems, beispielsweise eines sozioökologischen Systems, für die Folgen 1:33 eines eingetretenen Ereignisses, verstanden. Wie wir gleich noch genauer sehen werden, bezieht sich Vulnerabilität jedoch nicht nur auf die Eigenschaften, beispielsweise eines Raumes 1:43 oder einer Population, sondern umfasst auch deren Handlungskapazitäten in Form von Bewältigungs- und Anpassungsprozessen beziehungsweise -strategien. Eine für unseren Kontext 1:55 bedeutsame Konzeptualisierung von Verwundbarkeit ist die sogenannte soziale Vulnerabilität, die in der Entwicklungsforschung in Ländern des globalen Südens in den 1980er Jahren entstand. 2:05 Grundlegend für die Vulnerabilitätsforschung waren die Arbeiten des Nobelpreisträgers Amartya Sen zu fehlenden Verfügungsrechten als Ursache für Hunger, also Sozialkatastrophen in Indien. 2:17 Auf Basis dieser und weiterer umfassender empirischer Sozialforschung mit von Armut betroffenen Bevölkerungsgruppen stellt Robert Chambers 1989 fest, dass die verwundbarsten 2:29 Menschen im Umgang mit Risiken eigene, sehr komplexe und dynamische Strategien entwickeln. Solche Strategien können beispielsweise die Diversifikation des Haushaltseinkommens sein, 2:40 um bei Ausfall einer Einkommensart auf eine andere ausweichen zu können. Das ist etwa der Fall, wenn ein Bauer zusätzlich Arbeiten auf einer Baustelle annimmt oder eine Hausfrau neben 2:50 der unbezahlten Arbeit zu Hause stundenweise in anderen Haushalten arbeitet. Chambers, der auch über viele Jahre Direktor des einflussreichen Institute for Development Studies war, stellte 3:01 darüber hinaus fest, dass die Art und Weise, wie sich Menschen in Gesellschaften verhalten, ganz maßgeblich davon bestimmt wird, wie verwundbar sie gegenüber Risiken sind. Er verstand Verwundbarkeit 3:13 also als ein Spannungsfeld zwischen äußerer Bedrohung und internen Bewältigungsmechanismen. Der Geograph Hans-Georg Bohle entwickelt aus diesem Zugang später das Konzept der doppelten 3:26 Struktur von Verwundbarkeit, die, wie Sie in der Grafik sehen, einerseits zwischen der Exposition beziehungsweise dem Ausgesetztsein gegenüber einem Risiko, also der externen Seite, 3:37 und andererseits der Bewältigung, also dem Umgang mit dem Risiko durch Betroffene, der internen Seite der Verwundbarkeit unterscheidet. Der von Hans-Georg Bohle 3:46 verwendete Begriff der Exposition bezieht sich nicht allein auf räumliche Aspekte von Exposition, sondern bezieht auch Fragen des Ressourcenzugangs, also Verfügungsrechte über Ressourcen wie etwa 3:57 Nahrungsmittel, und Aspekte von Mensch-Umwelt Beziehungen mit ein. Gleichermaßen berücksichtigt die interne Seite der Verwundbarkeit Fragen der Regierungsführung und die Reaktionsfähigkeit auf 4:08 Risiken. Zwei Merkmale von Verwundbarkeit, die in der sozialwissenschaftlichen und entwicklungsgeographischen Diskussion eine besondere Rolle spielen, sind die Bedeutung 4:18 sozialer Beziehungen für und die Dynamik von Vulnerabilität, also ihre Veränderbarkeit. Verwundbarkeit, so eine zentrale These von Watts und Bohle im Jahre 1993, ist durch die 4:29 spezifische Position von Individuen und Gruppen im Netz der sozialen Beziehungen, hier speziell der Machtbeziehungen und der verfügungsrechtlichen Beziehungen, bestimmt. Die Handlungen von Akteuren 4:41 zur Lebenssicherung unter Katastrophenrisiko sind also vor allem von den sie umgebenden gesellschaftlichen Bedingungen und Prozessen abhängig. Abhängigkeiten und Machtverhältnisse 4:53 sind dabei zentral, um die gesellschaftliche Praxis des Lebens mit Risiko zu verstehen. Wie aber kann Verwundbarkeit gegenüber Naturrisiken und Katastrophen unterschiedlicher 5:05 Art nun konkret gefasst und festgestellt werden? Schauen wir uns dazu zunächst den sogenannten Sustainable Livelihoods-Ansatz an, der auf der Grundlage der Vorarbeiten von Robert 5:15 Chambers ebenso am Institut for Development Studies in Sussex, England, entwickelt und später von der britischen Entwicklungsbehörde DFID für die entwicklungspolitische Praxis 5:26 übernommen wurde. Grundsätzlich handelt es sich beim Sustainable Livelihood Framework um eine für die praktische Anwendung entwickelte Verwundbarkeitsanalyse, auf deren Grundlage 5:36 die Lebensbedingungen von marginalisierten Bevölkerungsgruppen verbessert werden sollten. Wie Sie in der bildlichen Darstellung sehen, geht der Analyserahmen zunächst von der Bestimmung des 5:49 Verwundbarkeitskontextes aus, also von Risiken wie Schocks, beispielsweise des plötzlichen Preisverfalls von Agrarprodukten, denen Haushalte oder auch Gemeinschaften ausgesetzt sind. Im 6:01 Weiteren wird mittels des Analyserahmens erhoben, über welche Aktiva, also Kapitalien, Armutsgruppen zur Sicherung ihres Lebensunterhaltes verfügen oder auch nicht verfügen. Zu diesen Kapitalien 6:12 zählen Naturkapital, wie zum Beispiel der Zugang zu Trinkwasser, physisches Kapital, also beispielsweise das Vorhandensein einer Transportinfrastruktur, Finanzkapital, also 6:22 beispielsweise Geld, Humankapital, Bildung und Sozialkapital im Sinne von Beziehungen zu anderen. Politische und institutionelle Strukturen und Prozesse beeinflussen die Verteilung und Nutzung 6:34 dieser Ressourcen innerhalb einer Gesellschaft. Qualität und Quantität der verfügbaren Ressourcen und die jeweilige Zusammensetzung der Kapitalien zur Risikoanpassung bestimmen darüber, 6:44 ob der Haushalt nachhaltig gesichert werden kann. Kritikpunkte, wie etwa dass in dem Analyserahmen die bereits angesprochenen gesellschaftlichen Machtbeziehungen zu wenig berücksichtigt werden 6:56 und der fehlende Bezug zur gesellschaftlichen Ursachen der Verwundbarkeit haben dazu geführt, dass das ursprüngliche Livelihood Konzept beispielsweise im Zusammenhang mit konflikt- 7:07 und gewaltorientierter Risikoforschung inzwischen weiterentwickelt wurde. Im konkreten Kontext von Naturkatastrophen thematisiert die geographische Hazard- beziehungsweise Gefahrenforschung das 7:19 Thema Gesellschaft-Umwelt-Beziehungen in Form von Verwundbarkeitanalysen. Beachtenswert ist an dieser Stelle das von Piers Blaikie und Kollegen 1994 entwickelte Pressure and Release Modell. 7:32 Dieses versteht Verwundbarkeit als Risiko, das an der Schnittstelle zwischen einem gesellschaftlichen und einem ökologischen System auftritt und daher Rückschlüsse zwischen 7:42 Naturgefahr und gesellschaftlicher Verwundbarkeit zulässt. Zwar werden, wie Sie in der Grafik sehen, in dem Modell Naturgefahren lediglich aufgezählt, allerdings liefert das Modell insofern einen 7:54 Erkenntnismehrwert, als dass es Verwundbarkeit als einen voranschreitenden Prozess konzeptualisiert. Dabei führen tieferliegende Ursachen wie etwa Machtstrukturen zu risikobehafteten 8:07 gesellschaftlichen Prozessen, also Druckfaktoren wie etwa Bevölkerungsdruck, die sich dann in Unsicherheiten für betroffene Bevölkerungsgruppen in katastrophenanfälligen Gebieten, 8:17 wie beispielsweise durch Überschwemmungen gefährdete Siedlungsgebiete, manifestieren. Verwundbarkeit wird im Pressure and Release Modell also als kontextabhängige Merkmale sozialer 8:30 Einheiten verstanden, die darüber entscheiden, in welchem Verhältnis soziale Einheiten gegenüber der Naturgefahr stehen. Diese Merkmale entscheiden letztlich über die gesellschaftlichen Risiken und 8:41 die Auswirkungen einer Naturgefahr. Bisher haben wir uns vor allem die sozialwissenschaftliche Seite der Verwundbarkeit angeschaut. In der nächsten Grafik sehen Sie eine 8:50 von David Alexander im Jahre 2004 entwickelte Darstellung der Koppelung naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Ansätze in Bezug auf Vulnerabilität. Auf der naturwissenschaftlichen 9:02 Seite werden einerseits die Merkmale von Naturgefahren und sie auslösende Elemente wie beispielsweise Wirbelstürme aufgezeigt, auf der sozialwissenschaftlichen Seite hingegen 9:13 werden die unterschiedlichen Dimensionen Expositionen, Sensitivität und Bewältigungs- und Anpassungskapazitäten und -strategien im Hinblick auf potenzielle Schäden berücksichtigt. 9:25 Erst in der Zusammenschau dieser Komponenten kann letztlich Risikoeinschätzung von Naturgefahren erfolgen. Alexander betont allerdings, dass die gesellschaftliche Verwundbarkeit 9:36 häufig die Katastrophenschäden stärker beeinflussen kann als die Naturgefahr selbst. Naturgefahren betreffen also nicht alle Menschen einer betroffenen Region gleich. Das relative 9:46 Katastrophenpotenzial einer Gesellschaft wird stark von der Dynamik und der sozialen wie räumlichen Differenziertheit gesellschaftlicher Verhältnisse bestimmt. Das Konzept verbindet 9:58 also eine handlungs- und akteursorientierte sozialwissenschaftliche Verwundbarkeitsforschung mit einer auf Risiko bezogenen naturwissenschaftlichen Gefahrenforschung. 10:10 Erst beide zusammen ermöglichen die Bewertung der Risiken, die von Naturgefahren ausgehen. Zusammenfassend können wir also feststellen, dass das Konzept der Vulnerabilität die Anfälligkeit 10:21 exponierter Menschen und Bevölkerungsgruppen mit ihren sozialen, wirtschaftlichen und institutionellen sowie kulturellen Fähigkeiten zur Bewältigung und Anpassung nachteiliger 10:32 Folgen von Gefahren verbindet. Die Analyse der Verwundbarkeit generiert Erkenntnisse darüber, wie sich Extremereignisse und Naturgefahren auf die verschiedenen Gruppen einer Gesellschaft 10:42 auswirken können. Verwundbarkeit charakterisiert demnach die physische, wirtschaftliche, soziale oder politische Schadensanfälligkeit des Systems oder der Gemeinschaft.