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7 Tage... Jüdisch leben | SWR-Doku

SWR Doku45:18 596.746 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 392 Zeilen
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  1. . Das ist eine Kippa, das ist für besondere Anlässe.
  2. Das ist ein Geschenk für Sie. Vielen Dank.
  3. Dass Sie immer dran denken wenn Sie einen jüdischen Friedhof, eine Synagoge, unsere Einrichtungen besuchen,
  4. dann haben Sie eine. Wo kommt das eigentlich her, Kippa tragen?
  5. Was bedeutet das? Damit wir nicht vergessen, dass Gott über uns ist.
  6. (Neugierige Musik) Die Kippa wird mein wichtigstes Kleidungsstück für die nächsten Tage.
  7. Und Avadislav Avadiev mein wichtigster Ansprechpartner - in der jüdischen Gemeinde in Koblenz.
  8. Sieben Tage bin ich hier zu Gast, bei Gottesdiensten, Ritualen, jüdischen Traditionen und dem Lichterfest Chanukka.
  9. Wie leben Juden heute in Deutschland? Wie feiern, woran glauben Sie?
  10. Und welche Geschichten und Schicksale birgt der jüdische Friedhof neben der Synagoge?
  11. (Neugierige Musik) (Aufgeweckte Musik)
  12. Freitagmorgen im Gemeindehaus. Vorbereitungen für den Schabbat,
  13. den wöchentlichen Feier- und Ruhetag der Juden. Essen - viel Essen! - gehört zu jedem Schabbat dazu.
  14. (Verspielte Musik) Gallina, und wie heißen Sie? - Valentina.
  15. Valentina, Gallina. - Ja. Kann ich irgendwas helfen in der Küche?
  16. (Flinke Musik) Kann ich was helfen? - Zwiebel!
  17. Ja, mach ich, gern! Ich kenne in meinem Umfeld niemanden jüdischen Glaubens.
  18. Bin gespannt und erwartungsvoll. Valentina und Gallina - die Schwestern kommen aus Osteuropa -
  19. so viel weiß ich schon. Wie lange machen Sie das schon? Wie lange helfen Sie schon hier mit?
  20. Oh, vielleicht fünf, sechs Jahre. Wo kommen Sie her? Aus Russland?
  21. Ukraine. - Ukraine. Zu dritt: ich, meine Schwester und meine Mutter.
  22. Vermissen Sie die Heimat? Ja.
  23. In den Neunzigerjahren kamen 200.000 Juden aus der Sowjetunion nach Deutschland.
  24. Auch er: Abraham Abayev, der Mann für alles hier. Fisch gibt's heute, aber nicht jeder Fisch ist koscher.
  25. Gläubige Juden essen nur koschere Dinge. Es gibt bestimmte Fischarten in der Tora beschrieben,
  26. die koscher sind. Er muss Schuppen haben, Flossen haben.
  27. Man muss auch die Kiemen kontrollieren, dass da nichts drin ist, nichts versteckt ist.
  28. Aber ein Aal? - Aal ist nicht koscher. Warum? - Ja, weil der hat keine Schuppen.
  29. Ja, aber warum? Was ist der Unterschied beim Essen? Weiß man, warum das so ist? - Ja, man weiß das.
  30. Weil die Tora sagt, ohne Schuppen darfst du nicht essen. Dann ist da was Wahres dran.
  31. "Challa" - so heißt das kleine Stück Teig, das vom Brotteig abgenommen und über das ein Segen gesprochen wird.
  32. (Sie spricht einen Segen.) Dann wird es im Ofen verbrannt.
  33. Als eine Art Opfergabe. Hier zum Backen und Brennen.
  34. (Verspielte Musik) Zu jedem Schabbat werden Brötchen und Brot gebacken, aus einem Hefeteig.
  35. Abraham muss das Ei genau prüfen. Ein winziger Blutstropfen, und das Ei wäre nicht koscher.
  36. Nicht ein Bluttropfen soll sein. Denn Blut verzehren ist im Judentum verboten.
  37. Er, Christoph Simonis, gehört auch zur Gemeinde. Hilft, wo er gebraucht wird,
  38. obwohl er gar kein Jude ist - noch nicht. Doch dazu später mehr.
  39. Erst mal Brötchen und Brot fertigmachen für den Abend. So okay? - So okay.
  40. Steht das so in der Tora, wie man das Brot machen muss? Wenn Sie wollen, wir machen es anders.
  41. (Er lacht.) (Nachdenkliche Klaviermusik)
  42. Wir verlassen das Gemeindezentrum, um eine jüdische Familie zu treffen, die auf der anderen Seite der Mosel wohnt.
  43. Sie bereiten sich daheim auf den Schabbat vor, und wir dürfen sie besuchen.
  44. Benny Benizri ist Arzt und arbeitet bei der Bundeswehr. Er gehört zu den wenigen Juden in der Koblenzer Gemeinde,
  45. die nicht aus Osteuropa zugewandert sind. (Leise Gespräche)
  46. Auch hier wird gerade Brot gebacken. In der koscheren Küche hat man ein Besteck für Fleisch
  47. und noch ein getrenntes Besteck für Milch. Wir haben hier die Schublade mit dem milchigen Besteck.
  48. Und auf der anderen Seite die Schub- lade mit dem fleischigen Besteck. Hier ist die Spülmaschine für fleischiges Geschirr,
  49. und hinter Ihnen ist die Maschine für milchiges Geschirr. Was ist, wenn jetzt so ein Löffel in die falsche Schublade wandert?
  50. Wenn man einen Löffel oder was auch immer nicht-koscher gemacht hat, dann muss man das wieder koscher machen.
  51. Das besteht darin, dass man Besteck gut reinigt, abtrocknet, 24 Stunden wartet,
  52. und dann in sprudelnd kochendem Wasser badet, danach mit kaltem Wasser abspült und abtrocknen.
  53. Dann ist der Löffel wieder brauchbar. (off:) So viele Rituale, was koscher ist und was nicht.
  54. Für Außenstehende wie mich wirken sie zunächst befremdlich. Warum sind sie ihm so wichtig,
  55. dass er sein Leben streng danach ausrichtet? Ich hab's in der Hand, wie viel Gott ich in mein Leben bringe.
  56. Das Judentum mit seinen 613 Geboten bietet mir durch diese 613 Instrumente viel Möglichkeit,
  57. Gott in mein Leben zu bringen. Dass ich mein Leben jüdisch lebe, heißt,
  58. dass ich die Gebote reinbringe und damit Gott respektiere. Ich bin ein Geschöpf auf seiner Erde.
  59. Ich soll seine Gebote halten, und in dem Moment, wo ich seine Gebote halte, wo ich die Dinge auf die Weise tue,
  60. wie ich sie tun soll, bin ich mir bewusst, dass es einen Gott gibt, der mich geschaffen hat
  61. und ich seine Gebote halte. Soll ich weitermachen oder ...
  62. Nicht so, nein. Weil dann geht es nicht mehr gut.
  63. Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihr Sohn im Glauben erzogen wird? Das ist sehr wichtig.
  64. Das ist eines der Kernthemen, die jüdischen Traditionen, die Gebote
  65. und die Inhalte des Judentums in die nächste Generation weiterzugeben. Und zwar nicht als Folklore, sondern tatsächlich als Lebensinhalt.
  66. Der Schabbat beginnt freitags bei Sonnenuntergang. Und endet am Samstag bei Sonnenuntergang.
  67. (Sie unterhalten sich.) In dieser Zeit ist vieles verboten:
  68. arbeiten, Auto fahren, telefonieren, elektrische Geräte anschalten. Worauf wir viel Wert gelegt haben beim Kauf unseres Kühlschranks ist,
  69. außer dass er ausreichend groß ist, dass er einen Schabbat-Modus hat. Ach, was ist denn das?
  70. Das kann man hier sehen, wenn man näher rankommt. Warten Sie kurz, ich mache Platz.
  71. Ja, alles gut, dann machen wir gleich, oder? - Ja. Das sieht man hier oben: Er ist schon im Schabbat-Modus eingestellt.
  72. Das ist das Symbol: zwei Schabbat-Kerzen. Und jetzt geht das Licht nicht an, wenn ich ihn öffne.
  73. Er fängt auch nicht an zu piepen, wenn er zu lange offen ist. Für den Schabbat. - Für den Schabbat.
  74. Nach Schabbat schalte ich das wieder aus, dann ist er wieder im ganz normalen Modus.
  75. (Piepsen) So: Schabbat-Modus.
  76. (Off:) Denn nur das Anschalten eines elektrischen Gerätes wie etwa der Lampe im Kühlschrank ist verboten,
  77. nicht aber der Dauerbetrieb des Kühlschranks. Nichts Lebendiges, kein Insekt darf im Salat sein.
  78. Da schaut Andrea Benizri ganz genau hin. Die haben ziemlich viele, wenn man sich anschaut ...
  79. (Neugierige Musik) Zurück im Gemeindezentrum.
  80. Das Schabbat-Brot ist fertig. Darf ich?
  81. Danke. Darf ich schon essen?
  82. Ja! Mit Ihnen auch?
  83. Danke schön. Lecker. Lecker.
  84. Nun werden die Schabbat-Kerzen angezündet - der Beginn des Feiertages.
  85. Und jetzt darf auch nicht mehr gedreht werden. (Neugierige Musik)
  86. Tag zwei. Herr Avadiev ist der Vorsitzende der Koblenzer Gemeinde.
  87. Er führt mich durch die Synagoge. Ich bin zum ersten Mal in einem jüdischen Gotteshaus.
  88. Über dem Eingang steht: "Jeder ist hier willkommen." Wenn wir reinkommen,
  89. wir haben in jeder Tür so eine Mesusa. Was das Fundament des Judentums ist.
  90. Eine Pergamentrolle in einem kleinen Kästchen am Türrahmen. Das ist ja Fundament jüdischer Religion -
  91. es gibt nur einen Gott. Im Grunde so eine Art Glaubensbekenntnis.
  92. Genau, und dieser Satz ... Wie heißt der auf hebräisch, der Satz?
  93. (Er spricht hebräisch.) Und dieser Satz ... - Schma Israel ...
  94. Ja, "Höre, Israel: Gott ist einzig, Gott ist eins." Den einzigen Gott gibt es, keine anderen Götter.
  95. (Er spricht leise.) So, das hier heißt Bima.
  96. Die Bima steht hier ganz vorne. Das ist der Platz, wo die ... - Wo die Tora-Rolle gelesen wird.
  97. Das ist eine Parochet, der Tora-Vorhang. Und dahinter haben wir ...
  98. Darf ich das als Nicht-Jude anfassen? Ja ja, dürfen Sie alles, das ist kein Problem.
  99. Also, das mache ich so. Da sind die drei Tora-Rollen.
  100. (Sie unterhalten sich.) (off:) Die Tora ist die heilige Schrift der Juden.
  101. Die mittlere Tora-Rolle ist noch nicht geweiht. Aus den anderen wird im Gottesdienst gelesen.
  102. Wer hat denn die erste Tora geschrieben? Ja, die erste Tora hat ja der Gott über Moses geschrieben.
  103. Also hat Moses das aufgeschrieben? Ja, Moses hat aufgenommen, was der Gott ihm diktiert hat.
  104. Was hat es da hinten mit den Vorhängen auf sich? Das heißt Mechiza.
  105. Das ist eine Trennung für die Gebetszeiten. Wenn man hier kommt zum Beten,
  106. kommen Frauen, die setzen sich hier hinter die Mechiza. Damit die Männer nicht von den Frauen abgelenkt werden.
  107. Damit sie sich nur konzentrieren aufs Gebet. (Ruhige Musik)
  108. Macht das das Leben leichter, wenn man einen Glauben hat? Tja.
  109. Ja, ich glaube schon. Wenn einer an ...
  110. Wenn einer an Gott glaubt, würde ich sagen, ist er nie alleine. Unmittelbar hinter der Synagoge
  111. liegt hier in Koblenz der jüdische Friedhof. Seit dem 14. Jahrhundert ist er Begräbnisstätte für Juden.
  112. Ich treffe hier einen Mann, der sich wohl wie kaum sonst jemand auskennt in der Geschichte dieses Friedhofs:
  113. Ulrich Offerhaus. Der ehemalige evangelische Pfarrer
  114. ist fasziniert vom Judentum und von diesem Ort. Er will mir besondere Gedenksteine zeigen.
  115. Von Koblenzer Juden, die in der Nazizeit aus Angst vor der Deportation Suizid begingen.
  116. Hier ist David Liebert. - Ja. Beide 19.3.1942, Suizid.
  117. Das ist Günther. Benno Günther und Alice Johanna Günther.
  118. 17.11.1941. 17.11.'41.
  119. Benno Günther hatte einen gutgehenden Weinhandel in Koblenz. Und beide fühlten sich gedemütigt, erniedrigt.
  120. Das letzte war, dass sein Betrieb arisiert wurde. Er wurde aus dem Handelsregister gelöscht.
  121. Und das ist ein Suizid in den Rheinanlagen am helllichten Tage, fast öffentlich demonstrativ.
  122. Ins Wasser gegangen? Nein, Gift.
  123. In der Öffentlichkeit? - Ja. Quasi als Mahnmal oder als ...
  124. Als Demonstration, dass er keine Lebensmöglichkeiten mehr hatte. Der Gang über den Friedhof ist eine Zeitreise.
  125. Jeder Grabstein erzählt eine Geschichte. Etwa die der Familie Wolff, die ich gleich erfahren werde.
  126. Denn wenig später begrüßt Ulrich Offerhaus eine jüdische Familie aus Amerika: die Lichtensteins.
  127. Er hat sie in New York aufgespürt. Sie sind Nachfahren der Wolffs.
  128. Erst ein Anruf in Amerika brachte das ans Tageslicht. (englisch:) Ich war in einem Café und bekam einen Anruf.
  129. Jemand sagte: "Hallo, ist dort Alice Lichtenstein?" "Ich rufe aus Deutschland an. Wir suchen den Kontakt mit Ihnen."
  130. "Sind sie die Enkeltochter von Irene Wolff aus der Familie Feiner in Koblenz?"
  131. Und da brach ich in Tränen aus. Denn ich wusste: Das wird eine große Sache.
  132. (Ruhige Musik) Alice Lichtenstein und ihre Tante Carol sind samt Familie angereist.
  133. Spurensuche auf dem Friedhof. Die Familie Wolff lebte seit Generationen im Rheinland.
  134. Viele wurden Opfer des Holocaust. Irene Wolff überlebte.
  135. (englisch:) Sie hat mir nie von der Zeit erzählt. Sie hat von ihrer Kindheit erzählt,
  136. dass sie Krankenschwester war in Köln. Und dann, Schnitt, sprang sie ins Jahr 1948,
  137. als sie nach Amerika kamen. Wie war es bei dir? Genauso?
  138. Sie war alleine. Ihre Großeltern waren nicht mehr da, ihre Eltern waren nicht mehr da,
  139. ihre kleinen Brüder waren umgebracht worden. Wir wussten das alles, aber sie wollte nicht,
  140. dass wir unter einer dunklen Wolke aufwachsen, voller Details. Sie erzählte nie Details aus der Zeit.
  141. (Ruhige Musik) Drei Konzentrationslager überlebte Irene Wolff.
  142. Wanderte 1948 in die USA aus. Die Lichtensteins kommen hier zum ersten Mal
  143. mit den Wurzeln ihrer Familie in Kontakt. Ein bewegender Tag.
  144. Und sie entdecken noch ein weiteres Grab einer Verwandten. (Sie unterhalten sich.)
  145. Von ihr habe ich schon so viel gehört. Oma Feiner.
  146. Und dann erzählt mir Carol noch, dass sie selbst gerade Oma geworden ist.
  147. Mein jüngster Sohn hat mit seiner Frau gerade eine Tochter bekommen, vor einem Monat.
  148. Sie gaben ihr den Namen Irene. Sie sagten: Die Oma sei die stärkste Person gewesen, die sie kannten,
  149. mit einem großen Herzen. Eine kleine Dame mit einem großen Herzen.
  150. Sie hat immer mit ihren Enkeln gesungen und sich über sie gefreut. Sie beide hoffen,
  151. dass ihre Tochter jetzt all diese Eigenschaften der Oma fortführt und so wird wie sie.
  152. Ein schönes Gefühl. Das ist sie: Irene Wolff.
  153. Und hier zeigt mir Alyse noch ein anderes Foto. Irene mit ihren Brüdern als Kinder.
  154. Das ist sie. Irene. - Mhm.
  155. Karl, der ältere Bruder. Fritz und Theo, die kleinen Brüder. Die beiden Kleinen starben im Lager.
  156. Im Gemeindezentrum finden sich weitere Bilder der Familie. Noch mal Irene als Kind.
  157. (Sie unterhalten sich.) Irene.
  158. Und das ist Siegmund. Er hatte das Porzellan.
  159. Von Siegmunds Porzellan werde ich später noch mehr erfahren. Eine unglaubliche Geschichte.
  160. Irene Wolff starb im vergangenen Jahr. Sie wurde 98 Jahre alt.
  161. (Ruhige Klaviermusik) Ein neuer Tag.
  162. Weiß jemand - was feiern wir heute Abend? Jüdischer Religionsunterricht im Gemeindezentrum.
  163. Für Kinder zwischen drei und 16 Jahren. Irene Weber ist Lehrerin, selbst Jüdin,
  164. und sie will den Kindern das gerade beginnende Chanukka-Fest nahebringen: das sogenannte Lichterfest,
  165. das Juden in aller Welt jedes Jahr im Winter feiern. Das Wissen über jüdische Geschichte und Bräuche
  166. ist vor allem bei den Zuwanderern aus der Sowjetunion oft gering. Viele wurden diskriminiert, konnten ihren Glauben nicht offen leben.
  167. Das hat dazu geführt, dass wir sehr viele Menschen haben, die zwar wissen, dass sie jüdisch sind,
  168. jüdische Mutter, jüdische Familien, aber wirklich über ihre Traditionen, Ausübung der Religion,
  169. wie man Feiertage feiert oder woher das alles kommt wirklich sehr wenig wissen.
  170. Die Traditionen, die Art und Weise wie wir beten, wann wir beten, was wir essen, wann wir essen,
  171. sind sehr, sehr wichtig. Das ist wie eine ständige Erinnerung an wer wir sind
  172. und was wir eigentlich hier zu tun haben. (Leise Gespräche)
  173. Ab dem Alter von drei Jahren führen fromme Juden ihre Kinder an die Religion heran.
  174. Jeden Tag wird zum Chanukka-Fest eine weitere Kerze entzündet. Acht Tage lang.
  175. Bist du religiös? Lebt ihr zu Hause Schabbat? Ja, geht so. Schon etwas.
  176. Das heißt, wie oft betest du? Ähm ...
  177. Ich glaub, eher an größeren Feier- tagen machen wir Gebete und so was, aber wir feiern jetzt nicht jede Woche Schabbat oder so was.
  178. Wir sind keine so stark religiöse Familie, außer wenn große Feiertage sind.
  179. Dann gehen wir auch mal in die Synagoge. Wie stellst du dir den lieben Gott vor?
  180. Ja. Ja?
  181. Und du, hast du irgendwie ein Bild von deinem Gott? Das ist mein Bruder!
  182. Ja, also mit einem langen Bart vielleicht. Also schon ein bisschen so älter.
  183. Ja. Ihr feiert zu Hause auch Schabbat?
  184. Ähh ... ja. (Sie singen ein Chanukka-Lied: "Sevivon, Sov Sov Sov")
  185. Irene Weber ist in den 70iger-Jahren aus Rumänien ausgewandert, hat lange in den USA gelebt.
  186. Wie heißt diese Kerze noch mal? Schamasch.
  187. Sie erzählt mir, sie habe es nicht bereut, nach Deutschland gekommen zu sein.
  188. Antisemitismus habe sie hier nie erlebt. Aber viel Positives.
  189. Ich hab unzählige Beispiele. Vielleicht das schönste ist,
  190. als meine Mutter leider ins Heim musste wegen Alzheimer, und es gab einen jungen Pfleger dort.
  191. Und wir wollten sie in die Dusche bringen, damit sie sich umziehen kann und so weiter.
  192. Und darauf hat er mich gefragt, ob sie jetzt vielleicht Angst bekäme,
  193. wenn sie sich jetzt duschen würde. Erst hab ich gar nicht verstanden, warum.
  194. Und dann hat er gesagt, ja, sie ist doch Holocaust-Überlebende. Also diese Empfindsamkeit, diese Sensibilität
  195. von einem jungen Deutschen empfand ich als beispielhaft.
  196. Ich hab hier persönlich, weder ich noch meine Tochter noch meine Mutter,
  197. niemals das Gefühlt gehabt, dass man uns deswegen ausgrenzt oder sonst was.
  198. Während der Unterricht noch läuft wird nebenan mal wieder gekocht. Denn heute beginnt das Chanukka-Fest.
  199. (Munteres Brutzeln) Es gibt Plov - ein asiatisches Reisgericht.
  200. Avadislav Avadiev, studierter Physiker, kocht selbst. Der Vorsitzende der Gemeinde packt mit an, wie alle hier.
  201. Ja, mein Vater und Großeltern, die sind ja so ... In eine traditionelle jüdische Familie bin ich ja geboren,
  202. und erzogen und aufgewachsen. Wir sind ja ...
  203. Dort war es ja nicht so, in Aserbaidschan war ja nie Antisemitismus.
  204. Ein jüdischer Mann muss viel können. - Was muss er können? Ja, sehr viel. - Was?
  205. Kochen. Kinder erziehen.
  206. Reparieren. Tora lernen.
  207. Sehr viel. Spüren Sie Ihren Gott im Alltag?
  208. Diese Zugehörigkeit und Bekennung. Das ist ja wichtig. Dass man weiß,
  209. dass wir morgens aufwachen und Sonnenlicht sehen dürfen, das kostet mehr als eine Million.
  210. Weil ... - Ist viel wert. Ist viel wert,
  211. man weiß ja gar nicht, was am nächsten Morgen ist, ob man überhaupt aufwachen kann. Das ist alles in Gottes Hand.
  212. Gottes Hand. In Glaubensfragen ist Rabbiner David Schwezzow der Experte.
  213. "Gibt es im Judentum auch ein Paradies?", frage ich mich. Das Paradies der Juden heiße "die kommende Welt", sagt der Rabbi.
  214. (Sanfte Musik) Das jüdische Leben konzentriert sich mehr auf die nächste, kommende Welt.
  215. Nach der Erlösung. Und in diesem Verständnis ist es am wichtigsten,
  216. auf den richtigen Weg zurückzukehren und unsere Sünden zu bedauern ...
  217. bevor wir sterben. Aber wir wissen nicht, wann wir sterben werden,
  218. daher ist es immer ein wichtiger Moment - jeder Moment ein wichtiger Moment,
  219. um uns selbst besser zu machen. (Sanfte Musik)
  220. Ein Neuanfang ist also immer möglich im Judentum. Ein schöner Gedanke, finde ich.
  221. Beginn des Chanukka-Festes mit einem Gottesdienst. (Gebetsgesang)
  222. (Gebetsgesang) Weil kein Schabbat ist, dürfen wir nun drehen.
  223. (Gebetsgesang) Von den knapp 1.000 Gemeindemitgliedern
  224. ist ein gutes Dutzend gekommen. Die Frauen - hinter dem Vorhang.
  225. Am Ende wird ein Kaddisch, ein Gebet für die Toten, gesprochen. (Alle sprechen ein Gebet.)
  226. Jetzt werden wir in ein paar Minuten die erste Chanukka-Kerze zünden. Chanukka Sameach! - (Männer:) Chanukka Sameach.
  227. (Gebetsgesang) Tag für Tag werden sie in der Gemeinde und in ihren Familien
  228. nun eine weitere Kerze anzünden. Bis alle acht Kerzen am Chanukka-Leuchter brennen.
  229. Das Lichterfest beginnt. (Gebetsgesang)
  230. (Ruhige Musik) Der nächste Tag.
  231. Synagogenführung für Schüler eines Koblenzer Gymnasiums. (Er spricht hebräisch.)
  232. Christoph Simonis gibt eine Einführung ins Judentum, erzählt den 14- bis 16-Jährigen vom Schabbat,
  233. von jüdischen Ritualen und vom Chanukka-Fest. (Leises Gespräch)
  234. Das Chanukka-Fest, das geht auf ein Ereignis 165 vor Christus, also noch vor unserer Zeitrechnung, zurück.
  235. Eine Kirche und eine Moschee haben die Schüler schon in den letzten Wochen besucht.
  236. Nun die Synagoge. Das ist Lehrerin Julia Schmenk wichtig. Ich finde es sehr wichtig, gerade in einer Zeit,
  237. wo es mehr Rassismus und auch Antisemitismus gibt, dass die Schülerinnen und Schüler
  238. Vertreter und Vertreterinnen anderer Religionen kennenlernen, sich damit befassen und sehen,
  239. dass die Religionen miteinander verwandt sind und ganz viele Gemeinsamkeiten haben.
  240. Aber vieles ist auch fremd. Zum Beispiel die strengen Regeln fürs Ausruhen am Schabbat.
  241. Wie fändest du das, wenn es einen Tag in der Woche gäbe, wo man nur feiern darf?
  242. Ich glaub, für mich selber wäre das eher schwierig, wenn ich quasi nicht mal das Licht anmachen dürfte oder so,
  243. aber ich denke, es kann auch ganz schön sein. (Sanfte Musik)
  244. Christoph Simonis erklärt, was es mit den Steinen auf jüdischen Gräbern auf sich hat.
  245. Nach jüdischer Tradition, wenn ein Grab besucht wird, dann legt man ein kleines Steinchen
  246. als Ehrenerweisung gegenüber dem Verstorbenen. Und das geht auf die Wüstenwanderung zurück,
  247. weil während der Wüstenwanderung konnte man natürlich auch nicht richtige Gräber ausheben
  248. im steinigen Gelände oder in der Wüste. Und dann hat man die Beerdigung so durchgeführt,
  249. dass man den Leichnam mit Steinen bedeckt hat. Und auch als Erinnerung daran ist diese Tradition erhalten geblieben,
  250. dass man da ein Steinchen niederlegt. Keiner der Jugendlichen hier ist selbst jüdischen Glaubens.
  251. (Ruhige Musik) Sie sagen sie würden auch Kinder kennen, oder Jugendliche,
  252. die jüdischen Glaubens sind, aber die würden sich nicht outen. Warum? Ja, also einen Schüler wusste ich, dass er jüdischen Glaubens war,
  253. bei anderen vermute ich es. Ich glaube, die haben vielleicht die Befürchtung,
  254. dass die andern das nicht als ganz normal ansehen und nicht normal damit umgehen würden.
  255. Eine Befürchtung, die durchaus berechtigt ist, wie ich höre. (Leises Gespräch)
  256. Er wurde in der Schule als Jude beschimpft. Das ist ja eigentlich keine Beleidigung,
  257. aber da wurden nicht so nette Adjektive genannt. Und der war dann total erschüttert.
  258. Und das beruht, denke ich - das war in der zehnten Klasse -, das beruht meistens darauf, dass im Geschichtsunterricht
  259. das extrem thematisiert wird mit dem Antisemitismus. Und dadurch kamen auch die Anschuldigungen,
  260. und dann wurde auch mit der Schulleitung gesprochen, weil er gar nicht mehr in die Schule gehen wollte.
  261. Das war ziemlich heftig. (Lebhafte Klaviermusik)
  262. Zwei Mandarinen. Im Gemeindezentrum packen Abraham Abayev und Christoph Simonis
  263. kleine Pakete für die Gemeindemitglieder. (Sie sprechen miteinander.)
  264. Alles koscher, natürlich. Sieben Teile. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs ...
  265. sieben. Richtig. So. Schon fertig. - Sind die Geschenke fertig?
  266. Fertig gemacht, ja. - Wunderbar. Das sind die letzten. - Tee, Kaffee.
  267. Früher haben sie nach dem Gottes- dienst hier gemeinsam gegessen. Das geht wegen Corona gerade nicht. - Alles in Ordnung.
  268. Christoph Simonis hatte eine Zahnarztpraxis in Koblenz. Nun im Ruhestand ist er fast täglich hier, hilft, studiert die Schriften.
  269. Denn er will konvertieren, ist vom Judentum fasziniert. Weil eben diese Toleranz eben dazu führt,
  270. dass man andere neben sich leben lässt. Und man nicht dazu gezwungen wird, andere Religionen anzunehmen.
  271. Während das beim Christentum und beim Islam ja nicht der Fall war, sondern da sind viele ...
  272. die auch ihr Leben verloren haben, weil sie eben diese Religion nicht als ihre annehmen wollten.
  273. Das hat's im Judentum nie gegeben. Weil ohne Missionen wird niemand verpflichtet,
  274. die jüdische Religion anzunehmen. Und das ist natürlich ein großer Vorteil.
  275. (Lebhafte Klaviermusik) Später.
  276. Ich bin mit Abraham auf dem Weg zur Mosel. Denn eine Mikwe, das ist ein traditionelles jüdisches Bad,
  277. in dem rituelle Reinigungen stattfinden, so eine Mikwe hat die Gemeinde in Koblenz nicht.
  278. Aber die Mosel vor der Tür. Neues Geschirr muss vor dem ersten Gebrauch koscher gemacht werden.
  279. Und Abraham zeigt mir, wie das geht. Wir können so machen.
  280. Alle rein, alle müssen von allen Seiten mit Wasser bedeckt sein. Die dürfen nicht ineinander stehen? - Nein.
  281. Okay, das reicht uns. Ja. Umkippen. Dann ...
  282. So, mehrere ... sehen Sie, alle hintereinander. (Er spricht einen Gebetsspruch.)
  283. Und dann kommt der Topf. So. Und jetzt sehen Sie, da halte ich's. - Ja.
  284. Und jetzt zuerst ... so, ganz. Eins - sagen wir so.
  285. Zwei. Drei. Und jetzt die Seite auch.
  286. Eins. Zwei.
  287. Drei. So. Alle Seiten haben wir schon ... koscheriert.
  288. Warum muss das Wasser fließen? Normalerweise muss das Wasser neu sein. - Immer in Bewegung.
  289. Immer in Bewegung, Naturwasser muss es sein. (off:) Und Naturwasser, das ist die Mosel.
  290. (Leises Gespräch) Nun sind Gläser und Pfanne rituell gereinigt.
  291. (Sanfte Musik) Am Abend treffe ich Familie Lichtenstein aus Amerika noch einmal.
  292. Denn dieses edle Porzellan wird ihnen heute übergeben. Ihre Vorfahren gaben es im Jahr 1942,
  293. am Abend vor ihrer Deportation, ihren deutschen Nachbarn. Aufbewahren mögen sie es bis zu ihrer Rückkehr.
  294. Ulrike Moritz löst das Versprechen ihrer Großeltern nun ein. Es war natürlich nach dem Krieg klar,
  295. als überhaupt keine Nachricht von den Feiners kam, dass sie offenkundig dem Holocaust zum Opfer gefallen sind.
  296. Dennoch blieb das Versprechen. Also, das wurde nie aufgegeben. Meine Mutter war mit der Tochter der Familie befreundet.
  297. Das waren enge Freundinnen. Und die war ... für sie war das auch selbstverständlich,
  298. vielleicht auch wichtig, das zu behalten als Andenken an die Familie.
  299. Ein Trost, dass man noch was hat von ihnen. Und deshalb stand das auch für uns, also meine Schwester und mich,
  300. außer Frage, obwohl wir keinen von denen noch kannten, dass wir das weiter aufbewahren
  301. und vielleicht irgendwann einmal jemanden finden, dem es gehören könnte.
  302. Und sie wurden gefunden: Familie Lichtenstein aus New York. (Sanfte Musik)
  303. 80 Jahre Geschichte werden hier spürbar. Es ist ein besonderer Abend.
  304. (Gefühlvolle Musik, Reden werden gehalten.) "Ich habe nicht zu hoffen gewagt, dass ausgerechnet ich
  305. nach fast 80 Jahren die Gelegenheit bekommen würde, ein altes Versprechen einzulösen." (Applaus)
  306. (Gefühlvolle Musik) (Gebetsgesang)
  307. Am nächsten Schabbat will die Familie Lichtenstein dieses Geschirr benutzen -
  308. im Andenken an ihre Vorfahren und neue Freunde. (Gesang geht weiter.)
  309. (englisch:) Im Judentum werden die Traditionen von Generation zu Generation weitergegeben,
  310. und das passiert meist am Esstisch der Familie. Und dieser Tisch repräsentiert auch den heiligen Tempel in Jerusalem
  311. mit all seinen Gaben. Und deshalb hat der Tisch und das gemeinsame Mahl
  312. eine besondere Bedeutung in der jüdischen Religion. (Sanfte Musik)
  313. Irene Wolff, die Mutter der Lichtensteins, wäre an diesem Abend genau 100 Jahre alt geworden.
  314. (englisch:) Ich hatte gemischte Gefühle dabei, herzukommen, aber das hier sind die Guten, die guten Menschen.
  315. Von ihnen brauchen wir mehr in der Welt. (Gefühlvolle Musik, Stimmengewirr)
  316. (Musik endet.) Ein neuer Tag.
  317. Rabbi David Schwezzow hat einen seiner Schüler aus Ungarn zu Gast. (Sanfte Musik)
  318. Der betet sein Morgengebet in traditioneller Art. Dazu legt er den Gebetsriemen frommer Juden an.
  319. Und die Gebetskapsel, in der sich Verse aus der Tora befinden. (Sanfte Musik)
  320. Die Hand und der Kopf, das Denken und das Handeln, sollen sich ganz auf Gott ausrichten.
  321. (Sanfte Musik, er spricht leise.) Armin Steinglauber will vielleicht selbst Rabbiner werden.
  322. Wie sein Lehrer. Er erklärt mir die Bedeutung dieses Rituals.
  323. (Sanfte Musik) Die Bedeutung ist, dass alles, was wir machen im Leben,
  324. das kommt aus dem Kopf, und wir machen es mit der Hand. Deshalb müssen wir uns konzentrieren auf den Allmächtigen,
  325. wenn wir denken und wenn wir etwas tun. (Sanfte Musik)
  326. Siebenmal ist der Riemen um den Arm geschlungen - symbolisch für jeden Tag der Woche.
  327. (englisch:) Wir danken Gott dafür, dass wir Menschen sind, und jeden Morgen aufstehen können.
  328. Dass wir keine Sklaven sind, sondern frei und gesund. (Er spielt eine Melodie.)
  329. Im Gemeindehaus übt Abraham Posaune. Er hat in Orchestern gespielt und an Musikschulen unterrichtet.
  330. (Melodie geht weiter.) Die Frauen und wir bereiten Essen vor.
  331. Es gibt wieder was zu feiern. Wir machen eine Einweihung.
  332. Und ... ja, ich versuche ... zu begleiten und zu spielen,
  333. deswegen mache ich eine Probe, was für Stücke ... ich für die Begleitung bringe.
  334. Eine neue Tora soll an diesem Tag geweiht werden. Doch ich bin vorher mit einer Frau verabredet,
  335. die zu den letzten Zeitzeuginnen des Holocaust gehört. Sie ist die Frau des ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde
  336. in Koblenz, und ich habe schon viel von ihr gehört.
  337. Heute darf ich Inge Kahn besuchen. Das ist mein Sessel. Hier bin ich zu Hause.
  338. 1942 wurde sie mit ihren Eltern ins Lager Theresienstadt deportiert. Wir sind in ein Zimmer gekommen, da war nicht ein Nagel an der Wand.
  339. Ein Zimmer. Und wir sind dann mit, ich weiß nicht,
  340. mit zwölf Leuten oder so viel in einem Zimmer gewesen, da war weder ein Stuhl noch ein Bett noch sonst was da.
  341. Es war ein blankes Zimmer, und wir haben uns nachts auf den Holzboden gelegt und da geschlafen.
  342. (off:) Wie hat sie dort gelebt? Was hat sie dort gemacht? Gehungert.
  343. Gehungert. - Gehungert. Inge Kahn wurde zum Arbeitseinsatz eingeteilt,
  344. musste außerhalb des Lagers bei der Ernte helfen. Wenn wir geerntet haben,
  345. dann konnten wir uns auch schon mal was einverleiben, und jeder Bissen war ...
  346. war ein Weg zum Überleben. Und dann bin ich sehr krank geworden, und da ...
  347. na ja ... hab ich, obwohl jeder geglaubt hat, ich kann nicht überleben -
  348. ich hab dann doch überlebt. Als ich befreit wurde, habe ich mit 17 Jahren 48 Pfund gewogen.
  349. Pfund? - Ja, Pfund. Keine Kilo. Pfund.
  350. Ich hab ausgesehen wie ein zehnjähriges Kind. (Emotionale Musik)
  351. Von Theresienstadt sind ständig Transporte gegangen, aber wir wussten nicht, wohin.
  352. Gab es keine Gerüchte, oder ... Wir haben es erfahren, aber man hat es nicht geglaubt.
  353. (Emotionale Musik) Hiervon bin ich die einzige Überlebende.
  354. Da sitze ich hinten allein auf der Bank. Ich hab da hinten gesessen.
  355. Und hab da zugeguckt. Die sind alle umgekommen, da ist niemand ...
  356. Und ich hab diese Bilder noch, weil ich überlebt hab. Das waren meine Großeltern.
  357. Mein Vater, meine Schwester und ich als Kinder. Das waren meine Eltern.
  358. Mit mir, nach dem Krieg war das. Jaja, das ist alles mal gewesen. Das war einmal.
  359. Das hier war ... ein Bruder meiner Mutter.
  360. Auch umgekommen? Auch umgekommen, alle umgekommen, die sind alle umgekommen.
  361. Von all denen, die deportiert wurden ... habe ich das große Glück gehabt, mit meinen Eltern zurückzukommen,
  362. sonst niemand. Am 8. Mai 1945 wurde Theresienstadt von der Roten Armee befreit.
  363. Wir haben gejubelt. Ne.
  364. War natürlich dann: Wie kommt man nach Hause, und wie sieht es zu Hause aus?
  365. Ich war 14, als ich hinkam, ich war 17, als ich zurückkam. Ich wusste überhaupt nicht mehr, wie man in der Freiheit lebt.
  366. Ich habe meine Eltern gefragt: Wie lebt man da? Wo kriegt man da etwas zu Essen her? Wie geht das?
  367. Da hat meine Mutter gesagt: Wenn wir mal da sind, wirst du das schon lernen.
  368. Wirst du dann schon sehen. Ne. Konnte ich mir nicht mehr vorstellen.
  369. (Gefühlvolle Musik) (leise:) Ja, so ist das. Nach dem Krieg kehrte Inge Kahn zurück.
  370. Lernte ihren Mann kennen, heiratete, blieb hier in Koblenz. (Emotionale Musik)
  371. Ich bin berührt und sehr dankbar, dass Inge Kahn mich empfangen hat, um mit mir zu sprechen.
  372. Mit 93 Jahren. (Türe quietscht.)
  373. (Fröhliche Melodie) Am Nachmittag.
  374. Die Weihe der Tora. Das Ritual gleicht einem Hochzeitsritual.
  375. Die neue Tora wird mit der jüdischen Gemeinde verbunden. (Fröhliche Melodie)
  376. Achtmal wird die Tora um die Bima getragen. (Melodie geht weiter.)
  377. Das ist mehr als eine Spende für uns. Und deswegen vielen herzlichen Dank an dich, Christoph,
  378. für deine großzügige Spende. (Applaus)
  379. Nun wird aus der Tora gelesen, von verschiedenen Gemeindemitgliedern. (Mann singt Gebet.)
  380. Auf 20 bis 30 Meter Pergamentpapier stehen die fünf Bücher Mose. Niedergeschrieben von besonders ausgebildeten frommen Toraschreibern.
  381. Von Hand. Jede Tora weltweit ist handgeschrieben.
  382. Jede Tora, ja. Das ist nicht koscher, wenn sie nicht hangeschrieben ist,
  383. ist sie nicht koscher. Wie lange dauert das, eine Tora zu schreiben?
  384. (lacht:) Ja ... viel Zeit. Bis zu einem Jahr dauert das Schreiben einer Tora.
  385. (Gebetsgesang) Nun ist die neue, von Christoph Simonis gespendete Tora geweiht.
  386. (Gemeinsamer Gebetsgesang) (Gebetsgesang)
  387. Es ist der letzte Tag des Chanukka-Festes. Alle acht Kerzen brennen.
  388. (Gebetsgesang) Wie leben Juden heute in Deutschland?
  389. Das wollte ich wissen, als ich herkam. So fremd war mir ihr Leben mitten unter uns.
  390. Ich habe hier tolle, offene und gastfreundliche Menschen kennengelernt.
  391. und die sieben Tage mit ihnen haben mir einen tiefen Einblick in ihre Welt geschenkt.
  392. (Gesang) SWR 2021

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