7 Tage... Jüdisch leben | SWR-Doku SWR Doku https://www.youtube.com/watch?v=dd1BwbNq7Uc Transkript (automatisch erstellt) 0:00 . Das ist eine Kippa, das ist für besondere Anlässe. 0:04 Das ist ein Geschenk für Sie. Vielen Dank. 0:08 Dass Sie immer dran denken wenn Sie einen jüdischen Friedhof, eine Synagoge, unsere Einrichtungen besuchen, 0:16 dann haben Sie eine. Wo kommt das eigentlich her, Kippa tragen? 0:19 Was bedeutet das? Damit wir nicht vergessen, dass Gott über uns ist. 0:25 (Neugierige Musik) Die Kippa wird mein wichtigstes Kleidungsstück für die nächsten Tage. 0:31 Und Avadislav Avadiev mein wichtigster Ansprechpartner - in der jüdischen Gemeinde in Koblenz. 0:37 Sieben Tage bin ich hier zu Gast, bei Gottesdiensten, Ritualen, jüdischen Traditionen und dem Lichterfest Chanukka. 0:45 Wie leben Juden heute in Deutschland? Wie feiern, woran glauben Sie? 0:50 Und welche Geschichten und Schicksale birgt der jüdische Friedhof neben der Synagoge? 0:55 (Neugierige Musik) (Aufgeweckte Musik) 1:05 Freitagmorgen im Gemeindehaus. Vorbereitungen für den Schabbat, 1:10 den wöchentlichen Feier- und Ruhetag der Juden. Essen - viel Essen! - gehört zu jedem Schabbat dazu. 1:17 (Verspielte Musik) Gallina, und wie heißen Sie? - Valentina. 1:23 Valentina, Gallina. - Ja. Kann ich irgendwas helfen in der Küche? 1:28 (Flinke Musik) Kann ich was helfen? - Zwiebel! 1:32 Ja, mach ich, gern! Ich kenne in meinem Umfeld niemanden jüdischen Glaubens. 1:38 Bin gespannt und erwartungsvoll. Valentina und Gallina - die Schwestern kommen aus Osteuropa - 1:44 so viel weiß ich schon. Wie lange machen Sie das schon? Wie lange helfen Sie schon hier mit? 1:51 Oh, vielleicht fünf, sechs Jahre. Wo kommen Sie her? Aus Russland? 1:57 Ukraine. - Ukraine. Zu dritt: ich, meine Schwester und meine Mutter. 2:03 Vermissen Sie die Heimat? Ja. 2:07 In den Neunzigerjahren kamen 200.000 Juden aus der Sowjetunion nach Deutschland. 2:13 Auch er: Abraham Abayev, der Mann für alles hier. Fisch gibt's heute, aber nicht jeder Fisch ist koscher. 2:21 Gläubige Juden essen nur koschere Dinge. Es gibt bestimmte Fischarten in der Tora beschrieben, 2:30 die koscher sind. Er muss Schuppen haben, Flossen haben. 2:33 Man muss auch die Kiemen kontrollieren, dass da nichts drin ist, nichts versteckt ist. 2:39 Aber ein Aal? - Aal ist nicht koscher. Warum? - Ja, weil der hat keine Schuppen. 2:44 Ja, aber warum? Was ist der Unterschied beim Essen? Weiß man, warum das so ist? - Ja, man weiß das. 2:49 Weil die Tora sagt, ohne Schuppen darfst du nicht essen. Dann ist da was Wahres dran. 2:56 "Challa" - so heißt das kleine Stück Teig, das vom Brotteig abgenommen und über das ein Segen gesprochen wird. 3:03 (Sie spricht einen Segen.) Dann wird es im Ofen verbrannt. 3:16 Als eine Art Opfergabe. Hier zum Backen und Brennen. 3:24 (Verspielte Musik) Zu jedem Schabbat werden Brötchen und Brot gebacken, aus einem Hefeteig. 3:45 Abraham muss das Ei genau prüfen. Ein winziger Blutstropfen, und das Ei wäre nicht koscher. 3:54 Nicht ein Bluttropfen soll sein. Denn Blut verzehren ist im Judentum verboten. 4:03 Er, Christoph Simonis, gehört auch zur Gemeinde. Hilft, wo er gebraucht wird, 4:08 obwohl er gar kein Jude ist - noch nicht. Doch dazu später mehr. 4:12 Erst mal Brötchen und Brot fertigmachen für den Abend. So okay? - So okay. 4:25 Steht das so in der Tora, wie man das Brot machen muss? Wenn Sie wollen, wir machen es anders. 4:31 (Er lacht.) (Nachdenkliche Klaviermusik) 4:40 Wir verlassen das Gemeindezentrum, um eine jüdische Familie zu treffen, die auf der anderen Seite der Mosel wohnt. 4:47 Sie bereiten sich daheim auf den Schabbat vor, und wir dürfen sie besuchen. 4:53 Benny Benizri ist Arzt und arbeitet bei der Bundeswehr. Er gehört zu den wenigen Juden in der Koblenzer Gemeinde, 5:00 die nicht aus Osteuropa zugewandert sind. (Leise Gespräche) 5:05 Auch hier wird gerade Brot gebacken. In der koscheren Küche hat man ein Besteck für Fleisch 5:15 und noch ein getrenntes Besteck für Milch. Wir haben hier die Schublade mit dem milchigen Besteck. 5:24 Und auf der anderen Seite die Schub- lade mit dem fleischigen Besteck. Hier ist die Spülmaschine für fleischiges Geschirr, 5:34 und hinter Ihnen ist die Maschine für milchiges Geschirr. Was ist, wenn jetzt so ein Löffel in die falsche Schublade wandert? 5:41 Wenn man einen Löffel oder was auch immer nicht-koscher gemacht hat, dann muss man das wieder koscher machen. 5:49 Das besteht darin, dass man Besteck gut reinigt, abtrocknet, 24 Stunden wartet, 5:56 und dann in sprudelnd kochendem Wasser badet, danach mit kaltem Wasser abspült und abtrocknen. 6:04 Dann ist der Löffel wieder brauchbar. (off:) So viele Rituale, was koscher ist und was nicht. 6:10 Für Außenstehende wie mich wirken sie zunächst befremdlich. Warum sind sie ihm so wichtig, 6:16 dass er sein Leben streng danach ausrichtet? Ich hab's in der Hand, wie viel Gott ich in mein Leben bringe. 6:25 Das Judentum mit seinen 613 Geboten bietet mir durch diese 613 Instrumente viel Möglichkeit, 6:33 Gott in mein Leben zu bringen. Dass ich mein Leben jüdisch lebe, heißt, 6:38 dass ich die Gebote reinbringe und damit Gott respektiere. Ich bin ein Geschöpf auf seiner Erde. 6:44 Ich soll seine Gebote halten, und in dem Moment, wo ich seine Gebote halte, wo ich die Dinge auf die Weise tue, 6:50 wie ich sie tun soll, bin ich mir bewusst, dass es einen Gott gibt, der mich geschaffen hat 6:55 und ich seine Gebote halte. Soll ich weitermachen oder ... 6:58 Nicht so, nein. Weil dann geht es nicht mehr gut. 7:01 Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihr Sohn im Glauben erzogen wird? Das ist sehr wichtig. 7:07 Das ist eines der Kernthemen, die jüdischen Traditionen, die Gebote 7:12 und die Inhalte des Judentums in die nächste Generation weiterzugeben. Und zwar nicht als Folklore, sondern tatsächlich als Lebensinhalt. 7:25 Der Schabbat beginnt freitags bei Sonnenuntergang. Und endet am Samstag bei Sonnenuntergang. 7:31 (Sie unterhalten sich.) In dieser Zeit ist vieles verboten: 7:36 arbeiten, Auto fahren, telefonieren, elektrische Geräte anschalten. Worauf wir viel Wert gelegt haben beim Kauf unseres Kühlschranks ist, 7:46 außer dass er ausreichend groß ist, dass er einen Schabbat-Modus hat. Ach, was ist denn das? 7:52 Das kann man hier sehen, wenn man näher rankommt. Warten Sie kurz, ich mache Platz. 7:57 Ja, alles gut, dann machen wir gleich, oder? - Ja. Das sieht man hier oben: Er ist schon im Schabbat-Modus eingestellt. 8:05 Das ist das Symbol: zwei Schabbat-Kerzen. Und jetzt geht das Licht nicht an, wenn ich ihn öffne. 8:10 Er fängt auch nicht an zu piepen, wenn er zu lange offen ist. Für den Schabbat. - Für den Schabbat. 8:18 Nach Schabbat schalte ich das wieder aus, dann ist er wieder im ganz normalen Modus. 8:24 (Piepsen) So: Schabbat-Modus. 8:26 (Off:) Denn nur das Anschalten eines elektrischen Gerätes wie etwa der Lampe im Kühlschrank ist verboten, 8:32 nicht aber der Dauerbetrieb des Kühlschranks. Nichts Lebendiges, kein Insekt darf im Salat sein. 8:39 Da schaut Andrea Benizri ganz genau hin. Die haben ziemlich viele, wenn man sich anschaut ... 8:47 (Neugierige Musik) Zurück im Gemeindezentrum. 8:55 Das Schabbat-Brot ist fertig. Darf ich? 9:00 Danke. Darf ich schon essen? 9:03 Ja! Mit Ihnen auch? 9:10 Danke schön. Lecker. Lecker. 9:15 Nun werden die Schabbat-Kerzen angezündet - der Beginn des Feiertages. 9:21 Und jetzt darf auch nicht mehr gedreht werden. (Neugierige Musik) 9:33 Tag zwei. Herr Avadiev ist der Vorsitzende der Koblenzer Gemeinde. 9:37 Er führt mich durch die Synagoge. Ich bin zum ersten Mal in einem jüdischen Gotteshaus. 9:43 Über dem Eingang steht: "Jeder ist hier willkommen." Wenn wir reinkommen, 9:50 wir haben in jeder Tür so eine Mesusa. Was das Fundament des Judentums ist. 10:00 Eine Pergamentrolle in einem kleinen Kästchen am Türrahmen. Das ist ja Fundament jüdischer Religion - 10:08 es gibt nur einen Gott. Im Grunde so eine Art Glaubensbekenntnis. 10:12 Genau, und dieser Satz ... Wie heißt der auf hebräisch, der Satz? 10:19 (Er spricht hebräisch.) Und dieser Satz ... - Schma Israel ... 10:24 Ja, "Höre, Israel: Gott ist einzig, Gott ist eins." Den einzigen Gott gibt es, keine anderen Götter. 10:33 (Er spricht leise.) So, das hier heißt Bima. 10:39 Die Bima steht hier ganz vorne. Das ist der Platz, wo die ... - Wo die Tora-Rolle gelesen wird. 10:45 Das ist eine Parochet, der Tora-Vorhang. Und dahinter haben wir ... 10:53 Darf ich das als Nicht-Jude anfassen? Ja ja, dürfen Sie alles, das ist kein Problem. 10:58 Also, das mache ich so. Da sind die drei Tora-Rollen. 11:04 (Sie unterhalten sich.) (off:) Die Tora ist die heilige Schrift der Juden. 11:08 Die mittlere Tora-Rolle ist noch nicht geweiht. Aus den anderen wird im Gottesdienst gelesen. 11:16 Wer hat denn die erste Tora geschrieben? Ja, die erste Tora hat ja der Gott über Moses geschrieben. 11:23 Also hat Moses das aufgeschrieben? Ja, Moses hat aufgenommen, was der Gott ihm diktiert hat. 11:29 Was hat es da hinten mit den Vorhängen auf sich? Das heißt Mechiza. 11:36 Das ist eine Trennung für die Gebetszeiten. Wenn man hier kommt zum Beten, 11:43 kommen Frauen, die setzen sich hier hinter die Mechiza. Damit die Männer nicht von den Frauen abgelenkt werden. 11:52 Damit sie sich nur konzentrieren aufs Gebet. (Ruhige Musik) 12:03 Macht das das Leben leichter, wenn man einen Glauben hat? Tja. 12:11 Ja, ich glaube schon. Wenn einer an ... 12:16 Wenn einer an Gott glaubt, würde ich sagen, ist er nie alleine. Unmittelbar hinter der Synagoge 12:31 liegt hier in Koblenz der jüdische Friedhof. Seit dem 14. Jahrhundert ist er Begräbnisstätte für Juden. 12:39 Ich treffe hier einen Mann, der sich wohl wie kaum sonst jemand auskennt in der Geschichte dieses Friedhofs: 12:46 Ulrich Offerhaus. Der ehemalige evangelische Pfarrer 12:49 ist fasziniert vom Judentum und von diesem Ort. Er will mir besondere Gedenksteine zeigen. 12:56 Von Koblenzer Juden, die in der Nazizeit aus Angst vor der Deportation Suizid begingen. 13:03 Hier ist David Liebert. - Ja. Beide 19.3.1942, Suizid. 13:12 Das ist Günther. Benno Günther und Alice Johanna Günther. 13:19 17.11.1941. 17.11.'41. 13:26 Benno Günther hatte einen gutgehenden Weinhandel in Koblenz. Und beide fühlten sich gedemütigt, erniedrigt. 13:37 Das letzte war, dass sein Betrieb arisiert wurde. Er wurde aus dem Handelsregister gelöscht. 13:48 Und das ist ein Suizid in den Rheinanlagen am helllichten Tage, fast öffentlich demonstrativ. 13:56 Ins Wasser gegangen? Nein, Gift. 14:02 In der Öffentlichkeit? - Ja. Quasi als Mahnmal oder als ... 14:06 Als Demonstration, dass er keine Lebensmöglichkeiten mehr hatte. Der Gang über den Friedhof ist eine Zeitreise. 14:20 Jeder Grabstein erzählt eine Geschichte. Etwa die der Familie Wolff, die ich gleich erfahren werde. 14:30 Denn wenig später begrüßt Ulrich Offerhaus eine jüdische Familie aus Amerika: die Lichtensteins. 14:37 Er hat sie in New York aufgespürt. Sie sind Nachfahren der Wolffs. 14:41 Erst ein Anruf in Amerika brachte das ans Tageslicht. (englisch:) Ich war in einem Café und bekam einen Anruf. 14:51 Jemand sagte: "Hallo, ist dort Alice Lichtenstein?" "Ich rufe aus Deutschland an. Wir suchen den Kontakt mit Ihnen." 14:58 "Sind sie die Enkeltochter von Irene Wolff aus der Familie Feiner in Koblenz?" 15:04 Und da brach ich in Tränen aus. Denn ich wusste: Das wird eine große Sache. 15:14 (Ruhige Musik) Alice Lichtenstein und ihre Tante Carol sind samt Familie angereist. 15:23 Spurensuche auf dem Friedhof. Die Familie Wolff lebte seit Generationen im Rheinland. 15:35 Viele wurden Opfer des Holocaust. Irene Wolff überlebte. 15:43 (englisch:) Sie hat mir nie von der Zeit erzählt. Sie hat von ihrer Kindheit erzählt, 15:48 dass sie Krankenschwester war in Köln. Und dann, Schnitt, sprang sie ins Jahr 1948, 15:54 als sie nach Amerika kamen. Wie war es bei dir? Genauso? 15:59 Sie war alleine. Ihre Großeltern waren nicht mehr da, ihre Eltern waren nicht mehr da, 16:04 ihre kleinen Brüder waren umgebracht worden. Wir wussten das alles, aber sie wollte nicht, 16:09 dass wir unter einer dunklen Wolke aufwachsen, voller Details. Sie erzählte nie Details aus der Zeit. 16:17 (Ruhige Musik) Drei Konzentrationslager überlebte Irene Wolff. 16:23 Wanderte 1948 in die USA aus. Die Lichtensteins kommen hier zum ersten Mal 16:31 mit den Wurzeln ihrer Familie in Kontakt. Ein bewegender Tag. 16:38 Und sie entdecken noch ein weiteres Grab einer Verwandten. (Sie unterhalten sich.) 16:56 Von ihr habe ich schon so viel gehört. Oma Feiner. 17:19 Und dann erzählt mir Carol noch, dass sie selbst gerade Oma geworden ist. 17:25 Mein jüngster Sohn hat mit seiner Frau gerade eine Tochter bekommen, vor einem Monat. 17:32 Sie gaben ihr den Namen Irene. Sie sagten: Die Oma sei die stärkste Person gewesen, die sie kannten, 17:42 mit einem großen Herzen. Eine kleine Dame mit einem großen Herzen. 17:47 Sie hat immer mit ihren Enkeln gesungen und sich über sie gefreut. Sie beide hoffen, 17:54 dass ihre Tochter jetzt all diese Eigenschaften der Oma fortführt und so wird wie sie. 18:00 Ein schönes Gefühl. Das ist sie: Irene Wolff. 18:08 Und hier zeigt mir Alyse noch ein anderes Foto. Irene mit ihren Brüdern als Kinder. 18:15 Das ist sie. Irene. - Mhm. 18:20 Karl, der ältere Bruder. Fritz und Theo, die kleinen Brüder. Die beiden Kleinen starben im Lager. 18:33 Im Gemeindezentrum finden sich weitere Bilder der Familie. Noch mal Irene als Kind. 18:40 (Sie unterhalten sich.) Irene. 18:50 Und das ist Siegmund. Er hatte das Porzellan. 18:54 Von Siegmunds Porzellan werde ich später noch mehr erfahren. Eine unglaubliche Geschichte. 19:00 Irene Wolff starb im vergangenen Jahr. Sie wurde 98 Jahre alt. 19:04 (Ruhige Klaviermusik) Ein neuer Tag. 19:13 Weiß jemand - was feiern wir heute Abend? Jüdischer Religionsunterricht im Gemeindezentrum. 19:19 Für Kinder zwischen drei und 16 Jahren. Irene Weber ist Lehrerin, selbst Jüdin, 19:24 und sie will den Kindern das gerade beginnende Chanukka-Fest nahebringen: das sogenannte Lichterfest, 19:30 das Juden in aller Welt jedes Jahr im Winter feiern. Das Wissen über jüdische Geschichte und Bräuche 19:37 ist vor allem bei den Zuwanderern aus der Sowjetunion oft gering. Viele wurden diskriminiert, konnten ihren Glauben nicht offen leben. 19:45 Das hat dazu geführt, dass wir sehr viele Menschen haben, die zwar wissen, dass sie jüdisch sind, 19:51 jüdische Mutter, jüdische Familien, aber wirklich über ihre Traditionen, Ausübung der Religion, 19:59 wie man Feiertage feiert oder woher das alles kommt wirklich sehr wenig wissen. 20:04 Die Traditionen, die Art und Weise wie wir beten, wann wir beten, was wir essen, wann wir essen, 20:10 sind sehr, sehr wichtig. Das ist wie eine ständige Erinnerung an wer wir sind 20:16 und was wir eigentlich hier zu tun haben. (Leise Gespräche) 20:27 Ab dem Alter von drei Jahren führen fromme Juden ihre Kinder an die Religion heran. 20:33 Jeden Tag wird zum Chanukka-Fest eine weitere Kerze entzündet. Acht Tage lang. 20:40 Bist du religiös? Lebt ihr zu Hause Schabbat? Ja, geht so. Schon etwas. 20:45 Das heißt, wie oft betest du? Ähm ... 20:49 Ich glaub, eher an größeren Feier- tagen machen wir Gebete und so was, aber wir feiern jetzt nicht jede Woche Schabbat oder so was. 20:56 Wir sind keine so stark religiöse Familie, außer wenn große Feiertage sind. 21:00 Dann gehen wir auch mal in die Synagoge. Wie stellst du dir den lieben Gott vor? 21:04 Ja. Ja? 21:07 Und du, hast du irgendwie ein Bild von deinem Gott? Das ist mein Bruder! 21:12 Ja, also mit einem langen Bart vielleicht. Also schon ein bisschen so älter. 21:19 Ja. Ihr feiert zu Hause auch Schabbat? 21:23 Ähh ... ja. (Sie singen ein Chanukka-Lied: "Sevivon, Sov Sov Sov") 21:37 Irene Weber ist in den 70iger-Jahren aus Rumänien ausgewandert, hat lange in den USA gelebt. 21:42 Wie heißt diese Kerze noch mal? Schamasch. 21:46 Sie erzählt mir, sie habe es nicht bereut, nach Deutschland gekommen zu sein. 21:51 Antisemitismus habe sie hier nie erlebt. Aber viel Positives. 21:56 Ich hab unzählige Beispiele. Vielleicht das schönste ist, 22:00 als meine Mutter leider ins Heim musste wegen Alzheimer, und es gab einen jungen Pfleger dort. 22:07 Und wir wollten sie in die Dusche bringen, damit sie sich umziehen kann und so weiter. 22:12 Und darauf hat er mich gefragt, ob sie jetzt vielleicht Angst bekäme, 22:16 wenn sie sich jetzt duschen würde. Erst hab ich gar nicht verstanden, warum. 22:20 Und dann hat er gesagt, ja, sie ist doch Holocaust-Überlebende. Also diese Empfindsamkeit, diese Sensibilität 22:26 von einem jungen Deutschen empfand ich als beispielhaft. 22:30 Ich hab hier persönlich, weder ich noch meine Tochter noch meine Mutter, 22:35 niemals das Gefühlt gehabt, dass man uns deswegen ausgrenzt oder sonst was. 22:42 Während der Unterricht noch läuft wird nebenan mal wieder gekocht. Denn heute beginnt das Chanukka-Fest. 22:48 (Munteres Brutzeln) Es gibt Plov - ein asiatisches Reisgericht. 22:55 Avadislav Avadiev, studierter Physiker, kocht selbst. Der Vorsitzende der Gemeinde packt mit an, wie alle hier. 23:06 Ja, mein Vater und Großeltern, die sind ja so ... In eine traditionelle jüdische Familie bin ich ja geboren, 23:15 und erzogen und aufgewachsen. Wir sind ja ... 23:19 Dort war es ja nicht so, in Aserbaidschan war ja nie Antisemitismus. 23:32 Ein jüdischer Mann muss viel können. - Was muss er können? Ja, sehr viel. - Was? 23:40 Kochen. Kinder erziehen. 23:44 Reparieren. Tora lernen. 23:49 Sehr viel. Spüren Sie Ihren Gott im Alltag? 23:52 Diese Zugehörigkeit und Bekennung. Das ist ja wichtig. Dass man weiß, 23:58 dass wir morgens aufwachen und Sonnenlicht sehen dürfen, das kostet mehr als eine Million. 24:05 Weil ... - Ist viel wert. Ist viel wert, 24:07 man weiß ja gar nicht, was am nächsten Morgen ist, ob man überhaupt aufwachen kann. Das ist alles in Gottes Hand. 24:15 Gottes Hand. In Glaubensfragen ist Rabbiner David Schwezzow der Experte. 24:21 "Gibt es im Judentum auch ein Paradies?", frage ich mich. Das Paradies der Juden heiße "die kommende Welt", sagt der Rabbi. 24:28 (Sanfte Musik) Das jüdische Leben konzentriert sich mehr auf die nächste, kommende Welt. 24:35 Nach der Erlösung. Und in diesem Verständnis ist es am wichtigsten, 24:41 auf den richtigen Weg zurückzukehren und unsere Sünden zu bedauern ... 24:46 bevor wir sterben. Aber wir wissen nicht, wann wir sterben werden, 24:53 daher ist es immer ein wichtiger Moment - jeder Moment ein wichtiger Moment, 24:58 um uns selbst besser zu machen. (Sanfte Musik) 25:02 Ein Neuanfang ist also immer möglich im Judentum. Ein schöner Gedanke, finde ich. 25:13 Beginn des Chanukka-Festes mit einem Gottesdienst. (Gebetsgesang) 25:21 (Gebetsgesang) Weil kein Schabbat ist, dürfen wir nun drehen. 25:37 (Gebetsgesang) Von den knapp 1.000 Gemeindemitgliedern 25:45 ist ein gutes Dutzend gekommen. Die Frauen - hinter dem Vorhang. 25:54 Am Ende wird ein Kaddisch, ein Gebet für die Toten, gesprochen. (Alle sprechen ein Gebet.) 26:06 Jetzt werden wir in ein paar Minuten die erste Chanukka-Kerze zünden. Chanukka Sameach! - (Männer:) Chanukka Sameach. 26:20 (Gebetsgesang) Tag für Tag werden sie in der Gemeinde und in ihren Familien 26:31 nun eine weitere Kerze anzünden. Bis alle acht Kerzen am Chanukka-Leuchter brennen. 26:39 Das Lichterfest beginnt. (Gebetsgesang) 26:50 (Ruhige Musik) Der nächste Tag. 26:58 Synagogenführung für Schüler eines Koblenzer Gymnasiums. (Er spricht hebräisch.) 27:05 Christoph Simonis gibt eine Einführung ins Judentum, erzählt den 14- bis 16-Jährigen vom Schabbat, 27:12 von jüdischen Ritualen und vom Chanukka-Fest. (Leises Gespräch) 27:17 Das Chanukka-Fest, das geht auf ein Ereignis 165 vor Christus, also noch vor unserer Zeitrechnung, zurück. 27:23 Eine Kirche und eine Moschee haben die Schüler schon in den letzten Wochen besucht. 27:29 Nun die Synagoge. Das ist Lehrerin Julia Schmenk wichtig. Ich finde es sehr wichtig, gerade in einer Zeit, 27:35 wo es mehr Rassismus und auch Antisemitismus gibt, dass die Schülerinnen und Schüler 27:39 Vertreter und Vertreterinnen anderer Religionen kennenlernen, sich damit befassen und sehen, 27:45 dass die Religionen miteinander verwandt sind und ganz viele Gemeinsamkeiten haben. 27:50 Aber vieles ist auch fremd. Zum Beispiel die strengen Regeln fürs Ausruhen am Schabbat. 27:57 Wie fändest du das, wenn es einen Tag in der Woche gäbe, wo man nur feiern darf? 28:01 Ich glaub, für mich selber wäre das eher schwierig, wenn ich quasi nicht mal das Licht anmachen dürfte oder so, 28:09 aber ich denke, es kann auch ganz schön sein. (Sanfte Musik) 28:14 Christoph Simonis erklärt, was es mit den Steinen auf jüdischen Gräbern auf sich hat. 28:19 Nach jüdischer Tradition, wenn ein Grab besucht wird, dann legt man ein kleines Steinchen 28:24 als Ehrenerweisung gegenüber dem Verstorbenen. Und das geht auf die Wüstenwanderung zurück, 28:30 weil während der Wüstenwanderung konnte man natürlich auch nicht richtige Gräber ausheben 28:36 im steinigen Gelände oder in der Wüste. Und dann hat man die Beerdigung so durchgeführt, 28:40 dass man den Leichnam mit Steinen bedeckt hat. Und auch als Erinnerung daran ist diese Tradition erhalten geblieben, 28:47 dass man da ein Steinchen niederlegt. Keiner der Jugendlichen hier ist selbst jüdischen Glaubens. 28:53 (Ruhige Musik) Sie sagen sie würden auch Kinder kennen, oder Jugendliche, 28:58 die jüdischen Glaubens sind, aber die würden sich nicht outen. Warum? Ja, also einen Schüler wusste ich, dass er jüdischen Glaubens war, 29:05 bei anderen vermute ich es. Ich glaube, die haben vielleicht die Befürchtung, 29:10 dass die andern das nicht als ganz normal ansehen und nicht normal damit umgehen würden. 29:17 Eine Befürchtung, die durchaus berechtigt ist, wie ich höre. (Leises Gespräch) 29:23 Er wurde in der Schule als Jude beschimpft. Das ist ja eigentlich keine Beleidigung, 29:28 aber da wurden nicht so nette Adjektive genannt. Und der war dann total erschüttert. 29:33 Und das beruht, denke ich - das war in der zehnten Klasse -, das beruht meistens darauf, dass im Geschichtsunterricht 29:40 das extrem thematisiert wird mit dem Antisemitismus. Und dadurch kamen auch die Anschuldigungen, 29:46 und dann wurde auch mit der Schulleitung gesprochen, weil er gar nicht mehr in die Schule gehen wollte. 29:52 Das war ziemlich heftig. (Lebhafte Klaviermusik) 30:04 Zwei Mandarinen. Im Gemeindezentrum packen Abraham Abayev und Christoph Simonis 30:11 kleine Pakete für die Gemeindemitglieder. (Sie sprechen miteinander.) 30:17 Alles koscher, natürlich. Sieben Teile. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs ... 30:23 sieben. Richtig. So. Schon fertig. - Sind die Geschenke fertig? 30:28 Fertig gemacht, ja. - Wunderbar. Das sind die letzten. - Tee, Kaffee. 30:32 Früher haben sie nach dem Gottes- dienst hier gemeinsam gegessen. Das geht wegen Corona gerade nicht. - Alles in Ordnung. 30:40 Christoph Simonis hatte eine Zahnarztpraxis in Koblenz. Nun im Ruhestand ist er fast täglich hier, hilft, studiert die Schriften. 30:49 Denn er will konvertieren, ist vom Judentum fasziniert. Weil eben diese Toleranz eben dazu führt, 30:57 dass man andere neben sich leben lässt. Und man nicht dazu gezwungen wird, andere Religionen anzunehmen. 31:06 Während das beim Christentum und beim Islam ja nicht der Fall war, sondern da sind viele ... 31:12 die auch ihr Leben verloren haben, weil sie eben diese Religion nicht als ihre annehmen wollten. 31:18 Das hat's im Judentum nie gegeben. Weil ohne Missionen wird niemand verpflichtet, 31:24 die jüdische Religion anzunehmen. Und das ist natürlich ein großer Vorteil. 31:28 (Lebhafte Klaviermusik) Später. 31:34 Ich bin mit Abraham auf dem Weg zur Mosel. Denn eine Mikwe, das ist ein traditionelles jüdisches Bad, 31:40 in dem rituelle Reinigungen stattfinden, so eine Mikwe hat die Gemeinde in Koblenz nicht. 31:45 Aber die Mosel vor der Tür. Neues Geschirr muss vor dem ersten Gebrauch koscher gemacht werden. 31:51 Und Abraham zeigt mir, wie das geht. Wir können so machen. 31:56 Alle rein, alle müssen von allen Seiten mit Wasser bedeckt sein. Die dürfen nicht ineinander stehen? - Nein. 32:03 Okay, das reicht uns. Ja. Umkippen. Dann ... 32:08 So, mehrere ... sehen Sie, alle hintereinander. (Er spricht einen Gebetsspruch.) 32:25 Und dann kommt der Topf. So. Und jetzt sehen Sie, da halte ich's. - Ja. 32:30 Und jetzt zuerst ... so, ganz. Eins - sagen wir so. 32:35 Zwei. Drei. Und jetzt die Seite auch. 32:41 Eins. Zwei. 32:45 Drei. So. Alle Seiten haben wir schon ... koscheriert. 32:50 Warum muss das Wasser fließen? Normalerweise muss das Wasser neu sein. - Immer in Bewegung. 32:56 Immer in Bewegung, Naturwasser muss es sein. (off:) Und Naturwasser, das ist die Mosel. 33:01 (Leises Gespräch) Nun sind Gläser und Pfanne rituell gereinigt. 33:06 (Sanfte Musik) Am Abend treffe ich Familie Lichtenstein aus Amerika noch einmal. 33:15 Denn dieses edle Porzellan wird ihnen heute übergeben. Ihre Vorfahren gaben es im Jahr 1942, 33:22 am Abend vor ihrer Deportation, ihren deutschen Nachbarn. Aufbewahren mögen sie es bis zu ihrer Rückkehr. 33:30 Ulrike Moritz löst das Versprechen ihrer Großeltern nun ein. Es war natürlich nach dem Krieg klar, 33:37 als überhaupt keine Nachricht von den Feiners kam, dass sie offenkundig dem Holocaust zum Opfer gefallen sind. 33:43 Dennoch blieb das Versprechen. Also, das wurde nie aufgegeben. Meine Mutter war mit der Tochter der Familie befreundet. 33:50 Das waren enge Freundinnen. Und die war ... für sie war das auch selbstverständlich, 33:55 vielleicht auch wichtig, das zu behalten als Andenken an die Familie. 34:00 Ein Trost, dass man noch was hat von ihnen. Und deshalb stand das auch für uns, also meine Schwester und mich, 34:07 außer Frage, obwohl wir keinen von denen noch kannten, dass wir das weiter aufbewahren 34:12 und vielleicht irgendwann einmal jemanden finden, dem es gehören könnte. 34:18 Und sie wurden gefunden: Familie Lichtenstein aus New York. (Sanfte Musik) 34:24 80 Jahre Geschichte werden hier spürbar. Es ist ein besonderer Abend. 34:30 (Gefühlvolle Musik, Reden werden gehalten.) "Ich habe nicht zu hoffen gewagt, dass ausgerechnet ich 34:37 nach fast 80 Jahren die Gelegenheit bekommen würde, ein altes Versprechen einzulösen." (Applaus) 34:43 (Gefühlvolle Musik) (Gebetsgesang) 34:59 Am nächsten Schabbat will die Familie Lichtenstein dieses Geschirr benutzen - 35:03 im Andenken an ihre Vorfahren und neue Freunde. (Gesang geht weiter.) 35:11 (englisch:) Im Judentum werden die Traditionen von Generation zu Generation weitergegeben, 35:17 und das passiert meist am Esstisch der Familie. Und dieser Tisch repräsentiert auch den heiligen Tempel in Jerusalem 35:25 mit all seinen Gaben. Und deshalb hat der Tisch und das gemeinsame Mahl 35:31 eine besondere Bedeutung in der jüdischen Religion. (Sanfte Musik) 35:36 Irene Wolff, die Mutter der Lichtensteins, wäre an diesem Abend genau 100 Jahre alt geworden. 35:42 (englisch:) Ich hatte gemischte Gefühle dabei, herzukommen, aber das hier sind die Guten, die guten Menschen. 35:48 Von ihnen brauchen wir mehr in der Welt. (Gefühlvolle Musik, Stimmengewirr) 35:55 (Musik endet.) Ein neuer Tag. 36:02 Rabbi David Schwezzow hat einen seiner Schüler aus Ungarn zu Gast. (Sanfte Musik) 36:07 Der betet sein Morgengebet in traditioneller Art. Dazu legt er den Gebetsriemen frommer Juden an. 36:17 Und die Gebetskapsel, in der sich Verse aus der Tora befinden. (Sanfte Musik) 36:25 Die Hand und der Kopf, das Denken und das Handeln, sollen sich ganz auf Gott ausrichten. 36:31 (Sanfte Musik, er spricht leise.) Armin Steinglauber will vielleicht selbst Rabbiner werden. 36:38 Wie sein Lehrer. Er erklärt mir die Bedeutung dieses Rituals. 36:45 (Sanfte Musik) Die Bedeutung ist, dass alles, was wir machen im Leben, 36:53 das kommt aus dem Kopf, und wir machen es mit der Hand. Deshalb müssen wir uns konzentrieren auf den Allmächtigen, 37:02 wenn wir denken und wenn wir etwas tun. (Sanfte Musik) 37:15 Siebenmal ist der Riemen um den Arm geschlungen - symbolisch für jeden Tag der Woche. 37:23 (englisch:) Wir danken Gott dafür, dass wir Menschen sind, und jeden Morgen aufstehen können. 37:30 Dass wir keine Sklaven sind, sondern frei und gesund. (Er spielt eine Melodie.) 37:42 Im Gemeindehaus übt Abraham Posaune. Er hat in Orchestern gespielt und an Musikschulen unterrichtet. 37:48 (Melodie geht weiter.) Die Frauen und wir bereiten Essen vor. 38:04 Es gibt wieder was zu feiern. Wir machen eine Einweihung. 38:09 Und ... ja, ich versuche ... zu begleiten und zu spielen, 38:14 deswegen mache ich eine Probe, was für Stücke ... ich für die Begleitung bringe. 38:21 Eine neue Tora soll an diesem Tag geweiht werden. Doch ich bin vorher mit einer Frau verabredet, 38:28 die zu den letzten Zeitzeuginnen des Holocaust gehört. Sie ist die Frau des ehemaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde 38:38 in Koblenz, und ich habe schon viel von ihr gehört. 38:41 Heute darf ich Inge Kahn besuchen. Das ist mein Sessel. Hier bin ich zu Hause. 38:48 1942 wurde sie mit ihren Eltern ins Lager Theresienstadt deportiert. Wir sind in ein Zimmer gekommen, da war nicht ein Nagel an der Wand. 38:57 Ein Zimmer. Und wir sind dann mit, ich weiß nicht, 39:01 mit zwölf Leuten oder so viel in einem Zimmer gewesen, da war weder ein Stuhl noch ein Bett noch sonst was da. 39:09 Es war ein blankes Zimmer, und wir haben uns nachts auf den Holzboden gelegt und da geschlafen. 39:15 (off:) Wie hat sie dort gelebt? Was hat sie dort gemacht? Gehungert. 39:21 Gehungert. - Gehungert. Inge Kahn wurde zum Arbeitseinsatz eingeteilt, 39:26 musste außerhalb des Lagers bei der Ernte helfen. Wenn wir geerntet haben, 39:31 dann konnten wir uns auch schon mal was einverleiben, und jeder Bissen war ... 39:36 war ein Weg zum Überleben. Und dann bin ich sehr krank geworden, und da ... 39:44 na ja ... hab ich, obwohl jeder geglaubt hat, ich kann nicht überleben - 39:48 ich hab dann doch überlebt. Als ich befreit wurde, habe ich mit 17 Jahren 48 Pfund gewogen. 39:56 Pfund? - Ja, Pfund. Keine Kilo. Pfund. 40:00 Ich hab ausgesehen wie ein zehnjähriges Kind. (Emotionale Musik) 40:06 Von Theresienstadt sind ständig Transporte gegangen, aber wir wussten nicht, wohin. 40:12 Gab es keine Gerüchte, oder ... Wir haben es erfahren, aber man hat es nicht geglaubt. 40:17 (Emotionale Musik) Hiervon bin ich die einzige Überlebende. 40:28 Da sitze ich hinten allein auf der Bank. Ich hab da hinten gesessen. 40:33 Und hab da zugeguckt. Die sind alle umgekommen, da ist niemand ... 40:39 Und ich hab diese Bilder noch, weil ich überlebt hab. Das waren meine Großeltern. 40:48 Mein Vater, meine Schwester und ich als Kinder. Das waren meine Eltern. 40:55 Mit mir, nach dem Krieg war das. Jaja, das ist alles mal gewesen. Das war einmal. 41:05 Das hier war ... ein Bruder meiner Mutter. 41:09 Auch umgekommen? Auch umgekommen, alle umgekommen, die sind alle umgekommen. 41:16 Von all denen, die deportiert wurden ... habe ich das große Glück gehabt, mit meinen Eltern zurückzukommen, 41:23 sonst niemand. Am 8. Mai 1945 wurde Theresienstadt von der Roten Armee befreit. 41:30 Wir haben gejubelt. Ne. 41:34 War natürlich dann: Wie kommt man nach Hause, und wie sieht es zu Hause aus? 41:40 Ich war 14, als ich hinkam, ich war 17, als ich zurückkam. Ich wusste überhaupt nicht mehr, wie man in der Freiheit lebt. 41:48 Ich habe meine Eltern gefragt: Wie lebt man da? Wo kriegt man da etwas zu Essen her? Wie geht das? 41:53 Da hat meine Mutter gesagt: Wenn wir mal da sind, wirst du das schon lernen. 41:58 Wirst du dann schon sehen. Ne. Konnte ich mir nicht mehr vorstellen. 42:02 (Gefühlvolle Musik) (leise:) Ja, so ist das. Nach dem Krieg kehrte Inge Kahn zurück. 42:07 Lernte ihren Mann kennen, heiratete, blieb hier in Koblenz. (Emotionale Musik) 42:14 Ich bin berührt und sehr dankbar, dass Inge Kahn mich empfangen hat, um mit mir zu sprechen. 42:20 Mit 93 Jahren. (Türe quietscht.) 42:25 (Fröhliche Melodie) Am Nachmittag. 42:30 Die Weihe der Tora. Das Ritual gleicht einem Hochzeitsritual. 42:36 Die neue Tora wird mit der jüdischen Gemeinde verbunden. (Fröhliche Melodie) 42:46 Achtmal wird die Tora um die Bima getragen. (Melodie geht weiter.) 43:03 Das ist mehr als eine Spende für uns. Und deswegen vielen herzlichen Dank an dich, Christoph, 43:08 für deine großzügige Spende. (Applaus) 43:15 Nun wird aus der Tora gelesen, von verschiedenen Gemeindemitgliedern. (Mann singt Gebet.) 43:24 Auf 20 bis 30 Meter Pergamentpapier stehen die fünf Bücher Mose. Niedergeschrieben von besonders ausgebildeten frommen Toraschreibern. 43:35 Von Hand. Jede Tora weltweit ist handgeschrieben. 43:41 Jede Tora, ja. Das ist nicht koscher, wenn sie nicht hangeschrieben ist, 43:46 ist sie nicht koscher. Wie lange dauert das, eine Tora zu schreiben? 43:50 (lacht:) Ja ... viel Zeit. Bis zu einem Jahr dauert das Schreiben einer Tora. 43:56 (Gebetsgesang) Nun ist die neue, von Christoph Simonis gespendete Tora geweiht. 44:04 (Gemeinsamer Gebetsgesang) (Gebetsgesang) 44:18 Es ist der letzte Tag des Chanukka-Festes. Alle acht Kerzen brennen. 44:22 (Gebetsgesang) Wie leben Juden heute in Deutschland? 44:27 Das wollte ich wissen, als ich herkam. So fremd war mir ihr Leben mitten unter uns. 44:33 Ich habe hier tolle, offene und gastfreundliche Menschen kennengelernt. 44:38 und die sieben Tage mit ihnen haben mir einen tiefen Einblick in ihre Welt geschenkt. 44:43 (Gesang) SWR 2021