Dietrich Bonhoeffer — Der Theologe, der zum Verschwörer wurde | Dokumentation Alexander Weiss https://www.youtube.com/watch?v=XGK0t9dcnI4 Transkript (automatisch erstellt) 0:00 Mit 21 Jahren legte er eine Doktorarbeit vor, die Karl Bart später ein theologisches Wunder nannte. Mit 27 sprach er im Deutschen Rundfunk als 0:11 einer der ersten gegen den neuen Reichskanzler. Die Übertragung brach mitten im Satz ab. Seit 1998 steht seine steinerne Gestalt über dem 0:23 Westportal der Westminsteri unter den zehn Mehrtürern der Neuzeit. Man sieht ihn vor sich. Ein hochgewachsener Mann mit runder Brille, 0:33 der an Klavier einen Abschiedskoral spielt, während sein Bruder in den Krieg zieht. Wie wird aus einem behüteten 0:42 Professorensohn ein Verschwörer? Und was bringt einen überzeugten Freund des Friedens dazu, den Tod eines Menschen zu wollen? 0:52 Herzlich willkommen bei den Geschichten großer Persönlichkeiten. Mein Name ist Alexander Weiß. Heute begleiten wir Dietrich Bonnhöfer. 1:01 Wer verstehen will, woher dieser Mann seine Festigkeit nahm, muss dorthin zurückgehen, wo alles begann. In ein Haus, in dem über beinahe jedes Thema 1:11 gestritten wurde. Am Abend, wenn das Licht im Kinderzimmer gelöscht war, begann zwischen zwei Betten ein sonderbares Spiel. Die Zwillinge 1:20 Dietrich und Sabine lagen wach und versuchten an einziges Wort zu denken: Ewigkeit. Sie hielten den Gedanken fest, solange 1:30 sie konnten, bis ihnen schwindelig wurde und der Schlaf sie einholte. Sabine hat später aufgeschrieben, wie ernst Ihr Bruder dieses Spiel nahm. Es 1:40 war für ihn kein kindlicher Zeitvertreib, sondern ein Versuch, etwas zu berühren, das sich nicht berühren ließ. 1:48 Merkwürdig daran war vor allem das Haus, in dem diese Kinder aufwuchsen. Es war ein Haus der Wissenschaft, der Musik und der genauen Sprache. Man diskutierte am 1:59 Tisch über Politik, über Medizin, über Literatur und man verlangte von jedem Kind, dass es seine Behauptungen begründen konnte. Über Gott jedoch wurde 2:09 kaum gesprochen. Der Vater ging nicht in die Kirche. Die Familie gehörte nicht zu den Gemeinden, die man an Sonntagen in den Bänken sah. Und gerade in diesem 2:20 Haus wuchs ein Junge heran, der sich vom Tod und von der Unendlichkeit nicht losreißen konnte. Geboren wurde er amen Februar 1906 in 2:31 Breslau, damals eine der Großen Städte des Deutschen Reiches, heute die polnische Stadt Breslau, die Wrotzwa heißt. Dietrich kam 10 Minuten vor 2:42 seiner Zwillingsswester Sabine zur Welt. Die beiden waren das sechste und siebte von acht Kindern. Vor ihnen die Brüder Karl Friedrich, Walter und Klaus sowie 2:53 die Schwestern Ursula und Christine. Nach ihnen die jüngste Susanne. Es war eine große, laute, ungewöhnlich begabte Kinderschar und wer sie beschreiben 3:03 wollte, sprach fast immer zuerst von den Eltern. Der Vater Karl Bonhöfer gehörte zu den bekanntesten Ärzten seiner Zeit. Er war Psychiater und Neurologe und 3:15 leitete in Breslau die Klinik für Nerven und Geisteskrankheiten. Seine Fachwelt schätzte ihn als einen Mann, der Diagnosen nicht aus Systemen 3:25 ableitete, sondern aus geduldiger Beobachtung. Modische Theorien lehnte er ab, den Lehren Sigmund Freuz begegnete er mit 3:34 reservierter Skepsis. Diese Haltung prägte auch den Umgangston zu Hause. Gefühlsausbrüche galten wenig, unklare Formulierungen noch weniger. 3:46 Wer in dieser Familie etwas sagte, sollte es genau sagen. Die Mutter Paula Bonhöfer, eine geborene von Hase, kam aus einer Welt, die auf 3:57 den ersten Blick sehr weit von der des Vaters entfernt lag. Ihr Vater war Hofprediger Kaiser Wilhelms des II gewesen und hatte dieses 4:07 Amt nach einem Zerwürfnis mit dem Hof niedergelegt. Über die genauen Umstände gehen die Überlieferungen auseinander. In der Familie erzählte man, es sei um 4:16 die Haltung des Hofes gegenüber den Armen gegangen. Ihr Großvater war ein weithin geachteter Theologe in Jena. Paula selbst gehörte 4:26 zu den wenigen Frauen ihrer Generation, die ein Lehrerinnenexamen ablegten. Sie war eine begabte Pädagogin und sie beschloss, ihre Kinder die ersten Jahre 4:36 selbst zu unterrichten. Diese Entscheidung war kein Zufall. Paula Bonhöfer hielt wenig von der preußischen Volksschule mit ihrem Drill 4:46 und ihrem auswendig Lernen. Sie richtete im Haus ein Schulzimmer ein, stellte Stundenpläne auf und arbeitete mit den Kindern an Sprachen, an Geschichte, an 4:57 Naturkunde. Ihre Söhne und Töchter lernten früh, dass Bildung nicht in der Ansammlung von Wissen besteht, sondern in der 5:05 Fähigkeit, Selbst zu urteilen. Ein Familienspruch, den die Kinder oft hörten, lautete sinngemäß: "Den Deutschen werde im Leben zweimal das 5:16 Rückrad gebrochen." Zuerst in der Schule und dann beim Militär, womit sie die Neigung zur übertriebenen Stränge in der Erziehung meinte und ausdrücklich 5:27 ablehnte. 1912 verließ die Familie Breslau. Karl Bonhöfer wurde nach Berlin berufen an die Charit auf den bedeutendsten 5:37 psychiatrischen Lehrstuhl des Landes. Die Bonhöfers zogen zunächst in die Innenstadt und wenige Jahre später nach Grunewald in eine ruhige, von Kiefern 5:48 durchsetzte Willengegend im Westen Berlins. Dort lebten Professoren, Juristen, Verleger. Die Nachbarn hießen Delbrück, Harnak, Plank. Wer in diesem 6:01 Viertel aufwuchs, wuchs im Zentrum des deutschen Geisteslebens auf, ohne es besonders zu bemerken. Das Haus in der Wangenheimstraße war 6:10 groß, aber nicht prunkvoll. Es gab einen Garten, einen Hausunterrichtsraum, ein Musikzimmer und eine Ordnung, die vom Frühstück bis zum Abendessen jeden 6:22 Tag trug. Zusätzlich unterhielt die Familie ein Ferienhaus in Friedrichsbrunn im Harz, ein schlichtes Waldhaus ohne 6:31 elektrisches Licht. Dort lebten die Kinder wochenlang draußen, sammelten Pilze, wanderten, lasen. Dirrich hat dieses Haus Zeit lebens geliebt. Noch in 6:42 späteren Jahren nannte er es den Ort, an dem er sich zu Hause fühlte, mehr als in jeder Stadt. Musik war in diesem Haushalt keine Zierde, sondern eine 6:53 Selbstverständlichkeit. Am Samstagabend wurde musiert, die Mutter sang, die Geschwister spielten Violine, Cello, Klavier. 7:02 Dietrich saß am Flügel und er saß dort gut. Er las Partituren mühelos vom Blatt, begleitete die Lieder der Familie und komponierte kleine Stücke. Eine Zeit 7:14 lang war die Familie überzeugt, dass aus ihm ein Musiker werden würde. Der Vater hätte das gelten lassen. Musik war eine ernsthafte Sache, keine Träumerei. 7:25 Und dennoch bewegte den Jungen etwas anderes. Schon als Kind stellte er Fragen, die Erwachsene in Verlegenheit brachten. Was geschieht nach dem Tod? ob 7:36 es einen Himmel gäbe, was das Wort Ewigkeit eigentlich bedeute. Er fragte nicht ängstlich, sondern hartnäckig, so wie er später auch theologische Probleme 7:46 angehen sollte, als etwas, dass man nicht ruhen lassen darf, bevor man Klarheit hat. In einem Haus, in dem der Vater die Grenzen des Erkennbaren sehr 7:57 eng zog, waren solche Fragen nicht unerwünscht. Sie fielen nur auf. Dazu kam ein zweites Bild aus der Kindheit, das die Familie gerne 8:07 erzählte. Zu den liebsten Spielen des kleinen Dietrich gehörte es Taufen nachzuspielen. Der Urgroßvater und der Großvater hatten 8:17 in der Familie die Taufen vollzogen und das Kind ahmte nach, was es gesehen hatte. In einem Haushalt, dessen Söhne Physik, Jura und Chemie im Sinn hatten, 8:29 war das eine kleine stille Auffälligkeit. Niemand nahm sie damals ernst. Hier liegt das eigentliche Rätsel dieser 8:38 Kindheit. Die Bonhöfers waren keine frommen Leute im landläufigen Sinn. Karl Bonnhöfer war, soweit man es beurteilen kann, religiös unentschieden. Vielleicht 8:50 agnostisch, in jedem Fall zurückhaltend. Und zugleich achtete er den Glauben seiner Frau ohne jede Ironie. Der sonntägliche Kirchgang gehörte nicht zum 9:01 Familienleben und trotzdem entstand in diesen Räumen ein Kind, dessen ganzes späteres Leben von der Frage nach Gott bestimmt sein sollte. Die Erklärung 9:12 liegt nicht in der Kirche, sondern im Haus selbst. Denn Paula Bonhöfer betrieb ihre Frömigkeit nicht als Vereinswesen, sondern als tägliche Praxis. Sie las mit 9:24 den Kindern biblische Geschichten. Sie sprach mit ihnen die Abendgebete. Sie feierte die kirchlichen Feste mit einer Sorgfalt, die den Kindern im Gedächtnis 9:34 blieb. Ihre eigene Prägung stammte aus der Herrhutertradition, jener stillen innerlichen Bewegung, die auf persönliche Erfahrung und gelebte 9:44 Gemeinschaft setzte, statt auf Amt und Institution. Zwei Erzieherinnen, die Paula ins Haus holte, kamen ebenfalls aus diesem 9:54 Umkreis. Der Glaube war in der Wangenheimstraße also durchaus gegenwärtig, nur eben nicht als Institution, sondern als Atmosphäre. 10:03 Damit lernte Dietrich Bonnhöfer schon als Kind eine Unterscheidung, die den Rest seines Lebens bestimmen sollte. Kirche als Einrichtung und Glaube als 10:13 Wirklichkeit sind nicht dasselbe. Was er später mit großem theologischem Aufwand begründen würde, dass Christentum nicht in Formeln, sondern in gelebt, 10:25 hatte er in seiner eigenen Familie längst erfahren. Er hatte erlebt, dass Ernsthaftigkeit ohne Kirchgang möglich war und er hatte zugleich gespürt, dass 10:36 etwas fehlte. Auch die väterliche Seite trug dazu bei. Die Großmutter Julie Bonhöfer, eine geborene Tafel, stammte aus einer 10:46 schwäbischen Familie mit ausgeprägt liberaler und selbstbewusster Tradition. Sie war eine Frau von unbeirrbarer Geradheit, klein von Gestalt und 10:57 unbeindruckt von Autoritäten. Ihre Enkel bewunderten sie. Von ihr lernten sie, daß man das Richtige tut, weil es richtig ist und nicht, weil es 11:07 opportun erscheint. Eine Haltung, die sie noch als über neunzigjährige unter dramatischen Umständen unter Beweis stellen sollte. So entstand in diesem 11:18 Haus eine seltene Mischung. Vom Vater kam die intellektuelle Redlichkeit, die Abneigung gegen große Worte und die Fähigkeit genau hinzusehen. Von der 11:29 Mutter kam der Glaube als tägliche Übung und die Überzeugung, dass Bildung und Frömigkeit einander nicht ausschließen. Von der Großmutter kam der Mut, gegen 11:41 die Mehrheit zu stehen und von den Geschwistern kam der Wettbewerb. In einer Runde von acht hochbegabten Kindern mußte man sich behaupten. 11:52 Bemerkenswert ist, wie früh sich bei Dietrich eine Eigenschaft zeigte, die seine Familie halb bewundernd, halb spöttisch beschrieb, eine ungewöhnliche 12:02 Festigkeit des Willhens. Er ließ sich schwer beeindrucken. Wenn er sich etwas vorgenommen hatte, blieb er dabei, auch gegen Widerstand, auch gegen Spott. Die 12:13 älteren Brüder, alle auf naturwissenschaftlichen und juristischen Wegen, waren rasch bereit, den kleinen Bruder zu necken. Es half wenig. Wie 12:23 sehr das Nachdenken über den Tod bei ihm mehr war als eine Kinderlaune, sollte sich bald zeigen, denn im August 1914 endete die behütete Welt der Grune 12:35 Walder Willen, so plötzlich wie die Welt ganz Europas. Der Krieg zog in die Häuser ein, zunächst als Begeisterung, dann als Nachricht, dann als Verlust. 12:47 Die Namen von Nachbarn, entfernten Verwandten und Freunden, erschienen in den Listen der Gefallenen, und die Fragen, die der Achtjährige im Dunkeln 12:56 gestellt hatte, wurden zu Fragen der ganzen Familie. Später hat Dietrich Bonhöfer über diese Jahre geschrieben, es sei eine Zeit 13:05 gewesen, in der Tod vor der Tür fast jedes Hauses stand und Einlass verlangte. Der Satz beschreibt Deutschland zwischen 1914 und 1918. Er 13:17 beschreibt aber auch das Haus in der Wangenheimstraße, in dem man über alles sprechen konnte, in dem Gott jedoch selten vorkam und in 13:26 dem Junge heranwuchs, der genau an dieser Stelle nicht locker lassen wollte. Am Abend vor der Abreise seines Bruders setzte sich der zwölfjährige 13:37 Dietrich an den Flügel und spielte ein Lied, das er heimlich eingeübt hatte. Es hieß: "Nun, lasst uns gehen und treten." Und niemand in der Familie hatte ihn 13:48 darum gebeten. Walter, 18 Jahre alt, hatte sich freiwillig gemeldet und sollte am nächsten Morgen an die Westfront. Sabine hat den Abend später 13:58 beschrieben, das Zimmer, die versammelte Familie, den jüngeren Bruder am Instrument, der auf die einzige Weise Abschied nahm, die ihn zur Verfügung 14:08 stand. Am folgenden Tag brachte man Walter zum Bahnhof. Als der Zug anfuhr, lief Paula Bonnhöfer ein Stück neben dem Wagen her 14:17 und rief ihrem Sohn zu: "Es sei ja nur der Raum, der sie trenne." Die Kinder haben diesen Satz ihr Leben lang behalten. 14 Tage später traf die 14:27 Nachricht ein, dass Walter an der Front gefallen war, getroffen von Granatsplittern, gestorben im Feldlazarett. 14:36 Er war der zweite Sohn der Familie. Der Erste Weltkrieg hatte die Bonnhöfers zunächst so erreicht, wie fast alle Familien des deutschen 14:44 Bildungsbürgertums. Es gab Landkarten an der Wand, Fähnchen für die Frontverläufe, Zeitungslektüre am Frühstückstisch. 14:53 Die älteren Kinder verfolgten die Meldungen mit Anteilnahme: "Die Jüngeren spielten Krieg im Garten." Die deutschen Kirchen hatten den Krieg 15:03 beinahe geschlossen begrüßt. Von den Kanzeln hörte man: "Gott stehe auf der Seite des angegriffenen Vaterlandes." Ebenso hörte man es in England, in 15:13 Frankreich und in Russland jeweils mit umgekehrten Vorzeichen. Die Bonnhöfers gehörten nicht zu den Lauten, aber auch sie zweifelten anfangs 15:23 nicht daran, dass Deutschland sich verteidige. Mit den Jahren änderte sich der Ton in den Häusern. Aus Begeisterung wurde 15:32 Gewöhnung, aus Gewöhnung Erschöpfung. Die Lebensmittel wurden knapp, die Kinder lernten Rüben zu schätzen und Dietrich entwickelte einen praktischen 15:42 Ehrgeiz darin, für die Familie Vorräte zu organisieren. Zugleich wuchs die Zahl der Namen auf den Verlusten. 15:51 Vättern vielen, Nachbarssöhne, Söhne von Kollegen des Vaters. In Grünewald standen die Häuser dicht beieinander und der Trauer fluhr an 16:01 einer Tür war von der Straße auszusehen. Der Tod Walters veränderte die Familie im Kern. Paula Bonnhöfer, sonst die tragende Kraft des Hauses, brach 16:13 zusammen und zog sich für Monate zu Nachbarn zurück. Sie war zeitweise nicht in der Lage, ihre Kinder zu unterrichten oder auch nur am gemeinsamen Leben 16:23 teilzunehmen. Karl Bonhöfer, der Psychiater, dessen Beruf im Umgang mit seelischen Erschütterungen bestand, schwieg. 16:32 Sein Tagebuch enthält für diese Tage nur wenige Zeilen. Erst Jahre später schrieb er, dass das Jahr 1918 einen Schatten hinterlassen habe, der 16:44 nie wieder ganz gewichen sei. In diesem Haus, in dem man alles besprach, gab es nun einen Bereich, über den nicht gesprochen wurde. Zur Konfirmation 16:54 erhielt Dietrich die Bibel seines gefallenen Bruders. Er hat sie sein Leben lang benutzt, bis in die Gefängniszelle hinein. 17:03 Der Gegenstand ist mehr als eine Anekdote. Er zeigt, dass die Erinnerung an Walter für den Jüngeren nicht in einer allgemeinen Trauer aufging, 17:12 sondern eine bestimmte Richtung bekam. Das Buch, das die Fragen nach Tod und Ewigkeit behandelte, war zugleich das Buch des Bruders. 17:22 Was in Deutschland nach 1918 geschah, ging in eine andere Richtung. Millionen Männer kehrten aus den Schützengräben zurück, verstört, 17:31 verbittert und in großer Zahl entfremdet von der Kirche. Die Geistlichkeit hatte den Krieg vier Jahre lang gesegnet. Nun stand sie vor Gemeinden, die ihre Söhne 17:42 verloren hatten und den Segen nicht wiederkannten. [räuspern] Die Kirchen erlitten einen Ansehensverlust, von dem sie sich in der 17:49 Weimarer Zeit nie erholten. Wer als junger Mensch dieser Jahre nach Sinn suchte, suchte ihn eher in der Politik, in der Kunst, in den Wissenschaften oder 18:00 in neuen Weltanschauungen, selten in der Landeskirche. Genau in diesem Moment traf der 13-jährige Dietrich Bonnhöfer seine 18:09 Entscheidung. Er erklärte der Familie, dass er Theologe werden wolle. Der Zeitpunkt lag kurz nach dem Tod Walters und die Ankündigung kam nicht als 18:19 vorsichtige Überlegung, sondern als feststehender Entschluss. Die Reaktion war nicht feierlich. Die älteren Brüder lachten. Karl Friedrich, der Physiker 18:31 und Klaus, der Jurist hielten die Kirche für eine überlebte Einrichtung, für eine Ansammlung bürgerlicher Konventionen ohne geistige Substanz. Sie sagten ihm 18:43 sinngemäß: "Er verschwende sein Talent an eine langweilige, bedeutungslose Institution." Dietrich soll ruhig geantwortet haben, 18:52 dann werde er sie eben reformieren. Der Vater zeigte sich befremdet. Er widersprach nicht offen. Zwang war in dieser Familie nicht üblich, aber er 19:04 verbarg auch nicht, dass er sich für seinen begabten Sohn einen anderen Weg vorgestellt hatte. Damit steht ein Widerspruch im Raum, der sich nicht auf 19:13 den ersten Blick auflöst. Der Krieg hatte eine ganze Generation von der Religion weggetrieben. In diesem Haus wurde ein Junge durch denselben Krieg zu 19:23 ihr hingetrieben. Die Erklärung liegt nicht in Frömkeit im herkömmlichen Sinn, sondern in einer bestimmten Art mit dem Verlust 19:32 umzugehen. Wer das verstehen will, muss auf die Jahre unmittelbar nach 1918 sehen. Deutschland verlor, das Kaiserreich brach zusammen. In Berlin 19:44 kämpften Straßenzüge gegeneinander. Die Bonhöfers erlebten die Unruhen in unmittelbarer Nähe. Die Söhne hielten Wache am Haus. Es gab Schüsse in der 19:54 Nachbarschaft. Karl Bonnhöfer, konservativ in seinen Gewohnheiten, unterstützte die neue Republik entschieden, weil er sie für die einzige 20:03 vernünftige Ordnung hielt. Am Familientisch saßen weiterhin Professoren, Ärzte und Juristen und stritten über Verfassung, Reparation, 20:14 Inflation. Über den Sinn des Sterbens sprach man dort nicht. Die Naturwissenschaft, der die Brüder folgten, hatte auf diese 20:23 Frage keine Antwort und beanspruchte auch keine. Dietrich aber wollte genau diese Frage nicht liegen lassen. Für ihn war das 20:32 Sterben Walters kein Anlass Gott abzuschreiben, sondern der Beweis dafür, dass es keine wichtigere Aufgabe gab, als über ihn Klarheit zu gewinnen. Er 20:43 hat später mehrfach betont, dass der Tod nicht am Rand des Lebens stehe. sondern in seiner Mitte und dass ein Denken, das ihn ausklammert, an der Wirklichkeit 20:55 vorbeigeht. Diese Überzeugung war bei ihm keine Theorie. Sie hatte ein Datum und einen Namen. Hinzukam ein zwaltes, weniger 21:05 feierliches Motiv, das seine Biografen einhellig hervorheben. In einer Familie mit acht Kindern, in der die Älteren die glänzenden Wege der Väter beschritten, 21:15 suchte der sechstgeborene ein eigenes Feld. Die Theologie war ein Gebiet, auf dem ihm keiner der Brüder überlegen sein 21:23 konnte, weil keiner sich dafür interessierte. Der Ehrgeiz und die geistliche Ernsthaftigkeit lagen bei ihm dicht 21:30 beieinander, und er hat das selbst später mit erstaunlicher Offenheit eingeräumt. In Briefen aus späteren Jahren spricht er von der Eitelkeit, die 21:39 seinen Beruf von Anfang an begleitet habe und von dem langen Weg, sie in den Dienst zu nehmen. Auf der Seite seiner Entscheidung standen zudem die Ahnen. 21:50 Der Großvater mütterlicherseits war Hofprediger gewesen. Der Urgroßvater, ein angesehener Theologe. Die Familie von Hase hatte eine gelehrte kirchliche 22:00 Tradition, die in der Wangenheimstraße zwar wenig praktiziert, aber selbstverständlich respektiert wurde. Der Junge griff damit nicht ins Leere, 22:10 sondern auf eine vorhandene Linie zurück, nur eben auf die Mütterliche und nicht auf die väterliche. Die Jahre bis zum Abitur verliefen 22:20 äußerlich ruhig. Dietrich besuchte das Grunewaldgymnasium, eine humanistische Anstalt, an der Griechisch und Latein den Kern des 22:28 Unterrichts bildeten. Er galt als hervorragender Schüler, sicher in den Sprachen, aufmerksam im Umgang mit Texten. Zeitzeugen berichten, dass ihm 22:39 das Lernen leicht fiel und dass er dennoch mit großer Gründlichkeit arbeitete. Er blieb in der Klasse eher zurückhaltend, ohne unsicher zu wirken. 22:49 Die Mischung aus Höflichkeit, Distanz und ruhigem Selbstbewusstsein, die später alle an ihm bemerkten, war schon dort ausgeprägt. 22:59 Neben der Schule blieb die Musik. Er spielte weiterhin täglich Klavier, begleitete die Familienabende und beschäftigte sich mit Kompositionen. 23:09 Die Frage, ob aus ihm ein Musiker werden solle, wurde ernsthaft erwogen und blieb einige Zeit offen. Er entschied sie selbst, indem er sie nicht mehr stellte. 23:20 Die Musik behielt er als Sprache für das, was in setzen nicht zu sagen war, aber sein Beruf sollte sie nicht werden. Das Ferienhaus in Friedrichsbrunn 23:31 spielte in diesen Jahren eine wachsende Rolle. Dort verbrachte er lange Wochen mit Wandern, Lesen und Schreiben. In der Abgeschiedenheit des Herzes entstand ein 23:41 Bedürfnis nach Stille, das ihn nie mehr verließ und das später zu einem Grundzug seiner Fremmigkeit werden sollte. Die Meditation über einen biblischen 23:52 Vers, die er als reifer Mann von seinen Studenten forderte, hat ihre Wurzel in diesen Sommern. Nach außen bestätigte sich der Entschluß 24:02 von 1919 Jahr für Jahr. Er las bereits als Schüler theologische Werke, besuchte gelegentlich Vorlesungen und ließ sich in Gesprächen mit Erwachsenen nicht in 24:13 die Rolle des Kindes drängen. Die Brüder hörten auf zu spotten, weil der Spott nichts bewirkte. Der Vater, dem Beharlichkeit imponierte, akzeptierte 24:23 die Wahl schließlich ohne Enthusiasmus, aber ohne Vorbehalt. Damit klärt sich, warum aus dem Tod eines 18-jährigen Soldaten nicht 24:33 Abwendung, sondern Zuwendung erwuchs. Für die Heimkehrer von der Front war die Kirche mitschuldig geworden, weil sie den Krieg gesegnet hatte. Sie wandten 24:45 sich ab von einer Institution, die sie belogen sah. Dietrich Bonnhöfer wandte sich nicht dieser Institution zu, sondern der Frage, an der sie versagt 24:55 hatte. Er entschied sich nicht für die Kirche, wie sie war, sondern für den Anspruch, den sie erhob und nicht einlöste. 25:04 Sein Entschluss war deshalb richtig betrachtet, kein Rückzug ins fromme, sondern der erste Widerspruch seines Lebens. ausgesprochen mit 13 Jahren in 25:15 einem Haus, in dem man ihn dafür auslachte. Im Frühjahr 1923 bestand er das Abitur. Im Alter von 17 25:24 Jahren schrieb er sich für Theologie ein, zunächst in Tübingen, der Universität, an der auch sein Vater studiert hatte. 25:32 Ein Jahr später wechselte er nach Berlin an die Friedrich Wilhelms Universität, deren theologische Fakultät als die Bedeutendste der Welt galt. Er kam 25:42 dorthin nicht als Suchender, sondern als jemand, der seine Frage bereits kannte. Im Dezember stand in der Aula der Berliner 25:52 Universität ein junger Mann, der aussah wie ein Student im Grundstudium und verteidigte eine Doktorarbeit von rund 400 Seiten. [räuspern] 26:01 Er war 21 Jahre alt. Das Prädikat lautete Sumlaude, die höchste Auszeichnung, die eine deutsche Fakultät zu vergeben hatte. 26:11 Die Arbeit trug den Titel Sanktorium Comunio, die Gemeinschaft der Heiligen und behandelte eine Frage, die an dieser Fakultät als weitgehend erledigt galt, 26:23 die Frage danach, was die Kirche eigentlich ist. Bemerkenswert daran war nicht nur das Alter. Bemerkenswert war, dass der begabteste Schüler der 26:32 berühmtesten liberalen theologischen Fakultät Europas eine Arbeit vorlegte, die deren Grundlagen in Zweifel zog. Die Berliner Fakultät war zu dieser Zeit 26:44 ein Ort von außerordentlichem Rang. Ihr bedeutendster Vertreter Adolf von Harnak gehörte zu den großen Gelehrten des Jahrhunderts. Er hatte die Geschichte 26:54 des frühen Christentums mit einer Genauigkeit erschlossen, die Maßstäbe setzte und er verkörperte eine Theologie, die sich als strenge 27:04 historische Wissenschaft verstand. Ihr Ziel war es, hinter die Überlieferung zurückzugehen und den geschichtlichen Kern freizulegen. 27:14 Das Ergebnis war ein Christentum, das sich vor allem als sittliche und kulturelle Kraft begriff. Jesus von Nazareth als Lehrer der Gottes und 27:24 Nächsten Liebe, das Reich Gottes als Aufgabe menschlicher Sittlichkeit, die Kirche als Trägerin einer Bildungstradition. Bonöfer wohnte in 27:34 Gronewald in unmittelbarer Nachbarschaft Hanax. Die beiden fuhren gelegentlich gemeinsam mit der Bahn zur Universität und sprachen dabei über Wissenschaft und 27:43 Politik. Der junge Student verehrte den alten Gelehrten aufrichtig, arbeitete in dessen Seminar über Kirchengeschichte und schrieb Arbeiten, die Hanak 27:53 ausdrücklich lobte. Der Lehrer hätte ihn gern als Kirchenhistoriker gesehen. Der Schüler entschied sich anders und beide wußten, warum. 28:03 Denn die historische Theologie hatte, so genau sie arbeitete, eine Schwäche, die der Weltkrieg schonlos offelegt hatte. Wenn Religion vor allem menschliche 28:14 Erfahrung ist und der Glaube ein Ausdruck sittlicher Kultur, dann wird Gott leicht zur Bestätigung dessen, was ein Volk ohnehin für richtig hält. Genau 28:25 das war zwischen 1914 und 1918 geschehen. In allen kriegführenden Ländern hatten Theologen ihren Gott für die eigene Sache in Anspruch genommen. 28:36 Aus dem einen Gott waren Stammesgötter geworden. Ein Deutscher, ein Britischer, ein Französischer. Harnak selbst hatte den Aufruf deutscher 28:45 Intellektueller vom Herbst 1914 mitgetragen. Ein Dokument, das eine ganze Generation von Studenten später als Bankrotterklärung ihrer Lehrer 28:56 empfand. In dieser Lage erschien im Jahr 1919 ein Buch, das die Theologie erschütterte, der Kommentar zum Römerbrief eines bis 29:06 dahin unbekannten Schweizer Gemeindepfarrers namens Karl Bart. Bart stellte die Verhältnisse auf den Kopf. Nicht der Mensch verfüge über Gott, 29:16 sondern Gott über den Menschen. Gott sei nicht die Krönung menschlicher Kultur, sondern deren Richter. Er offenbare sich nicht im religiösen Gefühl, sondern in 29:27 Jesus Christus und zwar so, dass alle menschlichen Ansprüche darin zerbrechen. Man hat später gesagt, dieses Buch sei wie ein Stein in den Spielplatz der 29:39 Theologen gefallen. Von Höfer las Bart als Student, ohne ihn je gehört zu haben, und war getroffen. Was ihn überzeugte, war nicht ein Rückzug in die 29:49 Frömigkeit. Davon hielt er nichts, sondern die intellektuelle Konsequenz. Wenn Gott wirklich Gott ist, kann er nicht das Echo unserer eigenen 29:59 Überzeugungen sein. Diese Einsicht hatte politische Folgen, die zunächst niemand absah, die aber in den Jahren nach 1933 entscheidend werden sollten. Ein Gott, 30:12 der sich nicht vereinnahmen lässt, kann von keiner Bewegung, keinem Staat und keinem Führer in Anspruch genommen werden. 30:21 An der Berliner Fakultät war Bart nicht wohlgelitten. [räuspern] Man hielt ihn für unwissenschaftlich, für einen Prediger, der sich in die Wissenschaft 30:29 verirrt hatte. Bon Höfer verteidigte ihn in Seminaren, geriet in Auseinandersetzungen mit seinen Lehrern und zog dennoch weiter deren Anerkennung 30:39 auf sich. Sein Doktorvater wurde Reinhold Seeberg, ein Systematiker, der Barts Ansatz ablehnte. Es gehört zu den eigentümlichen Umständen dieser 30:50 Dissertation, dass sie unter der Aufsicht eines Mannes entstand, dessen Position sie unterlief. Die Frage, die sich hier stellt, betrifft nicht das 31:00 Talent. Talent hatte diese Familie im Überfluss. Die Frage ist, weshalb ein 20-Jähriger, dem alle Türen der etablierten Wissenschaft offensten, sich 31:12 ausgerechnet gegen deren Grundlagen wandte und weshalb er dabei nicht bei Bad stehen blieb, sondern sofort weiterging. Denn Sanktorium Comunio ist 31:24 kein Breferat. Die Arbeit stellt eine Frage, die Bad eher am Rande behandelte. Wenn Gott sich dem Menschen zuwendet, 31:34 was bedeutet das für das Zusammenleben der Menschen? Bonhöfer beantwortet sie mit einem Satz, der zum Kern seines gesamten Denkens wurde. Die Kirche ist 31:45 Christus als Gemeinde existierend, nicht ein Verein von Gleichgesinden, nicht eine Anstalt für religiöse Bedürfnisse, sondern die leibhaftige 31:56 Gegenwart Christi in einer konkreten Gemeinschaft von Menschen. Der junge Verfasser verband dafür Theologie mit Soziologie, was seine Prüfer 32:05 überraschte. Er las die Werke der zeitgenössischen Gesellschaftswissenschaft und fragte, wie Gemeinschaft überhaupt entsteht, 32:13 worin sie sich von bloßer Gesellschaft unterscheidet und wie ein Ich zu einem Du kommt. Seine Antwort lautete, dass der Mensch 32:23 erst in der Verantwortung für den anderen zur Person wird. Der Einzne, der sich selbst genügt, ist nicht frei, sondern verschlossen. 32:33 Christliche Existenz bedeutet füreinander einzustehen, stellvertretend zu handeln, die Last des anderen zu tragen. Damit war ein Gedanke 32:43 ausgesprochen, der wie eine akademische Feinheit klingt und es nicht wah. Wenn die Kirche wirklich Christus in Gestalt einer Gemeinde ist, dann ist ein 32:53 Christentum, das sich auf die innere Überzeugung des Einzelnen zurückzieht, kein Christentum. Und dann ist eine Kirche, die sich 33:02 spaltet, während ein Teil ihrer Glieder ausgeschlossen wird, in ihrem Wesen beschädigt. Bonhöfer hat diesen Gedanken bereits in der Dissertation angedeutet. 33:12 Er fragte, was es bedeute, wenn die Gemeinschaft zerrissen werde, ob dann Christus selbst geteilt sei. Ebenso deutlich äußerte er sich zur sozialen 33:23 Lage der Kirche seiner Zeit. Er bemerkte, die gegenwärtige Kirche sei bürgerlich und der beste Beweis dafür sei, daß die arbeitende Bevölkerung sich 33:32 von ihr abgewandt habe, während Beamte, Handwerker und Kaufleute geblieben sein. Für einen Sohn aus Grunewald war das eine bemerkenswerte Beobachtung, auch 33:44 wenn er die Welt, von der er sprach, noch kaum kannte. Karl Bart hat Santorum Comunio Jahre später ein theologisches Wunder genannt. 33:54 Das Urteil ist oft zitiert worden und bedarf einer Einschränkung, die zur Redlichkeit gehört. Die Arbeit blieb zunächt weitgehend unbeachtet. Sie 34:03 erschien erst 1931 im Druck, in kleiner Auflage und fand kaum Leser. Ihre Wirkung entfaltete sie erst nach dem Tod ihres Verfassers. Für Bonnhnhöfer selbst 34:16 war die Promotion kein Abschluss, sondern eine Zwischenstation. Er wollte Pfarrer werden und die Ordination war in der preußischen 34:24 Landeskirche vor dem 25. Lebensjahr nicht möglich. Er hatte also Zeit und er wusste, dass er sie brauchte. In seinen Aufzeichnungen aus diesen Monaten findet 34:37 sich eine Nüchternheit, die man bei einem gefeierten Doktoranten nicht erwartet. Er hatte über die Gemeinschaft 34:44 geschrieben und lebte selbst in einer sehr geschützten Welt. Er hatte über die Armen geschrieben und kannte keinen einzigen. Er hatte die Kirche als Ort 34:55 der Wirklichkeit beschrieben und besuchte selbst selten einen Gottesdienst. Diese Spannung ist der Schlüssel zu 35:03 allem, was folgte. Das Rätsel des jungen Bonnhöfer löst sich nicht in seiner Begabung, sondern in seiner Unzufriedenheit mit ihr. Er hatte 35:12 bereits mit 21 Jahren durchschaut, dass die liberale Theologie an einer Wirklichkeit gescheitert war, die sie nicht vorhergesehen hatte. Und er hatte 35:22 begriffen, dass jede Theologie an derselben Stelle scheitern kann. Deshalb wandte er sich nicht von der Wissenschaft ab, sondern verlangte von 35:32 ihr, daß sie sich der Erfahrung aussetzt. Im Jahr 1928 legte er zusätzlich das erste 35:40 theologische Examen ab. Damit war er nach den Regeln der Kirche Kandidat, nach den Regeln der Universität Doktor und nach seiner eigenen Einschätzung 35:50 noch nichts. Als ich die Gelegenheit ergab, für ein Jahr als Vikar in eine deutschsprachige Auslandsgemeinde zu gehen, griff er sofort zu. Das Ziel lag 36:02 weit entfernt von den Höhseälen, in denen man ihn ein Wunder genannt hatte. Eine Hafenstadt am Mittelmeer, eine Gemeinde von Kaufleuten und ein Alltag, 36:12 der mit Wissenschaft nichts zu tun hatte. Ein junger Vikar in gutem Anzug ging durch die engen Gassen des Barzeloneser Hafenviertels und hörte 36:22 einer Frau zu, die ihm erklärte, dass ihr Mann seit Monaten keine Arbeit habe und dass die Kinder abwechselnd zur Schule gingen, weil es nur ein paar 36:31 Schuhe gab. Er verstand ihr Spanisch noch mühsam. Er hatte in Berlin über die Gemeinschaft der Heiligen promoviert und wußte in diesem Augenblick nicht, was er 36:41 sagen sollte. Im Februar 1928 war Dietrich Bonnhöfer in Barcelona angekommen, um für ein Jahr als 36:50 Hilfsprediger der deutschen evangelischen Gemeinde zu arbeiten. Die Stadt war damals die wirtschaftlich lebendigste Spaniens, eine Industrie und 37:00 Hafenmetropole mit großen Gegensätzen. Es gab prächtige Boulevards und Willen der Textilindustriellen und es gab Viertel, in denen Familien in 37:11 einem Raum lebten. Spanien wurde von der Militärdiktatur des Generals Primo de Rivera ridiert. Die sozialen Spannungen, die wenige Jahre später in den 37:21 Bürgerkrieg münden sollten, waren in Barcelona mit Händen zu greifen. Die deutsche Gemeinde, der Bonnhnhöfer diente, bestand aus etwa 300 Personen, 37:32 Kaufleuten, Ingenieuren, Vertretern deutscher Firmen und ihren Familien. Sie lebten in einer eigenen Welt mit deutscher Schule, deutschem Verein, 37:42 deutschen Zeitungen und deutschen Geselligkeiten. Der Gemeindepfarrer Fritz Olbricht war ein freundlicher, praktischer Mann, der 37:51 seinen jungen Mitarbeiter herzlich aufnahm und ihm ungewöhnlich viel Freiheit ließ. Bonhöfers Aufgaben waren die eines Vikars, Predigten, 38:02 Kindergottesdienst, Hausbesuche, Religionsunterricht, Bestattungen. Er tat das gründlich und mit sichtbarem Erfolg. Der 38:11 Kindergottesdienst, den er übernahm, wuchs binnen Monaten von einer Handvoll Kinder auf mehrere Dutzend. Er spielte mit den Jungen Fußball und Tennis. Er 38:22 lernte Schach. Er saß in den Cafés und übte Spanisch. Er ging sogar in die Stierkampfarena und schrieb nach Hause, daß ihn die 38:31 Zuschauer mehr beschäftigten als das Geschehen im Rund. Sein Alltag hatte damit wenig gemein mit dem Bild eines Gelehrten. Und doch schrieb er in dieser 38:41 Zeit einige der bemerkenswertesten Texte seiner frühen Jahre. Für die Gemeinde hielt er Vorträge, unter anderem über das Wesen des Christentums und über 38:52 Grundfragen einer christlichen Ethik. Die Zuhörer waren zum Teil Jugendliche. Wer diese Vorträge heute liest, staunt über die Reife einesjährigen 39:04 und über einige Sätze, die er später selbst nicht mehr unterschrieben hätte, etwa Überlegungen zur Bindung des Menschen an sein Volk, wie sie im 39:14 deutschen Protestantismus jener Jahre verbreitet waren. Bonhöfer war kein fertiger Mann, als er nach Barcelona kam. Er war ein Suchender, der 39:24 Positionen ausprobierte. Die entscheidende Erfahrung dieses Jahres lag jedoch nicht in den Vorträgen. Sie lag in den Sprechstunden, [räuspern] 39:34 denn zum Amt des Vikars gehörte die Betreuung deutscher Landsleute in Not. Barcelona ein Hafen und in Häfen stranden Menschen. Es kamen Matrosen 39:44 ohne Schiff, entlassene Arbeiter, Reisende, denen das Geld ausgegangen war, Männer, die vor Schulden oder vor sich selbst geflohen waren, gelegentlich 39:54 auch Betrüger, die von der Hilfsbereitschaft der Gemeinden lebten. Bonhöfer musste entscheiden, wer Unterstützung erhielt und wer nicht. 40:04 Er lernte, daß Menschen lügen, daß Not und Anspruch sich nicht säuberlich trennen lassen und daß Barmherzigkeit ohne Urteilsvermögen wirkungslos bleibt. 40:16 In Briefen an seine Familie beschrieb er diese Begegnungen mit einer Genauigkeit, die auffällt. Er berichtete von einem deutschen Tänzer, der im Elend saß, von 40:27 einem Mann, der ihm eine erfundene Geschichte auftischte, von einer Frau, die aus einer verzweifelten Lage nicht [räuspern] mehr herausfand. Er hielt 40:35 fest, was diese Menschen sagten, und er hielt fest, was er dabei empfand. Zum ersten Mal in seinem Leben stand die Theologie nicht in einem Buch, sondern 40:46 vor ihm im Zimmer. An dieser Stelle entsteht ein Widerspruch, der ihn selbst beschäftigte. Er hatte vier Seiten über 40:55 die Gemeinschaft geschrieben, in der ein Mensch für den anderen einsteht. Nun stellte er fest, dass er die Menschen, für die er einstehen sollte, nicht 41:04 kannte. Er stammte aus einem Haus mit Hauspersonal, Ferienhaus und Musikzimmer. Armut war ihm ein Begriff aus 41:14 Statistiken. [räuspern] In einem Brief hat er eingeräumt, daß er die Sprache dieser Menschen erst lernen müsse und er meinte damit nicht das Spanische. 41:24 Verschärft wurde dieser Widerspruch durch eine Beobachtung, die ihn zunehmend störte. Die deutsche Gemeinde lebte inmitten 41:32 einer Stadt voller Not und nahm sie nicht wahr. Man traf sich, man feierte, man pflegte den Zusammenhalt der Kolonie und die spanische Wirklichkeit vor der 41:43 Haustür blieb Kulisse. Es fehlte nicht an Anstand oder persönlicher Freundlichkeit, es fehlte an Berührung. Diese Gleichgültigkeit machte ihm mehr 41:53 zu schaffen als das Elend selbst, weil sie ihn an die Kirche erinnerte, die er aus Deutschland kannte. geplekt, ehrbar und ohne Verbindung zu denen, die 42:03 außerhalb standen. Zugleich veränderte sich sein Verhältnis zur eigenen Arbeit. Er stellte fest, dass ihn der Umgang mit Menschen Freude machte. Er, der als kühl 42:15 und distanziert galt, entdeckte, dass er zuhören konnte und dass Menschen ihm vertrauten. Seine Predigten wurden anders. Sie verloren an akademischer 42:25 Kunstfertigkeit und gewannen an Direktheit. In einer davon sagte er, das Christentum sei etwas erschütterndes und wer es 42:34 harmlos mache, habe es nicht verstanden. In einer anderen sprach er darüber, dass Gott nicht dort zu suchen sei, wo der Mensch stark sei, sondern dort, wo er an 42:46 seine Grenze komme. Die Reisen, die er unternahm, verstärkten diesen Eindruck. Er fuhr nach Madrid, sah die Bilder von Elgreco und Villasques, ging durch 42:56 andalusische Städte und überquerte im Frühjahr 1929 die Meerenge nach Marokko. Diese Ausflüge waren keine 43:06 Bildungsreisen im herkömmlichen Sinn. Er sah Länder, in denen die europäische Selbstverständlichkeit endete und Menschen, deren Leben mit dem Seinen 43:16 keinen Berührungspunkt hatte. Für einen jungen Theologen, der bis dahin die Welt vor allem aus Büchern kannte, war das eine Erweiterung, deren Wirkung sich 43:26 erst später zeigte. Im Februar 1929 bot ihm die Gemeinde an zu bleiben. Er lehnte ab. Die Entscheidung fiel ihm 43:37 nicht leicht, denn er hing an dieser Arbeit und er wusste, dass ihn in Berlin die akademische Laufbahn erwartete, für die er sich noch keineswegs entschieden 43:46 hatte. Aber er wollte die Habilitation abschließen und er wollte die Ordination, für die er noch zu jung war. 43:55 Im Februar 1929 kehrte er nach Berlin zurück. Er nahm eine Assistentenstelle an der Universität an und schrieb innerhalb 44:03 eines Jahres seine Habilitationsschrift Akt und Sein. Sie behandelte philosophisch die Frage, wie Gott dem menschlichen Denken zugänglich sein 44:14 kann, ohne von ihm eingefangen zu werden. Im Sommer 1930 wurde er mit 24 Jahren Privatdozent an der Friedrich Wilhelms Universität, dort wo Harnak 44:26 gelehrt hatte und wo man ihn seit Jahren als Ausnahmeerscheinung betrachtete. Damit klärt sich, was das Jahr in Spanien für ihn bedeutete. Er kam als 44:37 Verfasser einer glänzenden Arbeit über die Gemeinschaft dorthin und kehrte mit der Erkenntnis zurück, daß er diese Gemeinschaft bis dahin nur gedacht 44:46 hatte. Barcelona lieferte ihm keine neue Theologie. Seine Grundgedanken blieben, wie er sie in Berlin entwickelt hatte. 44:55 Was sich änderte, war der Ort, an dem er sie prüfte. Er hatte erfahren, dass ein Satz über die Stellvertretung erst dann etwas wert ist, wenn jemand vor einem 45:06 sitzt, für den man einstehen soll. Und er hatte erfahren, daß die größte Gefahr für eine Kirche nicht der Angriff von außen ist, sondern die Behaglichkeit 45:17 im Inneren. In den Aufzeichnungen dieser Monate findet sich ein Gedanke, der zur Signatur seines weiteren Weges wurde. 45:27 Der Christ, so notierte er sinngemäß, dürfe die Wirklichkeit nicht meiden, weil Gott selbst sie nicht gemieden habe. 45:37 Wer diesen Satz ernst nahm, konnte auf Dauer nicht im Hörsaal bleiben. Bonhöfer nahm ihn ernst und ernte bereits, dass ihn das weiter von der akademischen 45:48 Sicherheit wegführen würde, als seiner Familie lieb sein konnte. Die nächste Gelegenheit dazu bot sich rasch. Ein Stipendium für ein 45:58 Studienjahr in einer Stadt, von der er wenig hielt und über die er sich gründlich täuschen sollte. An einem Sonntagmgen im Herbst 1930 46:09 saß ein hochgewachsener Deutscher mit runder Brille in einer überfüllten Kirche an der 137. Straße in Halem. Um ihn herum standen 3000 Menschen auf, 46:21 sangen, antworteten dem Prediger, klatschten, riefen. Er selbst lieb sitzen und verstand zunächst wenig. Er war promovierter Theologe, Privatdozent 46:33 an der bedeutendsten Theologischen Fakultät Europas und er begriff in diesem Augenblick, dass er etwas sah, wofür seine Ausbildung ihm keine 46:43 Kategorie geliefert hatte. Nach Amerika war Bonhöfer im September 1930 aufgebrochen an Bord des Dampfers Columbus. Er hatte ein Stipendium für 46:55 ein Studienjahr am Union Theological Seminary in New York erhalten, einer Einrichtung im nördlichen Manhattan, die als Zentrum des liberalen amerikanischen 47:05 Protestantismus galt. Für ihn war das keine Ausbildung mehr, sondern eine Gelegenheit. Er hatte seinen Doktorgrad, er hatte die Habilitation abgeschlossen 47:16 und die Ordination war ihm bis zum 25. Lebensjahr ohnehin verwehrt. Also nutzte er die Zeit, um ein Land kennenzulernen, das ihn neugierig machte. 47:28 Die erste Enttäuschung folgte schnell. Bonöfer beurteilte das theologische Niveau am Union Seminary vernichtend. In Briefen an die Familie und in seinem 47:38 Bericht an die Kirchenbehörde schrieb er, dass dort über vieles gesprochen werde, nur nicht über Theologie. Die Studenten diskutierten soziale Fragen, 47:48 wirtschaftliche Verhältnisse, Fragen der Erziehung und sie taten dies mit Ernst und Engagement. Aber die Frage nach Gott, nach Offenbarung, nach Sünde und 47:59 Gnade schien ihnen entweder gleichgültig oder peinlich. Er bemerkte spättisch: "Man lache dort über die Fundamentalisten und halte damit die 48:09 eigene Position bereits für begründet. Auch der bekannteste Lehrer des Hauses überzeugte ihn nicht. Reinhold Nibur galt als Begründer der amerikanischen 48:19 Sozialethik und war ein glänzender Analytiker gesellschaftlicher Verhältnisse. Bonhöfer hörte bei ihm und blieb reserviert. Ihm fehlte bei Niebur 48:29 die Ausrichtung auf Christus, die er bei Karl Bart gefunden hatte. Ein Christentum, das im Ergebnis ein Programm zur Verbesserung der 48:37 Gesellschaft war, erschien ihm als Verlust des Eigentlichen. Bemerkenswert ist, daß Nieburs Denken später dennoch in seinem eigenen Werk Spuren 48:47 hinterließ, gerade in der Überzeugung, dass Theologie diese Welt verändern soll. Es waren nicht die Vorlesungen, die das 48:56 Jahr in Amerika prägten, sondern die Menschen. Bonhöfer schloss am Seminar Freundschaften, die seinen Weg bestimmten. Der Franzose Jean Lasser, 49:07 ein überzeugter Pazifist, war für ihn eine Herausforderung besonderer Art. 12 Jahre nach dem Weltkrieg war eine Freundschaft zwischen einem Deutschen 49:16 und einem Franzosen keine Selbstverständlichkeit. Die beiden diskutierten monatelang über die Bergpredigt. 49:25 Lasserre stellte eine Frage, die Bonnhöfer nicht mehr losließ. In der lutherischen Tradition, in der er aufgewachsen war, galt die Bergpredigt 49:34 als unerfüllbar. Ihre Funktion bestand darin, dem Menschen seine Sündhaftigkeit vor Augen zu führen. Niemand kann seinen Feind 49:43 lieben, niemand kann auf Gewalt verzichten. Also erkennt der Mensch an dieser Forderung, dass er auf Gnade angewiesen ist. Auf staatlicher Ebene im 49:54 Bereich von Recht und Krieg seien diese Gebote ausgesetzt. Lasserre bestritt das. Er sagte, die Bergpredigt sei kein Spiegel, sondern eine Anweisung. 50:06 Jesus habe gemeint, was er sagte, und wer das Neue Testament einfach lese, könne an einem Krieg nicht teilnehmen. Bonhöfer wehrte sich zunächst, doch 50:17 erkannte die Konsequenz des Arguments, und Konsequenz war das, was er an Gedanken am meisten schätzte. Von diesem Winter an war die Bergpredigt für ihn 50:28 keine theologische Randfrage mehr, sondern der Text, an dem sich entscheidet, ob jemand Christ ist. Der Weg zu seiner späteren 50:37 Friedensarbeit und zu dem Buch über die Nachfolge beginnt in diesen Gesprächen. Die zweite Freundschaft war die mit Albert Franklin Fischer, einem der 50:48 wenigen schwarzen Studenten am Seminar, der aus Alabama stammte. Fischer arbeitete in der Abessinian Baptist Church in Harlem und nahm den deutschen 50:58 Gast dorthin mit. Damit begann die Erfahrung, die Bonnhöfers Amerika zu einem Wendepunkt machte. Harlem war zu dieser Zeit das 51:09 größte schwarze Stadtviertel der Vereinigten Staaten und ein Zentrum kulturellen Aufbruchs. Zugleich traf die Weltwirtschaftskrise die dortige 51:18 Bevölkerung härter als jede andere. Die Arbeitslosigkeit lag um ein Vielfaches über dem Durchschnitt. Die Mieten waren höher als anderswo in der Stadt, die 51:30 Wohnungen schlechter. Die rechtliche Lage der schwarzen Amerikaner war im Süden durch die Rassentrennensgesetze bestimmt und im Norden durch eine Praxis 51:39 der Ausgrenzung, die keiner Gesetze bedürfte. Die Ebissan Baptist Church war ein mächtiges Steingebäude, das die Gemeinde selbst errichtet hatte, und 51:50 ihre Mitglieder waren stolz darauf, daß es kein abgelegtes Gebäude einer weißen Gemeinde war. Auf der Kanzel stand Adam Clayon Paul 51:59 der Ältere, ein Prediger von imposanter Gestalt und großer geistiger Kraft, der eine Gemeinde von mehreren tausend Menschen führte und zugleich 52:09 Sozialarbeit im großen Stil organisierte, Speisungen, Arbeitsvermittlung, Unterstützung für Familien. 52:18 Was Bonhöfer dort erlebte, hatte er in Europa nie gesehen. Es wurde nicht über den Glauben gesprochen, sondern aus ihm heraus. Die Gemeinde antwortete dem 52:29 Prediger: "Die Musik war kein Beiwerk, sondern Verkündigung." Er hörte die Spirituals zum ersten Mal von denen, aus deren Geschichte sie 52:39 stammten. Er schrieb nach Hause: "Hier könne man tatsächlich von Sünde und Gnade und der Liebe Gottes sprechen und hören, wenn auch in Formen, die man in 52:49 Deutschland nicht gewohnt sei. Der Christus der schwarzen Predigt werde mit einer Leidenschaft verkündigt, die dem lehrhaften Ton der weißen Kirchen 52:58 fehle." Entscheidend war jedoch, daß er sich nicht von der Begeisterung mitreißen ließ und dabei stehen blieb. Er war 53:06 misstrauisch gegenüber bloßem Gefühl und er suchte hinter dem Eindruck die Substanz. Was er fand, war die Verbindung von Glaube und Lebenslage. 53:17 Diese Menschen sangen von Befreiung, weil sie unfrei waren. Sie sprachen vom Kreuz, weil sie leiden kannten. Und ihre Kirche kümmerte sich um die 53:27 Verhältnisse, unter denen sie lebten, weil niemand sonst es tat. Hier stellt sich die Frage, die dieses Jahr eigentlich beherrscht. Ein Gelehrter, 53:37 der die amerikanische Theologie für flach hielt und dies unverblüht sagte, erkannte ausgerechnet bei Menschen ohne akademische Bildung den echten Glauben. 53:48 Auf den ersten Blick widerspricht das seiner ganzen Haltung. Bonhöfer blieb nicht Zuschauer. Über Monate hinweg unterrichtete er in Halem die 53:57 Sonntagsschule, besuchte Familien in ihren Wohnungen, nahm an Gemeindeveranstaltungen teil und verbrachte einen erheblichen Teil seiner 54:05 Woche nördlich der 125. Straße. Er sammelte Schallplatten mit Spirituals und nahm sie später nach Deutschland mit. Zeitgenossen berichteten, er sei 54:17 nicht als überlegener Europäer aufgetreten, sondern als jemand, der lernen wollte und der zugab, etwas nicht zu verstehen. 54:26 Im Frühjahr 1931 unternahm er mit Fischer eine Reise in den Süden, unter anderem nach Washington. Dort sah er die 54:35 Rassentrennung in ihrer gesetzlich geregelten Form. getrennte Eingänge, getrennte Wartesele, getrennte Schulen. Er erlebte, wie sein Begleiter in 54:44 Lokalen abgewiesen wurde, in die er selbst ohne weiteres eintreten konnte. In seinen Aufzeichnungen hielt er fest, daß schwarze Sänger vor weißem Publikum 54:55 begeisterten Beifall erhielten und dieselben Zuhörer ihnen gleiche Rechte verweigerten. Er nannte die Lage der schwarzen 55:04 Bevölkerung das entscheidende Problem des Landes und sagte voraus, dass ich daran die Zukunft Amerikas entscheiden werde. Parallel dazu erreichten ihn 55:14 Nachrichten aus Deutschland, die immer beunruhigender klangen. Bei den Reichstagswahlen im September 1930 war die nationalsozialistische Partei 55:25 von 12 auf 107 Sitze gestiegen. Ein Ergebnis, das ihn in New York erreichte und dass er zunächst kaum einordnen konnte. Die Wirtschaftskrise verschärfte 55:37 sich. Er notierte die Zahlen der Arbeitslosen und rechnete hoch, wie viele Menschen damit ohne Einkommen waren. Er schrieb: "Er wisßen nicht, wie 55:46 Deutschland und der Einzelne dies überstehen sollten und fragte sich, ob die Kirche eine weitere Katastrophe überleben werde, wenn sie nicht etwas 55:55 völlig anderes wde." Damit fügt sich zusammen, was in Harlem geschah. Bonöfer hatte in Berlin gelernt, dass die Kirche Christus als Gemeinde existierend ist. 56:07 In Barcelona hatte er erfahren, daß Theologie sich an Menschen bewähren muß. In Harlem sah er zum ersten Mal eine Gemeinde, auf die seine eigene 56:17 Definition zutraf. Dort war die Kirche keine Einrichtung für sonntägliche Erbauung, sondern der Ort, an dem eine benachteiligte Gemeinschaft ihre Würde 56:29 behauptete und füreinander einstand. Der Widerspruch löst sich also auf. Nicht die Theologie dieser Menschen überzeugte ihn, sondern die Tatsache, 56:40 daß sie das lebten, was er theologisch für richtig hielt. Er erkannte in Harlem seine eigene Lehre wieder in einer Gestalt, die er nie erwartet hätte. Im 56:51 Juni 1931 kehrte er nach Deutschland zurück. Freunde und Schüler bemerkten eine Veränderung, die schwer zu benennen war. 57:00 Er sprach anders über die Bibel, nicht mehr nur als über einen Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, sondern als über einen Text, der den Leser 57:10 anspricht und von ihm etwas verlangt. Er begann seine Studenten zu fragen, ob sie Jesus liebten. Eine Frage, die in einem deutschen theologischen Seminar 57:21 jener Jahre als peinlich galt. Und er hatte Schallplatten im Gepäck, deren Musik in Deutschland niemand kannte. Am Nachmittag des. Februar 193 57:34 saß ein 27-jähriger Privatdozent im Sendesaal des Berliner Rundfunks und las einen Vortrag über den Führerbegriff. Zwei Tage zuvor war Adolf Hitler zum 57:46 Reichskanzler ernannt worden und das Land feierte. Der Redner sprach ruhig in dem sachlichen Ton der akademischen Vorlesung, und er sagte, dass ein 57:57 Führer, der den Wünschen der Geführten nachgebe und sich von ihnen zum Idol machen lasse, aus dem Führer zum Verführer werde. 58:07 Ein Führer, der sich und sein Amt zum Götzen mache, verspotte Gott. Bevor der Vortrag zu Ende war, brach die Übertragung ab. Was in diesem Augenblick 58:19 geschah, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die eine Überlieferung, die Bonnhöfer selbst zunächt und die lange Zeit die 58:28 Verbreitete war, spricht von einem Eingriff der Behörden. Eine andere Erklärung, die von Fachleuten vertreten wird, sieht die Ursache in der 58:38 Sendetechnik und in einer Überschreitung der vorgesehenen Zeit. Belegt ist, dass Bonhöfer im Anschluss beunruhigt war. den Text vervielfältigte und an Freunde 58:50 und Bekannte verschickte, damit er ungekürzt gelesen werden konnte. Ebenso belegt ist, dass er ihn wenige Wochen später öffentlich in erweiterter Form 59:01 vortragen konnte. Die Umstände dieses Abbruchs sind weniger bedeutsam als die Tatsache, daß diese Sätze überhaupt gesprochen wurden. 48 Stunden nach der 59:11 Machtübernahme zu einem Zeitpunkt, an dem der überwiegende Teil der deutschen Öffentlichkeit Hoffnung empfand. Diese Hoffnung hatte Gründe. Die Weimarer 59:20 Republik war in den vorangegangenen drei Jahren praktisch gescheitert. Seit 1930 regierten Kanzler mit Notverordnungen, weil im Reichstag keine Mehrheit 59:30 zustande kam. Die Weltwirtschaftskrise hatte im Winter 1932 etwa 6 Millionen Menschen ohne Arbeit 59:38 gelassen. Rechnet man Angehörige hinzu, war ein erheblicher Teil der Bevölkerung ohne gesicherte Existenz. Auf den Straßen der Großstädte lieferten 59:49 sich politische Verbände regelrechte Kämpfe. Viele Deutsche empfanden den Versier Vertrag als dauerhafte Demütigung. 59:58 In dieser Lage erschien vielen ein starker Mann als Ausweg. Die evangelischen Kirchen waren gegenüber der neuen Bewegung besonders 1:00:06 empfänglich. Sie hatten dem Kaiserreich nachgetrauert, der Republik mit Distanz gegenübergestanden und sahen im Nationalsozialismus 1:00:15 die Rückkehr von Autorität, Ordnung und nationalem Selbstbewusstsein. Manche Pfarrer erklärten von der Kanzel Gott habe dem deutschen Volk in dieser 1:00:26 Stunde einen Retter geschickt. Ein Amtsbruder schrieb: "Christus sei durch Adolf Hitler zu ihnen gekommen." Innerhalb der Kirche formierte sich eine 1:00:37 Gruppierung, die sich deutsche Christen nannte und die Verbindung von Christentum und nationalsozialistischer Weltanschauung ausdrücklich anstrebte. 1:00:48 Bonhöfer war zu diesem Zeitpunkt seit anderthalb Jahren zurück in Berlin. Er war im November 1931 ordiniert worden, lehrte als Privatdent 1:00:58 an der Universität, betreute eine Konfirmantenklasse in einem Arbeiterviertel im Norden der Stadt und war zum Jugendsekretär im Weltbund für 1:01:07 Freundschaftsarbeit der Kirchen gewählt worden. Auf einer ökumenischen Tagung in Cambridge hatte er im Sommer 1931 1:01:16 gefordert, dass die Christenheit sich für eine wesentliche Verringerung der Rüstungen einsetzen müsse, für ein gerechtes Zusammenleben der Völker und 1:01:25 für die Freiheit aller Nationen von militärischer Bedrohung. Seine Konfirmantenarbeit in Wedding verdient Beachtung, weil sie zeigt, wie 1:01:35 ernst er seine eigenen Grundsätze nahm. Er übernahm eine Gruppe von etwa 50 Jungen aus einem der ärmsten Bezirke Berlins, die ihren vorherigen Pfahrer 1:01:46 regelrecht aufgerieben hatten. Bonhöfer miet sich in der Nähe ein Zimmer, um erreichbar zu sein, lut die Jungen zu sich ein, spielte mit ihnen, kaufte 1:01:56 einigen Kleidung und erzählte ihnen im Unterricht von Amerika. Die Klasse, die als unregierbar galt, blieb bei ihn zusammen. Am 7. April 1933 1:02:09 erließ die Regierung das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums. Es sah vor, dass Beamte jüdischer Herkunft aus dem Staatsdienst zu 1:02:19 entfernen sein. Innerhalb der Kirche entstand daraufhin die Forderung, diesen sogenannten Ari Paragraphen auf die Pfarrerschaft zu übertragen. Geistliche 1:02:30 jüdischer Abstammung sollten ihre Ämter verlieren. getroffen wäre eine kleine Zahl von Pfarern gewesen. Doch die grundsätzliche Frage war ungeheuer. 1:02:41 Die Kirche hätte damit ein Kriterium anerkannt, dass der Taufe widerspricht. Bereits am 1. April hatte es einen reichsweiten Boikott jüdischer Geschäfte 1:02:52 gegeben. An diesem Tag machte sich Bonhöffers Großmutter Julie, damals über 90 Jahre alt, auf den Weg zu den Geschäften, in denen sie seit jeher 1:03:02 einkaufte. Vor den Türen standen Angehörige der Sturmabteilung. Sie ließen die alte Dame passieren, weil 1:03:10 ihnen offenbar nichts anderes einfiel. Sie kam mit ihren Einkäufen wieder heraus und erklärte: "Sie kaufe dort, wo sie immer gekauft habe." Die Familie hat 1:03:21 diese Szene weitergegeben, weil sie in ihrer Schlichtheit alles enthielt, worauf es in diesen Jahren ankam. Im Hause Bonhöfer wurde die Lage 1:03:31 nüchtern beurteilt. Paula Bonhöfer drängte darauf, daß die Kirche in der Judenfrage handle und fragte ihren Sohn und dessen Freunde, was denn nun 1:03:41 geschehen sollle. Karl Bonhöfer beobachtete die neue Regierung mit dem Misstrauen eines Mannes, der sein Leben lang mit menschlichen Abgründen zu tun 1:03:51 gehabt hatte. Die Familie war zudem unmittelbar betroffen. Sabine, die Zwillingsschwester, war mit dem Juristen Gerhard Leipholz verheiratet, der 1:04:01 jüdischer Herkunft war. Im April 1933 legte Bonnhöfer vor einer Runde von Pfarrern einen Aufsatz vor, der den Titel "Die Kirche vor der Judenfrage" 1:04:13 trug. Er entwickelte darin drei Möglichkeiten kirchlichen Handelns gegenüber dem Staat. Erstens könne die Kirche den Staat fragen, ob sein Handeln 1:04:24 rechtmäßig sei, ob er also seine von Gott gegebene Aufgabe erfülle. Zweitens habe sie die Pflicht, den Opfern staatlichen Handelns beizustehen und 1:04:34 zwar unbedingt auch dann, wenn diese Opfer nicht zur christlichen Gemeinde gehören. Drittens könne die Zeit kommen, in der es nicht genüge, die Opfer unter 1:04:45 dem Rat zu verbinden, sondern in der man dem Rat selbst in die Speichen fallen müsse. Die Wirkung war beträchtlich und sie war nicht die erhoffte. Mehrere 1:04:56 Zuhörer verließen den Raum. Der dritte Punkt widersprach der lutherischen Tradition, die sich stark auf das 13. Kapitel des Römerbriefes stützte und die 1:05:07 Obrigkeit als von Gott eingesetzt betrachtete. Auch der zweite Punkt war für viele schwer zu ertragen, weil er die 1:05:15 Verantwortung der Kirche über die eigenen Glieder hinaus ausdehnte. Bonhöfer gehörte damit zu den ersten Stimmen im deutschen Protestantismus, 1:05:24 die eine grundsätzliche Verpflichtung gegenüber den Verfolgten formulierten. [räuspern] Der Aufsatz enthält auch Passagen, die 1:05:32 aus der theologischen Tradition seiner Zeit stammen und über das Verhältnis von Israel und Kirche in einer Weise sprechen, die heute befremdet. 1:05:42 Die Forschung hat darauf hingewiesen und dabei zugleich betont, daß die praktische Schlussfolgerung eindeutig war. Die Kirche muss handeln und sie 1:05:52 muss den Verfolgten beistehen, unabhängig von deren Bekenntnis. Bonhöfer selbst hat seine Position in den folgenden Jahren weiterentwickelt 1:06:02 und verschärft. Wenige Monate später erfuhr er, wie schwer die eigenen Grundsätze im Alltag wiegen. Der Vater seines Schwagers, Gerhard Leibholz, 1:06:12 starb. Sabine bat ihren Bruder, die Beerdigung zu halten. Bonöfer wandte sich an seinen Superintendenten, der ihm davon abriet, weil der verstorbene Jude 1:06:23 war und ein solcher Dienst Aufsehen erregen könnte. Er befolgte den Rat und sagte ab: "Dieser Entscheidung hat ihn nicht mehr losgelassen." Im November 1:06:34 schrieb er aus London an seine Schwester und ihren Mann, dass ihn der Gedanke quähle, er habe nicht getan, worum sie ihn gebeten hatten. Er könne heute nicht 1:06:43 mehr begreifen, was ihn damals bewogen habe. Er fragte, wie er in jenem Moment so ängstlich habe sein können, bat um Verzeihung für seine Schwäche und 1:06:54 erklärte, er wüsse nun mit Sicherheit, dass er sich anders hätte verhalten müssen. Damit ist auch die Frage beantwortet, die über dem Beginn dieses 1:07:04 Jahres steht. Ob die Rundfunkübertragung durch behördlichen Eingriff oder durch technische Umstände endete, lästt sich nicht endgültig entscheiden und beide 1:07:13 Erklärungen haben ihre Fürsprecher. Bedeutsam ist etwas anderes. Der Mann, der dort am zweiten Tag der neuen Regierung vom Verführer sprach, war 1:07:24 derselbe, der wenige Monate später aus Furcht einer Beerdigung fernblieb und sich dafür bis an sein Lebensende schämte. Seine Klarsicht war früh und 1:07:35 ungewöhnlich. Sein Mut war es nicht von Anfang an. Er hat ihn sich erarbeitet, Schritt für Schritt. Und das erste dieser Lehrstücke bestand aus einem 1:07:46 Versagen, dass er niemandem verschwieg. Ende Mai 1934 versammelten sich in einer Kirche im Wuppertaler Stadtteil Barmen 139 1:07:58 Abgeordnete aus 18 deutschen Landeskirchen. Sie kamen aus lutherischen, reformierten und unjierten Gemeinden, die einander 1:08:07 seit Jahrhunderten mit theologischem Misstrauen begegnet waren. Drei Tage lang berieten sie einen Text, den Wesentlichen der Schweizer Theologe Carl 1:08:16 Bart entworfen hatte und am 31. Mai nahmen sie ihn an. Die barmer theologische Erklärung stellte in sechs Thesen fest, daß Jesus 1:08:27 Christus das eine Wort Gottes sei, dem die Kirche zu gehorchen habe und dass sie keine anderen Ereignisse, Mächte oder Gestalten als Offenbarung 1:08:38 anerkennen dürfe. In dem Dokument, das als die bedeutendste kirchliche Widerstandserklärung dieser Jahre gilt, stand kein Wort über die Juden. 1:08:49 Der Weg nach Bammen begann mit dem Versuch, die evangelischen Kirchen Deutschlands unter einer einheitlichen staatsnahen Leitung zusammenzufassen. 1:08:58 Bis dahin bestand der deutsche Protestantismus aus 28 selbstständigen Landeskirchen mit eigenen Verfassungen. Im Sommer 1933 1:09:08 wurde eine deutsche evangelische Kirche geschaffen und bei den Kirchenwahlen im Juli errangen die deutschen Christen mit staatlicher Unterstützung eine 1:09:17 überwältigende Mehrheit. Zum Reichsbischof wurde Ludwig Müller gewählt, ein Wehrkreispfarrer aus Königsberg, der Hitler persönlich 1:09:26 verbunden war. Müller erklärte in seiner Antrittspredigt: "Der Kampf um die Kirche sei entschieden. Der Kampf um die Seele des Volkes beginne erst." 1:09:37 Im September beschloß die preußische Generalsynode, die in die Geschichte als braune Synode eingriagraphen für die Kirche. Pfarrer jüdischer 1:09:49 Herkunft sollten aus dem Dienst entfernt werden. Bonhöfer, der als Delegierter nicht zugelassen war, verfasste gemeinsam mit Martin Niemöller einen 1:09:58 Aufruf, der zur Gründung des Paranotbundes führte. Wer beitrat, verpflichtete sich, allein an Schrift und Bekenntnis gebunden zu 1:10:08 sein und den bedrängten Amtsbrüdern beizustehen. Innerhalb weniger Monate unterschrieben mehr als 7000 Pfahrer. Die Mehrheit der etwa 18 000 1:10:18 evangelischen Geistlichen tat es nicht. Nie Möller war eine bemerkenswerte Erscheinung. Im Weltkrieg war er U-Bootkommandant gewesen und mit hohen 1:10:28 Auszeichnungen ausgezeichnet worden. Er war ein Nationalkonservativer, der die neue Regierung anfangs begrüßt hatte und sich erst am Eingriff des 1:10:37 Staates in die Kirche ins Bewegung, die sich formierte, war politisch alles andere als einheitlich. Sie einte nicht die Ablehnung des Regimes, sondern die 1:10:49 Sorge um die Freiheit der Kirche. Im November 1933 kam es zu einem Ereignis, das vielen Zögernden die Augen öffnete. Im Berliner 1:11:00 Sportpalast versammelten sich rund 20.000 Anhänger der deutschen Christen. [räuspern] Ein Redner forderte das Alte Testament aus der Bibel zu entfernen, 1:11:10 weil es jüdischen Ursprung sei und die Gestalt Jesu von allem jüdischen zu befreien. Die Empörung war so groß, dass die deutschen Christen einen erheblichen 1:11:21 Teil ihres Anhangs verloren. Bonöfer war zu diesem Zeitpunkt bereits im Begriff, Deutschland zu verlassen. Im Oktober 1933 1:11:31 trat er die Pfahrstelle zweier deutscher Auslandsgemeinden in London an, in Syddenham und in der City. Die Entscheidung war umstritten. Karl Bart 1:11:40 schrieb ihm scharf: "Er solle mit dem nächsten Schiff zurückkommen, denn das Haus der Kirche brenne." Und ein deutscher Theologe habe jetzt in 1:11:49 Deutschland zu sein. Bonhöfer verteidigte sich, ohne die Kritik zurückzuweisen. Seine Beweggründe waren zwiespältig und 1:11:58 er hat das selbst so gesehen. In einem Brief an Bart schrieb er, er habe in radikaler Gegnerschaft zu allen seinen Freunden befunden. [räuspern] 1:12:07 Seine Auffassungen hätten ihn immer weiter in die Vereinsamung getrieben und er habe keinen Grund gesehen, warum er die Dinge richtiger sehen solle so viele 1:12:17 tüchtige und gute Pfarrer, zu denen er aufblicke. Dieser Satz zeigt einen Menschen, dessen Sicherheit nach außen größer war als nach innen. Die 18 Monate 1:12:28 in England waren keine Flucht. Bonöfer betreute zwei kleine Gemeinden, führte einen umfangreichen Briefwechsel und telefonierte so oft mit Berlin, dass die 1:12:39 Kosten seine Familie erschreckten. Vor allem aber gewann er einen Verbündeten von großem Gewicht, George Bell, den anglikanischen Bischof von 1:12:49 Chitchester, der zu den führenden Gestalten der ökumenischen Bewegung gehörte und als Mitglied des Oberhauses politischen Zugang besaß. Bell 1:12:59 unterrichtete sich bei Bonnhöfer über die Lage der deutschen Kirchen und die beiden verband bald eine Freundschaft, die bis zuletzt hielt. 1:13:09 Die ökumenische Bewegung war für Bonnhöfer mehr als kirchliche Diplomatie. Er sah in ihr einzige Instanz, die über 1:13:18 die Grenzen der Nationen hinweg von einer Wahrheit sprechen konnte, die keinem Volk gehörte. Im August 1934 sprach er auf einer ökumen Tagung im 1:13:29 dänischen Fahrnö vor Vertretern aus vielen Ländern über die Kirche und die Völkerwelt. Er sagte, es gebe keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit, 1:13:40 denn der Friede müsse gewagt werden. Er sei das große Wagnis und lasse sich niemals sichern. Frieden sei das Gegenteil von Sicherung. Das Fördern von 1:13:52 Garantien bedeute Misstrauen und dieses Misstrauen bringe wiederum den Krieg hervor. Schlachten würden nicht mit Waffen gewonnen, sondern mit Gott. 1:14:03 In Fanö geschah zugleich etwas Kirchenpolitisch bedeutsames. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, die die Lage in Deutschland kritisch 1:14:12 benannte und Bonhöfer wurde in den ökumenischen Rat gewählt. Die bekennende Kirche erhielt damit erstmals internationale Anerkennung als 1:14:23 Gesprächspartner. Die Hoffnung, die Ökumäene werde die Reichskirche völlig fallen lassen, erfüllte sich dagegen nicht. 1:14:31 Aus dieser Zeit stammt auch ein Plan, der nie zustande kam. Bonhöfer wollte nach Indien reisen, um bei Mohandas Gandhi den gewaltlosen Widerstand zu 1:14:41 studieren. Bell verschaffte ihm eine Einladung und Gandy antwortete zustimmend. Bonhöfer verschob zugunsten einer 1:14:50 Aufgabe in Deutschland und trat sie nie an. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, die über der warmer Erklärung steht. Ein Text, der als 1:14:59 Bekenntnis gegen eine Diktatur gefeiert wird, schweigt über die Menschen, die von dieser Diktatur zuerst und am Här härtesten getroffen wurden. Die 1:15:09 Erklärung war das, was sie zu sein beanspruchte, ein theologisches Bekenntnis. Sie richtete sich gegen die Behauptung, daß neben Jesus Christus 1:15:18 noch andere Offenbarungsquellen anzuerkennen sein, gegen die Vermischung von Kirche und Staatsideologie und gegen die Unterwerfung der 1:15:27 kirchlichen Ordnung unter politische Führung. Ihre Verfasser wollten den Bestand der Kirche als Kirche sichern und sie handelten in der Überzeugung, 1:15:37 dass ohne diese Grundlage jede weitere Aussage haltlos wäre. Hinzu kam ein taktisches Kalkül. Eine Erklärung, die den Staat unmittelbar 1:15:47 politisch angegriffen hätte, wäre von einem großen Teil der Delegierten nicht mitgetragen worden. Für Bonnhöfer, der an der Synode nicht teilnahm, blieb dies 1:15:57 unbefriedigend. Als er anderthalb Jahre später aus England zurückkehrte und wieder in den Kirchenkampf eintrat, verschob sich seine Beurteilung immer 1:16:06 deutlicher. Er hatte den Kampf zunächst ebenfalls als Kampf um die Freiheit der Kirche zur Verkündigung geführt. Nach und nach setzte sich bei ihm die 1:16:16 Einsicht durch, dass die eigentliche Frage nicht die Freiheit der Kirche zum Predigen war, sondern ihre Freiheit, sich an die Seite der Opfer zu stellen. 1:16:27 Später hat er den Satz geprägt: "Nur wer für die Juden schreie, dürfe auch greanisch singen." So beantwortet sich das Schweigen von 1:16:37 Barmen nicht als Versäumnis einzelner Personen, sondern als Ausdruck dessen, wie weit die Erkenntnis im Frühjahr 1934 reichte. Die Erklärung war ein 1:16:48 notwendiger erster Schritt und zugleich weniger als die Lage verlangte. Ihre Verfasser haben das teilweise selbst erkannt. Die bekennende Kirche hat es 1:16:58 später in ihrem Schuldbekenntnis eingeräumt und Bonnhöfer, der Jüngste unter den führenden Köpfen dieser Bewegung, zog daraus die Folgerung, dass 1:17:08 eine Kirche, die nur ihre eigene Existenz verteidigt, ihren Auftrag bereits verfehlt hat. Ein junger Kandidat der Theologie kam im 1:17:17 Sommer 1935 in einem alten Gutshaus an der Pommerschen Ostseeküste an und suchte den Leiter der Ausbildungsstätte. 1:17:26 Er sah eine Gruppe junger Männer im Garten und sprach einen von ihnen an, der aussah wie ein Student unter Studenten. Sportlich, hell, kaum älter 1:17:36 als er selbst. Es war der Leiter. Dieser nahm ihn beiseite, führte ihn ein Stück vom Haus weg und stellte Fragen, die kein Professor stellte, woher er komme, 1:17:47 was er erlebt habe, wie es seiner Familie gehe. Wenige Tage später bat er die Gruppe ihn nicht Herr Direktor zu nennen, sondern Bruder Bonnhöfer. 1:17:59 Der junge Mann hieß Eberhard Betke. Er wurde Bonhöfers engster Freund, sein wichtigster Briefpartner. und später der Herausgeber seiner Schriften und sein 1:18:10 Biograf. Ohne ihn wäre das Bild, das die Nachwelt von Dietrich Bonnhöfer besitzt, unvollständig geblieben. 1:18:19 Die Einrichtung, in der die beiden sich begegneten, war eine Notlösung. Nachdem der Staat die theologische Ausbildung zunehmend kontrollierte und die 1:18:28 bekennende Kirche ihren Nachwuchs nicht mehr den offiziellen Predigerseminaren anvertrauen wollte, richtete sie eigener Ausbildungsstätten ein. Bonhöfer im 1:18:39 April 1935 aus London zurückgekehrt übernahm eine davon. Sie begann in Zingst auf der Halbinsel 1:18:48 Fischland und zog im Juni in ein ehemaliges Privatschulgebäude in Finktenwalde bei Städtin. Das Haus war leer, feucht und heruntergekommen. 1:18:59 Bücher, Möbel, Klavier und Lebensmittel kamen aus Spenden der umliegenden Gemeinden und Güter. Was Bonhöfer dort einrichtete, entsprach 1:19:10 keinem in Deutschland üblichen Muster. Der Tag begann lange vor dem Frühstück mit einer gemeinsamen Andacht. Psalmen, ein Kapitel aus dem Alten und eines aus 1:19:21 dem Neuen Testament, Gesang, Gebet, alles ohne Erklärung und ohne Auslegung. Danach folgte eine halbe Stunde Schweigen, in der jeder für sich 1:19:32 denselben biblischen Vers bedachte, oft eine Woche lang denselben. Erst dann kam der Unterricht. Diese Meditation stieß bei den Kandidaten zunächst auf 1:19:43 Widerstand. Sie waren an wissenschaftlicher Exegese gewöhnt, an Grammatik, Textkritik und historische Einordnung. 1:19:52 Nun sollten sie einen Satz lesen und schweiden. Einige beschwerten sich, andere schliefen ein. Wieder andere hielten das Ganze für katholisch 1:20:02 angehaucht und damit für verdächtig. Bonhöfer erklärte wenig und bestand darauf. Er sagte, "Ein Pfarrer, der die Bibel nur untersuche, aber sich von ihr 1:20:14 nichts sagen lasse, werde in den kommenden Jahren nichts auszurichten haben." Der Tagesablauf war jedoch nicht 1:20:22 klösterlich streng. Es wurde viel gelacht, Fußball gespielt, Tischtennis, Schach, im Sommer gebadet. Bonhöfer spielte Klavier oft stundenlang. 1:20:33 Betke, der aus einer musikalischen Tradition kam, die im Hause Bonnhöfer kaum bekannt war, brachte ihn die Werke von Heinrich Schütz nahe und die beiden 1:20:43 studierten sie gemeinsam. Aus dieser Beschäftigung wuchs die Freundschaft. Daneben erklangen die Spirituals aus Harlem, die Bonnhöfer auf 1:20:52 Schallplatten mitgebracht hatte und die in Pommern niemand kannte. Er verlangte von den Kandidaten außerdem etwas, das ihnen fremder war als die 1:21:03 Meditation, die Bruderbeichte, nicht die private Selbstprüfung, sondern das ausgesprochene Bekenntnis vor einem 1:21:12 Mitbruder. Er selbst legte seine erste Beichte bei Betka ab, was für einen lutherischen Theologen und Vorgesetzten ein ungewöhnlicher Schritt war. 1:21:22 Es ging ihm um die praktische Erfahrung dessen, was er seit seiner Dissertation vertrat, daß ein Mensch nicht allein Christ sein kann. Hier stellt sich die 1:21:33 Frage, die über diesen Jahren steht. Bonhöfer hatte in Berlin gelehrt, war international bekannt, gehörte dem ökumen Rat an und stand mit Bischhöfen 1:21:44 und Kirchenleitungen in Verbindung. Nun verbrachte er seine Zeit in einem entlegenen Haus in Pommern mit jungen Männern ohne Einfluß und ohne 1:21:55 Aussichten. [räuspern] Die Umgebung erwies sich als Glücksfall. Der pomandel war überwiegend konservativ, kirchlich gebunden und dem 1:22:06 neuen Regime gegenüber reserviert. Eine besondere Rolle spielte Rut von Kleist Rezzo, eine Gutsherrin von großer Bildung und ausgeprägtem theologischem 1:22:17 Interesse. Sie unterstützte das Seminar mit Lebensmitteln und Geld, nahm ihre Enkelkinder zu den Gottesdiensten mit und Lud Bonnhöfer regelmäßig auf ihr Gut 1:22:26 ein. Eine ihrer Enkelinnen berichtete später: "Alle seien von der Art seiner Predigt ergriffen gewesen, weil er selbst von 1:22:35 dem, was er sagte, sichtbar ergriffen war." Zwischen der alten Dame und dem jungen Theologen entstand eine enge Freundschaft. 1:22:45 Die politische Lage verschärfte sich inden von Monat zu Monat. Im September 1935 wurden die Nürnberger Gesetze verkündet, 1:22:55 die deutschen Juden die Bürgerrechte entzogen und Eheschließungen mit ihnen verboten. Im August 1936 verlor Bonöfer die Lehrbefugnis an der 1:23:06 Berliner Universität. Seine Schriften kamen auf die Listen unerwünschter Literatur. Im August 1937 1:23:16 verfügte Heinrich Himmler als Chef der deutschen Polizei, der die Ausbildungsstätten der bekennenden Kirche für unzulässig erklärte. Während 1:23:25 dieser Jahre entstanden in Finkenwalde die beiden Bücher, die Bonnhöfer zu Lebzeiten bekannt machten. Das erste erschien 1937 1:23:34 unter dem Titel Nachfolge. Es geht von der Bergpredigt aus und stellt eine Unterscheidung in den Mittelpunkt, die seither in die theologische Sprache 1:23:44 eingegangen ist, die zwischen billiger und teurer Gnade. Willige Gnade, schrieb er, sei die Gnade, die man sich selbst schenke. Sie sei die Predigt der 1:23:56 Vergebung ohne Buße, die Taufe ohne Zucht der Gemeinde, das Abendmal ohne Bekenntnis der Sünde. Sie sei Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne 1:24:10 den lebendigen Mensch gewordenen Jesus Christus. Die teure Gnade dagegen sei das Evangelium selbst. Sie kostte den 1:24:20 Menschen das Leben. Sie habe Gott das Leben seines Sohnes gekostet. Und was Gott teuer gewesen sei, könne uns nicht billig sein. 1:24:31 Das zweite Buch Gemeinsames Leben entstand aus der Erfahrung des Hauses selbst und wurde 1939 veröffentlicht. Es beschreibt nüchtern und ohne 1:24:41 Schwärmerei, wie christliche Gemeinschaft funktioniert, den gemeinsamen Tag, das Schweigen, das Gebet, den Dienst des Zuhörens, das 1:24:53 Ertragen des anderen. Ein zentraler Gedanke lautet, dass derjenige, der sich eine Wunschvorstellung von Gemeinschaft macht 1:25:02 und diese durchsetzen will, jede wirkliche Gemeinschaft zerstört. Beide Bücher sind bis heute in vielen Sprachen verbreitet. Im September 1937 1:25:14 schloss die geheime Staatspolizei das Haus in Finkenwalde. Zu diesem Zeitpunkt hatten dort rund 100 Kandidaten ihrer Ausbildung erhalten. 1:25:24 Bis zum Jahresende befanden sich 27 ehemalige Schüler in Haft. Bon Höfer gab nicht auf, sondern verlegte die Arbeit in die Illegalität. 1:25:36 Er organisierte sogenannte Sammelvikariate in Hinterpommann, in Köslin und in Großchlönwitz, später in Sigurtshof. 1:25:47 Dort lebten kleine Gruppen von Vikaren bei Landpfahrern, offiziell als Hilfskräfte gemeldet, tatsächlich in Ausbildung. Die Verhältnisse waren 1:25:57 einfach bis ärmlich. In Siguzov gab es weder Strom noch fließendes Wasser. Bonhe verreiste zwischen den Standorten hin und her. und führte den Unterricht 1:26:07 bis zum Frühjahr 1940 weiter, als auch dieser Rest von der Behörde untersagt wurde. Am 9. November 1938 1:26:18 geschah in Deutschland und Österreich das, was später als Novemberpogrome bezeichnet wurde. Tausende jüdische Geschäfte wurden zerstört, hunderte 1:26:28 Synagogen niedergebrannt oder geschändet, zahlreiche Menschen misshandelt, viele getötet. zehntausende in Lager verschleppt. Bonhöfer war in 1:26:38 Pommern, als ihn die Nachrichten erreichten. In seiner Bibel unterstrich er beim Psalm 74 den Vers über die verbrannten Häuser Gottes im Lande und 1:26:48 schrieb das Datum an den Rand. Die bekennende Kirche schwieg. Es gab einzelne Pfarrer, die protestierten und einzelne Gemeinden, die halfen. Als 1:26:59 Ganzes äußerte sich die Bewegung nicht. Für Bonnhöfer war dies der endgültige Beweis dafür, dass die Auseinandersetzung, die er seit 5 Jahren 1:27:08 führte, an der entscheidenden Stelle versagt hatte. Damit klärt sich, weshalb er die großen Bühnen verlassen hatte. Er war nicht nach Pommann gegangen, weil er 1:27:18 sich aus dem Kirchenkampf zurückziehen wollte, sondern weil er ihn für verloren hielt, solange es keine Pfarrer gab, die ihm gewachsen waren. Die Kirche hatte in 1:27:28 den entscheidenden Momenten geschwiegen, nicht aus Bosheit, sondern weil ihre Amtsträger nicht gelernt hatten, was ihr Auftrag im Ernstfall bedeutet. 1:27:39 Bonhöfer wollte deshalb eine kleine Zahl von Männern heranbilden, die den Unterschied zwischen einem Amt und einer Berufung kannten. [räuspern] Er hat das 1:27:48 selbst so ausgedrückt. Die Erneuerung der Kirche werde von einer neuen Art des gemeinsamen Lebens kommen, das mit dem alten Mönchtum 1:27:57 nichts gemein habe, außer der Entschiedenheit nach der Bergpredigt zu leben. Der Preis dafür war hoch. Von den etwa 150 jungen Männern, die durch 1:28:08 Finkenwalde und die Sammelvikariate gingen, fiel eine große Zahl im Krieg. Andere starben in Haft. Bonhöfer hat in den Kriegsjahren an sie geschrieben, an 1:28:20 die Front und in die Lazarette. Und er hat die Rundbriefe geführt, in denen er den Überlebenden mitteilte, wer wieder nicht zurückgekommen war. 1:28:31 Am 12. Juni 1939 legte ein Passagierschiff im Hafen von New York an. Unter den Ankommenden befand sich ein 1:28:40 deutscher Theologe, den Freunde in Amerika mit erheblichem Aufwand in Sicherheit gebracht hatten. [räuspern] Man hatte ihm eine Stelle beschafft, 1:28:49 eine Vortragsreihe organisiert, eine Aufgabe unter deutschen Flüchtlingen in Aussicht gestellt. Er war dem Wehrdienst entkommen, der Verhaftung, dem Krieg, 1:29:01 der jeden Tag beginnen konnte. Noch am selben Abend schrieb er in sein Tagebuch, daß er nicht wüßse, warum er hier sei. Die Vorgeschichte war eine 1:29:11 Kette von Bemühungen wohlmeinender Freunde. Bonhöffers Lage in Deutschland war seit Anfang 1938 zunehmend prä. Die geheime Staatspolizei 1:29:22 hatte ihm den Aufenthalt in Berlin untersagt und ihm nur eine Ausnahme für Besuche bei den Eltern zugestanden. [räuspern] Redeverbot, 1:29:30 Publikationsverbot, Verlust der Lehrbefugnis, das Ende der Ausbildungsarbeit. Sein Handlungsspielraum war fast 1:29:38 erschöpft. Vor allem aber stand ein Datum bevor, dass er nicht umgehen konnte. Sein Jahrgang wurde zur Musterung aufgerufen. 1:29:48 Als Pfarrer der bekennenden Kirche hätte er den Fahnenid auf Adolf Hitler leisten müssen und eine Verweigerung des Wehrdienstes wurde als 1:29:57 Wehrkraftzersetzung behandelt und in aller Regel mit dem Tod bestraft. Im September 1938 war seine Zwillingsschwester Sabine mit 1:30:08 ihrem Mann Gerhard Leibholz und den beiden Töchtern über die Schweiz nach England geflohen. Dietrich und sein Bruder Klaus hatten sie bis zur Grenze 1:30:18 begleitet. Die Familie zerfiel damit räumlich, was sie über Jahrzehnte nicht gekannt hatte. Reinhold Niebur, der ehemalige Lehrer in 1:30:27 New York, setzte im Frühjahr 1939 alle Hebel in Bewegung. Innerhalb weniger Wochen standen Einladungen, Finanzierung und Visum bereit. Bonnhöfer 1:30:40 reiste über London, wo er sich von Sabine und von Bischof Bell verabschiedete und bestieg in Southampton das Schiff. 1:30:49 Was in New York folgte, gehört zu den eindrücklichsten Selbstzeugnissen seines Lebens. Er wurde freundlich aufgenommen, wohnte im Union Theological Seminary, 1:31:00 wurde von Kollegen betreut und mit Aufgaben versorgt und er notierte tag für Tag ein wachsendes Unbehagen. Er schrieb, dass er die Brüder in 1:31:11 Deutschland nicht vergessen könne. Er schrieb, dass ihn quähle hier zu sitzen, während dort entschieden werde. Er schrieb über die Untätigkeit, über die 1:31:23 eigene Unsicherheit, über das Gefühl, an einem Platz zu sein, der ihm nicht zustehe. Nach wenigen Tagen stand der Entschluss 1:31:32 fest. Er teilte Nibur mit, dass er zurückkehren werde und begründete es in einem Schreiben, das zu den bekanntesten Zeugnissen seines Denkens gehört. "Er 1:31:42 habe einen Fehler gemacht, nach Amerika zu kommen", schrieb er. Er müse diese schwierige Zeit der Geschichte seines Volkes mit den Christen Deutschlands 1:31:51 durchleben. Er werde kein Recht haben, am Wiederaufbau des christlichen Lebens in Deutschland nach den Krieg mitzuwirken, wenn er die Prüfungen 1:32:00 dieser Zeit nicht mit seinem Volk teile. Die Christen in Deutschland stünden vor der schrecklichen Wahl, entweder die Niederlage ihrer Nation zu wollen, damit 1:32:10 die christliche Zivilisation überlebe, oder ihren Sieg und damit die Zerstörung dieser Zivilisation. Er wisse, welche dieser Möglichkeiten 1:32:20 erwählen müsse, aber er könne diese Wahl nicht in Sicherheit treffen. Am 7. Juli 1939, nach 26 Tagen, trat er die Rückreise an. 1:32:33 Es war eine der letzten regulären Überfahrten vor Kriegsbeginn. Sein Bruder Karl Friedrich, der Physiker, fuhr auf demselben Schiff. Am 1. 1:32:42 September 1939 marschierte die deutsche Wehrmacht in Polen ein. Der zweite Weltkrieg begann. Nun wurde das Problem unausweichlich, 1:32:53 dem Bonhöfer durch die Reise ausgewichen war. Die Lösung fand sich im Kreis seiner eigenen Familie. Hans von Donjani mit seiner Schwester 1:33:03 Christine verheiratet, war Jurist und arbeitete im Amt Auslandabwehr, der militärischen Nachrichtendienstelle des Oberkommandos der Wehrmacht unter 1:33:13 Admiral Wilhelm Kanares. Donjani hatte bereits als Mitarbeiter im Reichsjustizministerium begonnen, Aufzeichnungen über Verbrechen 1:33:23 des Regimes zu sammeln. Er sorgte dafür, daß sein Schwager als Mitarbeiter der Abwehr geführt wurde und damit vom Wehrdienst befreit war. Die 1:33:32 offizielle Begründung war einleuchtend. Bonnhilfer verfügte über ein internationales Netz kirchlicher Beziehungen, das kein anderer deutscher 1:33:41 Theologe in dieser Dichte besaß. Er kannte Bischöpfe in England, in Skandinavien, in der Schweiz. Ein Nachrichtendienst konnte an solchen 1:33:51 Verbindungen Interesse haben. Es dauerte einige Zeit, bis die Behörden dieser Argumentation akzeptierten. Von Anfang 1940 an war Bonnhöfer eingetragener 1:34:02 Mitarbeiter der Abwehr und wurde offiziell von der Wehrpflicht zurückgestellt. Was die Öffentlichkeit nicht wusste, war 1:34:10 die Doppelnatur dieser Dienststelle. Die Abwehr unter Canares und seinem Stellvertreter Hans Oster war zum Sammelpunkt derjenigen geworden, die den 1:34:20 Sturz des Regimes betrieben. Von dort aus liefen Verbindungen zu Militärs, Diplomaten und Beamten. [räuspern] Bonhöfer reiste im Auftrag der 1:34:30 Dienststelle in die Schweiz, nach Italien, nach Schweden und nach Norwegen. Offiziell zur Nachrichtenbeschaffung 1:34:37 tatsächlich als Kurier der Verschwörung. Die bedeutendste dieser Reisen führte ihn im Mai 1942 nach Seguna in Schweden. Dort traf er 1:34:49 George Bell, den englischen Bischof, der sich zufällig im Land aufhielt. Bonhöfer nannte ihm die Namen führender Verschwörer und legte die Pläne für 1:34:59 einen Umsturz offen. Er bat B B B Bell, die britische Regierung zu unterrichten und zu klären, ob die Alliierten mit einer deutschen Regierung nach Hitler 1:35:09 verhandeln würden. Bell trug die Sache im Oberhaus und beim Außenminister vor. Die Antwort war ablehnend. Die Reinigung Deutschlands sei eine deutsche 1:35:20 Angelegenheit. Zusagen im voraus sei nicht zu erwarten. Bell nannte das Schweigen der britischen Regierung später einen bitteren Schlag. 1:35:31 Ebenfalls in diese Zeit fällt die Beteiligung an dem, was unter dem Namen Unternehmen 7 bekannt wurde. Donani, Canaris, Oster und andere schleusten 1:35:43 eine Gruppe von jüdischen Verfolgten aus Deutschland heraus, indem sie sie formal als Agenten der Abwehr führten und mit Reisepapieren in die Schweiz brachten. 1:35:54 14 Menschen wurden auf diese Weise gerettet. Bonhöfer half bei der Vorbereitung mit. Die Devisenüberweisungen, die dabei nötig 1:36:02 waren, gerieten später in das Blickfeld der Ermittler und wurden zum Ausgangspunkt seiner Verhaftung. Hier liegt der Widerspruch, der Bonnhöfer 1:36:11 selbst am schwersten zu schaffen machte. Der Mann, der in Fanö gefordert hatte, den Frieden zu wagen, der von Jean Lasser gelernt hatte, daß die 1:36:21 Bergpredigt ernst gemeint ist, der jahrelang als Vertreter einer kirchlichen Friedensarbeit aufgetreten war, wusste nun von Plänen zur Tötung 1:36:30 eines Menschen und deckte sie. Er hat diese Spannung nie durch eine bequeme Theorie aufgelöst. Er hat auch nie behauptet, daß ein solches Handeln 1:36:40 schuldlos sei. Sein Ausgangspunkt war ein anderer. In den Aufzeichnungen, aus denen später das unvollendete Werk Ethik 1:36:48 zusammengestellt wurde, schrieb er: "Der Wille Gottes sei kein von vorne rein feststehendes System von Regeln, sondern in jeder Lage neu und anders, weshalb 1:37:00 der Mensch immer wieder von neuem prüfen müsse, was der Wille Gottes sei." Nicht die Frage, wie man gut sei, sei die entscheidende, sondern die Frage, was in 1:37:11 dieser Stunde gefordert ist. Für die Lage, in der er stand, benutzte er einfaches Bild. Wenn man in einem Wagen sitze, dessen 1:37:21 Fahrer im Begriff sei, in eine Menschenmenge auf dem Gehweg zu fahren, dann genüge es nicht, hinterher für die Opfer zu beten. Man müsse dem Fahrer in 1:37:32 das Steuer greifen. Aus diesem Gedanken ergab für ihn die Möglichkeit, dass ein Christ Schuld auf sich nehmen muss, statt sich durch 1:37:41 Untätigkeit reinzuhalten. Er nannte das die Übernahme der Verantwortung und er sprach dabei ausdrücklich davon, dass der Handelnde 1:37:51 sich Gott ausliefere und auf Vergebung angewiesen bleibe. Über den Umfang seiner tatsächlichen Beteiligung gehen die Darstellungen auseinander. Manche 1:38:01 Autoren haben ihn zu einer zentralen Figur der Verschwörung erklärt. Die neuere Forschung urteilt zurückhaltender. Bonhöfer war Mitwisser, 1:38:10 Kurier und Vermittler zu ausländischen Kirchenkreisen, nicht Planer eines Attentats. Zugleich war er, wie Weggefährten übereinstimmend 1:38:19 berichteten, der Seelsorger dieses Kreises, an den sich Männer wandten, die ihren Eidbrechen, lügen und töten mussten und dafür eine geistliche 1:38:29 Verantwortung suchten. Zu Weihnachten 1942 schrieb er für seine engsten Mitverschworenen einen Text, der den 1:38:38 Titel "Nach 10 Jahren trug, eine Bilanz eines Jahrzehns unter der Herrschaft des Regimes. Er hielt darin fest, dass sie gelernt hätten, die großen Ereignisse 1:38:49 der Weltgeschichte einmal von unten zu sehen, aus der Perspektive der Ausgeschlossen der Verdächtigten, [räuspern] 1:38:56 der Misshandelten, kurz aus der Sicht der Leidenden. Bloßes Abwarten und Zusehen sei kein christliches Verhalten. Christen würden zum Mitleiden und zum 1:39:07 Handeln gerufen. Er stellte auch die Frage, ob Menschen, die schweigende Zeugen böser Taten gewesen seien, die die Kunst der Verstellung gelernt hätten 1:39:16 und durch Erfahrung misstrauisch geworden sein, überhaupt noch brauchbar sein. Die Decke, die man dem neuen Häftling in der Zelle im 1:39:24 Militäruntersuchungsgefängnis Berlin Tegel reichte, war so verschmutzt, dass er sie tagelang nicht benutzte, obwohl es kalt war. Er lag auf 1:39:33 der Pritsche, hörte das Weinen und Schreien aus den Nachbarzellen und aß in den ersten Tagen kaum. In seinem ersten Brief an die Eltern schrieb er wenige 1:39:43 Tage später: "Sie sollten ganz sicher sein, dass es ihm gut gehe. Die Unannehmlichkeiten, die man gewöhnlich mit dem Gefängnisleben verbinde, die 1:39:52 körperlichen Entbehrungen machten ihm kaum etwas aus. Verhaftet worden war Dietrich Bonnhöfer am 5. April 1943. Am selben Tag hatten Beamte der geheimen 1:40:03 Staatspolizei in der Abwehr Hans von Don Jani festgenommen, Papiere, in dessen Schreibtisch führten zum Schwager. Am Nachmittag kam Karl Bonnhöfer aus dem 1:40:13 Nachbarhaus herüber und sagte seinem Sohn: "Zwei Herren wollten ihn sprechen." Dietrich ging hinüber, ruhig, wie Angehörige berichteten, als jemand, 1:40:23 der seit Jahren mit diesem Tag gerechnet hatte. Die Anklage lautete zunächst nicht auf Hochverrat. ermittelt wurde wegen Wehrkraftersetzung 1:40:33 und wegen der Devisenvorgänge im Zusammenhang mit der Rettungsaktion für die 14 jüdischen Verfolgten. Der Vorwurf: Er habe seine Stellung in der 1:40:43 Abwehr genutzt, um Pfarrern den Wehrdienst zu ersparen und um Auslandsreisen für kirchliche statt Nachrichtendienstliche Zwecke zu 1:40:52 unternehmen, wog schwer genug. Von der Verschwörung gegen Hitler wußten die Ermittler zu diesem Zeitpunkt nichts. Drei Monate zuvor hatte sich 1:41:01 Bonhöfer mit Maria von Wedemeer verlobt. Sie war die Enkelin von Rut von Kleist Retzo, 18 Jahre jünger als er und hatte in kurzer Zeit Vater und Bruder im Krieg 1:41:13 verloren. Die Verbindung war in der Familie nicht unumstritten gewesen, schon wegen des Altersunterschieds und wegen der Zeitumstände. 1:41:23 Vonöfer selbst hatte seinen Kandidaten in Finkenwalde geraten, in solchen Jahren nicht an Verlobung und Heirat zu denken. Er schrieb ihr: "Sie seien 1:41:34 anders zusammengewachsen, als sie es gedacht und gewünscht hätten. Doch die Zeiten seien ungewöhnlich und würden es bleiben, und alles hänge daran, dass sie 1:41:44 im Wesentlichen eins sein und beieinander blieben." Am 5. April, dem Tag der Verhaftung, notierte Maria in ihrem Tagebuch: "Sie 1:41:54 habe das Gefühl, dass etwas sehr schlimmes geschehen sei, ohne zu wissen, was." Sie durfte ihn erst nach drei Monaten 1:42:02 besuchen, unter Aufsicht, mit der Auflage laut zu sprechen und ihn nicht zu berühren. Als die halbe Stunde vorbei war und beide zu verschiedenen Türen 1:42:12 hinausgehen sollten, drehte sie sich um, lief zurück und fiel ihm um den Hals, bevor jemand eingreifen konnte. Tegel wurde für Monate der Ort, an dem 1:42:26 Bonnhöfer lebte, schrieb und dachte. Anfangs war er streng isoliert. Nach einigen Wochen verbesserten sich die Bedingungen, auch weil der Kommandant 1:42:36 des Gefängnisses ein entfernter Bekannter der Familie war. Bonhöfer gewann das Vertrauen mehrerer Wachleute. Einer von ihnen, ein 1:42:45 Feldwebel namens Knobloch, schmuggelte über Monate Briefe hinaus und hinein, ohne Bezahlung anzunehmen, und bot ihm später sogar an, gemeinsam mit ihm zu 1:42:56 fliehen. So entstand ein Briefwechsel, der die Grundlage für das Bild des Gefangenen bildet. Ein Teil ging offiziell an die 1:43:05 Eltern, ein anderer unzensiert an Eberhard Betke. Die Familie entwickelte darüber hinaus ein Verständigungssystem in Büchern. Unter einzelnen Buchstaben 1:43:16 wurde mit dem Bleistift ein winziger Punkt gesetzt, meist auf jeder zweiten Seite, sodass sich aus einem ganzen Band einige Sätze ergaben. Auf diesem Weg 1:43:26 gllichen die Angehörigen ihre Aussagen für die Verhöre miteinander ab. Bonhöfer nutzte die Zeit mit ungewöhnlicher Disziplin. Er las die 1:43:36 Bibel fortlaufend durch, wie er schrieb, und war bis zum Buch Hiob gelangt, das ihm besonders nah stand. Die Psalmen las er täglich wie seit Jahren und erkannte 1:43:46 und liebte sie mehr als jedes andere Buch. Daneben las er Literatur, Geschichte, Naturwissenschaft. Er versuchte sich an einem Roman und an 1:43:56 einem Drama, beides blieb Fragment. Und er schrieb Briefe von großer theologischer Dichte, in denen Gedanken auftauchten, die später unter dem Titel 1:44:07 Widerstand und Ergebung veröffentlicht wurden. In diesen Briefen findet sich der Gedanke einer Kirche, die nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist, 1:44:17 die an den weltlichen Aufgaben des Lebens teilnimmt und den Menschen jeden Beruf sagt, was es heißt, in Christus zu leben. Er sprach von einem 1:44:27 religionslosen Christentum und meinte damit nicht die Aufgabe des Glaubens, sondern die Abkehr von einer Frömigkeit, die sich in einen privaten Innenraum 1:44:38 zurückzieht und die Welt sich selbst überlässt. Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass sich damit seine Sicht auf die 1:44:46 Gestalt der Kirche wandelte, nicht aber seine Christologie. Er schrieb auch von den Erlebnissen der Zelle, von einer Inschrift eines 1:44:55 Vorgängers über der Tür. In hundert Jahren sei alles vorbei, von einer Amsel im Gefängnishof, die morgens schön sang. 1:45:05 Während der Luftangriffe auf Berlin saß er mit anderen im Keller und betreute Mitgefangene, die die Nerven verloren. Und er schrieb ein Gedicht, indem er 1:45:16 fragte, wer er sei. Andere sagten ihm, er trage die Tage des Unglücks, gelassen, lächelnd und stolz, wie einer, der zu siegen gewohnt sei. Er selbst 1:45:28 wußte sich unruhig, voller Sehnsucht, matt und leer, im Beten, im Denken und im Tun. schwach und bereit von allem Abschied zu nehmen. 1:45:39 Die Frage, ob er der sei, den die anderen sehen, oder der, den er von sich selbst kannte, ließ er offen und beendete das Gedicht mit dem Satz: "Wer 1:45:50 er auch sei, Gott kenne ihn und er sei sein." An dieser Stelle liegt das Rätsel, das Mitgefangene und Bewacher gleichermaßen 1:46:01 beschäftigte. Ein Mann in Todesgefahr mit einer Verlobten draußen, die er kaum sehen durfte, mit Angehörigen in denselben 1:46:09 Gefängnissen, verbreitete um sich herum Ruhe. Am 20. Juli 1944 zündete oberst Klaus Schenk Graf von 1:46:20 Staufenberg im Führer Hauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen eine Bombe. Hitler überlebte. Die Verfolgung, die einsetzte, erfasste 1:46:31 tausende. Etwa 5000 Menschen wurden hingerichtet. Im September wurden in Zossen Akten der Abwehr entdeckt, die den Umfang der Verschwörung offenlegten 1:46:42 und Bonnhnhöfers Verbindungen dokumentierten. [räuspern] Damit war seine Lage entschieden. Im Oktober kam er in das Kellergefängnis der geheimen 1:46:51 Staatspolizei in der Prinz Albrechtstraße. Die vorbereitete Flucht sagte er ab, weil er Repressalien gegen seine Familie 1:47:00 befürchtete. Am 7. Februar 1945, einen Tag nach seinem 39. Geburtstag wurde er nach Buchenwald verlegt, später 1:47:10 nach Regensburg und Schönberg. Auf den Transporten in Lastwagen zusammengedrängt, sprach er mit den Mitgefangenen, hielt auf Bitten Anda und 1:47:20 stand denen bei, die zusammenbrachen. Der britische Offizier Pain Best, der mit ihm transportiert wurde, hielt fest, Bonfer sei anders gewesen, ruhig und 1:47:31 gelöst, und seine Seele habe in der Verzweiflung der Gefangenschaft geleuchtet. Er sei einer der ganz wenigen Menschen, denen Gott wirklich 1:47:41 und nahe gewesen sei. Am 8. April 1945, einem Sonntag, hielt Bonnhöfer in Schönberg auf Bitten der Mitgefangenen eine Andacht. 1:47:53 Kurz darauf wurde er abgeholt. Beim Hinausgehen bat er Best, dem Bischof von Chitchester, eine Nachricht zu übermitteln und sagte, dies sei das Ende 1:48:04 für ihn der Beginn des Lebens. Noch in der Nacht fand im Konzentrationslager Flossenburg ein Standgerichtsverfahren statt. Verurteilt 1:48:14 wurden Admiral Canaris, General Oster, Bonnhöfer und weitere Beteiligte. Der Lagerarzt, der die Vollstreckung begleitete, schrieb ein Jahrzehn später 1:48:25 auf, was er gesehen hatte. Durch die halbgeöffnete Tür einer Baracke habe er Pastor Bonnhöfer gesehen, wie er noch in 1:48:35 Häftlingskleidung auf dem Boden kniete und innbrünstig zu seinem Gott betete. Die Art, wie dieser Mann gebetet habe, so ergriffen und so gewiss, dass Gott 1:48:48 ihn höre, habe ihn tief bewegt. Auch am Richtplatz habe er noch ein Gebet gesprochen und sei dann gefasst die Stufen zum Galden hinaufgestiegen. 1:48:59 In fast 50 Jahren ärztlicher Tätigkeit habe er kaum einen Menschen so ergeben sterben sehen. Am Morgen des 9. April 1945 1:49:10 wurde Dietrich Bonnhöfer im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Am selben Tag starben Canaris und Oster. 1:49:19 Hans von Donani war bereits einen Tag zuvor im Lagersachsenhausen getötet worden. In der Nacht zum 23. April wurden in Berlin Klaus Bonnhöfer und 1:49:30 Rüdiger Schleicher, Bruder und Schwager, erschossen. Vier Wochen nach dem 9. April war der Krieg in Europa zu Ende. Die Familie 1:49:41 erfuhr es erst im Sommer. Die Eltern hörten in Berlin eine Rundfunkübertragung des britischen Senders, einen Gedenkgottesdienst für 1:49:49 Dietrich Bonnhöfer aus London, den Bischof Bell gehalten hatte. Angehörige haben den Augenblick beschrieben, indem Paula Bonhöfer sagte: "Dietrich sei 1:50:00 tot." Damit ist auch beantwortet, woher die Ruhe kam, die alle an ihm bemerkten. Sie war keine Verdrängung und keine natürliche Unerschockenheit. 1:50:12 Die Gedichte aus der Zelle zeigen einen Mann, der Angst kannte. Bereits 1934 hatte er in einer Predigt gesagt: "Der Tod sei das Tor zur Heimat, die Hütte 1:50:24 der Freude, das ewige Reich des Friedens. Ohne den Glauben sei er [räuspern] Hölle, Nacht und Kälte. Doch eben dies 1:50:33 sei das Wunderbare, daß der Glaube ihn verwandeln könne. Was ihn trug, war nicht Tapferkeit, sondern die Überzeugung, dass diese Sätze zutrafen. 1:50:45 Er hatte 11 Jahre vor Flossenbg beschrieben, wie er sterben würde. Sein Werk erschien überwiegend nach seinem Tod, herausgegeben von Eberhard Betke, 1:50:56 der die Briefe aufbewahrt und geordnet hatte. Nachfolge, gemeinsames Leben, Ethik und die Gefängnisbriefe wurden in zahlreiche 1:51:07 Sprachen übersetzt und gehören zu den meist gelesenen theologischen Büchern des 20. Jahrhunderts. Maria von Wedemier ging nach dem Krieg in die Vereinigten 1:51:17 Staaten, studierte Mathematik und veröffentlichte den Briefwechsel erst spät. Karl und Paula Bonhöfer erlebten das 1:51:25 Kriegsende in Berlin und starben in den 50er Jahren. Im Juli 1998 wurden über dem Westportal der Westminsteri in London zehn Standbilder 1:51:37 enthüllt, die an Meertürer des 20. Jahrhunderts erinnern. Eine der Figuren zeigt Dietrich Bonnhöfer. Damit endet die Geschichte eines Mannes, der aus 1:51:48 einem Haus kam, in dem über Gott kaum gesprochen wurde und der sein Leben an die Frage setzte, was der Glaube im Ernstfall bedeutet. Ich danke Ihnen sehr 1:52:00 herzlich, daß Sie mich auf diesem Weg begleitet haben. Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich über ein Gefallenzeichen und über Ihr 1:52:08 Abonnement dieses Kanals.