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Unsere Wälder (1/3): Die Sprache der Bäume | Ganze Folge Terra X
Das Wichtigste aus dem Video
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Transkriptautomatisch erstellt · 244 Zeilen
- 1948. Eine amerikanische Douglas C-47 auf dem Weg nach West-Berlin.
- Die US-Piloten haben eine ungewöhnliche Ladung an Bord. Der Flieger bringt Baum-Schösslinge für den Berliner Tiergarten.
- Dort sind nach dem Krieg von 200.000 Bäumen gerade mal 700 stehengeblieben.
- Die Sowjetunion, die den Ostteil der Stadt besetzt, will ganz Berlin und hat alle Wege in den Westteil der Stadt abgeriegelt.
- Die Amerikaner und Briten in den Westsektoren aber richten eine Luftbrücke ein.
- Alles, was die Stadt braucht, wird per Flugzeug eingeflogen. Lebensmittel, Kohle, Rohstoffe und sogar Bäume.
- Alle drei Minuten donnert eine dieser Propeller-Maschinen am Flughafen Tempelhof herunter.
- Sie bringen täglich 3000 Tonnen Fracht. Bürgermeister Ernst Reuter greift persönlich zum Spaten.
- Wiederaufforstung per Flugzeug? In Zeiten größter Not, wo selbst Lebensmittel rationiert sind?
- Gibt es ein Volk, das verrückter nach seinem Wald ist, als die Deutschen? Kein Dichter, kein Psychologe wird erklären können,
- was das ist mit den Deutschen und ihrem Wald. Unsere Kindheit verbringen wir mit wohligem Grusel unter Bäumen.
- Mit Geschichten von bösen Wölfen und krummen Hexen. Hier errichteten die Gebrüder Grimm unsere Märchenschlösser.
- Und wenig später wurde auch Burg Hohenzollern dort erbaut, wo die Dichter und Denker der Romantik
- das Herzstück deutscher Identität entdeckt hatten. Auch König Ludwigs Märchenschloss liegt natürlich im Wald.
- Oder die Wartburg, wo Luther einst die Bibel übersetzte. Im Wald schlugen unsere Vorfahren die mächtigen Römer.
- Und 2000 Jahre später thront Hermann der Cherusker noch immer über dem Teutoburger Wald.
- An den Kreidefelsen von Rügen stand Caspar David Friedrich und malte uns Deutschen die Romantik ins Bewusstsein.
- Im Schatten der Buchen des Jasmund-Waldes. Doch bei aller Liebe wissen wir noch immer erstaunlich wenig
- über das deutscheste aller Landschaftskleider: Über das unsichtbare Netzwerk der Pilze etwa.
- Oder die flüchtigen Moleküle, mit denen Bäume miteinander reden. Über Baumkinder, die im Grünschatten des Waldes
- von ihren Eltern durchgefüttert werden. Über die Chefetage des Kronendachs oder die Winzlinge der Müllabfuhr.
- In einer Handvoll Walderde finden sich mehr Lebewesen als es Menschen auf der Erde gibt.
- Auch ganz ohne romantische Überhöhung: Der Wald steckt voller Wunder.
- Er ist ein eigenes Universum, in dem vieles für uns unsichtbar ist. Tag und Nacht werden Botschaften ausgetauscht.
- Doch die Wesen des Waldes benutzen eine Sprache, die selbst Wissenschaftler erst nach und nach entschlüsseln.
- Bäume etwa ändern nachts ihren Durchmesser und ihr bioelektrisches Potenzial.
- Fast wie unsere Meere scheinen sie auf den Zyklus des Mondes zu reagieren.
- Das Holz jedes Baumes hat seinen ganz eigenen Duft, den andere Lebewesen im Wald wahrnehmen können.
- Die Blätter der Bäume produzieren nicht nur Nahrung und Sauerstoff, sondern auch Nachrichten.
- Genau wie das Moos am Waldboden. Moose reagieren außerdem massiv auf Schadstoffe und Schwermetalle.
- Lange bevor andere Waldbewohner darunter leiden. Die Laute von Tieren scheinen auch auf Pflanzen zu wirken.
- Sie wachsen schneller, wenn das Konzert der Vögel und Insekten anschwillt.
- Heute faszinieren uns die Geheimnisse des Waldes. Doch bis ins 18. Jahrhundert machte die dunkle Magie der Wälder
- unseren Vorfahren vor allem Angst. Der Wald war über Jahrhunderte ein Platz,
- den fast niemand gerne betreten wollte. Man fürchtete ihn. Niemand mochte gerne im Wald leben.
- Wenn, dann lebte man am Waldrand, besuchte ihn nachts ohnehin nicht. Man glaubte wirklich an Hexen.
- Und dann gab es noch etwas: Der Wald galt wegen seiner schlechten, dicken Luft
- als ungesund. Nicht nur wenn im Frühling der Bärlauch sprießt:
- Kaum etwas gilt heute so vorbehaltlos als gesund wie der Wald. Doch das hielt man für völlig abwegig,
- als es noch dichte Urwälder in Deutschland gab. Der Wald wurde erst zum romantischen Idyll, als immer mehr Großstädter
- im 19. Jahrhundert durch einen lichten Wald wie diesen wandelten. Sie erkoren die schwindenden Wälder zum friedlichen Rückzugsort
- vor dem Gestank und der Hektik der wachsenden Städte. * Musik *
- Erst mit der Verklärung der Romantiker begannen wir Deutschen, den Wald mit großer Ernsthaftigkeit zu lieben und zu schützen.
- Verstanden haben wir das System Wald aber noch immer nicht. Um seinen geheimen Netzwerken auf die Spur zu kommen,
- brauchen wir etwas Hilfe. Diese Hunde suchen nach schwarzen Knollen,
- die im Waldboden verborgen sind: Trüffel. Um ihre Pilzsporen zu verbreiten, nutzen Trüffel einen Lockstoff
- auf Basis des Sexualhormons Testosteron. Das bringt vor allem Wildschwein-Damen dazu,
- sie aus dem Boden zu buddeln und zu futtern. Und nach der Verdauung im ganzen Wald zu verteilen.
- Doch auch Hunde und Menschen stehen auf diesen Duft. Um Trüffel zu züchten, impfen Ludger Sproll und Ulrich Stobbe
- die Wurzeln von Baum-Schösslingen mit Trüffel-Sporen. Bevor sie sie in Plantagen auspflanzen.
- Im Wald erforschen sie das Wachsen der Trüffel in freier Wildbahn. Die Hälfte aller Trüffel weltweit kommt bereits aus Zuchtanlagen,
- die den Wald mehr oder weniger gut kopieren. Man kann die Bäume im Wald nicht alle einzeln betrachten.
- Es ist eher wie ein großer Gesamtorganismus. Gerade über die Pilze, auch über die Trüffel,
- aber auch viele andere Mykorrhiza-Pilze, also Pilze, die mit den Bäumen in Symbiose leben.
- Das ist alles unterirdisch hier im Boden miteinander vernetzt. Da gehören Pilze dazu, Bakterien, andere Mikroorganismen.
- Die Pflanzen, nicht nur die Bäume, die Sträucher, die Kräuter im Boden. Es hängt alles zusammen.
- Der Wald brummt geradezu vor Nachrichtenaustausch. Und zu den wichtigsten Knotenpunkten gehören die Pilze.
- Sie teilen sich ihr Reich mit den Wurzeln der Bäume. Und können so Kontakt aufnehmen.
- Was wir sehen sind nur die Fruchtkörper eines gigantischen Lebewesens, das ansonsten im Untergrund lebt.
- Und über das Netzwerk der Pilze haben Forscher entdeckt, dass im Wald ununterbrochen Nachrichten kursieren.
- Jeder Baum hat ein internes Kommunikationssystem. Die Baumkrone spricht mit der Wurzel, der Leitzentrale im Untergrund.
- Die feinen Wurzelspitzen prüfen ständig den Boden auf Feuchtigkeit und Nährstoffgehalt.
- Bei Trockenheit schicken sie über die Wasserleitungen des Baumes hydraulische Signale nach oben.
- Die veranlassen die Blätter, weniger Wasser zu verdunsten. Umgekehrt empfängt die Wurzel Nachrichten von oben
- zu Nährstoff-Bedarf oder Schädlingsbefall. Wie die Äste der Krone wachsen auch die Wurzeln im Boden.
- Doch an Botenstoffen erkennen die Wurzelspitzen, dass Verwandte in der Nähe sind.
- Und stellen das Wachstum in diese Richtung ein, um Artgenossen nicht in die Quere zu kommen.
- Um über größere Distanzen miteinander zu "reden" brauchen Bäume allerdings Verbündete: die Pilze.
- Pilze spinnen ein unterirdisches Netz aus dünnen Fäden, die Kilometer lang sein können.
- Sie umhüllen die Wurzeln der Bäume wie ein feines Vlies. Denn hier läuft das geniale Tauschgeschäft:
- Der Pilz liefert dem Baum Stickstoff und Phosphor. Und bekommt dafür Zucker aus der Photosynthese.
- Das Geflecht der Pilze kann ganze Wälder vernetzen. Forscher sprechen deshalb vom Wood Wide Web,
- dem Internet des Waldes. Bäume erfahren darüber, ob es den anderen gut geht.
- Oder sie Hilfe brauchen. * Musik *
- Und so versorgen Bäume auch den eigenen Nachwuchs. Über das Pilznetzwerk, das beide verbindet,
- "säugt" diese Buche regelrecht ihr Baum-Baby mit Zuckerlösung. Auch dieses Ahorn-Kind hätte sonst keine Chance.
- * Musik * Ohne die Kooperation zwischen Pilzen und Bäumen
- hätten Wälder wohl nie diese Ausmaße erreichen können. Ständige Lücken im Kronendach
- hätten das feuchte Binnenklima des Waldes gestört. Vielleicht hätte der deutsche Wald
- so manchen Klimawandel gar nicht überlebt. Deutschland heute und vor 18.000 Jahren.
- Während der letzten Kaltzeit liegen zwei Eispanzer über dem Land. Wo heute Berlin liegt, sind im Eis Relikte aus grauer Vorzeit erstarrt:
- Bäume. Wenn wir den Gletscher dagegen verlassen:
- Kein einziger Baum weit und breit. Sie sind vor Jahrtausenden erfroren. Vor 11.000 Jahren wird es wieder wärmer und das Eis weicht zurück.
- Ins Rhein-Tal wandern die ersten Bäume ein. Und so breitet sich mit einem Durchschnittstempo
- von 250 Metern pro Jahr ein Urwald aus, in dem die Eiche dominiert. Nach 3000 Jahren bedeckt er ganz Deutschland.
- Schon in der Jungsteinzeit schlagen die ersten Ackerbauern Rodungsinseln in den Urwald.
- Für Ackerflächen, aber auch, weil Holz zu allem benutzt wird: Heizen, Kochen, Häuserbauen.
- Der Weg zum Holz wird schnell zu weit. Oft schon nach zehn Jahren werden die Dörfer wieder aufgegeben.
- Und entstehen ein paar Kilometer weiter neu. Auf den verlassenen Flächen sprießen bald junge Eichen und Buchen.
- Doch weil Buchen doppelt so schnell und höher wachsen, sind sie bald die Nummer eins in Deutschlands Wäldern.
- Über Jahrtausende folgen die Buchen der Wanderung der Menschen. Doch der Wald wird schon jetzt, 500 Jahre vor Christus,
- immer intensiver genutzt. In Manching etwa, einer Industriemetropole der Kelten
- mit damals schon 10.000 Einwohnern. Unablässig rauchen die Feuer.
- Denn die Kelten verhütten Eisenerz für Waffen und Werkzeuge, die in ganz Europa gefragt sind.
- Ihr Holzhunger vernichtet die Wälder ringsum. 500 Jahre später ist Deutschland nur noch zu 70 % von Wald bedeckt.
- Im Mittelalter wachsen die Siedlungen zu bedeutenden Städten. Wie hier Dortmund.
- Das lässt den Wald im Rekordtempo schrumpfen. Um 1400 auf nur noch 26 %, deutlich weniger Waldfläche als heute.
- Erst um 1800 zieht man die Notbremse. Und beginnt eine massive Wiederaufforstung
- mit schnell wachsenden Fichten. Aus der Verlusterfahrung ist eine Liebe entstanden.
- Das Entscheidende ist dabei, dass die Liebe zur Natur nicht bei der ländlichen Bevölkerung entstanden ist.
- Die die Wälder genutzt haben zu allen möglichen Zwecken. Sondern es sind Städter gewesen, die in die Wälder gereist sind.
- Und den Leuten gesagt haben, wie schön sie leben. Wälder reichen in Deutschland heute bis in unsere Städte hinein.
- Wie hier in München. * Musik *
- Das Bundeswaldgesetz garantiert jedem Bürger freien Zugang. Selbst zu Wäldern in Privatbesitz.
- Dortmund ist stolz auf 50 % Grünfläche. Stadtwälder wie die Bolmke reichen hier bis an die City.
- Frankfurts Wolkenkratzer blicken auf die grüne Lunge des Stadtwaldes hinab.
- Schon 1715 ließ Markgraf Karl Wilhelm sein "Karlsruhe" mitten in den Wald bauen.
- Im Norden liegt bis heute eine kühlende Frischluftschneise. Der Leipziger Auwald
- gehört zu den größten Flussauen-Wäldern Mitteleuropas. Auch Stuttgart liegt zwischen Wald und Reben.
- Die teuersten Wohnviertel schauen auch hier ins Grüne. Freiburgs Stadtwald muss für 5 Mio. Besucher im Jahr gepflegt werden.
- Ein Forstamtsleiter hat berechnet: Einmal joggen unter Bäumen koste die Stadt rund 20 Cent.
- Berlins Grunewald ist der größte Stadtwald Europas. Er wurde schon 1915 für alle Zeit unter Schutz gestellt.
- Und im Tiergarten in Berlin Mitte stehen heute wieder 260.000 Bäume. Das ehemalige Jagdrevier der Kurfürsten von Brandenburg
- ist wieder eine grüne Oase. Aus den Schösslingen, die in den Nachkriegsjahren
- in die zerstörte Stadt gebracht wurden, sind inzwischen stattliche Bäume geworden.
- Die Waldinsel mitten in der deutschen Hauptstadt erstaunt Besucher aus aller Welt.
- Doch kaum jemand denkt noch an die amerikanischen Piloten, die Bäume nach Berlin eingeflogen haben.
- Diese Eiche dagegen steht im Grunewald. Ihr Stammumfang von fünfeinhalb Metern lässt vermuten,
- dass sie um die 500 Jahre alt ist. Ihre Krone hat etwa 600.000 Blätter.
- Wie jeden Tag hat unsere Eiche einen langen Arbeitstag hinter sich: Sie hat heute zwölf Kilo Zucker produziert,
- die sie nach und nach in ihr hölzernes Skelett einlagern wird. Sie hat den CO2-Ausstoß
- von zwei bis drei Berliner Einfamilienhäusern aufgenommen. 400 Liter Wasser verdunstet und so viel Sauerstoff produziert,
- wie zehn Berliner am Tag zum Leben brauchen. Doch ihr Skelett hat auch viele Wunden.
- Tiere und Pilze haben ihren Stamm über Jahrhunderte als Wohnraum genutzt.
- Und überall Hohlräume hinterlassen. Unsere Eiche musste das ertragen.
- Denn sie kann bei Angriffen nicht weglaufen. Ihr Leben lang steht sie bereits am selben Fleck.
- Der Leuchtpunkt zeigt, wo genau. Als sie im Jahr 1543 ihre ersten Wurzeln in den sandigen Boden steckt,
- ist Berlin ein beschauliches Landstädtchen. Und Kopernikus hat gerade erst entdeckt,
- dass sich die Erde um die Sonne dreht, und nicht umgekehrt. Ihr zuckersüßer Trieb hat Glück, denn die Hirsche übersehen ihn.
- Um 1600 herum mit knapp 60 wird unsere Eiche geschlechtsreif. Ein rund zehn Meter großer Baum-Teenager,
- der mit Dürren, Unwettern und Schädlingen zu kämpfen hat. 1618 beginnt der Dreißigjährige Krieg.
- Berlin verliert die Hälfte seiner Einwohner. 1806, unsere Eiche hat gerade ihren 250. Geburtstag hinter sich,
- zieht der Eroberer Napoleon in Berlin ein. Als die Eiche fast 300 Jahre alt ist, beginnt die Industrialisierung.
- Die Stadt wächst. Bäume werden gefällt.
- Doch nach Bürgerprotesten wird der Grunewald unter Schutz gestellt. 1916 tobt der Erste Weltkrieg.
- Und in Berlin sterben Tausende an Unterernährung. Unsere Eiche ist jetzt 373.
- 15 Jahre später pulsiert wieder das Leben. Und immer mehr Menschen suchen Erholung im Grunewald.
- 1939 beginnt Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Unablässig ziehen von Westen her die alliierten Bomberverbände
- über den Grunewald zur Stadtmitte. Im April 1945 kommt es hier noch zu Gefechten
- zwischen russischen und deutschen Soldaten. Wenig später ist Deutschland besiegt und Berlin geteilt.
- Als John F. Kennedy vor dem Rathaus der geteilten Stadt die berühmten Worte spricht:
- "Ich bin ein Berliner", ist unsere Eiche 420 Jahre alt. Ein Vierteljahrhundert später feiert Deutschland Wiedervereinigung.
- Und unsere Grunewald-Eiche hat 500 Jahre auf dem Buckel. Jedes Jahr wagen Millionen Baumkinder in unseren Wäldern
- den Start ins Leben. Doch nur wenige werden es schaffen.
- Jede Buche bildet im Laufe ihres Lebens 2 Millionen Bucheckern. Statistisch betrachtet wird nur eine davon zu einem ausgewachsenen Baum.
- Wenn es im Wald einen Konkurrenzkampf gibt, dann unter dem Nachwuchs. Denn zum Schutz der Gemeinschaft gelingt nur den stärksten Bäumen
- der Vorstoß in die Chefetage des Waldes: das Kronendach. Bei Wind schwingt hier oben jeder Baum etwas anders.
- Und federt so das Schwanken des Nachbarbaumes ab. Das Innere des Waldes aber wird gegen Wind und Wetter abgeschirmt.
- Und bleibt gleichmäßig feucht und kühl. * Musik *
- Doch auch diese Riesen müssen irgendwann abtreten. Jeder Wald ist ein System im Übergang.
- Gerade deswegen gehört auch der Tod zum Wald. Auf den ersten Blick ist es nur ein Spinnennetz.
- Doch es ist Teil einer Welt, die das Leben im Wald im Innersten zusammenhält.
- Die Schattenwelt der Spinnen und Krabbeltiere, von Pilzen und unsichtbaren Stoffwechseln.
- Der Kreislauf des Lebens erzeugt stets Abfall. Doch nirgendwo entsteht mehr Abfall als im Wald.
- Holz vermodert, Blätter fallen, Kräuter verfaulen. Ameisen etwa bauen ganze Städte aus Bio-Müll.
- Doch nicht nur sie. Milliarden von Organismen zersetzen hier Berge von Abfall.
- Und führen ihn zurück in den Kreislauf des Lebens: Als nährstoffreichen, feinsten Waldboden, den Humus.
- * Musik * Zu den kleinsten Müllmännern gehören die Springschwänze.
- Es gibt sie in zahllosen Variationen. Keiner ist aber so niedlich wie der Kugelspringer.
- Nur ein Zehntel Millimeter klein. Bis zu 100.000 Springschwänze leben auf einem Quadratmeter Waldboden.
- Und mit einer Sprungfeder katapultieren sie sich zum nächsten Abfallberg oder wandeln übers Wasser.
- * Musik * Wie klein sie sind sieht man, wenn eine Spinne über sie hinwegkrabbelt.
- 180 Milliliter Humus produzieren Springschwänze jedes Jahr pro Quadratmeter Waldboden.
- Und die Springschwänze sind ja nicht allein. In einer Handvoll Walderde stecken mehr Lebewesen
- als es Menschen auf der Erde gibt. Sie alle wirken auf den Boden ein und arbeiten ihn für die Bäume auf.
- In der Hoffnung auf neuen Müll. * Musik *
- Im Zeitraffer ahnt man, wie schnell die Armee der Müllmänner organische Reste zersetzt.
- Auch im Untergrund geht der Leichenschmaus weiter. Hier lebt eine fast farblose Variante der Springschwänze.
- Auch sie verdauen organische Reste. Und erzeugen so neue Nährstoffe für die Waldgemeinschaft.
- In einem Eichenwald bei Rhinow im brandenburgischen Havelland sind Eichenprozessionsspinner eingefallen.
- Forscher der Universität Göttingen wollen herausfinden, wie die Bäume sich bei solchen Attacken warnen.
- Und welche "Sprache" sie benutzen. In mühseliger Kleinarbeit sammeln die Forscher Gase.
- Denn sie glauben, dass die Bäume flüchtige Kohlenstoff-Verbindungen erzeugen.
- Duftbotschaften, die die Nachbarn im Wald warnen. Ihren Namen haben die Eichenprozessionsspinner,
- weil sie wie bei einer Prozession immer in einer Reihe kriechen. Sie fressen das frische Grün der Eichen,
- bevor sie sich im Juli in einen Nachtfalter verwandeln. Die feinen Haare der Plagegeister
- können bei Menschen allergische Schocks und Asthmaanfälle auslösen. Daher die Schutzanzüge der Forscher.
- Früher starben die empfindlichen Raupen meist im wechselhaften Aprilwetter.
- Seit bei uns die Durchschnittstemperaturen steigen, überleben sie bis zum Blattaustrieb.
- Auf den Dauerangriff reagieren die gestressten Bäume mit dem Aussenden von Duftstoffen.
- Die versuchen die Forscher, einzufangen und zu analysieren. Schädlings-Attacken eignen sich für die Sprach-Forschung besonders gut.
- Denn dabei haben Wissenschaftler überhaupt erst entdeckt, dass Bäume miteinander sprechen.
- Man hat Experimente gemacht, wo man diesen Fraß simuliert hat. Indem man einen Baum geschädigt hat,
- ihm die Blätter abgeschnitten hat, und siehe da: Nicht nur dieser Baum reagierte mit der Produktion dieser Abwehrstoffe,
- sondern auch die Nachbarn, die gar nicht geschädigt worden sind. Das heißt die Bäume müssen in der Lage sein, sich auszutauschen,
- diese Informationen weiterzugeben. Allein im Rhinower Eichenwald
- wurden 300 verschiedene "Vokabeln" eingefangen. Weltweit sogar 2000 "Baum-Worte".
- So wie wir in Lauten sprechen, benutzen Bäume offenbar unterschiedliche Varianten
- von Kohlenstoffverbindungen. Sie sind so klein, dass es fast unmöglich ist,
- ihr reales Erscheinungsbild in einer Animation sichtbar zu machen. Auch unsere Berliner Eiche spricht mit ihren Nachbarn im Grunewald.
- Je mehr Moleküle die Forscher einfangen, desto besser hoffen sie, den Wald zu verstehen.
- In Nadelwäldern trudeln manchmal so viele antibiotisch wirkende Duftstoffe,
- dass die Luft dort nahezu keimfrei ist. Und auch wenn wir sie bewusst nicht wahrnehmen:
- Es könnte sein, dass wir Menschen auf die Botschaften der Bäume reagieren. Shaqui Schuricht, Fitness-Trainer aus Berlin,
- trainiert mit seinen Kunden nicht im Studio. Er geht in den Grunewald.
- "Nature Athletes" heißt sein Trainings-Camp. Und der Name ist Programm.
- Shaqui trainiert seine Kunden an Holzstämmen oder lässt sie unter Bäumen laufen.
- Hinterher seien alle "irgendwie weichgespült". Mit mobilen EKG-Geräten und Blutdruckmessern
- untersucht Umweltmedizinerin Daniela Haluza genau diese Auswirkungen des Waldes auf Probanden.
- Weltweit beschäftigen sich Wissenschaftler mit diesem Thema. In Japan gilt "Shinrin-yoku", "Waldbaden" offiziell als Therapie.
- Wald auf Rezept sozusagen. Ein Immunologe wies sogar nach, dass "Waldbäder" Depressionen lindern.
- Denn im Wald produzieren unsere Gehirne verstärkt Wohlfühl-Hormone, die unsere Stimmung aufhellen.
- Die Stress-Hormone dagegen sinken. Selbst der Anblick von grünen Bäumen auf Fotos oder in diesem Film etwa
- reicht schon aus, um ruhiger zu werden. Im Wald wird zudem unser Immunsystem angeregt.
- Ein Effekt, der bis zu sieben Tage nach einem Wald-Aufenthalt anhält. Die Liebe des Menschen zur Natur und zum Wald ist erblich bedingt.
- Wir fühlen uns im Wald deswegen so wohl, weil wir von der Evolution dazu angehalten worden sind,
- Schutz zu suchen. Wenn wir Grün sehen, fühlen wir uns geborgen.
- Der Blutdruck sinkt bei einem Waldaufenthalt. Und zeigt uns, dass eine Stressreduktion stattgefunden hat,
- nachdem man im Wald war. Dafür reichen auch schon zehn Minuten
- von einem gemütlichen Waldspaziergang. Man kann sagen, dass wir gesünder aus dem Wald herauskommen,
- als wir in den Wald hineingehen. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit und die flüchtigen Substanzen
- hat Waldluft zudem eine andere elektrische Ladung als Stadtluft. Sie enthält deutlich mehr Sauerstoff.
- Beides ist ebenfalls gut für unsere Gesundheit. Der Sauerstoff entsteht durch das Wunder der Photosynthese.
- Dass wir überhaupt Luft zum Atmen haben, verdanken wir Pflanzen wie unserer Eiche.
- Denn sie stellen aus Licht, Luft und Wasser Traubenzucker her. Und als Abfallprodukt Sauerstoff.
- Das Wunder geschieht in diesen rundlichen Mini-Kraftwerken in den Zellen ihrer Blätter: den Chloroplasten.
- In ihrem Inneren stapeln sich Scheibchen der Substanz, die den Blättern ihre Farbe gibt: Chlorophyll.
- Wie Stapel grüner Pfannkuchen schwimmen sie in der Zellflüssigkeit. Und wie eine Solarzelle absorbieren diese Mini-Kraftwerke
- die Energie des Lichts. Und laden damit Elektronen in ihrem Inneren auf.
- Das wiederum löst ein Energiegewitter aus, das alles durcheinanderwirbelt. Die Wassermoleküle der Zellflüssigkeit
- verbinden sich dadurch mit dem Kohlendioxid aus der Luft. Das ständig durch die Spaltöffnungen der Blätter hereinströmt.
- Aus sechs Wasser-Molekülen und sechs Molekülen CO2 entsteht Traubenzucker. Das heißt: pure Energie.
- In Flüssigkeit aufgelöst wird dieser Zucker aus den Blättern in alle Teile des Baums geleitet.
- Besonders viel in die Wurzeln, wo er für Notzeiten gespeichert wird. Der Rest wird direkt verbraucht, zum Beispiel zum Wachsen.
- Bei der Zuckerherstellung entsteht allerdings ein Abfallprodukt, das durch die Blattspalten entsorgt wird: Sauerstoff.
- Bäume produzieren besonders viel davon, weil jeder Baum hunderttausende Blätter ins Licht reckt.
- Und jedes grüne Blatt produziert das, was Menschen und Tiere zum Leben brauchen:
- Luft zum Atmen und Nahrung. Pflanzen nutzen lediglich ein Prozent der Sonnenenergie,
- die die Erde erreicht. Doch das reicht, um den Planeten am Leben zu erhalten.
- Und es füllt jeden Wald mit Köstlichkeiten. Und uns verschafft es unsere Luft zum Atmen.
- Vor 3,5 Milliarden Jahren war die Atmosphäre der Erde ein giftiges Gemisch aus Wasserstoff, CO2 und Schwefelgasen.
- Dann entdeckten Algen die Photosynthese. Erste Pflanzen gingen an Land und erhoben sich zu Bäumen.
- Sie wandelten CO2 in Sauerstoff um. So erst entstand die Luft, die wir atmen können.
- Und die Ozonschicht, ohne die uns die UV-Strahlen der Sonne buchstäblich grillen würden.
- Auch das Grün des Waldes ist übrigens ein Abfallprodukt. Nämlich genau der Anteil im Farbspektrum des Lichts,
- den das Chlorophyll nicht verarbeiten kann. Und genau auf dieses Grün sprechen unsere Gehirne seit Jahrtausenden an.
- Wälder bedeuten für uns Leben. Überall in Deutschland, wo Krieg und Not Wälder zerstört hatten,
- wurden damals neue Bäume gepflanzt. Man war der Meinung, dass das Wiederaufforsten
- eine positive Wirkung hat auf das Bewusstsein der Menschen. Wir pflanzen Bäume, das heißt ja: Wir denken an eine Zukunft.
- Bei aller Vergänglichkeit: Viele Bäume leben mühelos fünf Mal so lang wie jeder von uns.
- Heute wissen wir: Bäume sind soziale Wesen. Sie pflegen Beziehungen und gehen Partnerschaften ein.
- Vielleicht wachsen sie in großen Gruppen, um Trost und Schutz zu suchen.
- Vielleicht dient das alles aber auch nur dem Überleben der eigenen Art. Und vielleicht verstehen wir eines Tages sogar die Sprache der Bäume.
- Untertitel im Auftrag des ZDF, 2017