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Die ganze Geschichte Frankfurts in 17 Minuten
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Transkriptautomatisch erstellt · 97 Zeilen
- Frankfurt am Main, ein Tag im Spätherbst des Jahres 1562. Auf dem Römerberg, dem Platz im Herzen der Altstadt, dreht sich ein ganzer
- Ochse über dem Feuer. Aus einem eigensrichteten Brunnen fließt an diesem Tag kein Wasser, sondern Wein und die Menge drängt und schiebt, um einen
- Becher davon zu erwischen. Wenige Schritte weiter im gotischen Dom beginnt an diesem Tag eine Tradition, die Frankfurt über 200 Jahre prägen wird.
- Von diesem Tage an werden die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches hier gekrönt. Heute denkt bei dieser Stadt kaum jemand an Kaiser. Man denkt an [musik] Banken,
- an den größten Flughafen des Landes, an eine Skyline aus Glas und Stahl, [musik] die einzige ihrer Art in Kontinentaleuropa.
- Dabei ist das nur das letzte Kapitel einer Geschichte, die 2000 Jahre zurückreicht, bis zu einer römischen Stadt, deren Namen die meisten nie
- gehört haben. Im Laufe der Jahrhunderte wurden hier Könige gewählt und Kaiser gekrönt. Und hier tagte 1848 das erste freigewählte deutsche
- Parlament. [musik] Das ist die ganze Geschichte Frankfurts. [schnauben] Beginnen wir dort, wo von Frankfurt noch
- keine Rede ist. Rund 4 km nördlich der heutigen Innenstadt, im Boden des Stadtteils Heddernheim liegen die Reste einer römischen Stadt namens Nida. Auf
- ihrem Höhepunkt leben hier über 5000 Menschen. Es gibt gepflasterte Straßen, einen Marktplatz, Tempel, Termen. Über 100 Töpferöfen rauchen. Wer durch die
- Gassen geht, riecht den Brand des Tons, hört die Schmiede, die Bronzegießer. Nieder ist der Hauptort der ganzen Region, Sitz der Verwaltung, umgeben von
- einer 3 km langen Mauer. Doch als die Römer um 260 den Limes räumen, jene befestigte Grenze ihres Reiches und sich hinter den Reihen zurückziehen, wird die
- Stadt aufgegeben. Die Steine wandern über die Jahrhunderte in andere Bauten. Das Straßenraster verschwindet unter Eckern und mit ihm die Erinnerung. Erst
- spät entdecken [musik] Archäologen, was hier einmal stand. Auf dem Hügel am Fluss aber, dort wo später der Dom stehen wird, bleibt ein
- Ort mit Bedeutung. Was die Römer hier genau hatten, ein Kastell, ein Landhaus, eine Straßenstation, weiß bis heute niemand sicher. Sicher
- ist, in fränkischer Zeit steht [musik] auf diesem Domhügel ein Königshof und im Jahr 794 taucht der Name der Stadt zum ersten Mal
- in einer Urkunde auf. ausgestellt von keinem geringeren als Karl dem Großen. Frankonofurt, die Furt der Franken am Main. Um diese
- Furt rangt sich eine Sage. Karl der Große sei auf der Flucht vor den Sachsen an den Fluss geraten, zu breit zum Überqueren, bis eine Hirschkuh ihn die
- seichte Stelle [musik] zeigte. Belegt ist die Geschichte nicht, sie ist Legende. Belegt ist etwas anderes. Karl macht Frankfurt zu einem Zentrum seines
- Reiches, hält hier Hof, feiert Ostern, ruft eine große Reichsversammlung ein. Sein Enkel Ludwig der Deutsche regiert das Ostfrankenreich zeitweise von hier
- aus und stirbt 876 in Frankfurt. Aus dem Königshof ist eine Pfalsz geworden, ein Herrschersitz. Und aus diesem Herrschersitz wächst
- alles, was folgt. Denn wo der König ist, wird gehandelt. Im Jahr 1240 stellt Kaiser Friedrich II. eine Urkunde aus, die Frankfurts Zukunft
- entscheidet. Jeder Kaufmann, der zur Frankfurter Messe reist, steht unter kaiserlichem Schutz. Freies Geleit auf allen Wegen.
- Später kommt eine zweite Messe im Frühjahr dazu. Zweimal im Jahr verwandelt [musik] sich die Stadt in einen großen Markt. Tucher aus Flandern,
- Wein, Gewürze, Pelze, Metalle. Später Bücher. Man nennt Frankfurt schlicht den Marktplatz Deutschlands. Zur Messezeit ist die Stadt nicht wieder
- zu erkennen. In den Hallen im Erdgeschoss des Römer stapeln sich die Warenballen. Auf den Plätzen falschen Händler in einem Halendutzen sprachen:
- Fuhrwerke verkeilen sich in den engen Gassen. Wer in Deutschland etwas verkaufen will, muss zweimal im Jahr hierher.
- Hinter den Fassaden sammelt sich Reichtum und mit ihm Selbstbewusstsein, [musik] denn der Handel macht die Bürger stark.
- Schritt für Schritt erkauft sich [musik] die Stadt ihre Rechte und schüttelt jeden Zwischenherrn ab, bis sie freie Reichstadt ist. Nur noch dem Kaiser
- unterstellt. Und weil der weit weg ist und sich kaum einmischt, regiert Frankfurt sich künftig selbst. 1405 kauft der Rat eben jenes
- Patriziahaus am Markt, in dem die Messewaren lagern und macht es zum Rathaus. Sein Name der Römer. Bis heute [musik]
- ist er das Wahrzeichen der Stadt. Und dann 1356 fällt eine Entscheidung, die Frankfurt endgültig [musik] ins Zentrum des
- Reiches rückt. Kaiser Karl I. erlässt ein Reichsgrundgesetz, die goldene Bulle. Darin steht schwarz auf weiß. Der römischdeutsche König wird
- künftig in Frankfurt gewählt. Aus der Messestadt wird die Wahlstadt der Könige. Doch nicht alle teilen den wirtschaftlichen Aufstieg. Am Rand der
- Stadt an einer engen kaum 3 m breiten Gasse müssen ab 1462 [musik] die Frankfurter Juden leben. Zwangsweise hinter Toren, die nachts und an
- christlichen Feiertagen verriegelt werden. In dieser Judengasse drängen sich mit der Zeit tausende Menschen in Häusern, die sich Mangelsplatz nur nach
- oben und nach hinten strecken können. ist einer [musik] der engsten, dichtesten Orte Europas und zugleich ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, das die
- Stadt über Jahrhunderte prägen wird. In Frankfurt wird zwar gewählt, die Krone aber empfängt der neue Herrscher jahrhundertelang anderswo, im fernen Aen
- der alten Falz Karls des Großen. Erst 1562 ändert sich das. Weil der zuständige Kölner Erzbischof gerade gestorben und
- die Reise nach Aen im Spätherbst beschw, [musik] krönt man Maximilian kurzerhand dort, wo er ohnehin gewählt wurde. Was als
- Ausnahme gedacht war, wird zur Regel. Bis 1792 empfangen zehn Kaiser im Frankfurterdom die Krone.
- Ein solcher Krönungstag ist ein Ausnahmezustand für die ganze Stadt. Im Dom wird der Herrscher gesalbt und ihm die Krone aufs Haupt gesetzt. Dann
- schreitet er zu Fuß durch eine schmale Gasse, den Krönungsweg hinüber zum Römer, wo im Kaisersaal das Krönungsmal gehalten wird. Draußen auf dem Römerberg
- feiert das Volk. Der Ochse am Spieß, der Brunnen aus dem Wein läuft, der Kaiser erhält das erste Stück Fleisch, dann wird die Bretterküche geöffnet und nicht
- selten prügelt sich die Menge um ein Andenken an diesen Tag. Man nennt die Kirche den Kaiserdom, aber Frankfurt hatte nie einen Bischof und
- der Dom war streng genommen nie eine Kathedrale. Der stolze Name kommt allein von den Kaiserkrönungen. Es ist typisch für diese Stadt. Ihre
- Größe verdankt sie nicht der Kirche und nicht einem Fürsten, sondern dem Reich und dem Handel. Frankfurt ist die Stadt der Kaufleute, die für einen Tag zur
- Bühne der Kaiser wird. Doch hinter dem Glanz brodelt es. 1612 entläht sich der Zorn der einfachen Bürger und Zünfte gegen den reichen Rat,
- der die Stadt wie eine geschlossene Gesellschaft regiert. Ein Lebkuchenbäcker namens Vincen Fettmilch führt den Aufstand an. 1614 stürmt der
- Mob die Judengasse, plündert sie und jagt die Bewohner aus der Stadt. Doch es ist eine Vertreibung, kein Massaker. [musik] Die wenigen belegten Toten
- lassen sich an einer Hand abzählen. Fast 1400 Menschen aber verlieren Heim und Habe. Zwei Jahre später wird Fettmilch enthauptet und die Juden kehren am
- selben Tag feierlich zurück unter kaiserlichem Schutz. Über ihrem Gassentor hängt nun der Reichsadler.
- Kurz darauf [musik] zieht der 30-jährige Krieg übers Land. Frankfurt hält sich neutral und entgeht der Zerstörung, aber nicht der Pest, die 1635 [musik]
- schätzungsweise ein Drittel der Einwohner dahin rafft. Die Stadt übersteht auch das und in ihrer engen Judengasse wächst gut ein Jahrhundert
- später eine Familie heran, deren Name einmal die halbe Welt kennen wird. Ein junger Händler namens Meer Amschel Rotschild [musik] legt hier den
- Grundstein für das mächtigste Bankhaus des 19. Jahrhunderts. Erst seine fünf Söhne aber tragen den Namen Rotschild [musik] in die
- Hauptstädte Europas. Vier schwärmen aus nach London, Paris, Wien und Neapel. Einer bleibt und führt das Frankfurter Stammhaus weiter.
- Angefangen hat alles [musik] in dieser einen Gasse. Und 1749 kommt in einem Bürgerhaus am großen
- Hirschgraben ein Kind [musik] zur Welt, das Frankfurt für immer mit der deutschen Kultur verbinden wird. Johann Wolfgang Göte.
- Der junge Gote [musik] streift durch die Krönungsstadt, sieht die Kaiserinziehen und notiert später [musik] den beklemmenden Eindruck der engen dunklen
- Judengasse. Frankfurt ist zu dieser Zeit alt, reich [musik] und selbstbewusst. Doch dieser Glanz wird nicht mehr lange
- wehren. 1806 zerbricht das tausendjährige Heilige römische Reich unter dem Druck Napoleons.
- Die Krönungen sind Geschichte. Die freie Reichsstadt verliert ihre Selbstständigkeit. Nach Napoleons Sturz darf sich Frankfurt
- zwar wieder freie Stadt nennen und wird sogar Sitz des deutschen Bundes, jener losen Vereinigung, in der sich die deutschen Staaten abstimmen. Aber die
- [musik] große Zeit scheint vorbei. Im Mai 1848 reisen aus ganz Deutschland [musik] gewählte Abgeordnete nach Frankfurt und
- versammeln sich in einer schlichten ovalen Kirche, der Paulskirche. Zum ersten [musik] Mal in der Geschichte debattiert hier ein freiwähltes
- gesamtdeutsches Parlament über Einheit, Verfassung und Grundrechte. Ein Land, das als Staat noch gar nicht existiert, gibt sich hier zum ersten Mal
- ein Parlament. Draußen kocht die Revolution. Es kommt zu Barrikaden und Morgen auf offener Straße. Drinnen ringen Professoren und
- Juristen um die erste [musik] deutsche Demokratie. Als Symbol ist die Paulskirche zurecht die Wiege der deutschen Demokratie. Machtpolitisch
- aber scheitert sie. Die Nationalversammlung entwirft eine mustergültige Verfassung und bietet dem preußischen [musik] König die
- Kaiserkrone an. Der lehnt ab. Eine Krone von [musik] Volkesgnaden will er nicht. Die Verfassung tritt nie in Kraft, das Parlament zerfällt. Der Traum von 1848
- bleibt ein Traum. Und keine zwei [musik] Jahrzehnte später endet Frankfurtsfreiheit endgültig. 1866 besetzt und annektiert Preußen die
- Stadt. Der Bürgermeister nimmt sich das Leben. Ein tragisches Sinnbild für das [musik] Ende der Frankfurter Freiheit. Nach über 600 Jahren ist Frankfurt keine
- freie Stadt mehr. Unter preußischer Herrschaft aber kommt es anders als befürchtet. Frankfurt blüht auf wie nie zuvor. Aus der alten
- Messestadt wird eine moderne Industrie und Bankenmetropole. Die Einwohnerzahl explodiert von rund 100.000 auf über eine halbe Million
- innerhalb weniger Jahrzehnte. 1914 stiften wohlhabende Bürger, viele von ihnen jüdisch, eine eigene Universität. Frankfurt hat jetzt die
- zweitgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands. Rund 30.000 Menschen tief verwen mit Handel, Wissenschaft und Kultur der Stadt. Und genau diese Welt
- zerstören [musik] die Nationalsozialisten. Nach 1933 werden die Frankfurter Juden entrechtet,
- verfolgt, vertrieben. In der Pogromnacht 1938 [musik] brennen die Synagogen. Ab 1941 rollen die Deportationszüge von der
- Großmarkthalle in die Vernichtungslager. [musik] Knapp 10.000 Frankfurter Juden werden ermordet. Von 13.000 sind bei Kriegsende
- noch etwa 100 in der Stadt. In einem Frankfurter Unternehmen läuft zudem [musik] der Vertrieb jenes Giftgases zusammen, mit dem in Auschwitz gemordet
- wird, Zyklon B. Dann kommt der Krieg in die Stadt [musik] selbst zurück. In der Nacht zum 22. März 1944 versinkt die Frankfurter Altstadt
- [musik] in einem Feuersturm. Es ist eine der größten Fachwerkallstädte Deutschlands. Ein Gewirr aus schmalen Jahrhunderte alten
- Gassen zwischen Dom und Römer. In wenigen Stunden ist fast [musik] alles davon Asche. Von rund 2000 Häusern bleibt praktisch ein einziges [musik]
- unversehrt stehen. Rund 1000 Menschen sterben in dieser einen Nacht. Wo tausend Jahre Geschichte standen, liegt am Morgen ein rauchendes Trümmerfeld,
- aus dem ausgebrannten Mauern von Dom und Römer ragen. Und hier am tiefsten Punkt beginnt Frankfurts unwahrscheinlichster
- Aufstieg. Die Frankfurter räumen die Trümmer weg und bauen wieder auf. Und das erste Bauwerk, das Sie herrichten, ist ausgerechnet die Paulskirche,
- rechtzeitig zum hunden Jahrestag von 1848. Die Stadt besinnt sich auf das, was sie war. Dann aber trifft sie eine
- Entscheidung, die ihr Gesicht für immer verändert. Statt nur die alte Stadt zu rekonstruieren, [musik] greift Frankfurt nach oben. Die junge
- Bundesrepublik macht es zum Finanzzentrum. Hier sitzt [musik] die Bundesbank ab 1998
- die Europäische Zentralbank, [musik] die über die Währung eines ganzen Kontinents wacht. Die Banken bauen in den Himmel, Turm um Turm, bis eine Skyline entsteht,
- wie es sie in Deutschland kein zweites Mal gibt. Die Frankfurter geben ihr einen halbspöttischen, halbstolzen Namen, Mainon. [räuspern]
- Doch die Stadt hat ihre Vergangenheit nicht ganz [musik] aufgegeben. 2018 eröffnet mitten unter den Hochhäusern auf dem alten Grund zwischen
- Dom und Römer eine neue Altstadt. Fachwerkgassen sorgfältig nach historischen Vorbildern wiedererrichtet mit echten Originalfragmenten in den
- Mauern umstritten, ja, aber es ist der Versuch, das zurückzuholen, [musik] was jene Nacht im März genommen hat. Wer heute auf dem Römerberg steht, sieht
- beides auf einen Blick. Die schmalen Giebel der wiederauferstandenen [musik] Altstadt und dahinter Gläsern und kühl die Türme der Banken. 2000 Jahre in
- einem Bild. M.