Zum Inhalt springen
L

Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).

Die ganze Geschichte Leipzigs in 17 Minuten

Geschichte. Lebt.17:31 102.674 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

Das Wichtigste aus dem Video

Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.

Transkriptautomatisch erstellt · 98 Zeilen
Herunterladen
  1. Leipzig im Jahr 2015. Zwischen drei Flüssen im Nebel der Auwälder kreuzen sich zwei uralte Handelstraßen und genau an ihrem
  2. Schnittpunkt auf einer flachen Anhöhe im Sumpf kauert eine kleine Burg. Es riecht nach nassem Holz, nach Rauch und Flusswasser. Auf der Straße nach Osten
  3. zieht ein Händlerzug vorbei. Die Hufe versinken im Morast. Niemand hier ahnt, dass an dieser Stelle tausend Jahre später eine Stadt stehen wird, in der
  4. Johann Sebastian Bach seine größten Werke schreibt, in der Napoleon seine größte Schlacht verliert und in der einziger Montagabend den Funken liefert,
  5. der die Mauer zum Einsturz bringt. Das ist die ganze Geschichte Leipzigs. Dass an diesem unwörtlichen Ort überhaupt eine Stadt entsteht, verdankt
  6. sich einem einzigen Vorteil, seiner Lage. Wo heute die Innenstadt liegt, treffen im frühen Mittelalter die weiße Elster, die Pleise und die Parte
  7. zusammen. Sumpfiges, walreiches Land. Für Bauern ist das mühsam, für Händler ist es ein Glücksfall. Denn hier kreuzen sich die Via Regia, die von West nach
  8. Ost quer durch Europa führt und die Via Imperi, die den Kontinent von der Ostsee bis nach Rom verbindet. Zwei der wichtigsten Straßen des Abendlandes. Und
  9. genau in ihrem Schnittpunkt liegt Leipzig. Zum ersten Mal schriftlich fassbar wird der Ort am 20. Dezember 2015. Der Bischof und Chronist Titmar
  10. von Merseburg notiert den Tod eines Amtsbruders in Urbe Lipzi in der Burg Leipzig. Ein einziges Wort in einer Sterbennotiz und doch die Geburtsurkunde
  11. der Stadt. Anderthalb Jahrhunderte später um 1165 verleih Margraf Otto der Reiche dem Ort das Stadt und Marktrecht. Kurios, diese
  12. Urkunde trägt kein Datum. [musik] Das Jahr ist bis heute nur geschätzt. Von diesem Marktrecht ausgerechnet feierte Leipzig
  13. 1965 seinen 800 Geburtstag. Doch 50 Jahre später, 2015 beging die Stadt den Tausend. Diesmal gezählt ab Titmaßnotiz
  14. von 105. Dieselbe Stadt, zwei Geburtstage. Um 1212 stiften die Markgrafen die Thomaskirche und mit ihr eine Schule
  15. samt Knabenchor. Den Tomaner Chor, der ein halbes Jahrtausend später einem gewissen Johann Sebastian Bach zu Weltrum verhelfen wird und bis heute
  16. singt. Doch das Markrecht ist erst der Anfang, denn wer den Handel kontrolliert, zieht die Klugen an.
  17. geschieht im Prag etwas, das Leipzig für immer verändert. An der dortigen Universität verlieren die deutschen Gelehrten ihr Stimmrecht. Aus Protest
  18. ziehen rund 1000 Professoren und Studenten fort und ein großer Teil landet in Leipzig. Innerhalb weniger Monate entsteht die Universität Leipzig
  19. nach Heidelberg, die zweitälteste ohne Unterbrechung bestehende Universität im heutigen Deutschland. Die Studenten sind oft kaum älter als
  20. 14. Sie leben in engen Kammern, hören ihre Vorlesungen auf Latein bei Kerzenlicht und Tintengeruch. Auf einmal mischt sich unter das
  21. Falschen der Kaufleute das lateinische Disputieren der Gelehrten und der Handel, der bekommt kaiserliche Rückendeckung.
  22. 1497 erhebt Kaiser Maximilian die Leipzigermärkte zu Reichsmessen. 10 Jahre später kommt das entscheidende
  23. Privileg, das Stapelrecht. Im Umkreis von gut 100 Kilometern darf niemand mehr eine konkurrierende Handelsmesse abhalten. Jeder Kaufmann,
  24. der durch die Region zieht, muss seine Ware zuerst nach Leipzig bringen, sie dort wiegen, verzollen und drei Tage lang anbieten. Mit einem Federstrich
  25. schaltet Leipzig seine Rivalen aus. Halle, Erfurt, Magdeburg. Dreimal im Jahr verwandelt sich die Stadt. Aus Halbeuropa strömen die
  26. Händler zusammen. Es riecht nach Pferden, Leder und Gewürzen. In den Kontoren wird in einem halben Dutzensprachen gefeälscht. Am Brül
  27. lassen sich die ersten Pelzhändler nieder, [musik] deren Ware aus dem hohen Norden bis hierher gekartt wird. Der Anfang des Leipziger Pelzhandels, der
  28. die Stadt einmal zu einem der größten Rauchwahren Umschlagplätze der Welt machen sollte. In dieser Aufbruchszeit wird 1481
  29. in Leipzig das erste [musik] Buch gedruckt. Ausgerechnet dieses Erstlingswerk ist eine glühende Kampfschrift gegen die Osmanen. Verfasst
  30. von einem Mönch, der später als einer der dreistesten Geschichtsfälscher seiner Zeit aufliegt. Leipzig ist beim Buchdruck spät dran, ein Nachzykler.
  31. Doch der Grundstein ist gelegt. Der Weg zur Buchstadt Europas hat begonnen. In dieselbe blühende Stadt zieht bald [musik] ein Streit ein, der Europa
  32. spalten wird und er kommt in Gestalt eines Mönchs. 1519 treffen im Schloss Pleißenburg zwei Männer aufeinander, deren Wortgefecht Europa spalten wird.
  33. Der Theologe Johannes Eck und ein noch wenig bekannter Augustiner Mönch namens Martin Luther. Wochenlang ringen sie vor Publikum um Papst, Konzil und Wahrheit.
  34. Und zum ersten Mal bestreitet Luther öffentlich, dass der Papst von Gott eingesetzt sei. 20 Jahre später zu Pfingsten 1539
  35. predigt derselbe Luther in der Leipziger Thomaskirche. [musik] Die Stadt wird protestantisch, doch der Glaubenskampf schlägt bald in Blut um. Der
  36. dreißigjährige Krieg zieht über Sachsen hinweg und 1631 stehen sich vor den Toren Leipzigs bei Breitenfeld zwei Heere gegenüber.
  37. [musik] Der gefürchtete kaiserliche Feldherrilli gegen den Schwedenkönig Gustav Adolf. Es ist der erste große Sieg der Protestanten in diesem Krieg.
  38. Für Leipzig aber beginnt eine Zeit des Leidens. Belagerungen, Hunger, Suchen. Jelange schwedische Besatzung. Die Besatzer bauen sogar die Messingteile
  39. der städtischen Wasserkunst aus und verschiffen sie fort. Zeitweise steht die Stadt ohne fließendes Wasser [musik] da. Die Einwohnerzahl bricht ein von
  40. rund 18 000 auf 12000. Jeder dritte Einwohner ist tot oder geflohen. Doch Leipzig steht wieder auf. Schneller
  41. und glänzender als je zuvor. Schon 1650, kaum ist der Krieg vorbei, erscheint in Leipzig etwas Neues auf der Welt. Eine Zeitung, die täglich herauskommt. Sie
  42. gilt als die erste Tageszeitung überhaupt. Die Stadt wird wieder reich, weltoffen, elegant. Um 1700 sitzt hier ein Bürgermeister namens Romanus, ein
  43. Mann mit Sinn fürs Moderne. Er lässt die Straßen zum ersten Mal mit Öllampen beleuchten, gräbt eine Kanalisation und richtet einen städtischen Senftendienst
  44. ein, eine frühe Form des Nahverkehrs. 12 Senften, feste Preise, strenge Regeln für die Träger. Draußen versinken die Gassen noch im Unrad, den man einfach
  45. aus dem Fenster kippt. Und mittendrin trägt man die feinen Herrschaften in Senften durch die Stadt. Oben Glanz, unten Schmutz. In diese Stadt kommt 1723
  46. ein Mann, der Leipzigsruf für immer [musik] prägt, Johann Sebastian Bach. 27 Jahre lang leitet er als Thomaskantor die Kirchenmusik der Stadt. [musik] Hier
  47. in der Thomaskirche erklingt zum ersten Mal die Matthäus Passion. Hier schreibt er das Weihnachtsoratorium. Woche für Woche muss er neue Musik
  48. liefern. Eine Kantate für jeden Sonntag, aufgeführt im Wechsel in den großen Kirchen der Stadt, gesungen von den Jungen der Thomasschule, die er zugleich
  49. unterrichtet. Und wenn er nicht in der Kirche ist, dirigiert er im Zimmermannchen Kaffeehaus weltliche Kantaten bei Kaffeeduft und Kerzenschein
  50. mitten unter den Bürgern. Musik ist in Leipzig kein höfischer Luxus. Sie gehört dem Marktplatz. Ein halbes Jahrhundert später sitzt in denselben Gassen ein
  51. junger Jura Student aus Frankfurt und langweilt sich bei den Vorlesungen Johann Wolfgang Göte und Leipzig entlockt ihm später einen seiner
  52. berühmtesten Verse. Mein Leipzig lob ich mir, es ist ein klein Paris, doch dieser Glanz hält nicht. Im Oktober 1813
  53. wird Leipzig zum Schlachtfeld des Kontinents. Napoleon, [musik] der Halbeuropa beherrscht, steht mit seinem Heer in Sachsen. Gegen ihn haben
  54. sich Russland, Preußen, Österreich und Schweden verbündet. Vom 16. bis 19. Oktober prallen vor den Toren der Stadt über eine halbe Million Soldaten
  55. aufeinander. Die größte Schlacht, die Europa vor dem ersten Weltkrieg je gesehen hat. Vier Tage lang donnern die Kanonen. Bei Paorfert eine britische
  56. Einheit eine damals völlig neue Waffe ab. Raketen, die zischend über das Feld fliegen und Panik auslösen. Mitten in der Schlacht laufen tausende
  57. sächsische Soldaten, die bis dahin für Napoleon kämpften, zu dessen Gegnern über. Am Ende liegen über 90.000 Tote und Verwundete auf den Feldern. Der
  58. sächsische König wird gefangen genommen und Napoleon muss fliehen. Von hier aus beginnt sein Untergang. Doch das eigentliche Grauen spielt sich erst nach
  59. der Schlacht ab, in der Stadt selbst. Leipzig quillt über von Verwundeten. In Kirchen und Schulen liegen die Männer dicht an dicht. Verbandsstoff gibt es
  60. kaum. Frauen sitzen beieinander und zupfen aus alten Leinentüchern, Faden für Faden, um die Wunden zu verbinden. Die Chirurgen sägen im Akkord Gliedmaßen
  61. ab ohne Betäubung. Die gibt es noch nicht. Und der heimliche Mörder ist nicht die Kugel, sondern die Laus. Das Fleckfieber, rafft verwundete Ärzte und
  62. Bürger gleichermaßen dahin. Ganze Dörfer im Umland liegen in Schutt und Asche. Noch Monate später sterben in Leipzig Menschen an dem, was die Schlacht in die
  63. Stadt getragen hat. Später wird man diese Tage zur Geburtsstunde der deutschen Nation verklären. Eine heroische Deutung, die freilich erst
  64. Jahrzehnte danach entsteht, ersonnen von einer Generation, die die Schlacht selbst nie erlebt hat. Und ein Jahrhundert später, 1913
  65. wird über diesen Gräbern das gewaltige Völkerschlachdenkmal eingeweiht. [musik] 91 m hoch. Ein steinerner Koloss, der bis heute über der Stadt aufragt.
  66. Nach dem Krieg von 1813 setzt Leipzig [musik] zu einem Sprung an, der die Stadt in die Moderne katapultiert. 1839
  67. rollt zwischen Leipzig und Dresden der erste Zug, die erste deutsche Ferneisenbahn. Eine Strecke über gut 100 km, die eine Tagesreise auf wenige
  68. Stunden schrumpfen lässt und Leipzig besinnt sich auf das Buch. Im grafischen Viertel drängen sich auf engstem Raum Druckereien, Schriftgießereien,
  69. Buchbindereien, Verlage. Die gesamte Herstellung eines Buches Tür an Tür. Es riecht nach Druckerschwärze und frischem Papier. Tag und Nacht rattern die
  70. Pressen und über die Straßen werden Bögen und Ballen von einer Werkstatt z nächsten gekart. Namen wie Reklam entstehen hier. Ab 1867
  71. macht der Verlag mit seinen schmalen gelben Bändchen die Klassiker für jeder Mann erschwinglich. Bildung für ein paar Pfennige. 1912 gründen die Buchhändler
  72. in Leipzig die deutsche Bücherei. Ein Archiv, das jedesprachige Buch sammeln soll. Rund 70.000 Leipziger leben vom Buch. Jeder zehnte in der Stadt.
  73. Zugleich blüht die Musik weiter. Am Gewandhaus dirigiert Felix Mendelsohn und gründet die erste Musikhochschule Deutschlands. Leipzig wird zur
  74. Großstadt, die viertgrößte des Kaiserreichs. Es scheint als kenne der Aufstieg keine Grenze. Doch das 20. Jahrhundert wird alles
  75. erschüttern. [räuspern] Unter den Nationalsozialisten wird aus der stolzen Handelstadt eine Stadt der
  76. Verfolgung. In der Pogromnacht 1938 brennt die große Synagoge an der Gottschädstraße. Ab 1942
  77. werden die Leipziger Juden deportiert und ermordet. In den Rüstungswerken der Stadt schuften zehntausende Zwangsarbeiter. Im größten Frauenlager
  78. der Region, einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, sind über 5000 Frauen eingesperrt. In der Nacht zum 4. Dezember 1943
  79. versinkt Leipzig unter den Bomben in einem Feuersturm. Über 1800 Menschen sterben. [räuspern] Das grafische Viertel brennt aus und mit den
  80. Verlagshäusern gehen, so schätzt man, Millionen Bücher in Flammen auf. Als amerikanische Truppen im April 1945 einrücken, ist die Innenstadt eine
  81. Ruinenlandschaft. Nach dem Krieg gehört Leipzig zur DDR und wird zu ihrem Schaufenster nach Westen. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und
  82. im Herbst, verwandelt die Leipziger Messe die graue Stadt [musik] für ein paar Tage zurück in eine Weltstadt. Westautos auf den Straßen, fremde
  83. Sprachen, das doppelte M der Mustermesse an jeder Ecke. Dann reisen die Gäste ab und der Alltag kehrt zurück, denn hinter den Fassaden zerfällt die Stadt.
  84. Grußgeschwärzte Häuser, verfallende Altbauten, die Luft schwer von Braunkohle. 1968 sprengt das Regime sogar die alte
  85. Universitätskirche mitten im Zentrum. [musik] Eine Wunde, die viele nie vergessen. Und dann in genau dieser müden grauen Stadt
  86. [musik] geschieht das Unerhörte. [räuspern] Seit 1982 versammeln sich montags in der
  87. Nikolleikirche Menschen zum Friedensgebet. Erst sind es wenige, eine Handvoll, die für Frieden und Ausreise betet. Wer
  88. herkommt, riskiert Studienplatz, Arbeit, Freiheit. Vor der Tür notiert die Staatssicherheit jedes Gesicht. Und doch füllt sich die Kirche im Herbst 1989,
  89. Woche für Woche, bis die Menschen auf den Vorplatz drängen und der Protest nach draußen auf die Straße schwappt. Am 9. Oktober 1989
  90. strömen nach dem Gebettausende auf den Innenstadtring. Nach den vorsichtigsten Schätzungen 70.000, womöglich weit über 100.000. Ihnen
  91. gegenüber stehen 8000 bewaffnete Sicherheitskräfte. In den Krankenhäusern liegen Blutkonserven bereit. Alle rechnen mit einem Blutbad wie kurz zuvor
  92. in Peking. Die Menschen tragen Kerzen. Eine Hand muss die Flamme schützen, die andere das Wachs halten. [räuspern] So kann keine einen Stein werfen. Und sie
  93. rufen nur zwei Sätze: Keine Gewalt [musik] und wir sind das Volk. Dann geschieht das entscheidende. Nichts, kein Schuss fällt. Die Sicherheitskräfte
  94. ziehen sich zurück. An diesem Abend verliert die Diktatur ihre Angstmacht und einen Monat später fällt die Mauer. Heute ist Leipzig wieder eine der am
  95. schnellsten wachsenden Städte Deutschlands. Über 600.000 Einwohner, Autowerke am Stadtrand, Galerien in den alten Baumwollspinnereien,
  96. junge Menschen aus aller Welt, die die Stadt ihre Boomtown nennen. Aus der kleinen Sumpfburg am Kreuz zweier Handelstraßen ist eine Weltstadt
  97. geworden, geformt von Handel, Musik und Mut. Eine Stadt, die einmal an einem einzigen Montagabend mit nichts als Kerzen in der Hand die Welt veränderte.
  98. Yeah.

Zum Nachlesen