Das Video kommt von YouTube: erst beim Abspielen verbindet sich die Seite mit YouTube (Google).
Die ganze Geschichte Leipzigs in 17 Minuten
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 98 Zeilen
- Leipzig im Jahr 2015. Zwischen drei Flüssen im Nebel der Auwälder kreuzen sich zwei uralte Handelstraßen und genau an ihrem
- Schnittpunkt auf einer flachen Anhöhe im Sumpf kauert eine kleine Burg. Es riecht nach nassem Holz, nach Rauch und Flusswasser. Auf der Straße nach Osten
- zieht ein Händlerzug vorbei. Die Hufe versinken im Morast. Niemand hier ahnt, dass an dieser Stelle tausend Jahre später eine Stadt stehen wird, in der
- Johann Sebastian Bach seine größten Werke schreibt, in der Napoleon seine größte Schlacht verliert und in der einziger Montagabend den Funken liefert,
- der die Mauer zum Einsturz bringt. Das ist die ganze Geschichte Leipzigs. Dass an diesem unwörtlichen Ort überhaupt eine Stadt entsteht, verdankt
- sich einem einzigen Vorteil, seiner Lage. Wo heute die Innenstadt liegt, treffen im frühen Mittelalter die weiße Elster, die Pleise und die Parte
- zusammen. Sumpfiges, walreiches Land. Für Bauern ist das mühsam, für Händler ist es ein Glücksfall. Denn hier kreuzen sich die Via Regia, die von West nach
- Ost quer durch Europa führt und die Via Imperi, die den Kontinent von der Ostsee bis nach Rom verbindet. Zwei der wichtigsten Straßen des Abendlandes. Und
- genau in ihrem Schnittpunkt liegt Leipzig. Zum ersten Mal schriftlich fassbar wird der Ort am 20. Dezember 2015. Der Bischof und Chronist Titmar
- von Merseburg notiert den Tod eines Amtsbruders in Urbe Lipzi in der Burg Leipzig. Ein einziges Wort in einer Sterbennotiz und doch die Geburtsurkunde
- der Stadt. Anderthalb Jahrhunderte später um 1165 verleih Margraf Otto der Reiche dem Ort das Stadt und Marktrecht. Kurios, diese
- Urkunde trägt kein Datum. [musik] Das Jahr ist bis heute nur geschätzt. Von diesem Marktrecht ausgerechnet feierte Leipzig
- 1965 seinen 800 Geburtstag. Doch 50 Jahre später, 2015 beging die Stadt den Tausend. Diesmal gezählt ab Titmaßnotiz
- von 105. Dieselbe Stadt, zwei Geburtstage. Um 1212 stiften die Markgrafen die Thomaskirche und mit ihr eine Schule
- samt Knabenchor. Den Tomaner Chor, der ein halbes Jahrtausend später einem gewissen Johann Sebastian Bach zu Weltrum verhelfen wird und bis heute
- singt. Doch das Markrecht ist erst der Anfang, denn wer den Handel kontrolliert, zieht die Klugen an.
- geschieht im Prag etwas, das Leipzig für immer verändert. An der dortigen Universität verlieren die deutschen Gelehrten ihr Stimmrecht. Aus Protest
- ziehen rund 1000 Professoren und Studenten fort und ein großer Teil landet in Leipzig. Innerhalb weniger Monate entsteht die Universität Leipzig
- nach Heidelberg, die zweitälteste ohne Unterbrechung bestehende Universität im heutigen Deutschland. Die Studenten sind oft kaum älter als
- 14. Sie leben in engen Kammern, hören ihre Vorlesungen auf Latein bei Kerzenlicht und Tintengeruch. Auf einmal mischt sich unter das
- Falschen der Kaufleute das lateinische Disputieren der Gelehrten und der Handel, der bekommt kaiserliche Rückendeckung.
- 1497 erhebt Kaiser Maximilian die Leipzigermärkte zu Reichsmessen. 10 Jahre später kommt das entscheidende
- Privileg, das Stapelrecht. Im Umkreis von gut 100 Kilometern darf niemand mehr eine konkurrierende Handelsmesse abhalten. Jeder Kaufmann,
- der durch die Region zieht, muss seine Ware zuerst nach Leipzig bringen, sie dort wiegen, verzollen und drei Tage lang anbieten. Mit einem Federstrich
- schaltet Leipzig seine Rivalen aus. Halle, Erfurt, Magdeburg. Dreimal im Jahr verwandelt sich die Stadt. Aus Halbeuropa strömen die
- Händler zusammen. Es riecht nach Pferden, Leder und Gewürzen. In den Kontoren wird in einem halben Dutzensprachen gefeälscht. Am Brül
- lassen sich die ersten Pelzhändler nieder, [musik] deren Ware aus dem hohen Norden bis hierher gekartt wird. Der Anfang des Leipziger Pelzhandels, der
- die Stadt einmal zu einem der größten Rauchwahren Umschlagplätze der Welt machen sollte. In dieser Aufbruchszeit wird 1481
- in Leipzig das erste [musik] Buch gedruckt. Ausgerechnet dieses Erstlingswerk ist eine glühende Kampfschrift gegen die Osmanen. Verfasst
- von einem Mönch, der später als einer der dreistesten Geschichtsfälscher seiner Zeit aufliegt. Leipzig ist beim Buchdruck spät dran, ein Nachzykler.
- Doch der Grundstein ist gelegt. Der Weg zur Buchstadt Europas hat begonnen. In dieselbe blühende Stadt zieht bald [musik] ein Streit ein, der Europa
- spalten wird und er kommt in Gestalt eines Mönchs. 1519 treffen im Schloss Pleißenburg zwei Männer aufeinander, deren Wortgefecht Europa spalten wird.
- Der Theologe Johannes Eck und ein noch wenig bekannter Augustiner Mönch namens Martin Luther. Wochenlang ringen sie vor Publikum um Papst, Konzil und Wahrheit.
- Und zum ersten Mal bestreitet Luther öffentlich, dass der Papst von Gott eingesetzt sei. 20 Jahre später zu Pfingsten 1539
- predigt derselbe Luther in der Leipziger Thomaskirche. [musik] Die Stadt wird protestantisch, doch der Glaubenskampf schlägt bald in Blut um. Der
- dreißigjährige Krieg zieht über Sachsen hinweg und 1631 stehen sich vor den Toren Leipzigs bei Breitenfeld zwei Heere gegenüber.
- [musik] Der gefürchtete kaiserliche Feldherrilli gegen den Schwedenkönig Gustav Adolf. Es ist der erste große Sieg der Protestanten in diesem Krieg.
- Für Leipzig aber beginnt eine Zeit des Leidens. Belagerungen, Hunger, Suchen. Jelange schwedische Besatzung. Die Besatzer bauen sogar die Messingteile
- der städtischen Wasserkunst aus und verschiffen sie fort. Zeitweise steht die Stadt ohne fließendes Wasser [musik] da. Die Einwohnerzahl bricht ein von
- rund 18 000 auf 12000. Jeder dritte Einwohner ist tot oder geflohen. Doch Leipzig steht wieder auf. Schneller
- und glänzender als je zuvor. Schon 1650, kaum ist der Krieg vorbei, erscheint in Leipzig etwas Neues auf der Welt. Eine Zeitung, die täglich herauskommt. Sie
- gilt als die erste Tageszeitung überhaupt. Die Stadt wird wieder reich, weltoffen, elegant. Um 1700 sitzt hier ein Bürgermeister namens Romanus, ein
- Mann mit Sinn fürs Moderne. Er lässt die Straßen zum ersten Mal mit Öllampen beleuchten, gräbt eine Kanalisation und richtet einen städtischen Senftendienst
- ein, eine frühe Form des Nahverkehrs. 12 Senften, feste Preise, strenge Regeln für die Träger. Draußen versinken die Gassen noch im Unrad, den man einfach
- aus dem Fenster kippt. Und mittendrin trägt man die feinen Herrschaften in Senften durch die Stadt. Oben Glanz, unten Schmutz. In diese Stadt kommt 1723
- ein Mann, der Leipzigsruf für immer [musik] prägt, Johann Sebastian Bach. 27 Jahre lang leitet er als Thomaskantor die Kirchenmusik der Stadt. [musik] Hier
- in der Thomaskirche erklingt zum ersten Mal die Matthäus Passion. Hier schreibt er das Weihnachtsoratorium. Woche für Woche muss er neue Musik
- liefern. Eine Kantate für jeden Sonntag, aufgeführt im Wechsel in den großen Kirchen der Stadt, gesungen von den Jungen der Thomasschule, die er zugleich
- unterrichtet. Und wenn er nicht in der Kirche ist, dirigiert er im Zimmermannchen Kaffeehaus weltliche Kantaten bei Kaffeeduft und Kerzenschein
- mitten unter den Bürgern. Musik ist in Leipzig kein höfischer Luxus. Sie gehört dem Marktplatz. Ein halbes Jahrhundert später sitzt in denselben Gassen ein
- junger Jura Student aus Frankfurt und langweilt sich bei den Vorlesungen Johann Wolfgang Göte und Leipzig entlockt ihm später einen seiner
- berühmtesten Verse. Mein Leipzig lob ich mir, es ist ein klein Paris, doch dieser Glanz hält nicht. Im Oktober 1813
- wird Leipzig zum Schlachtfeld des Kontinents. Napoleon, [musik] der Halbeuropa beherrscht, steht mit seinem Heer in Sachsen. Gegen ihn haben
- sich Russland, Preußen, Österreich und Schweden verbündet. Vom 16. bis 19. Oktober prallen vor den Toren der Stadt über eine halbe Million Soldaten
- aufeinander. Die größte Schlacht, die Europa vor dem ersten Weltkrieg je gesehen hat. Vier Tage lang donnern die Kanonen. Bei Paorfert eine britische
- Einheit eine damals völlig neue Waffe ab. Raketen, die zischend über das Feld fliegen und Panik auslösen. Mitten in der Schlacht laufen tausende
- sächsische Soldaten, die bis dahin für Napoleon kämpften, zu dessen Gegnern über. Am Ende liegen über 90.000 Tote und Verwundete auf den Feldern. Der
- sächsische König wird gefangen genommen und Napoleon muss fliehen. Von hier aus beginnt sein Untergang. Doch das eigentliche Grauen spielt sich erst nach
- der Schlacht ab, in der Stadt selbst. Leipzig quillt über von Verwundeten. In Kirchen und Schulen liegen die Männer dicht an dicht. Verbandsstoff gibt es
- kaum. Frauen sitzen beieinander und zupfen aus alten Leinentüchern, Faden für Faden, um die Wunden zu verbinden. Die Chirurgen sägen im Akkord Gliedmaßen
- ab ohne Betäubung. Die gibt es noch nicht. Und der heimliche Mörder ist nicht die Kugel, sondern die Laus. Das Fleckfieber, rafft verwundete Ärzte und
- Bürger gleichermaßen dahin. Ganze Dörfer im Umland liegen in Schutt und Asche. Noch Monate später sterben in Leipzig Menschen an dem, was die Schlacht in die
- Stadt getragen hat. Später wird man diese Tage zur Geburtsstunde der deutschen Nation verklären. Eine heroische Deutung, die freilich erst
- Jahrzehnte danach entsteht, ersonnen von einer Generation, die die Schlacht selbst nie erlebt hat. Und ein Jahrhundert später, 1913
- wird über diesen Gräbern das gewaltige Völkerschlachdenkmal eingeweiht. [musik] 91 m hoch. Ein steinerner Koloss, der bis heute über der Stadt aufragt.
- Nach dem Krieg von 1813 setzt Leipzig [musik] zu einem Sprung an, der die Stadt in die Moderne katapultiert. 1839
- rollt zwischen Leipzig und Dresden der erste Zug, die erste deutsche Ferneisenbahn. Eine Strecke über gut 100 km, die eine Tagesreise auf wenige
- Stunden schrumpfen lässt und Leipzig besinnt sich auf das Buch. Im grafischen Viertel drängen sich auf engstem Raum Druckereien, Schriftgießereien,
- Buchbindereien, Verlage. Die gesamte Herstellung eines Buches Tür an Tür. Es riecht nach Druckerschwärze und frischem Papier. Tag und Nacht rattern die
- Pressen und über die Straßen werden Bögen und Ballen von einer Werkstatt z nächsten gekart. Namen wie Reklam entstehen hier. Ab 1867
- macht der Verlag mit seinen schmalen gelben Bändchen die Klassiker für jeder Mann erschwinglich. Bildung für ein paar Pfennige. 1912 gründen die Buchhändler
- in Leipzig die deutsche Bücherei. Ein Archiv, das jedesprachige Buch sammeln soll. Rund 70.000 Leipziger leben vom Buch. Jeder zehnte in der Stadt.
- Zugleich blüht die Musik weiter. Am Gewandhaus dirigiert Felix Mendelsohn und gründet die erste Musikhochschule Deutschlands. Leipzig wird zur
- Großstadt, die viertgrößte des Kaiserreichs. Es scheint als kenne der Aufstieg keine Grenze. Doch das 20. Jahrhundert wird alles
- erschüttern. [räuspern] Unter den Nationalsozialisten wird aus der stolzen Handelstadt eine Stadt der
- Verfolgung. In der Pogromnacht 1938 brennt die große Synagoge an der Gottschädstraße. Ab 1942
- werden die Leipziger Juden deportiert und ermordet. In den Rüstungswerken der Stadt schuften zehntausende Zwangsarbeiter. Im größten Frauenlager
- der Region, einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, sind über 5000 Frauen eingesperrt. In der Nacht zum 4. Dezember 1943
- versinkt Leipzig unter den Bomben in einem Feuersturm. Über 1800 Menschen sterben. [räuspern] Das grafische Viertel brennt aus und mit den
- Verlagshäusern gehen, so schätzt man, Millionen Bücher in Flammen auf. Als amerikanische Truppen im April 1945 einrücken, ist die Innenstadt eine
- Ruinenlandschaft. Nach dem Krieg gehört Leipzig zur DDR und wird zu ihrem Schaufenster nach Westen. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und
- im Herbst, verwandelt die Leipziger Messe die graue Stadt [musik] für ein paar Tage zurück in eine Weltstadt. Westautos auf den Straßen, fremde
- Sprachen, das doppelte M der Mustermesse an jeder Ecke. Dann reisen die Gäste ab und der Alltag kehrt zurück, denn hinter den Fassaden zerfällt die Stadt.
- Grußgeschwärzte Häuser, verfallende Altbauten, die Luft schwer von Braunkohle. 1968 sprengt das Regime sogar die alte
- Universitätskirche mitten im Zentrum. [musik] Eine Wunde, die viele nie vergessen. Und dann in genau dieser müden grauen Stadt
- [musik] geschieht das Unerhörte. [räuspern] Seit 1982 versammeln sich montags in der
- Nikolleikirche Menschen zum Friedensgebet. Erst sind es wenige, eine Handvoll, die für Frieden und Ausreise betet. Wer
- herkommt, riskiert Studienplatz, Arbeit, Freiheit. Vor der Tür notiert die Staatssicherheit jedes Gesicht. Und doch füllt sich die Kirche im Herbst 1989,
- Woche für Woche, bis die Menschen auf den Vorplatz drängen und der Protest nach draußen auf die Straße schwappt. Am 9. Oktober 1989
- strömen nach dem Gebettausende auf den Innenstadtring. Nach den vorsichtigsten Schätzungen 70.000, womöglich weit über 100.000. Ihnen
- gegenüber stehen 8000 bewaffnete Sicherheitskräfte. In den Krankenhäusern liegen Blutkonserven bereit. Alle rechnen mit einem Blutbad wie kurz zuvor
- in Peking. Die Menschen tragen Kerzen. Eine Hand muss die Flamme schützen, die andere das Wachs halten. [räuspern] So kann keine einen Stein werfen. Und sie
- rufen nur zwei Sätze: Keine Gewalt [musik] und wir sind das Volk. Dann geschieht das entscheidende. Nichts, kein Schuss fällt. Die Sicherheitskräfte
- ziehen sich zurück. An diesem Abend verliert die Diktatur ihre Angstmacht und einen Monat später fällt die Mauer. Heute ist Leipzig wieder eine der am
- schnellsten wachsenden Städte Deutschlands. Über 600.000 Einwohner, Autowerke am Stadtrand, Galerien in den alten Baumwollspinnereien,
- junge Menschen aus aller Welt, die die Stadt ihre Boomtown nennen. Aus der kleinen Sumpfburg am Kreuz zweier Handelstraßen ist eine Weltstadt
- geworden, geformt von Handel, Musik und Mut. Eine Stadt, die einmal an einem einzigen Montagabend mit nichts als Kerzen in der Hand die Welt veränderte.
- Yeah.
Zum Nachlesen
Geschichte der Stadt Frankfurt (Oder)Der Fliegerhorst bestand am Ende des Ersten Weltkrieges aus einer Flugzeugwerft, zehn Flugzeughallen, einem Fahrzeugschuppen und einem Kriegsdepot, zusammen ein …
Geschichte der Stadt CoburgDie Geschichte der Stadt Coburg umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Coburg von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart.
Geschichte der Stadt WürzburgDie Geschichte der Stadt Würzburg beginnt urkundlich belegbar 704, als Castellum Virteburch. Im Mittelalter wurde die Stadt ein wirtschaftliches, …