Biologie · Klasse 9–13 · aktualisiert
Artkonzepte vergleichen und sicher anwenden
Drei Artkonzepte nutzen Gestalt, Fortpflanzung oder Abstammung. Du lernst, je nach Daten das passende Kriterium und seine Grenze zu wählen.
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Kurz gesagt
Artkonzepte sind verschiedene Regeln zur Abgrenzung von Arten: Das morphologische nutzt Gestaltmerkmale, das biologische Fortpflanzung und Genfluss, das phylogenetische die Abstammung. Bei Fossilien hilft oft die Gestalt; eine Fortpflanzungsgemeinschaft lässt sich daran allein nicht prüfen.
Ob zwei Gruppen zu einer Art gehören, hängt von den verfügbaren Daten und dem verwendeten Kriterium ab. Das morphologische Konzept betrachtet Gestalt, das biologische Fortpflanzung und das phylogenetische Abstammung. Jedes beantwortet eine andere Frage und hat Grenzfälle.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Eine Art ist eine Einheit der biologischen Einteilung. Ein Artkonzept legt fest, nach welchem Kriterium Organismen zu einer Art gehören. Eine einzige Regel passt nicht zu allen Lebewesen: Individuen derselben Art können verschieden aussehen, während verschiedene Arten einander ähneln. Ungeschlechtliche Fortpflanzung und Fossilien erschweren den Vergleich über Kreuzungen. Auch Hybride und unterschiedliche Stammbäume können Grenzen unscharf machen.
Das morphologische Artkonzept vergleicht festgelegte, unterscheidende Merkmale des Körperbaus. Solche diagnostischen Merkmale können etwa die Form von Organen sein. Organismen, die in den festgelegten wesentlichen Merkmalen übereinstimmen, werden so einer morphologischen Art zugeordnet. Bei Fossilien und Bestimmungsschlüsseln ist das besonders nützlich, wenn keine Fortpflanzungsdaten vorliegen. Seine Grenze ist die phänotypische Variabilität: Erbanlagen und Umwelt beeinflussen das beobachtbare Aussehen. Raupe, Puppe und Schmetterling derselben Art sehen verschieden aus. Auch Jungtiere und erwachsene Tiere können sich unterscheiden. Unterscheiden sich Männchen und Weibchen im Aussehen, heißt das Sexualdimorphismus. Umgekehrt können ähnlich aussehende Zwillingsarten durch Fortpflanzungsbarrieren getrennt sein. Ähnliche Umweltbedingungen können bei verschiedenen Arten ebenfalls eine ähnliche Gestalt begünstigen.
Definition
Artkonzept
Ein Artkonzept ist eine Regel, nach der Forschende Organismen zu Arten zusammenfassen und von anderen Arten abgrenzen.
Merke: Frage bei einer Artbestimmung nach dem verwendeten Kriterium und den verfügbaren Daten.
Beispiel: Ähnliche Laubfrösche
- 1Hyla versicolor und Hyla chrysoscelis sehen einander sehr ähnlich.
- 2Ihre Paarungsrufe und Chromosomensätze unterscheiden sich. Chromosomen tragen die DNA; ein Chromosomensatz ist eine vollständige Ausstattung mit Chromosomen.
- 3Allein anhand ihrer äußeren Gestalt könnten die zwei Arten fälschlich zusammengefasst werden.
Teste dich
Eine Population umfasst Angehörige derselben Art, die zur gleichen Zeit in einem Gebiet leben. Das biologische Artkonzept fragt, ob natürliche Populationen sich tatsächlich oder potenziell miteinander fortpflanzen und lebensfähige, fruchtbare Nachkommen bekommen können. Fruchtbar heißt: Die Nachkommen können selbst Nachkommen haben. Es beurteilt die Fortpflanzungsgemeinschaft, nicht die Fruchtbarkeit jedes einzelnen Tiers. Genfluss ist der Austausch erblicher Varianten durch Fortpflanzung; der Genpool umfasst diese Varianten in einer Population oder Fortpflanzungsgemeinschaft. Gegenüber anderen Arten begrenzen biologische Fortpflanzungsbarrieren den Genfluss.
Bei Fossilien, ausschließlich ungeschlechtlich reproduzierenden Organismen und kaum untersuchten Populationen fehlt das nötige Fortpflanzungswissen. Räumlich getrennte Populationen treffen sich in der Natur nicht; diese Trennung beweist für sich keine biologische Barriere. Gelegentlich fruchtbare Hybride lassen eine Artgrenze durchlässig werden. Ob eine Grenze trotz solcher Kreuzungen sinnvoll bleibt, hängt auch von gewöhnlichen Barrieren und der Häufigkeit des Genflusses ab.
Bei Schaufelfußkröten wählen Weibchen von Spea bombifrons unter bestimmten Bedingungen Männchen von S. multiplicata. Hybride Kaulquappen entwickeln sich in flachen, rasch austrocknenden Tümpeln schneller als reine S. bombifrons-Kaulquappen und können dadurch einen Überlebensvorteil haben. Männliche Hybride sind steril; weibliche sind fortpflanzungsfähig, aber weniger fruchtbar als Weibchen der Elternarten. So ist begrenzter Genfluss trotz Barrieren möglich.
Definition
Reproduktive Isolation
Reproduktive Isolation bedeutet, dass biologische Barrieren den Genfluss zwischen Gruppen einschränken oder verhindern. Paarungsrufe können nicht zusammenpassen, die Befruchtung kann scheitern oder Nachkommen können nicht lebensfähig beziehungsweise unfruchtbar sein. Räumliche Trennung allein ist keine solche Barriere.
Beispiel: Pferd und Esel
- 1Pferd und Esel können gemeinsame Nachkommen haben.
- 2Maultiere und Maulesel sind in der Regel unfruchtbar.
- 3Deshalb ist der Genfluss zwischen den Elternarten stark begrenzt; das biologische Konzept ordnet sie verschiedenen Arten zu.
Teste dich
Phylogenie ist die Abstammungsgeschichte. Phylogenetische Artkonzepte prüfen, ob sich Gruppen als eigene Abstammungslinien unterscheiden lassen. Eine merkmalsbezogene Variante sucht die kleinste Gruppe gemeinsamer Herkunft, die durch vererbbare Merkmale von anderen Gruppen unterscheidbar ist. Dazu können Gestaltmerkmale und DNA-Daten dienen; ein Unterschied zwischen zwei Einzelwesen genügt nicht.
Eine andere Variante, die mit Willi Hennig verbunden ist, betrachtet eine Art als Linienabschnitt zwischen Aufspaltungen. Er beginnt mit einer Aufspaltung und endet mit Aussterben oder einer weiteren Aufspaltung. Eine bloße Veränderung innerhalb der Linie schafft nach dieser Variante keine neue Art. In Aufgaben muss deshalb klar sein, welche Variante gemeint ist.
Auch ein Stammbaum ist eine Rekonstruktion. Merkmale verändern sich unterschiedlich schnell; verschiedene DNA-Abschnitte können verschiedene Beziehungen nahelegen. Durch Hybridisierung können Erbanlagen zwischen Linien fließen, sodass ein Netzwerk mitunter besser passt als ein reiner Verzweigungsbaum. Einzelne Unterschiede in einem DNA-Abschnitt legen allein keine Artgrenze fest. Die Auswahl und Auswertung der Daten bleibt entscheidend.
Definition
Phylogenetische Art
In einer merkmalsbezogenen Variante ist eine phylogenetische Art die kleinste durch vererbbare Merkmale unterscheidbare Gruppe gemeinsamer Abstammung. Entscheidend sind Gruppen und ihre Beziehungen, nicht einzelne Unterschiede zwischen zwei Individuen.
Beispiel: Zwei DNA-Abschnitte
- 1Zwei untersuchte Populationen erscheinen in einem Stammbaum als getrennte Zweige.
- 2Ein weiterer DNA-Abschnitt legt eine andere Verzweigung nahe.
- 3Die Artgrenze muss mit zusätzlichen Daten geprüft werden; ein einzelner Abschnitt entscheidet sie nicht.
Teste dich
Kläre zuerst die Frage: Geht es um Bestimmung, Fortpflanzung oder Abstammung? Prüfe dann, ob Gestaltmerkmale, Kreuzungsbeobachtungen, DNA-Daten oder Fossilien vorliegen. Wähle ein dazu passendes Konzept und nenne dessen Kriterium, den Befund und eine Grenze der Aussage. Keine Methode ist für alle Fälle die beste.
Fiktiver Übungsfall: Zwei Froschgruppen leben am selben Teich und sehen fast gleich aus. Weibchen reagieren nur auf die Paarungsrufe der eigenen Gruppe; in langjährigen Beobachtungen wurden keine Kreuzungen festgestellt. Das biologische Konzept liefert Hinweise auf eine Verhaltensbarriere und damit getrennte Arten. Das Aussehen allein ließe die Grenze nicht erkennen. Die Beobachtungen schließen seltenen Genfluss jedoch nicht sicher aus; weitere Beobachtungen und genetische Daten könnten die Einschätzung prüfen.
| Konzept | Nützliche Daten | Typische Grenze |
|---|---|---|
| morphologisch | Gestalt, besonders bei Fossilien | Variation, Jungstadien, Zwillingsarten |
| biologisch | Fortpflanzung und Genfluss lebender Populationen | Fossilien, ungeschlechtliche Vermehrung, Hybride |
| phylogenetisch | vererbbare Merkmale und Abstammungsdaten | widersprüchliche Marker, Hybridisierung |
Beispiel: Fossilien einordnen
- 1Fiktiver Fall: Zwei verschieden geformte Fossilien stammen aus derselben Gesteinsschicht. Hier sind nur Gestaltmerkmale bekannt; auswertbare DNA fehlt.
- 2Die Frage ist, ob es zwei Arten sein könnten. Fortpflanzung lässt sich nicht beobachten.
- 3Das morphologische Konzept ist die praktikable Wahl: Vergleiche festgelegte, unterscheidende Merkmale.
- 4Die Deutung bleibt offen: Die Unterschiede könnten auch Geschlecht, Entwicklungsstadium oder Variation einer Art widerspiegeln. Mehr Fossilien zeigen die Variationsbreite besser, beseitigen diese Unsicherheit aber nicht vollständig.
Merke: Eine begründete Entscheidung nennt Konzept, Kriterium, Befund und Grenze.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Artkonzepte
Morphologisch
diagnostische Merkmale vergleichen: Grenze: Variation und Zwillingsarten
Biologisch
Genfluss und reproduktive Isolation prüfen: Grenze: Fossilien, ungeschlechtliche Fortpflanzung und Hybride
Phylogenetisch
Abstammungslinien rekonstruieren: Grenze: widersprüchliche Daten und Hybridisierung
Anwendung
Frage und Daten prüfen: Ergebnis mit Kriterium und Grenze begründen
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Eine unbekannte Gruppe einordnen
- 1Fiktiver Fall: Eine untersuchte Gruppe vermehrt sich ausschließlich ungeschlechtlich. Mehrere vererbbare Merkmale unterscheiden sie von einer Vergleichsgruppe.
- 2Frage: Welches Artkonzept kann mit diesen Daten geprüft werden?
- 3Das biologische Konzept hilft hier nicht: Sein Kreuzungskriterium ist nicht anwendbar.
- 4Eine merkmalsbezogene phylogenetische Einordnung ist möglich. Prüfe gemeinsame Abstammung und stabile Gruppenunterschiede mit weiteren Daten.
- 5Grenze: Die genannten Merkmale allein belegen noch keine eindeutige Artgrenze.
Fehler finden
Zwei getrennte Populationen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Richtig: Die räumliche Trennung zeigt nur, dass die Populationen sich derzeit nicht begegnen; sie beweist keine biologische Fortpflanzungsbarriere.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Bei Fossilien hilft häufig das Artkonzept. Austausch von Erbanlagen zwischen Populationen heißt . Eine Trennung durch Fortpflanzungsbarrieren nennt man .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
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