Biologie · Klasse 12–13 · aktualisiert
Phylogenetischer Stammbaum: richtig lesen
Lies Verzweigungen statt Abstände im Bild: Knoten, gemeinsame Vorfahren und Merkmale helfen dir, Verwandtschaftshypothesen zu prüfen.
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Kurz gesagt
Ein phylogenetischer Stammbaum ist eine überprüfbare Hypothese über Abstammung. Die Wurzel zeigt zur älteren Vergangenheit; an Knoten trennen sich Linien. Zwei Gruppen sind näher verwandt, wenn ihr jüngster gemeinsamer Vorfahr im Baum jünger ist als ihr jeweiliger gemeinsamer Vorfahr mit einer dritten Gruppe.
Ein Stammbaum ordnet Linien nach gemeinsamer Abstammung. Für die Verwandtschaft zählen die Knoten und ihre Reihenfolge, nicht die Nähe der Namen auf dem Blatt. Du liest die Zeitrichtung, prüfst gemeinsame abgeleitete Merkmale und bewertest die Grenzen einer Baumhypothese.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Ein Stammbaum zeigt Entwicklungslinien als Äste und Verzweigungen als Knoten. Prüfe zuerst die Zeitrichtung: Die Wurzel weist zur älteren Vergangenheit, die Spitzen zur jüngeren Zeit oder Gegenwart. Heute lebende Arten stehen meist an den Spitzen; zwei solche Arten stammen nicht unmittelbar voneinander ab. Sie teilen einen Vorfahren.
Um zwei Gruppen zu vergleichen, suche ihre Spitzen und folge beiden Ästen zur Wurzel zurück. Der erste Knoten, an dem ihre Wege zusammentreffen, steht für ihren jüngsten gemeinsamen Vorfahren. Vergleiche dessen Lage in der Verzweigungsfolge mit dem Knoten einer dritten Gruppe. Zwei Linien, die unmittelbar aus demselben Knoten hervorgehen, heißen Schwestergruppen; bei einzelnen Arten auch Schwesterarten. In einem Katzenstammbaum können Kanadaluchs und Rotluchs einen jüngeren gemeinsamen Vorfahren teilen als mit anderen dort gezeigten Katzen. Dann sind sie in diesem Baum Schwesterarten.
Die grafische Reihenfolge der Spitzen ist kein Verwandtschaftsmaß. Du kannst Äste an einem Knoten drehen, ohne die Verzweigungsfolge zu ändern; auch Kanadaluchs und Rotluchs bleiben nach einer solchen Drehung Schwesterarten. Das Weglassen einer dargestellten Gruppe ändert die Beziehungen der übrigen nicht von selbst. Astlängen sind nur dann als Zeit oder Veränderung lesbar, wenn der Baum sie entsprechend kennzeichnet.
Definition
Knoten
Ein Knoten ist ein Verzweigungspunkt und stellt den gemeinsamen Vorfahren der von ihm ausgehenden Linien dar.
Beispiel: Drei beschriftete Linien
- 1Ein schematischer Baum zeigt A, B und C. Am älteren Knoten K1 trennt sich A von der Linie, die später B und C hervorbringt.
- 2Am jüngeren Knoten K2 trennen sich B und C.
- 3B und C teilen mit K2 einen jüngeren Vorfahren als B und A mit K1. Daher sind B und C in diesem Baum enger verwandt.
Merke: Lies die Folge der Knoten. Der Abstand zwischen Namen auf dem Blatt zeigt keine Verwandtschaft an.
Teste dich
Äußere Ähnlichkeit allein reicht für eine Verwandtschaftsgruppe nicht aus. Ein ursprüngliches Merkmal war schon bei einem älteren Vorfahren vorhanden; es grenzt die untersuchte Teilgruppe für sich nicht ab. Ein abgeleitetes Merkmal entstand gegenüber diesem Zustand neu. Teilen mehrere Gruppen denselben abgeleiteten Zustand, kann er als Synapomorphie ihre gemeinsame Abstammung stützen. Eine monophyletische Gruppe umfasst einen gemeinsamen Vorfahren und alle seine Nachkommen.
Ob ein Zustand ursprünglich oder abgeleitet ist, hängt vom Vergleich ab. Beim Außengruppenvergleich wird eine entfernter verwandte Gruppe herangezogen, um die Merkmalszustände einzuordnen. In einer Merkmalsmatrix werden Mensch, Zauneidechse, Nilkrokodil und Storch mit dem Feuersalamander als Außengruppe verglichen. In dieser Auswahl fehlt bei den vier Erstgenannten ein aquatisches Larvenstadium; beim Feuersalamander ist es vorhanden. Der Wegfall wird hier als gemeinsames abgeleitetes Merkmal behandelt. Ein Voraugenloch war bei frühen Archosauriern vorhanden. Bei heutigen Krokodilen ist es äußerlich geschlossen, bei Vögeln blieb die Öffnung erhalten. Ein gemeinsamer abgeleiteter Zustand kann also in einer späteren Linie wieder verändert werden. Federn kennzeichnen in dieser Auswahl nur die Linie des Storchs. Entscheidend sind die Auswahl der Gruppen und die geprüften Merkmale.
Definition
Ursprüngliches Merkmal
Ein ursprüngliches Merkmal bestand schon vor der untersuchten Teilgruppe und kommt auch außerhalb von ihr vor. Für sich belegt es keine besonders enge Verwandtschaft innerhalb der Teilgruppe.
Beispiel: Merkmale in einer Matrix
- 1Mensch, Zauneidechse, Nilkrokodil und Storch werden mit Feuersalamander als Außengruppe verglichen.
- 2Das aquatische Larvenstadium fehlt bei den vier untersuchten Gruppen, ist bei der Außengruppe aber vorhanden. In diesem Vergleich gilt sein Wegfall als abgeleitet.
- 3Ein Voraugenloch war bei frühen Archosauriern vorhanden, bei heutigen Krokodilen ist es äußerlich geschlossen. Auch spätere Veränderungen müssen bei der Merkmalsdeutung berücksichtigt werden.
Merke: Frage beim Verwandtschaftsbeleg, ob der geteilte Zustand für genau diese untersuchte Gruppe abgeleitet ist.
Teste dich
Eine Baumhypothese entsteht aus ausgewählten Daten. Forschende vergleichen etwa Knochenmerkmale, Basenfolgen bestimmter Gene oder Aminosäurefolgen von Proteinen. Für eine vereinfachte kladistische Auswertung trägst du Gruppen und Merkmalszustände in eine Matrix ein. Mit einer Außengruppe schätzt du ursprüngliche und abgeleitete Zustände ein. Suche dann gemeinsame abgeleitete Merkmale und ordne damit Schwestergruppen sowie ineinander liegende monophyletische Gruppen. Prüfe schließlich, was zusätzliche Merkmale oder Gruppen an der Hypothese ändern.
Molekulare Vergleiche ausgewählter Gene oder Proteine können Hinweise auf Verwandtschaft und die relative Abfolge gemeinsamer Vorfahren geben. Ein Ergebnis betrifft zunächst die untersuchten Sequenzen. Bei widersprüchlichen Stammbäumen prüfst du weitere Gene, Merkmale und Verfahren. Jede Rekonstruktion hängt von Taxa, Daten und Methode ab; zusätzliche Belege können sie bestätigen, genauer auflösen oder verändern.
Beispiel: Mehr Gruppen im Datensatz
- 1Eine erste Analyse enthält wenige Katzenarten und zeigt nur grobe Verzweigungen.
- 2Mit weiteren lebenden oder fossilen Arten entstehen zusätzliche Knoten.
- 3Die neue Analyse kann bisher grob dargestellte Beziehungen genauer auflösen; beide Darstellungen sind anhand ihrer Daten zu prüfen.
Beispiel: Kladistische Prüfung
- 1Trage Taxa und Merkmalszustände in eine Matrix ein.
- 2Vergleiche sie mit einer Außengruppe und ordne Zustände als ursprünglich oder abgeleitet ein.
- 3Suche gemeinsame abgeleitete Zustände und begründe damit Gruppen im Baum.
- 4Prüfe, ob weitere Taxa oder Merkmale die Hypothese stützen oder verändern.
Teste dich
Ein Stammbaum enthält ausgewählte Informationen. Fehlt auf einem Ast eine Markierung für Merkmalsänderung, folgt daraus keine fehlende Evolution. Die Position einer Markierung zeigt meist nur eine Veränderung zwischen benachbarten Knoten und keinen genauen Zeitpunkt.
Eine Polytomie ist eine Verzweigung mit mehr als zwei Ästen. Sie kann eine noch nicht aufgelöste Beziehung anzeigen; sie beweist keine exakt gleichzeitige Aufspaltung. Ebenso ist der Baum keine Leiter zu einer „höheren“ heutigen Art. Alle heute lebenden Linien haben bis zur Gegenwart Evolution durchlaufen. Ein Pferdestammbaum kann wie eine gerade Linie zum heutigen Pferd erscheinen, wenn ausgestorbene Seitenzweige fehlen oder wenig auffallen. Die Geschichte bleibt verzweigt und ohne vorgegebenes Ziel.
Beispiel: Lücken in einem Pferdestammbaum
- 1Eine Zeichnung hebt eine Linie zum heutigen Pferd hervor und lässt mehrere ausgestorbene Seitenzweige weg.
- 2Dadurch kann die Entwicklung wie eine gerade Reihe erscheinen.
- 3Die Auswahl der gezeigten Linien belegt weder eine gerade Ahnenkette noch ein Evolutionsziel.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Phylogenetischer Stammbaum
Lesen
Zeitrichtung, Wurzel, Äste und Knoten bestimmen
Verwandtschaft
jüngsten gemeinsamen Vorfahren vergleichen
Merkmale
ursprüngliche und abgeleitete Zustände unterscheiden
Rekonstruktion
morphologische oder molekulare Daten auswerten
Aussagekraft
Taxa, Daten und Methode beachten
Unsicherheit
Polytomien und alternative Hypothesen erkennen
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Einen Knotenvergleich auswerten
- 1Ein schematischer Baum zeigt die lebenden Arten D, E und F. D und E trennen sich am Knoten K3; ihre Linie trifft F erst am älteren Knoten K2.
- 2Verfolge die Äste von D und E rückwärts: Ihr erster gemeinsamer Knoten ist K3.
- 3Für D und F treffen die Wege schon am älteren Knoten K2 zusammen.
- 4D ist in diesem Baum enger mit E als mit F verwandt. Die Reihenfolge der Namen auf der Seite wäre dafür unerheblich.
Fehler finden
Drei Gruppen im Baum lesen In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Richtig: P und R sind in diesem Baum enger verwandt, weil sie mit K2 den jüngeren gemeinsamen Vorfahren teilen; grafische Nachbarschaft zählt nicht.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Ein Verzweigungspunkt heißt . Zwei unmittelbar aus ihm hervorgehende Gruppen sind . Eine nicht aufgelöste Mehrfachverzweigung heißt .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback