Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Zehnfingersystem

Maschinschreiben (österreichisches Hochdeutsch) bzw. Computerschreiben, also zur Texteingabe mittels Tastatur, verwendet und gelehrt wird. Die praktische …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundprinzip
  2. 2. Entstehung und Unterricht
  3. 3. Nutzen und Abgrenzung
  4. 4. Geschwindigkeit und Wettbewerbe
  5. 5. Tastenbelegung und Bedienung
  6. 6. Varianten und Weiterentwicklungen

Begriff und Grundprinzip

Das Zehnfingersystem, auch 10-Finger-System, ist die am weitesten verbreitete Methode für rationelles Maschinenschreiben beziehungsweise Computerschreiben, also für Texteingabe mit einer Tastatur. Die praktische Anwendung heißt auch Blindschreiben, Tastschreiben, Tastaturschreiben, Zehn-Finger-Schreiben oder Zehn-Finger-Tastschreiben.

Beim Tastschreiben ist jedem der acht Schreibfinger ein bestimmter Bereich auf der Tastatur zugeordnet. Die Daumen liegen beziehungsweise schweben über der Leertaste. Der Blick bleibt beim Schreiben auf der Vorlage, also auf dem Bildschirm oder Papier. Die Finger sollen die richtigen Tasten „blind“ finden. Die Grundstellung liegt in der mittleren Buchstabenreihe. Die Bewegungen zu den einzelnen Tasten heißen Griffwege. Sie werden durch Übung und motorisches Lernen nach und nach automatisiert, also als implizites Wissen erworben.

Die Bezeichnung „Tastschreiben“ ist eigentlich ungenau, weil die Schreibenden die Tasten nicht ertasten. Eine Ausnahme sind die Orientierungstasten: Bei der in Europa üblichen Standardtastenbelegung haben die Tasten F und J kleine Erhebungen, damit die Zeigefinger die Grundposition finden können.

Entstehung und Unterricht

Nach der Erfindung der Schreibmaschine wurde zunächst meist mit nur zwei Fingern getippt. Die erste Veröffentlichung zu einem Zehnfingersystem stammt aus dem Jahr 1882: Mrs. Longley unterrichtete in Cincinnati Tastschreiben und beschrieb die „All Finger Method“ in ihrem Buch Remington Typewriter Lessons. Frank E. McGurrin verwendete seit 1878 ebenfalls Tastschreiben. Er konnte blind mit zehn Fingern auf der Remington Model 1 schreiben und gewann ein beachtetes Schnellschreibduell gegen Louis Taub, der nur vier Finger verwendete.

Die QWERTY-Buchstabenanordnung, die der deutschen QWERTZ-Tastatur sehr ähnlich ist, geht ebenfalls auf die Remington Model 1 zurück. Sie wurde aber nicht speziell für Tastschreiben optimiert. Deshalb entstanden später Vorschläge für andere Belegungen, die höhere Schreibgeschwindigkeiten ermöglichen sollten, zum Beispiel die Dvorak-Tastatur aus den frühen 1930er-Jahren. Keine dieser Alternativen setzte sich allgemein gegen QWERTY beziehungsweise QWERTZ durch.

Unterricht im Tastschreiben gibt es im beruflichen Bereich und teilweise auch in allgemeinbildenden Schulen, zum Beispiel an bayerischen Mittelschulen, Realschulen und Wirtschaftsschulen. Auch für Grundschüler gibt es Kurse und Arbeitsgemeinschaften. Als ergonomisch sinnvoll und gesundheitsschonend gilt, Kinder ab etwa 9 Jahren, also zu Beginn intensiverer Computernutzung, an eine korrekte Tastaturbeherrschung heranzuführen. Erlernt werden kann das System außerdem an Volkshochschulen, in Vereinen oder mit Software. Teilweise wird auch Mnemotechnik eingesetzt: Dabei sollen Wort- und Bildverknüpfungen helfen, sich die Lage der Tasten schneller und dauerhafter zu merken; zusätzlich werden teils Entspannungstechniken genutzt.

Nutzen und Abgrenzung

Gegenüber einer unsystematischen Schreibtechnik kann das Zehnfingersystem die Schreibgeschwindigkeit erhöhen und eine ergonomisch günstigere Eingabe ermöglichen. Ein wichtiger Vorteil ist, dass man beim Schreiben den Monitor oder beim Abschreiben die Vorlage im Blick behalten kann, statt ständig zwischen Tastatur und Text hin- und herzuschauen. Eine weitere Effizienzsteigerung kann durch Tastenkombinationen entstehen, weil dann bei der Programmbedienung weniger zwischen Maus und Tastatur gewechselt werden muss.

Neuere Studien legen laut Artikel allerdings nahe, dass die Überlegenheit des Zehnfingersystems gegenüber anderen systematischen, individuell entwickelten Techniken bei der reinen Schreibgeschwindigkeit geringer sein kann als oft angenommen. Wenn Alter und Erfahrung berücksichtigt wurden, seien keine relevanten Unterschiede in der Schreibgeschwindigkeit zwischen Nutzern eigener Systeme und Nutzern des Zehnfingersystems oder abhängig von der Anzahl der Finger festzustellen gewesen. Der Nutzen des Zehnfingerschreibens liegt aber nicht nur in möglicher Geschwindigkeit, sondern auch in geringerer Belastung und der Vermeidung gesundheitlicher Beeinträchtigungen.

Das gegenteilige Extrem wird umgangssprachlich Adlersystem oder Adlersuchsystem genannt: Dabei kreisen die Finger ungeübter Schreiber über der Tastatur, bis sie die passende Taste gefunden haben. Blindschreiben und Zehnfingerschreiben sind außerdem nicht immer dasselbe. Es gab und gibt spezialisierte Blindschreibsysteme etwa für Einhandbedienung von Ziffernblocktastaturen, Taschenrechnern, Handytastaturen, Stenografiermaschinen oder Einhandtastaturen für Grafikprogramme und Grafiktabletts.

Geschwindigkeit und Wettbewerbe

Die erreichbare Schreibgeschwindigkeit hängt von Trainingszeit und persönlicher Fähigkeit ab. Geübte Zehnfingerschreiber erreichen in einem 10-Minuten-Test etwa 200 bis 400 Anschläge pro Minute. Auf internationalen Wettbewerben werden derzeit bis zu 900 Anschläge pro Minute erreicht. Dabei zählt auch das Anschlagen der Umschalttaste und jeder anderen Taste mit, zum Beispiel Akzente bei französischen Texten. Bei Weltmeisterschaften werden die Texte seit einiger Zeit in „Zeichen/min“ ausgezählt.

Im Training können Spitzenschreiber mehr als 1200 Anschläge pro Minute erreichen. Trotzdem liegt ihre Datenerfassungsrate deutlich unter der mit Stenografie erreichbaren Rate. Beim Bundesjugendschreiben, einem jährlich durchgeführten Schreibwettbewerb der Bundesjugend für Computer, Kurzschrift und Medien, können auch körperlich Behinderte teilnehmen. Weltmeisterschaften finden alle zwei Jahre statt und werden von der Intersteno, der Internationalen Föderation für Informationsverarbeitung, ausgerichtet.

Tastenbelegung und Bedienung

Bei einer deutschen Tastatur liegt die Grundhaltung links auf A, S, D, F und rechts auf J, K, L, Ö. Die Tasten F und J haben auf fast jeder neueren Tastatur eine kleine Erhebung als Fühlpunkt, damit die Zeigefinger die Grundposition finden können. Bei frühen Apple-Geräten wie dem Apple II lagen solche Tasthilfen auf D und K.

In der deutschen Zuordnung bedient der kleine Finger links unter anderem Q, A, Y, <, 1, 2, ^ und die linke Umschalttaste; der Ringfinger links W, S, X und 3; der Mittelfinger links E, D, C und 4; der linke Zeigefinger R, F, V, T, G, B, 5 und 6. Rechts bedient der Zeigefinger Z, H, N, U, J, M, 7 und 8; der Mittelfinger I, K, Komma und 9; der Ringfinger O, L, Punkt und 0; der kleine Finger P, Ö, -, Ü, Ä, ß, ´, +, # und die rechte Umschalttaste. Beide Daumen können die Leertaste bedienen.

Tasten wie Steuerung, Alt, Alt Gr, Windows, Menu beziehungsweise command/alt auf Apple-Tastaturen gehörten ursprünglich nicht zum Zehnfingersystem, weil sie auf Schreibmaschinen nicht vorkamen und für reine Texteingabe nicht wesentlich sind. Die Steuerung-Taste lässt sich am bequemsten mit dem kleinen Finger bedienen. Die Alt-Tasten sind auf neueren Windows-PC-Tastaturen mit den Daumen gut erreichbar. Die Umschalttaste wird immer mit der Hand gedrückt, die gerade keine Zeichentaste bedient.

Varianten und Weiterentwicklungen

In einigen Ländern, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, wird das Zehnfingersystem etwas anders gelehrt. Der Unterschied betrifft vor allem die obere Tastenreihe: Links bedient der kleine Finger die linke Randtaste und 1, der Ringfinger 2, der Mittelfinger 3 und der Zeigefinger 4 und 5. Rechts bedienen der Zeigefinger 6 und 7, der Mittelfinger 8, der Ringfinger 9 und der kleine Finger 0 sowie die weiteren rechten Tasten. Eine weitere Variante nutzt dieses System nur auf der rechten Seite, beginnend mit Zeigefinger auf 7, während links die Basisvariante bleibt. Solche Varianten spielen besonders bei Tastaturen eine Rolle, deren obere Reihe versetzt ist, sowie bei ergonomischen Tastaturen mit geteiltem Tastenfeld.

Die normale QWERTZ-Belegung wird teilweise als unergonomisch kritisiert. Ein Grund ist, dass die rechte Hand in der Ruheposition auf Tasten für statistisch seltene Buchstaben liegt: J kommt nur mit 0,27 % Häufigkeit vor, während häufige Buchstaben wie E mit 17,4 % und N mit 9,8 % ungünstigere Positionen haben. Alternative Tastaturbelegungen sind trotzdem wenig verbreitet. Bekannt sind besonders das Dvorak-Tastaturlayout und das auf die deutsche Sprache optimierte Neo-Tastaturlayout.

Zur Steigerung der Datenerfassungsrate gibt es außerdem Kürzungssysteme. Dabei werden Abkürzungen für bestimmte Wörter eingegeben und vom Textverarbeitungssystem in Echtzeit in die Langform umgewandelt, ähnlich wie bei Autokorrektur. Dadurch kann die reale Zahl der Anschläge niedriger sein als die nominale Leistung. Der Artikel weist darauf hin, dass der Abschnitt zu Kürzungssystemen nicht ausreichend belegt ist. In Deutschland wird eine standardisierte Kürzelliste für häufige Wörter seit 2004 ausführlicher diskutiert; eine erste Veröffentlichung dazu erschien 1995 von Alfred Waize unter dem Titel „Computer-Kurzschrift“.

Weiterlesen