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Wohlstand ohne Wachstum
Wohlstand ohne Wachstum (engl. Prosperity Without Growth) ist der Titel eines Bestsellers des Wirtschaftswissenschaftlers Tim Jackson.
Inhalt6 Abschnitte
Thema und Leitfrage
„Wohlstand ohne Wachstum“ ist ein Bestseller des Wirtschaftswissenschaftlers Tim Jackson. Das Werk untersucht die Frage, ob gesellschaftlicher Wohlstand auch ohne dauerhaftes Wirtschaftswachstum möglich ist. Die englische Originalversion erschien 2009 zunächst als Bericht der Sustainable Development Commission und 2011 als Buch; die deutschen Übersetzungen folgten 2013. Für die zweite Auflage von 2017 wurden alle Kapitel umfangreich aktualisiert und die Argumentation verfeinert, weshalb sie den Untertitel „das Update“ trägt.
Jackson prüft zentrale wirtschaftliche Größen wie das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das Pro-Kopf-BIP, das Bevölkerungswachstum und die Ressourcenknappheit. Dabei bezieht er auch Fragen der Gerechtigkeit ein. Seine Grundthese lautet, dass eine stetig wachsende Bevölkerung und zunehmende Einkommen beziehungsweise zunehmender Konsum nicht dauerhaft mit ökologischer Nachhaltigkeit vereinbar seien.
Schulden, Wachstum und Finanzkrise
Jackson unterscheidet zwischen Verbraucherschulden, Staatsschulden und Auslandsschulden und betrachtet deren Entwicklung in den 1980er und 1990er Jahren in den führenden Industrienationen. Dabei unterscheidet er liberale Marktwirtschaften von koordinierten Marktwirtschaften.
Er widerspricht der Auffassung, die Finanzkrise von 2008 sei hauptsächlich durch sogenannte toxische Kredite und Kreditprodukte verursacht worden. Nach seiner Ansicht lag die tiefere Ursache in Maßnahmen, die das Wirtschaftswachstum anregen sollten. Dazu zählt er besonders die Ausweitung der Verschuldung nach den Grundsätzen des keynesianischen Monetarismus. Dieses Vorgehen habe die ökologischen Grenzen der materiellen Welt nicht berücksichtigt.
Auch den Keynesianismus und den „Green New Deal“ behandelt Jackson als Lösungsstrategien nach der Weltfinanzkrise. Er untersucht ihre Auswirkungen und Erfolge bis zum Erscheinen des Buches im Jahr 2011.
Wohlstand und Glück
Jackson versucht, Wohlstand neu zu bestimmen und seinen Zusammenhang mit Glück zu erklären. Dabei orientiert er sich vor allem an den Thesen des indischen Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen Amartya Sen aus dessen Essay „Lebensstandard“ von 1984. Sen betrachtet Wohlstand anhand der Elemente Fülle, Nutzen und Verwirklichungschancen. Verwirklichungschancen bezeichnen die tatsächlichen Möglichkeiten eines Menschen, ein gewünschtes Leben zu führen.
Beim Verhältnis von Einkommen und Wohlstand kommt Jackson zu dem Ergebnis, dass ein Grenznutzenverhältnis besteht. Gemeint ist: Zusätzliches Einkommen steigert den daraus entstehenden Nutzen beziehungsweise Wohlstand nicht unbegrenzt im gleichen Maß. Wohlstand darf deshalb nach Jackson nicht allein mit wachsendem Einkommen, Konsum oder BIP gleichgesetzt werden.
Entkopplung und Konsumismus
Als „Entkopplung“ wird die Vorstellung bezeichnet, dass die Wirtschaft wachsen kann, während Ressourcenverbrauch und Umweltschäden sinken. Jackson bezeichnet diese Hoffnung als „Mythos der Entkopplung“. Mithilfe der Ehrlich-Gleichung betrachtet er das Zusammenwirken von Bevölkerungswachstum, Einkommen beziehungsweise Konsum und Umweltauswirkungen. Nach seiner Darstellung führt die bisherige Entwicklung weder zu einer ausreichenden relativen Entkopplung – geringeren Umweltauswirkungen je wirtschaftlicher Einheit – noch zu einer absoluten Entkopplung, bei der die gesamten Umweltauswirkungen tatsächlich zurückgehen.
Damit widerspricht Jackson auch Nicholas Sterns Ansatz im Stern-Report, nach dem sich Wirtschaftswachstum und Klimaschutz miteinander vereinbaren lassen. Nach Jackson gibt es kein Szenario, das eine stetig wachsende Bevölkerung und wachsende Einkommen beziehungsweise wachsenden Konsum mit ökologischer Nachhaltigkeit verbinden kann.
Den Konsumismus, also die starke gesellschaftliche Ausrichtung auf Konsum, beschreibt Jackson als „stahlhartes Gehäuse“ und als Motor des Wachstums. Er untersucht seine unterschiedlichen Formen im Kapitalismus und versteht Konsum außerdem als Teil des „erweiterten Selbst“: Menschen drücken durch Besitz und Konsum ihre Identität aus.
Auch technische Innovation bewirkt nach Jackson keine automatische Entkopplung. Der Rebound-Effekt bedeutet, dass Effizienzgewinne teilweise durch stärkere Nutzung oder höheren Konsum aufgehoben werden. Beim Backfire-Effekt steigt der gesamte Verbrauch trotz verbesserter Effizienz sogar an.
Modell einer nachhaltigen Wirtschaft
In den Kapiteln „Ökologische Makroökonomie“, „Gedeihen in Grenzen“ und „Ein Regierungsmodell für den Wohlstand“ fragt Jackson, wie eine Gesamtwirtschaft sowie ein Staats- und Regierungsmodell gestaltet sein müssten, damit eine nachhaltige Wirtschaft möglich wird. Seine Überlegungen verbinden wirtschaftliche, politische und philosophische Fragen.
Im Kapitel „Weg in ein nachhaltiges Wirtschaftssystem“ entwickelt er konkrete Vorschläge für eine Wirtschaftsordnung nach der Leitidee „Wohlstand ohne Wachstum“. Der Ansatz umfasst drei grundlegende Aufgaben:
- ökologische und wirtschaftliche Grenzen setzen,
- das bestehende Wirtschaftsmodell reparieren,
- die gesellschaftliche Logik verändern, besonders im Bereich des Konsumismus.
Zu den genannten Schritten gehören ein sinnvoller Wohlstandsbegriff, der nicht auf Wachstum beruht, stärkere Investitionen in nachhaltige Technologien und öffentliche Güter sowie eine Verlagerung von materiellen Gütern zu nicht-materiellen Dienstleistungen. Hinzu kommt die Verkürzung der Arbeitszeit, um die Produktion zu begrenzen. Damit dadurch nicht mehr Arbeitslosigkeit entsteht, schlägt Jackson eine weitreichende Umverteilung der Arbeit vor.
Im abschließenden Kapitel „Bleibender Wohlstand“ richtet Jackson den Blick auf die Zukunft. Er widerspricht erneut der Annahme, ein effizienter Kapitalismus allein könne das Klima stabilisieren und die Ressourcenknappheit lösen.
Einordnung des Buches
Die Frankfurter Rundschau hebt hervor, dass Jackson selbst keine vollständig ausgearbeitete Form einer „Postwachstumsökonomie“ vorlegt. Er nennt jedoch konkrete Schritte, die besonders westliche Industrienationen unternehmen sollten: Wohlstand neu definieren, nachhaltig und in öffentliche Güter investieren, nicht-materielle Dienstleistungen ausbauen, Arbeitszeit reduzieren und Arbeit umverteilen.
Die Zeit bezeichnet das Werk als ein spannendes Buch, das zum richtigen Zeitpunkt erschienen sei. Als Hintergrund nennt sie die seit der Finanzkrise und nach dem AKW-Desaster in Japan verstärkte Frage, ob die gegenwärtige Wirtschaftsweise richtig sei.