Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Veblen-Effekt
Als Veblen-Effekt, auch Prestigeeffekt, bezeichnet man in der Volkswirtschaftslehre und dort speziell in der Mikroökonomik das Phänomen, dass die Nachfrage …
Inhalt4 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Der Veblen-Effekt, auch Prestigeeffekt genannt, bezeichnet in der Volkswirtschaftslehre, besonders in der Mikroökonomik, ein anomales Nachfrageverhalten: Unter bestimmten Umständen steigt die Nachfrage nach einem Gut trotz einer Preiserhöhung. Der Grund liegt darin, dass Konsumenten mit dem Kauf und Konsum teurer Güter ihren sozialen Status gegenüber anderen hervorheben möchten. Die betroffenen Güter heißen Veblen-Güter.
Klassischerweise gilt das Gesetz der Nachfrage: Je höher der Preis eines Gutes ist, desto geringer ist die nachgefragte Menge. Bei einem Gut mit Veblen-Charakter hängt die Nachfrage eines Konsumenten i jedoch zusätzlich von der Nachfrage der anderen Konsumenten beziehungsweise von der Differenz zwischen der eigenen Nachfrage und der Durchschnittsnachfrage nach diesem Gut ab. Ein höherer Preis kann dann die wahrgenommene Exklusivität erhöhen.
Nachfragekurve und Wirkungsweise
Die Wirkungsweise lässt sich anhand der Nachfragekurven D₀(p), Dₕ(p) und D(p) erklären. Ausgangspunkt ist die klassische Marktnachfragekurve D₀(p). Beim Ausgangspreis p₀ beträgt die Nachfrage q₀. Steigt der Preis von p₀ auf p₁, sinkt die Nachfrage zunächst entsprechend dem Gesetz der Nachfrage auf q₁′. Dies ist eine Bewegung auf der ursprünglichen Nachfragekurve.
Im Veblen-Fall reicht diese Betrachtung jedoch nicht aus. Wenn andere Konsumenten bei einem klassisch verlaufenden Nachfrageverhalten weniger nachfragen, erscheint das Gut für den betrachteten Konsumenten exklusiver. Dadurch verschiebt sich die Nachfragekurve hypothetisch nach rechts zur Kurve Dₕ(p). Das Gut ist durch den höheren Preis selbst attraktiver geworden: Eine luxuriöse Tasche zum Preis p₁ kann gewissermaßen als ein anderes und begehrenswerteres Gut wahrgenommen werden als dieselbe Tasche zu einem niedrigeren Preis. Die gleichgewichtige Menge steigt dadurch von q₁′ auf q₁. Insgesamt ergibt sich die orange dargestellte Nachfragekurve D(p), die ansteigend verläuft.
Das Gesetz der Nachfrage wird beim Veblen-Gut nur im Ergebnis verletzt. Der Vorgang lässt sich in einzelne Schritte zerlegen, in denen das Gesetz der Nachfrage jeweils gewahrt bleibt: Zuerst senkt die Preiserhöhung die Nachfrage, anschließend steigert die größere Exklusivität die Attraktivität und verschiebt die Nachfragekurve. Ein ansteigender Verlauf tritt üblicherweise nur in einem bestimmten Bereich auf. Bei immer höheren Preisen kann der Veblen-Effekt den normalen Preiseffekt irgendwann nicht mehr ausgleichen.
Reines Veblen-Gut
Ein Gut, dessen individueller Wert einzig und allein aus dem Verhältnis zwischen dem eigenen Konsum und dem Konsum anderer resultiert, wird als reines Veblen-Gut bezeichnet. In einer Nutzenfunktion wird dies regelmäßig durch die Definition
u = u(q − q̄)
abgebildet. Dabei bezeichnet q den eigenen Konsum und q̄ den durchschnittlichen Konsum des Gutes in der Gesellschaft. Der Nutzen hängt somit davon ab, wie sich der eigene Konsum vom gesellschaftlichen Durchschnittskonsum unterscheidet.
Historische Einordnung und Abgrenzung
Die Bezeichnung geht auf den US-amerikanischen Ökonomen Thorstein Veblen zurück, der das Phänomen 1899 erstmals beschrieb. In seiner 1899 erschienenen Theory of the Leisure Class untersuchte Veblen die „überlegene pekuniäre Klasse“ (superior pecuniary class). Nach seiner Darstellung reichen Reichtum oder Macht allein nicht aus, um gesellschaftliche Wertschätzung zu erlangen; sie müssen sichtbar gemacht und durch entsprechende Lebensführung bewiesen werden. Der Veblen-Effekt knüpft an diesen Gedanken des finanziellen Wetteifers und der demonstrativen Hervorhebung von Wohlstand an.
Vom Veblen-Fall ist der Giffen-Fall zu unterscheiden. Auch Giffen-Güter besitzen eine ansteigende Nachfragekurve, doch die Ursache ist eine andere. Giffen-Güter sind inferior, das heißt, ihre Nachfrage nimmt mit steigendem Einkommen ab. Außerdem herrscht ihnen gegenüber eine positive Preiselastizität der Nachfrage. Steigt der Preis des Giffen-Gutes, kann sich ein Haushalt noch teurere Güter nicht mehr leisten und muss deshalb das Giffen-Gut stärker nachfragen als zuvor.
Die Nachfrage nach Veblen-Gütern ist dagegen in jedem Fall normal: Sie nimmt mit steigendem Einkommen zu. Beim Giffen-Fall besteht die Verletzung des Gesetzes der Nachfrage tatsächlich und lässt sich nicht theoretisch in einzelne, jeweils gesetzmäßige Schritte zerlegen. Beim Veblen-Fall ist eine solche Dekonstruktion dagegen möglich, weil der normale Preiseffekt zunächst durch die veränderte Exklusivität des Gutes überlagert wird.