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Unserdeutsch
Nach heutigem Kenntnisstand ist Unserdeutsch die einzige Kreolsprache der Welt, deren Wortschatz auf dem Deutschen basiert. Ihre grammatische und lautliche …
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Überblick und Bedeutung
Unserdeutsch, von seinen Sprechern auch Kaputene Doitsh oder Kapute Deutsch genannt, ist eine deutschbasierte Kreolsprache im Südwestpazifik. Eine Kreolsprache entsteht in einer Sprachkontaktsituation, wenn eine zunächst vereinfachte Kontaktsprache ausgebaut und von einer neuen Generation als Erstsprache erworben wird. Unserdeutsch gilt nach heutigem Kenntnisstand als weltweit einzige Kreolsprache mit überwiegend deutschem Wortschatz. Grammatik und Lautung sind dagegen stark durch Tok Pisin geprägt, ein melanesisches Pidgin-Englisch mit offiziellem Status in Papua-Neuguinea.
Im Jahr 2020 wurde Unserdeutsch von weniger als 100 älteren Menschen als Erstsprache gesprochen, hauptsächlich in Australien und zu einem kleinen Teil in Papua-Neuguinea. Seit den 1960er Jahren gehen Sprecherzahl und Gebrauch zurück; die Sprache gilt als kritisch gefährdet.
Das Deutsche ist das Superstrat, also die Sprache, aus der hauptsächlich der Wortschatz stammt. Tok Pisin bildet das wichtigste Substrat, das besonders die grammatische und lautliche Struktur beeinflusste. Unserdeutsch besitzt weniger komplexe Flexionen als Hochdeutsch und tendiert zu einem isolierenden Sprachbau: Grammatische Bedeutungen werden eher durch selbstständige Wörter als durch Endungen ausgedrückt.
Die Sprache ist trotz interner Unterschiede weitgehend stabil und ausgebaut. Es entstand ein Kreolkontinuum: Basilektales Unserdeutsch ist am weitesten vom Hochdeutschen entfernt und Tok Pisin am ähnlichsten; meso- und akrolektale Varianten stehen dem Hochdeutschen näher.
Entstehung, Verbreitung und Gefährdung
Unserdeutsch entstand um 1900 an der katholischen Missionsstation der Herz-Jesu-Missionare in Vunapope, heute ein Stadtteil von Kokopo, nahe Rabaul auf der Insel Neubritannien. Dort waren 1897 ein Waisenhaus und eine Internatsschule für Kinder aus Beziehungen zwischen europäischen oder asiatischen Männern und einheimischen Frauen gegründet worden. Die Kinder lebten geografisch und sozial isoliert und wurden innerhalb der kolonialen Rassengesellschaft weder der weißen noch der indigenen Bevölkerung zugerechnet.
In der Schule wurden sie auf Hochdeutsch unterrichtet und mussten auch im Alltag Deutsch verwenden. Tok Pisin, für viele Kinder die Erstsprache, war verboten. Untereinander entwickelten sie deshalb eine vereinfachte und neu strukturierte Form des Deutschen: Der Wortschatz kam größtenteils aus dem Deutschen, die Grammatik und Aussprache orientierten sich stark an Tok Pisin. Abweichungen vom Hochdeutschen werden nicht bloß als Folge unvollständigen Lernens erklärt. Die Kinder beherrschten Hochdeutsch mündlich und schriftlich; die besonderen Formen von Unserdeutsch dienten vermutlich auch der Abgrenzung von den Missionaren und dem Aufbau einer eigenen Gruppenidentität.
Nach der Schulzeit blieben die jungen Menschen meist an der Mission. Die Missionare verheirateten sie untereinander, gaben ihnen Grundstücke und beschäftigten sie in Missionseinrichtungen. Durch diese Endogamie, also Heiraten innerhalb der Gemeinschaft, wurde die Kontaktsprache zur familiären Alltagssprache und zur Erstsprache der folgenden Generation. In der Zwischenkriegszeit war sie funktional ausgebaut, strukturell gefestigt und nativisiert; spätestens dann kann sie als Kreolsprache gelten. Zwischen dem Beginn des erzwungenen Deutscherwerbs und der Entstehung eines stabilen, als Erstsprache erworbenen Kreols lag damit höchstens eine Generation.
Nach der australischen Besetzung 1914 wurde Englisch Unterrichtssprache, doch Deutsch blieb zunächst informell und teilweise als Schulfach erhalten. 1945 wurde es endgültig aus der Missionsschule verbannt. Vor und nach der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas 1975 emigrierten fast alle Mitglieder der Gemeinschaft wegen erneuter Diskriminierung und besserer Zukunftsaussichten nach Australien. Dort lebten sie verstreut in Städten an der Ostküste. Englisch ersetzte Unserdeutsch als Familiensprache, besonders durch häufigere Mischehen; die Weitergabe an jüngere Generationen endete. 2017 lebten höchstens etwa 100 Sprecher in Australien und etwa 10 in Papua-Neuguinea. Selbst die jüngsten waren über 60, die meisten deutlich über 70 Jahre alt. Bei Fortsetzung dieser Entwicklung wurde ein Aussterben innerhalb von zwei bis drei Jahrzehnten erwartet.
Wortschatz und Lautsystem
Der Wortschatz ist deutlich kleiner als der des Deutschen, weil Unserdeutsch fast ausschließlich informell und mündlich verwendet wurde. Der größte Teil stammt aus dem Deutschen. Tok Pisin lieferte unter anderem kakaruk für „Huhn, Hahn“, kaukau für „Süßkartoffel“, wokabaut für „gehen, spazieren“ und wantok für „Landsmann/Freund“. Aus dem australischen Englisch kamen beispielsweise shtore „Laden“, office „Büro“, government „Regierung“ und whether „ob“. Besonders bei Verben gibt es Mischformen aus englischen Stämmen und deutschen oder Tok-Pisin-Affixen, etwa ge-mention, leas-im und ge-rent-im. Regional geprägte Wörter deuten darauf hin, dass die Missionare hauptsächlich eine nordwestdeutsch-westfälisch geprägte, standardnahe Alltagssprache verwendeten.
Die Phonologie, also das Lautsystem, ist gegenüber dem Hochdeutschen vereinfacht und stark an Tok Pisin angelehnt. Das basilektale Unserdeutsch besitzt fünf Vokalphoneme: /i/, /ɛ/, /a/, /o/ und /u/. Die hochdeutschen Reduktionsvokale [ə] und [ɐ], gerundete Vorderzungenvokale wie ü und ö sowie die Unterscheidung langer Vokalphoneme wurden abgebaut. So erscheinen „aber“ als [abɛ], „für“ als [fi] und „Mädchen“ als [mɛthɛn].
Auch markierte deutsche Konsonanten werden ersetzt oder ausgelassen: [ç] und [χ] werden zu [h] oder entfallen, [pf] wird zu [f], [ts] zu [s], [ʀ]/[ʁ] zu [r] und [z] zu [s]. Beispiele sind [kirhɛ] für „Kirche“, [flansuŋ] für „Pflanzung“, [susamɛn] für „zusammen“ und [disɛ] für „diese“.
Die Silbenstruktur bevorzugt einfache CV- oder CVC-Silben, also Silben aus Konsonant und Vokal, gegebenenfalls mit einem abschließenden Konsonanten. Komplexe Konsonantengruppen werden am Silbenende meist vermieden. Schlusskonsonanten können entfallen, etwa in [ni] für „nicht“, [sa] für „sagt“ und [ta] für „Tag“.
Formenlehre und grammatische Kategorien
Die Morphosyntax, also das Zusammenspiel von Wortformen und Satzbau, ist durch geringe Flexion geprägt. Substantive haben keine Kasusendungen; Reste des deutschen Kasussystems bestehen nur in festen Ausdrücken wie Guten ta und am abend. Auch grammatisches Genus fehlt. Die Artikel sind unveränderlich: de ist der bestimmte und ain der unbestimmte Singularartikel. Im Plural dient ale sowohl bestimmt als auch unbestimmt als Artikel und Pluralmarker. Das Substantiv bleibt normalerweise unverändert, etwa ale haus; erhaltene deutsche Pluralformen kommen vor allem bei häufig gebrauchten Wörtern wie ale kinder vor. Nach Zahlwörtern oder anderen eindeutigen Pluralangaben kann ale fehlen, etwa drei monat.
Verben werden mit Ausnahme der nicht obligatorischen Kopula sain nicht nach Person oder Numerus verändert. Das Subjekt zeigt, wer handelt; Subjekt und Verb stimmen nicht durch Endungen überein. Die gewöhnliche Grundform besteht aus dem Stamm und dem Marker -(e)n. Vergangenheit bleibt oft unmarkiert oder wird durch Zeitangaben deutlich. Ein analytisches Vergangenheitstempus wird mit dem unveränderten Hilfsverb hat und einem Partizip aus ge- plus Grundform gebildet, etwa si hat gemahen. Nur wenige häufige Verben besitzen Präteritalformen wie war, wolte, muste, konte und wuste. Das optionale Futur besteht aus wit plus Grundform: Du wit sen Freddy morgen.
Ein eigener Imperativ und ein synthetischer Konjunktiv fehlen. Auch Aufforderungen verwenden die Grundform. Wit plus Grundform kann neben Zukunft auch Irrealis, also nichtwirkliche oder vorgestellte Sachverhalte, und gewohnheitsmäßige Vergangenheit ausdrücken. Für Aspekt, also den zeitlichen Verlauf einer Handlung, gibt es (Kopula) + am + Verb zur Kennzeichnung fortschreitender oder gewohnheitsmäßiger Vorgänge: De frau is am kohen. Passivformen mit sain und Partizip kommen im Basilekt kaum vor. Verbalphrasen werden durch ni vor dem Verb verneint: Du ni filen kalt.
Adjektive markieren weder Genus noch Kasus noch Numerus. Beim attributiven Gebrauch vor einem Substantiv erhalten sie obligatorisch -e, etwa ain grose kanda; prädikativ und adverbial bleiben sie unmarkiert. Vergleiche werden grundsätzlich analytisch gebildet, doch häufige Adjektive können deutsche Formen bewahren, etwa elteste.
Pronomen sind weitgehend flexionslos. Die Personalpronomen lauten im Singular i, du sowie er/si, im Plural wi/uns, oi/du und di. Er und si bezeichnen ausschließlich das natürliche Geschlecht; ein neutrales oder unpersönliches Pronomen wie es oder man fehlt. Unpersönlich wird du gebraucht. Eine früher angenommene Unterscheidung zwischen exklusivem wi und inklusivem uns wird durch jüngere Korpusdaten nicht bestätigt; beide variieren frei. Possessivformen sind unter anderem main, dain, sain/ire, unse/unsre und oire. Besitz kann auch mit fi plus Personalpronomen ausgedrückt werden, etwa fater fi di. Reflexive und reziproke Pronomen fehlen. Als Demonstrativpronomen dienen di und dise, als Relativpronomen wo.
Das Funktionswort fi ist besonders vielseitig: Es bedeutet unter anderem „für“, markiert Besitz wie in haus fi Tom, leitet abhängige Verbalphrasen ein und bildet fi was „warum“ beziehungsweise fiwas „weil“. Präpositionen stammen meist aus dem Deutschen, können aber neu gedeutet oder englisch beeinflusst sein, etwa nahdem shule, su Rabaul und an boot. Deutsche und englische Konjunktionen wie ode und or oder fiwas und because können nebeneinander auftreten.
Satzbau und Dokumentation
Die Syntax ist besonders deutlich durch Tok Pisin geprägt. Für alle Satztypen gilt grundsätzlich die Reihenfolge Subjekt–Verb–Objekt, kurz SV(O). Das betrifft Aussagen, Aufforderungen, teilweise Fragen und auch Nebensätze, denn eine formale Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebensatz gibt es nicht. Ergänzungsfragen können das Fragewort am Anfang oder am Ende haben: Was du mainen? beziehungsweise Du wit get wo?
Die deutschen Satzklammern sind weitgehend abgebaut. In Nebensätzen steht das Verb nicht am Ende: ain mensh wo kan shprehen English. Bei Partikelverben wird die Partikel häufig als untrennbarer Bestandteil aufgefasst; bleibt sie trennbar, folgt sie direkt auf das Verb. Auch mehrere Verben stehen gewöhnlich nebeneinander, etwa wi muste get. Reste der deutschen Verbalklammer kommen vor, wobei im Basilekt höchstens ein Element zwischen den verbalen Teilen steht. Hochdeutschnähere Varianten erlauben mehr Elemente.
Bestimmte Funktionswörter können entfallen. Formale Subjekte oder Objekte wie deutsches es fehlen. Die Kopula ist fakultativ, beispielsweise du Ø ain gute manager. Auch Artikel und lokale Präpositionen können unter bestimmten Bedingungen weggelassen werden, etwa Is Ø gute familie oder I wil geht Ø Rabaul.
Die ersten wissenschaftlichen Daten erhob Peter Mühlhäusler in den 1970er Jahren bei Rabaul. Ende der 1970er Jahre begegnete Craig Volker in Australien zufällig einer Sprecherin, sammelte anschließend Daten in Rabaul und verfasste die erste grammatische Skizze. Eine systematische Dokumentation begann 2015 unter Péter Maitz an der Universität Augsburg; 2018 wechselte das Team an die Universität Bern. Zwischen 2014 und 2019 wurden in Papua-Neuguinea und Australien soziolinguistische Interviews mit mehr als der Hälfte der Sprachgemeinschaft geführt. Das daraus von 2015 bis 2019 aufgebaute Korpus ist seit 2024 über die Datenbank für gesprochenes Deutsch am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim für Forschung und Lehre zugänglich. Das Projekt versteht die Dokumentation auch als Beitrag zur Aufarbeitung deutscher Kolonialherrschaft und der über Generationen erfahrenen Unterdrückung, Ausgrenzung und Misshandlung der Sprachgemeinschaft.