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Thersites
Thersites (altgriechisch Θερσίτης Thersítēs) ist eine Gestalt der griechischen Mythologie. Nach Homers Ilias nahm er im griechischen Heer am Trojanischen …
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Figur und Bedeutung
Thersites ist eine Gestalt der griechischen Mythologie und nimmt nach Homers Ilias im griechischen Heer am Trojanischen Krieg teil. Er ist unter den homerischen Kämpfern eine Ausnahme: Homer zeichnet ihn als körperlich missgestaltet, schmähsüchtig, verhasst und erfolglos. Als Demagoge, also als jemand, der andere mit aufwiegelnder Rede beeinflussen will, wirkt er sowohl durch seine Gestalt als auch durch seine Haltung abstoßend.
Diese auffallend negative Darstellung hat Fragen nach seiner Herkunft, seinem sozialen Rang, seiner Rolle im Heer und seiner literarischen Bedeutung ausgelöst. In der Ilias bleibt Thersites auf eine einzige Szene beschränkt, die jedoch besonders wichtig ist, weil sie Kritik an der Führung und deren gewaltsame Unterdrückung zeigt.
Auftritt in der Heeresversammlung
Nach dem Streit zwischen Agamemnon und Achilleus will Agamemnon die Kampfbereitschaft der Griechen prüfen. Er schlägt der Heeresversammlung zum Schein vor, den Krieg als aussichtslos abzubrechen. Der Plan misslingt: Die Griechen laufen zu den Schiffen, um heimzufahren.
Odysseus hält sie mit Mühe auf. Mit Agamemnons Zepter überredet er die Vornehmen; einfache Krieger schlägt er damit. Als die Versammlung fortgesetzt wird, hält Thersites eine Schmährede. Er behauptet, der Krieg werde nur wegen Agamemnons Selbstsucht und Beutegier weitergeführt, fordert Ungehorsam gegenüber dem König und die Heimfahrt.
Odysseus reagiert nicht mit Gegenargumenten: Er beschimpft und bedroht Thersites, unterstellt ihm Neid auf Agamemnon und schlägt ihn heftig auf Rücken und Schultern. Thersites kann sich nicht wehren, krümmt sich vor Schmerz, weint und setzt sich. Das Heer lacht ihn aus und lobt Odysseus. Danach stellen Odysseus und andere Redner die Kampfbereitschaft wieder her.
Der erzählerische Rahmen ist nach Ralph M. Rosen (2013) komplex: Die Perspektiven von Odysseus, dem Erzähler und Thersites widersprechen einander. Je nachdem, welche Perspektive man einnimmt, wird die Szene als unterdrückte Rede unterschiedlich bewertet.
Deutung als sozialer Konflikt
Eine Deutung sieht Thersites als Vertreter des einfachen Fußvolks, also der nichtadligen Kämpfer. Er soll diese gegen die vornehmen Anführer zur Meuterei angestiftet haben. Seine öffentliche Demütigung durch Odysseus würde dann einen sozialen Gegensatz zeigen, der in der Ilias nur an dieser Stelle und aus adliger Sicht behandelt wird.
Dafür spricht erstens, dass Homer bei Thersites – anders als sonst bei Kämpfern – keine Abstammung nennt. Zweitens richtet sich seine Kritik, besonders in den Versen 225–242, gegen die gesamte Führung: Während die Achaier „Unglück“ erlitten, genieße die Elite unrechtmäßige Privilegien, weil sie wegen ihrer Konflikte keinen Sieg vor Troja erreiche.
Drittens behandelt Odysseus Thersites wie die einfachen Kämpfer zuvor: Er schlägt ihn mit dem Zepter, statt ihn wie einen ebenbürtigen Andersdenkenden überzeugen zu wollen. Die Gewalt soll die gefährdete soziale und politische Ordnung wiederherstellen. Unter den Vornehmen hat Thersites keinen Unterstützer, keine erkennbaren Verwandten und Freunde. Zugleich wiederholt er Einwände gegen Agamemnon, die Achilleus früher noch schärfer formuliert hatte. Die Szene kann daher zeigen, dass dieselbe Kritik einem Helden wie Achilleus erlaubt war, einem Mann von Thersites’ Rang aber nicht.
Andere Überlieferungen und Wirkung
Eine vorhomerische, nur indirekt erschließbare Sage schildert Thersites anders. In dieser Tradition ist er vornehm: Sein Vater soll Agrios, sein Vetter Tydeus, der Vater des Diomedes, gewesen sein. Hauptquelle ist ein mittelalterlicher Auszug aus der verlorenen Chrēstomátheia grammatikḗ, die Proklos zugeschrieben wird und das verlorene Epos Aithiopis zusammenfasste; eine späte Fassung steht in den Posthomerica des Quintus von Smyrna (1,716–825).
Dort beleidigt Thersites Achilleus, weil dieser die Amazone Penthesilea zwar getötet, aber auch geliebt habe. Achilleus erschlägt ihn darauf mit einem Fausthieb oder einer Ohrfeige. Der Totschlag löst einen Aufstand im griechischen Heer aus. Nach Quintus und Pherekydes von Athen will Diomedes seinen Verwandten rächen; Achilleus muss sich rituell von der Befleckung durch seine Tat reinigen. Gemeinsam mit Homer ist das Bild eines aggressiven Kritikers, der mächtige Helden schmähte und einer übermächtigen Reaktion unterlag. Anders als in der Ilias ist er jedoch aitolischer Adel aus königlichem Haus, nicht isoliert und nicht missgestaltet.
In der Rezeption wurde „Thersites“ seit der Antike sprichwörtlich für Hässlichkeit, Dreistigkeit und Demagogie. Er erscheint unter anderem bei Platon, Lukian von Samosata, William Shakespeare in Troilus und Cressida und Stefan Zweig. In der gehobenen Umgangssprache ist „Thersites“ ein Schimpfwort für einen Hetzer und Stänkerer.