Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Society for Creative Anachronism
Die Society for Creative Anachronism (SCA) (dt. Gesellschaft für kreativen Anachronismus) ist eine internationale Organisation von am Mittelalter interessierten …
Inhalt6 Abschnitte
Gegenstand und Geschichte
Die Society for Creative Anachronism (SCA), auf Deutsch „Gesellschaft für kreativen Anachronismus“, ist eine internationale Organisation von Menschen, die sich für das mittelalterliche Europa interessieren. Sie wurde 1966 in den USA als gemeinnützige Nonprofit Corporation gegründet und hat nach eigener Aussage über 30.000 Mitglieder. Ihr Sitz ist Miltipas in den USA; 2022 betrug der Umsatz 2.704.007 US-Dollar. Präsident ist John Fulton.
Im Mittelpunkt stehen die Erforschung und das Wiedererleben von Künsten, Handwerken und Teilen des mittelalterlichen Lebens vor dem 17. Jahrhundert. Die behandelte Zeitspanne umfasst über 1000 Jahre europäischer Geschichte. Deshalb entsteht eine bewusst anachronistische Mischung verschiedener Kulturen und Epochen: Beispielsweise können Wikinger mit Personen aus der Zeit Königin Elisabeths zusammentreffen.
Die Mitglieder stellen Kleidung, Kunst, Handwerk und Alltagsaktivitäten nach. Sie nähen, kochen, kämpfen mit Übungswaffen, betreiben Falknerei und stellen unter anderem Wein, Met und Bier her. Die SCA versteht ihre Tätigkeit als angewandte oder experimentelle Archäologie, also als Erforschung der Geschichte durch das praktische Anwenden theoretisch gewonnenen Wissens. Anders als fantastische Mittelalterdarstellungen befasst sie sich nicht mit Magie, Monstern oder ähnlichen Elementen. Wie stark die Darstellung historisch ausgearbeitet wird, bleibt den Mitgliedern überlassen; das gemeinsame Erleben ist der SCA wichtiger als eine vollständig nach außen wirkende Rekonstruktion.
In Deutschland besteht seit 2018 die rechtlich selbstständige Gesellschaft für lebendige Geschichte e. V. (GlG), die seit 2019 durch einen Affiliierungs-Vertrag mit der SCA, Inc. verbunden ist. Ihr Sitz ist Aukrug. Ihr Zweck ist die Erkundung und Darstellung von Kulturtechniken bis zum 17. Jahrhundert.
Ziel und Arbeitsweise
Die SCA beschäftigt sich mit der Zeit vom 7. bis 17. Jahrhundert. Sie versucht, positive Seiten des europäischen Mittelalters sowie dessen Handwerke, Künste, Traditionen, Literatur, Werte und Errungenschaften wiederzubeleben. Negative Aspekte wie Pest, Armut und Hexenverbrennung werden ausgeschlossen.
Für die Forschung werden Sekundärliteratur und Primärquellen ausgewertet. Zu den genannten Primärquellen gehören Statuen, Gemälde, Manuskripte und Bauwerke. Aus diesen Informationen werden Gegenstände oder Tätigkeiten rekonstruiert, zum Beispiel ein Kleid oder ein Rezept. Durch das tatsächliche Herstellen und Erproben können Erfahrungen darüber gewonnen werden, wie frühere Fertigkeiten möglicherweise funktioniert haben. Teilweise arbeiten Mitglieder dabei auch mit Museen zusammen.
Originalgetreue Rekonstruktionen sollen moderne Mythen und Vorstellungen über das Mittelalter entkräften und die theoretische Forschung ergänzen. Die Beteiligung ist unterschiedlich intensiv: Einige Mitglieder nehmen vor allem wegen der Gemeinschaft und des Ambientes an Treffen teil, während andere wissenschaftlich anspruchsvolle Forschungsarbeiten und Projekte zur experimentellen Archäologie durchführen.
Struktur und Veranstaltungen
Die SCA ist in eine fiktive, an die idealisierte mittelalterliche Feudalgesellschaft angelehnte Ordnung eingebettet. Weltweit gibt es derzeit 20 „Königreiche“. Jedes Königreich besitzt ein für sechs Monate eingesetztes Königspaar, ein Kronprinzenpaar und königliche Ministeriale, die Aufgabenbereiche koordinieren. Ministeriale sind freiwillige Helfer, die ihr Amt jeweils für eine Amtszeit übernehmen.
Das europäische Königreich heißt „Drachenwald“. Es umfasst Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Island, Israel, Italien, die Niederlande, Österreich, Schweden, Spanien, Südafrika, das Vereinigte Königreich sowie kleinere Außenposten in Afghanistan, Kuwait, Irak, Rumänien und der Schweiz, die primär durch das US-Militär bestehen. Zu Drachenwald gehören außerdem die Fürstentümer „Nordmark“ in Schweden und „Insulae Draconis“ im Vereinigten Königreich, in Irland und Island.
Die lokalen Gruppen werden je nach Größe und Struktur „Shire“, „Kanton“, „Baronie“, „Provinz“ oder „Fürstentum“ genannt. Auch auf dieser Ebene gibt es Ministeriale sowie Baronen- und Fürstenpaare als Vertreter der Krone. In Deutschland bestehen mehrere Shire und Kantone. Die übergreifende Baronie „Knight's Crossing“ erstreckt sich seit dem Frühjahr 2018 über ganz Deutschland und ist mit etwa 100 Mitgliedern die größte deutsche SCA-Gruppe.
Viele lokale Gruppen treffen sich teilweise wöchentlich. Bei Veranstaltungen tragen die Mitglieder mittelalterlich angelehnte Kleidung, tanzen historische Tänze und essen mittelalterliche Gerichte. Größere Veranstaltungen können Turniere, Ausstellungen, Wettkämpfe, Vorträge, Workshops, ein abendliches Festmahl, königliche Hofhaltungen, Musik und Tänze umfassen. Sie sind in der Regel nicht öffentlich zugänglich und erfordern eine vorherige Anmeldung.
Persona und Tätigkeitsfelder
Da die SCA ihren Schwerpunkt auf höfische Kultur legt, gelten alle Mitglieder im Spiel grundsätzlich als niederer Adel. Bauern, Händler, Mägde, Söldner und ähnliche Rollen gibt es daher innerhalb der fiktiven Gesellschaftsordnung nicht, auch wenn ihre Lebensbedingungen dargestellt und erforscht werden.
Viele Mitglieder entwickeln eine „Persona“. Das ist die Lebensgeschichte einer Person, die in der behandelten Zeit hätte existieren können. Sie wird in historische Abläufe sowie regionale und lokale politische Verhältnisse eingeordnet und dient als Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit einer bestimmten Epoche.
Ein wichtiges Tätigkeitsfeld sind alte Handwerke und Künste. Neben der Quellenforschung steht das praktische Ausprobieren und Herstellen im Vordergrund. In sogenannten „Classes“ werden Erfahrungen, Erkenntnisse und Techniken auf Veranstaltungen und bei örtlichen Treffen weitergegeben. Die Classes fördern außerdem die Zusammenarbeit an gemeinsamen Projekten. Beispielsweise können einige Mitglieder Urkunden illuminieren, die anschließend von anderen kalligrafiert werden. Ein besonders umfangreiches gemeinsames Projekt war „Calf-to-Codex“, bei dem Mitglieder aus über 20 verschiedenen Künsten und Handwerken einen Kodex erschufen. Viele Mitglieder veröffentlichen Ergebnisse, Anleitungen und Muster auch in Blogs.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Dienst an der SCA. Mitglieder übernehmen Ämter auf verschiedenen Ebenen oder helfen bei der Organisation von Veranstaltungen. Dabei geht es ebenfalls um die Unterstützung der Gemeinschaft und um den Austausch von Wissen über die Durchführung gemeinsamer Projekte.
Kampfkünste und Sicherheitsregeln
Der SCA-Schwertkampf orientiert sich am Fußkampf bewaffneter Ritter, wie er beispielsweise bei mittelalterlichen Kolbenturnieren vorkam, folgt aber einem eigenen Regelwerk. Es gibt Duelle und Gruppenkämpfe. Die Kämpfer entscheiden selbst, ob ein erhaltener Schlag sie im Ernstfall verwundet oder getötet hätte. Wird ein Schlag als zu leicht eingeschätzt, wird weitergekämpft.
Gekämpft wird in Rüstungen aus Metall, Leder und Stoff mit Rattanwaffen. Rattan ist ein tropisches Gras, das unter anderem für Möbel verwendet wird. Es ähnelt mittelalterlichen Waffen hinsichtlich Gewicht und Schlagverhalten, ist elastisch wie Bambus, besitzt aber keinen hohlen Kern. Dadurch splittert es weniger leicht und nimmt einen Teil der Schlagwucht auf. Die Oberfläche wird zusätzlich mit Textilklebeband geschützt und farblich an Metall angepasst.
Kopf, Nacken, Wirbelsäule, Ellbogen, Knie, Nieren, Hände und Genitalien müssen durch genau festgelegte Rüstung geschützt werden. Viele Kämpfer tragen freiwillig zusätzliche Rüstung für Torso, Arme und Beine. Anfänger werden zunächst von erfahrenen Kämpfern trainiert. Sie lernen unter anderem, leichte und nicht verletzende von schweren Schlägen zu unterscheiden. Nach einer Prüfung durch mehrere Marschälle dürfen sie eigenverantwortlich kämpfen.
Wird ein Treffer an einem Gliedmaß als verwundend bewertet, darf der Kämpfer das betroffene Körperteil nicht weiter benutzen. Ein Treffer an Torso oder Kopf beendet den Kampf. Verwendete Waffenkombinationen sind unter anderem Schwert und Schild, Zweihänder, Lanze, Streitaxt, Stangenwaffen und Speer. Weitere Formen sind Bogenschießen, Fechten mit Stahlschwertern sowie Wurfwaffen und Belagerungsgeräte.
Namen, Wappen und Auszeichnungen
Mitglieder und Gruppen tragen mittelalterliche Namen. Für die jeweilige dargestellte Zeit müssen diese Namen durch Quellen nachgewiesen werden. Wappen sollen den allgemeinen mittelalterlichen Regeln der Heraldik entsprechen. Ein eigenes Heraldikkollegium mit Datenbank unterstützt bei der Auswahl von Namen und Wappen. Innerhalb der SCA darf ein registrierter Name oder ein Wappen nur vom Antragsteller verwendet werden. Außerdem darf die Gestaltung nicht gegen das Urheberrecht verstoßen; ein echtes Familienwappen darf beispielsweise nicht ohne Zustimmung des Führenden verwendet werden.
Die SCA besitzt ein abgestuftes System persönlicher Titel und Ehrungen. Sie werden von der Krone aufgrund von Vorschlägen aus der Mitgliedschaft verliehen. Die Auszeichnungen sind weder selbst verliehen noch erblich oder käuflich. An der Spitze steht der Hochadel.
Zum königlichen Hochadel gehören ehemalige Fürsten- und Königspaare. Ehemalige Fürsten werden zu Landgrafen, ehemalige Fürstinnen zu Landgräfinnen. Wer einmal ein Königreich regiert hat, wird Graf oder Gräfin; nach einer zweiten Regentschaft erhält die Person den Titel Herzog oder Herzogin.
Der verliehene Hochadel umfasst vier gleichrangige Orden. Gemeinsame Voraussetzungen sind ehrenhaftes und höfliches Verhalten, Vertrautheit mit höfischem Verhalten sowie nachgewiesener Einsatz für die SCA und ihre Ideale:
- Der „Order of Chivalry“ umfasst Ritter. Er wird für herausragende Kampffertigkeiten sowie beispielhafte Tapferkeit, Ritterlichkeit und Ehrenhaftigkeit verliehen.
- Der „Order of the Laurel“ zeichnet Künstler und Handwerker aus, die zu mittelalterlichen Fertigkeiten forschen, ihr Wissen weitergeben und besondere künstlerische Fähigkeiten zeigen.
- Der „Order of the Pelican“ wird für außergewöhnliche Anstrengungen zugunsten der SCA verliehen.
- Der „Order of Defense“ wurde im fünfzigsten Jahr der SCA gegründet und nimmt die besten Stahlfechter der Organisation auf.