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Schloß Gripsholm (Roman)
Eine Sommergeschichte lautet der Titel einer Erzählung, die Kurt Tucholsky im Jahre 1931 veröffentlichte. Die heiter-melancholische Liebesgeschichte zählt …
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Bedeutung
Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte ist eine 1931 veröffentlichte Erzählung von Kurt Tucholsky. Sie verbindet eine heiter-melancholische Liebesgeschichte mit gesellschaftskritischen und nachdenklichen Szenen. Im Mittelpunkt stehen ein Sommerurlaub in Schweden, die Beziehungen zwischen mehreren Erwachsenen sowie die Rettung eines Kindes aus einem grausamen Kinderheim. Das Werk gehört zu Tucholskys bekanntesten Texten und knüpft an seine erfolgreiche Erzählung Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte von 1912 an.
Die Geschichte wirkt zunächst wie eine leichte Sommer- und Liebeserzählung, enthält aber auch dunkle Themen. Das idyllische Leben der Urlauber wird der Gewalt und dem Leid eines Kindes gegenübergestellt. Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen einer scheinbar heilen Welt und bedrückenden gesellschaftlichen Verhältnissen.
Handlung
Das Buch beginnt mit einem fiktiven Briefwechsel zwischen Tucholsky beziehungsweise dem Erzähler und seinem Verleger Ernst Rowohlt. Rowohlt schlägt vor, wieder eine leichte und heitere Liebesgeschichte zu schreiben. Der Erzähler bietet stattdessen eine kleine Sommergeschichte an und verhandelt zugleich über ein höheres Honorar. Die Unterschrift des Verlegers wird scherzhaft als „(Riesenschnörkel) Ernst Rowohlt“ wiedergegeben.
Anschließend erzählt Kurt, der meist Peter genannt wird, von seinem Sommerurlaub mit seiner Freundin Lydia in Schweden. Er nennt Lydia meistens „die Prinzessin“. Nach einer Zug- und Fährfahrt und einiger Orientierungssuche erreichen beide Schloss Gripsholm. Dort verbringen sie ungefähr drei Wochen. Während dieser Zeit besuchen sie nacheinander Kurts alter Kamerad und Freund Karlchen sowie Lydias beste Freundin Billie.
Die Episoden verbinden Alltag, Gespräche, Liebesszenen und humorvolle Beobachtungen. Für die späte Zeit der Weimarer Republik besonders kühn ist ein erotisches Abenteuer zu dritt zwischen Peter, Lydia und Billie. Gleichzeitig beobachten die Urlauber bei einem Spaziergang ein kleines Mädchen aus einem nahegelegenen Kinderheim. Das Kind leidet unter der sadistischen deutschen Leiterin des Instituts. Peter, Lydia und ihre Freunde beschließen, das Mädchen zu retten. Gemeinsam mit der in der Schweiz lebenden Mutter organisieren sie, dass die Kleine der Heimleiterin entzogen und nach Hause gebracht wird.
Sprache und Erzählweise
Tucholsky gestaltet die Erzählung sprachlich weit ausgefeilter als Rheinsberg. Sie ist nicht nur unbeschwert heiter, sondern enthält auch dunkle und ernste Töne. Witzige und geistvolle Berliner Dialoge stehen neben plattdeutschen Einsprengseln beziehungsweise Missingsch. Missingsch bezeichnet eine Mischform, die vor allem Elemente des Plattdeutschen und des Hochdeutschen verbindet.
Zur besonderen Wirkung tragen scharf beobachtete Kleinerlebnisse und literarische Kabinettstückchen bei. Dazu gehört eine sprachlich eindrucksvolle Darstellung antiker Grausamkeitsrituale im römischen Circus Maximus. Die Erzählweise verbindet somit Liebesgeschichte, Humor, regionale Umgangssprache, genaue Alltagsbeobachtung und drastische Bilder.
Autobiografischer Hintergrund
Auf der ersten Vorsatzseite steht die Widmung „Für IA 47 407“. Dabei handelt es sich um ein Berliner Autokennzeichen. Das Auto gehörte Lisa Matthias, die von 1927 bis 1931 Tucholskys Geliebte war. Weil eine namentliche Widmung die Beziehung offengelegt hätte, verschlüsselte Tucholsky ihren Namen auf diese Weise.
Auch Tucholskys Verbindung zu Schweden ist biografisch belegt. Nach seiner Emigration aus Deutschland lebte er zunächst in Paris und entschloss sich 1929, nach Schweden umzuziehen. Von April bis Oktober 1929 wohnte er im Haus Fjälltorp in Läggesta nahe Schloss Gripsholm, während er nach einem dauerhaften Aufenthaltsort suchte.
Trotz dieser Bezüge betonte Tucholsky, dass die Erzählung nur wenige autobiografische Elemente enthalte. In einem Brief erklärte er, außer einem etwas vagen Modell für Karlchen und der Tatsache, dass es Schloss Gripsholm wirklich gebe, sei fast alles erfunden. Er nannte ausdrücklich den Briefwechsel mit Rowohlt und Lydia, die es in der Realität nicht gegeben habe. Auch Lisa Matthias wies in ihrer Autobiografie Ich war Tucholskys Lottchen zurück, an der geschilderten „Ménage à trois“ beteiligt gewesen zu sein. Sie berichtete, Tucholsky habe sie und Yvonne zwar nach Brissago eingeladen, sie selbst habe sich aber an der „Nacht zu Dritt“ nicht beteiligt.
Rezeption, Ausgaben und Bearbeitungen
Helmuth Kiesel behandelt den Text in seiner Literaturgeschichte unter der Überschrift „Ausschweifungen in eine heile Welt“. Zugleich sieht er im Idyll eine positive Zukunftsperspektive. Dazu zitiert er Günter Kunert, der wiederum auf Ernst Bloch verweist: Das Buch sei ein „Vorschein“ dessen, was erst werden solle.
Die Erstveröffentlichung erfolgte nach einem Vorabdruck im Berliner Tageblatt ab dem 20. März 1931 noch im selben Jahr im Rowohlt Verlag in Berlin. Nachdem Tucholskys Bücher während der NS-Zeit verboten gewesen waren, erschien Schloß Gripsholm 1946 als einer der ersten Rowohlts Rotations Romane im Zeitungsformat. 1950 wurde der Text als Nummer 4 der neuen rororo-Taschenbuchreihe veröffentlicht.
Der Stoff wurde zweimal verfilmt. Die erste Verfilmung entstand 1963 unter der Regie von Kurt Hoffmann mit Walter Giller, Jana Brejchová, Hanns Lothar und Nadja Tiller. Der Film aus dem Jahr 2000 trägt den Titel Gripsholm. Regie führte Xavier Koller; in den Hauptrollen spielten Ulrich Noethen, Heike Makatsch und Jasmin Tabatabai.
Eine ungekürzte Hörfassung, gelesen von Uwe Friedrichsen, erschien 2002. Ein gleichnamiges Hörspiel des Rundfunks der DDR wurde 1964 von Horst Ulrich Wendler bearbeitet und von Hans Knötzsch inszeniert. Es erhielt 2007 den Radio-Eins-Hörspielkino-Publikumspreis. Ebenfalls 2007 veröffentlichte der Diogenes Verlag eine ungekürzte Lesung mit Heike Makatsch.
Zur Forschung gehören unter anderem der 14. Band der von Antje Bonitz, Dirk Grathoff, Michael Hepp und Gerhard Kraiker herausgegebenen Gesamtausgabe Texte und Briefe, der 1998 in Reinbek erschien und die Texte des Jahres 1931 auf den Seiten 552–601 enthält, sowie Untersuchungen von Walter Delabar und Kirsten Ewentraut. Eine wichtige biografische Quelle ist Lisa Matthias’ Autobiografie Ich war Tucholskys Lottchen von 1962.