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San Salvador (Kurzgeschichte)
Die Kurzgeschichte handelt von den Fluchtphantasien eines Ehemanns, während er auf die Heimkehr seiner Frau wartet. Der Titel bedeutet wörtlich aus dem …
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Bedeutung
„San Salvador“ ist eine Kurzgeschichte des Schweizer Schriftstellers Peter Bichsel. Sie erschien erstmals am 8. Dezember 1963 in der Neuen Zürcher Zeitung und wurde 1964 in die Sammlung „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen. 21 Geschichten“ aufgenommen. Diese Sammlung brachte Bichsel seinen ersten großen Erfolg.
Im Mittelpunkt stehen die Fluchtfantasien des Ehemanns Paul, der zu Hause auf seine Frau Hildegard wartet. Die Geschichte zeigt mit wenigen Worten einen alltäglichen Moment, lässt dessen Bedeutung aber bewusst offen. Der Titel bedeutet aus dem Spanischen übersetzt „heiliger Retter“ und verweist zugleich auf San Salvador, die Hauptstadt des mittelamerikanischen Staates El Salvador. Der Ort wird im eigentlichen Text jedoch nicht genannt.
Handlung
Die Handlung spielt am Abend in der Wohnung des Ehepaars Paul und Hildegard. Hildegard nimmt an einer Probe des Kirchenchores teil, während Paul zu Hause bleibt. Er probiert eine neu gekaufte Füllfeder aus und schreibt nach einigen Schreibversuchen einen kurzen Abschiedsbrief:
„Mir ist es hier zu kalt
ich gehe nach Südamerika
Paul“
Paul faltet den Brief und legt ihn auf den Tisch. Anschließend wartet er weiter auf seine Frau und vertreibt sich die Zeit. Obwohl der Brief eine Flucht ankündigt, verlässt Paul die Wohnung nicht, sondern bleibt neben dem Zettel sitzen.
Als Hildegard nach Hause kommt, fragt sie: „Schlafen die Kinder?“ Damit endet die Geschichte unvermittelt. Es bleibt offen, ob sie den Abschiedsbrief liest und wie sich das Gespräch zwischen den Eheleuten entwickelt. Der Schluss liefert daher keine eindeutige Auflösung.
Erzählweise und Sprache
Mit ungefähr 350 Wörtern ist „San Salvador“ eine besonders kurze Kurzgeschichte, die auch als Kürzestgeschichte bezeichnet werden kann. Erzählt wird in einer personalen Erzählsituation: Das Geschehen wird aus der Nähe Pauls dargestellt, ohne dass ein allwissender Erzähler alles erklärt. Die erlebte Rede, also die Wiedergabe von Gedanken in der dritten Person und ohne einleitende Formulierungen wie „er dachte“, ermöglicht nach Klaus Zobel einen unmittelbaren Einblick in Pauls unausgesprochene Erwartungen und Enttäuschungen.
Die Sprache ist schlicht und orientiert sich am alltäglichen Wortschatz. Auf sprachliche Ausschmückungen wird verzichtet. Diese starke sprachliche und formale Reduktion erzeugt eine Dichte und einen Rhythmus, die an Lyrik erinnern. Einzelne Sätze werden wiederholt oder leicht verändert; bei manchen Wiederholungen wechselt etwa der Konjunktiv in den Indikativ. Bichsel bezeichnete sich selbst als einen „Lyriker, der seine Gedichte abtarnt, hinter Prosa versteckt.“
Viele Vorgänge und Zusammenhänge werden nur angedeutet. Die Leserinnen und Leser müssen die Bedeutung aus Details, Wiederholungen und Leerstellen erschließen. Nach Rolf Jucker fördert dies den Möglichkeitssinn, also die Fähigkeit, verschiedene denkbare Bedeutungen wahrzunehmen. Zugleich besteht dadurch die Gefahr, mehr in den Text hineinzulesen, als sich tatsächlich belegen lässt.
Gegensätzliche Deutungen
Viele Interpretationen verstehen die Geschichte negativ. Nach dieser Lesart stagniert Pauls Leben: Er plant zwar den Ausbruch aus seinem Alltag, setzt ihn aber nicht um. Klaus Zobel deutet die Aussage, es sei Paul „hier zu kalt“, nicht nur als Hinweis auf die Temperatur, sondern als Ausdruck der „Kälte des Alleinseins“. Das Vertrauen und die Zusammengehörigkeit in der Ehe seien verloren gegangen. Paul empfinde seine bürgerliche Existenz, den gleichförmigen Alltag und die vorhersehbaren Gesten Hildegards als belastend. Von einem Ortswechsel nach Südamerika erhoffe er sich Erlösung. San Salvador werde damit sinnbildlich zum „Erlöser“.
Dass Paul sitzen bleibt, zeigt in dieser Deutung seine Resignation. Dazu passt die mehrfach und leitmotivisch wiederkehrende Formulierung „Dann saß er da“. Ein Leitmotiv ist ein wiederholt auftretendes sprachliches oder inhaltliches Element, das für die Aussage eines Textes wichtig ist. Hildegards abschließende Frage nach den Kindern gilt hier als Zeichen dafür, dass die Eheleute sich nicht mehr füreinander interessieren.
Rolf Jucker vertritt dagegen eine positive Lesart. Er verweist darauf, dass Bichsel die Langeweile schätzte und dass die schweizerdeutsche Wendung „Längi Zyt“ sowohl „lange Zeit“ als auch „Sehnsucht“ ausdrücken kann. Da Pauls Gedanken immer wieder von der Ferne zu Hildegard zurückkehren, habe er möglicherweise weniger Fernweh als Sehnsucht nach seiner abwesenden Frau. Ihre vorhersehbaren Gesten könnten dann nicht Entfremdung, sondern eheliche Vertrautheit zeigen. Auch Hildegards Frage nach den Kindern ließe sich als Ausdruck familiärer Bindung verstehen.
Dass Paul nicht flieht, bedeutet nach Jucker nicht zwingend Versagen. Es könne auch die Einsicht zeigen, dass eine Flucht die vorhandenen Probleme nicht löst. Beide Deutungen bleiben möglich. Gerade die knappe und offene Gestaltung verhindert eine eindeutige Festlegung. Dazu passt Bichsels Aussage, er beschäftige sich nicht „mit der Wahrheit, sondern mit den Möglichkeiten der Wahrheit.“
Entstehung, Veröffentlichung und Schulerfolg
„San Salvador“ ist die fünfzehnte der 21 Geschichten in „Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen“. Der damals noch unbekannte Bichsel schickte das Manuskript der Sammlung im Sommer 1962 an den Verleger Otto F. Walter. Dieser war von den Texten sofort angetan. Die Sammlung erschien 1964 als Band 2 der von Walter und Helmut Heißenbüttel herausgegebenen Reihe „Walter Drucke“.
Die Erstauflage umfasste 1220 Exemplare und war nach vier Tagen ausverkauft. Bis 1984 verkaufte der Walter Verlag 64.000 Exemplare; die Lizenzausgaben des Suhrkamp Verlags sind darin nicht enthalten. Marcel Reich-Ranicki würdigte besonders die natürliche, ungekünstelte Sprache und sprach von der „Anmut der Natürlichkeit“.
Die Kurzgeschichte wurde auch in die Lehrpläne deutschsprachiger Schulen aufgenommen. Für den Unterricht eignet sie sich besonders, weil sie kurz, sprachlich einfach und dennoch deutungsoffen ist. Sie kann in einer Unterrichtsstunde gelesen und untersucht werden, bietet aber durch ihre Leerstellen und die gegensätzlichen Interpretationsmöglichkeiten reichlich Stoff für Textanalyse und Diskussion.