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Radio-Essay
Der oder das Radio-Essay ist ein non-fiktionales Hörfunk-Genre, das sich nach 1945 neben Hörspiel und Feature in den Kulturprogrammen des Hörfunks …
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Begriff und Bedeutung
Der oder das Radio-Essay ist ein non-fiktionales, also auf wirkliche Themen und Sachverhalte bezogenes Hörfunk-Genre. Es etablierte sich nach 1945 neben Hörspiel und Feature in den Kulturprogrammen verschiedener europäischer Länder. Das Hörspiel arbeitet vorwiegend mit einer inszenierten Handlung; ein Feature ist eine dokumentarische Rundfunkform. Zwischen diesen beiden Formen nimmt das Radio-Essay eine eigene Position ein.
Das Genre verbindet die literarische Tradition des gedruckten Essays aus dem Feuilleton von Zeitungen und Zeitschriften mit den technischen Möglichkeiten des elektronischen Massenmediums Radio. Besonders wichtig sind die Montage, also das gezielte Zusammenfügen unterschiedlicher Stimmen, Originalaufnahmen und Zitate, sowie die Verteilung der Erzählerposition auf mehrere Sprecher. Dadurch können politische, soziale, geistige, psychologische, soziologische oder historische Themen auf eine für den Hörfunk geeignete Weise untersucht und dargestellt werden.
Mediengeschichtlich stehen Radio-Essay und Radio-Feature am Anfang weiterer essayistischer Formen elektronischer Massenmedien. Gemeinsam ist ihnen das Prinzip der Montage. Dazu gehören vor allem Essay-Film, Documentary und multimediale Formen des digitalen Zeitalters, insbesondere das Weblog.
Entwicklung als Rundfunkformat
In Deutschland führte Alfred Andersch die Bezeichnung „Radio-Essay“ ein. Er gründete 1955 beim Süddeutschen Rundfunk Stuttgart (SDR) die „Radio-Essay-Redaktion“. Sie bestand neben der Hörspiel- und Musikredaktion und war sowohl für Radio-Essays als auch für Features zuständig. Die übrigen westdeutschen Sender hielten dagegen an getrennten Feature- und Hörspielredaktionen fest. Als unmittelbares Vorbild für die besondere Stellung non-fiktionaler Gattungen im Kulturprogramm diente das „Third Programme“ der BBC.
Mit dem Namen bezog sich der SDR einerseits auf Jean Tardieus Club d’Essai bei der Radiodiffusion Française und andererseits auf die literarische Tradition des Essays. Für Andersch war vor allem dessen experimenteller Charakter wichtig: Der Essay sollte den „Charakter eines lebendigen, allen Möglichkeiten sich offen haltenden Charakter des Versuchs“ besitzen.
Die Radio-Essay-Redaktion des SDR bestand bis Juni 1981, als Anderschs Nachfolger Helmut Heißenbüttel pensioniert wurde. Der später aus SDR und SWF hervorgegangene SWR führte sie fort. Das Radio-Essay ist weiterhin ein etabliertes Format des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Eigenständige Redaktionen gibt es neben dem SWR jedoch nur noch beim Deutschlandfunk und beim BR.
Gestaltung und Aufbau
Formal steht das Radio-Essay zwischen Hörspiel und Radio-Feature. Es kann dokumentarisch durch die Montage von O-Tönen – also im Original aufgezeichneten Stimmen oder Geräuschen – und Zitaten gestaltet sein. Ebenso kann es durch Dialogisierung, das heißt durch eine Aufteilung des Gedankengangs auf miteinander sprechende Stimmen, geprägt werden. Die historische Radio-Essay-Redaktion des SDR hob besonders die Gemeinsamkeiten mit dem Feature hervor.
Andersch und der damalige SDR-Intendant Fritz Eberhard verstanden das Radio-Essay als eine neue, den technischen Bedingungen des Rundfunks entsprechende Form. Autoren sollten damit politische, soziale und geistige Probleme, Persönlichkeiten und Menschengruppen, Länder und Landschaften sowie psychologische, soziologische und historische Phänomene darstellen können.
Die gestalterische Bandbreite reicht von monologisch angelegten Beiträgen mit nur einer bestimmenden Stimme über mehrstimmige Inszenierungen bis zu Zwiegesprächen in der Tradition des „Dialog-Essays“. Häufig herrscht Polyphonie, also das Zusammenspiel verschiedener Sprecherstimmen. Trotzdem gibt es meist eine durchgehende Sprecherfigur, die den Beitrag zusammenhält. Weitere Stimmen tragen Zitate vor, stellen rhetorische Fragen oder liefern Daten und Fakten. Gegenwärtige Radio-Essays in deutschsprachigen Kulturprogrammen sind stärker monologisch ausgerichtet, können aber weiterhin Sprecherwechsel enthalten.
Wissenschaftliche Einordnung
Die Forschung zum Essay hat essayistische Formen in modernen Massenmedien bisher kaum berücksichtigt. Selbst die umfangreiche Encyclopedia of the Essay von 1999 enthält weder die Begriffe Radio-Essay noch Radio-Feature. Auch die Literaturwissenschaft beschäftigte sich lange kaum mit dem Genre. Anders als das Hörspiel wurde der Radio-Essay in Darstellungen zum modernen Essay häufig lediglich als journalistische Abart oder sogar als „Pseudo-Essay“ eingeordnet.
Eine andere Bewertung vertrat die westdeutsche Literaturwissenschaftlerin Christa Hülsebus-Wagner. In ihrer 1981 veröffentlichten Arbeit zu den „Hörfunkformen der Gruppe 47 und ihres Umkreises“ beschrieb sie das Radio-Essay als eine „dem Hörfunk ädäquate literarische Ausdrucksform“ und als besondere „Kunstform“.
Auch Erkenntnisse aus anderen Forschungsbereichen sprechen für seine Bedeutung. Wolfgang Müller-Funk bezeichnete den Essay als „ubiquitäre“, also allgegenwärtige Ausdrucksform der Moderne, die bis in die „Tiefenstrukturen der literarischen und philosophischen Texte“ eindringe.
Typische Werke
Zu den frühen Beispielen gehört Ingeborg Bachmanns „Utopie kontra Ideologie. Robert Musils Mann ohne Eigenschaften“, gesendet am 1. April 1955 bei RB. Walter Jens’ „Aufruhr und Poesie. Georg Büchner oder Die Krankheit des Jahrhunderts“ wurde am 5. Februar 1956 beim SDR ausgestrahlt.
Die aufgeführten späteren Produktionen zeigen, dass das Genre fortgeführt wurde. Dazu zählen Kathrin Rögglas „ein anmaßungskatalog für herrn fichte“, gesendet am 16. Mai 2006 beim BR, und Clemens Meyers „Im Netz der Spinnenfrau. Oder: 10 Versuche über den NSU“ bei SWR2.