Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Phasenmodell der Eskalation
1. Hauptphase (win-win: Es ist noch alles offen) · 2. Hauptphase (win-lose: Ab hier Gewinner und Verlierer) · 3. Hauptphase (lose-lose: Ab hier nur noch Verlierer).
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Aufbau
Das Phasenmodell der Eskalation wurde 1980 von Friedrich Glasl zur Analyse von Konflikten vorgelegt. Die Analyse soll helfen, angemessene Reaktionen auszuwählen. Das Modell umfasst neun Eskalationsstufen, die in drei Hauptphasen mit je drei Stufen gegliedert sind. Es unterscheidet sich damit vom Modell von Kurt R. Spillmann und Kati Spillmann, das fünf identifizierbare Eskalationsstufen beschreibt.
Glasl stellt Eskalation nicht als aufsteigende Leiter dar: Der Eskalationsweg kann mit einer gewissen zwingenden Kraft in Bereiche führen, in denen große, „unmenschliche“ Energien entstehen und sich langfristig menschlicher Steuerung und Beherrschung entziehen. Das Modell lässt sich auf unterschiedliche Konflikte anwenden, etwa auf Scheidungen, Konflikte zwischen Kollegen oder Schülern sowie Konflikte zwischen Staaten.
In der ersten Hauptphase ist noch eine Win-Win-Lösung möglich, also ein Ergebnis, bei dem beide Seiten gewinnen können. In der zweiten Phase entsteht ein Win-Lose-Muster: Eine Partei gewinnt, die andere verliert. In der dritten Phase herrscht Lose-Lose: Beide Seiten verlieren. Hauptschwellen trennen diese Phasen. Wer die erste Hauptschwelle beachtet, kann eine kooperative Lösung auf der Sachebene sichern; das Respektieren der zweiten bedeutet, dass moralisch-ethische Skrupel noch handlungsleitend sind.
Frühe Eskalation: Konflikt bleibt lösbar
Stufe 1 – Verhärtung: Konflikte beginnen mit Spannungen, zum Beispiel mit gelegentlichem Aufeinanderprallen von Meinungen. Dies ist alltäglich und wird zunächst meist nicht als Konfliktbeginn erkannt. Entwickelt sich dennoch ein Konflikt, werden die Meinungen grundlegender; möglicherweise liegen tiefere Ursachen vor.
Stufe 2 – Debatte, Polemik: Die Beteiligten überlegen Strategien, um die andere Seite durch Argumente zu überzeugen. Meinungsverschiedenheiten werden zum Streit, und es entsteht der Wunsch, den anderen unter Druck zu setzen. Typisch ist Schwarz-Weiß-Denken.
Stufe 3 – Taten statt Worte: Die Parteien erhöhen den Druck, um sich selbst oder die eigene Meinung durchzusetzen. Gespräche werden beispielsweise abgebrochen; verbale Kommunikation findet nicht mehr statt. Dadurch beschleunigt sich die Verschärfung des Konflikts, und das Mitgefühl für die andere Seite geht verloren.
Gewinnen auf Kosten der Gegenseite
Stufe 4 – Koalitionen, Images: Die Konfliktparteien suchen Sympathisanten für ihre Sache. Weil sie sich selbst im Recht sehen, können sie den Gegner denunzieren. Die Sachfrage tritt zurück; entscheidend wird, den Konflikt zu gewinnen, damit die Gegenseite verliert.
Stufe 5 – Gesichtsverlust: Der Gegner soll durch Unterstellungen oder Ähnliches in seiner Identität vernichtet werden. Das Vertrauen ist vollständig verloren. „Gesichtsverlust“ bedeutet hier den Verlust moralischer Glaubwürdigkeit.
Stufe 6 – Drohstrategien: Mit Drohungen versuchen die Parteien, die Lage vollständig zu kontrollieren und ihre Macht sichtbar zu machen. Eine Drohung kann aus einer Forderung, einer Sanktion und einem Sanktionspotenzial bestehen. Das Beispiel im Artikel lautet: Forderung „10 Mio. Euro“, Sanktion „Sonst sprenge ich Ihr Hauptgebäude in die Luft!“ und als Potenzial das Zeigen von Sprengstoff. Über die Glaubwürdigkeit einer Drohung entscheiden die Proportionen dieser Bestandteile.
Zerstörerische Endphase
Stufe 7 – Begrenzte Vernichtungsschläge: Der Gegner soll mit allen Mitteln empfindlich geschädigt werden und wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen. Ein begrenzter eigener Schaden gilt bereits als Gewinn, wenn der Schaden des Gegners größer ist.
Stufe 8 – Zersplitterung: Nicht nur der Gegner selbst, sondern sein Unterstützersystem soll durch Vernichtungsaktionen zerstört werden.
Stufe 9 – Gemeinsam in den Abgrund: Die eigene Vernichtung wird in die Planung einbezogen, wenn dadurch der Gegner besiegt werden kann. In dieser Phase gibt es nur noch Verlierer.
Eskalationsmechanismen und Deeskalation
Nach Glasl handeln Konfliktparteien mit zunehmender Eskalation immer irrationaler. Sie orientieren sich stärker an bereits Erlebtem, blenden zukünftige Folgen aus und nehmen das tatsächliche Geschehen zunehmend verzerrt wahr. Diese Begleiterscheinungen bleiben ihnen meist verborgen. Fünf Kernmechanismen erzeugen eine besonders starke Dynamik:
- Zunehmende Projektion bei wachsender Selbstfrustration: Eigene, schwer akzeptierte Schwächen werden anderen zugeschrieben oder als von ihnen verursacht erlebt. Selbstvorwürfe und Schuldgefühle können einen Teufelskreis aus Anspannung, neuen Projektionen und Überreaktionen auslösen.
- Ausweitung der strittigen Themen bei gleichzeitiger kognitiver Komplexitätsreduktion: Immer mehr, auch unwichtige Argumente machen die Lage äußerlich komplexer. Stress, Zeitdruck und geringere Handlungsspielräume fördern zugleich Vereinfachungen, Auslassungen und starres Denken.
- Kausalitätsumkehr bei vereinfachten Erklärungen: Beide Seiten entwickeln unterschiedliche Modelle für Ursachen und Wirkungen. Was eine Seite als Ursache ansieht, erscheint der anderen als Wirkung. Obwohl die Lage komplizierter wird, suchen die Parteien immer einfachere, eindeutige Erklärungen.
- Ausweitung der sozialen Arena und Personifizierung: Weitere Personen oder die Öffentlichkeit werden einbezogen. Dies erhöht Missverständnisse und Kontrollverlust. Aus konkreten Wahrnehmungen können vereinfachte Bilder und Feindbilder entstehen; Schuld wird der Gegenseite zugeschrieben, während niemand Verantwortung für bestimmte Bereiche des Konflikts übernimmt.
- Pessimistische Antizipation und Bremsen: Unter Druck, etwa durch Ultimaten, reagieren Parteien auf das schlimmstmögliche erwartete Szenario. Stärke oder Entschlossenheit sollen die Eskalation bremsen, können aber unverhältnismäßige Maßnahmen und übereilte Gegenschritte auslösen.
Das Modell liefert nicht unmittelbar Lösungen, besonders wenn ein Verlassen der Konfliktsituation unmöglich erscheint oder eine Seite bewusst eskaliert. Glasl ordnet den Stufen jedoch Deeskalationsstrategien zu: Stufe 1–3 Moderation, Stufe 3–5 Prozessbegleitung, Stufe 4–6 sozio-therapeutische Prozessbegleitung, Stufe 5–7 Vermittlung/Mediation, Stufe 6–8 Schiedsverfahren oder gerichtliches Verfahren sowie Stufe 7–9 Machteingriff. Die Berücksichtigung der Eskalationsmechanismen kann Ansatzpunkte für Deeskalation geben, insbesondere für Führungskräfte, Berater und Sozialarbeiter.