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PPGIS
Als Methode in der Geographie sind die PPGIS noch relativ neu und werden erst seit Mitte der 1990er Jahre hauptsächlich in den USA und Kanada angewendet.
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Grundidee und heutige Bedeutung
Ein Public Participation Geographic Information System (PPGIS; öffentliches partizipatives GIS) ist ein Geoinformationssystem, an dem besonders nicht-privilegierte Gruppen aktiv mitwirken können. Ein GIS stellt Daten aus einer Datenbank grafisch mithilfe einer Karte dar. PPGIS macht solche kartenbasierten Anwendungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.
Heute bezeichnet PPGIS meist eine online bereitgestellte, kartenbasierte und partizipative Anwendung. Unterschiedliche Akteure tragen Informationen bei, damit räumliche Prozesse sichtbar werden. Beispiele sind die Beteiligung Jugendlicher an stadtplanerischen Erhebungen oder die selbstständige Kartierung einer informellen Siedlung durch ihre Bewohner.
Ziel ist öffentliche Beteiligung an geografischen Informationssystemen unter Beachtung der sozialen, politischen und ökologischen Kontexte eines Untersuchungsgebietes. PPGIS soll mit und für betroffene Gemeinschaften arbeiten, nicht über sie hinweg. Es kann Beteiligung offen und Prozesse transparent machen; die möglichen Fragestellungen und Umsetzungen sind vor allem durch die Kreativität der Fragestellenden begrenzt.
Im globalen Süden verwenden häufig organisierte Gruppen, etwa Grassroot Groups, PPGIS. Mit Informationen aus der Bevölkerung halten sie ihre Lage aktuell fest und können beispielsweise Ressourcen effizienter verteilen. In entwickelten Ländern dient PPGIS überwiegend dazu, lokales Wissen über einen Ort zu erweitern, besonders aus Sicht sonst übergangener Gruppen. Im deutschsprachigen Raum wird der Begriff noch uneindeutig benutzt; insbesondere gegenüber Volunteered Geographic Information (VGI) ist die Grenze teils nicht klar.
Entwicklung und Abgrenzung
PPGIS-Methoden sind in der Geographie relativ neu und werden seit Mitte der 1990er Jahre vor allem in den USA und Kanada angewendet. 1996 veranstaltete das National Center for Geographic Information and Analysis (NCGIA) das Meeting „GIS and Society: The Social Implications of How People, Space, Environment Are Represented in GIS“. Es sollte GIS wegen ihrer fortschreitenden Entwicklung kritisch auf soziale und politische Aspekte untersuchen. Hintergrund waren unter anderem die GIS-Wars und Kritik am Umgang mit GIS. Ein wichtiges Ziel war die Überwindung von Machtasymmetrien.
Ein anschließender Workshop sollte genauer bestimmen, was Public Participation GIS ist, und Anwendungen für sozial schwächere Gruppen entwickeln. Ähnliche Projekte hatte es schon vorher gegeben, jedoch noch nicht unter dieser Bezeichnung. Trotz Definitionsversuchen verschiedener Autoren gibt es keine feste, lexikonreife Definition. PPGIS gilt als wichtiges Instrument, um direkt Informationen über soziale, gesellschaftliche, politische oder ökonomische Eigenschaften bestimmter Orte zu erhalten.
Unterschied zu konventionellem GIS
Konventionelle GIS-Anwendungen bilden den größten Teil der GIS-Anwendungen. Sie wurden kritisiert, weil sie als Werkzeuge für Technokraten gelten und bei ausgeblendeten sozialen Faktoren vor allem auf Technologie und die Darstellung gesammelter geografischer Daten ausgerichtet seien.
PPGIS setzt dagegen Menschen und Gruppen in den Mittelpunkt; technische Interessen stehen eher an zweiter Stelle. Anwendungen sollen im Idealfall dem Gemeinwohl dienen und bei Bedarf überdacht und verbessert werden. Ein wichtiger Unterschied ist außerdem die Wirkrichtung:
- Bottom-up ist nach Renee Sieber die klassische PPGIS-Wirkrichtung. Zuerst werden Probleme einzelner Menschen oder Gruppen betrachtet. Aus vielen möglichen Einzellösungen soll schließlich das Gesamtproblem einer Region erfasst werden.
- Top-down-Projekte gelten eher als normale GIS-Anwendungen, bei denen die Öffentlichkeit erst nachträglich beteiligt wird. Die Informationen stammen zunächst von Behörden oder ähnlichen Institutionen. Bereits bekannte Probleme sollen für größere Gruppen gelöst und so ihre Lebensqualität verbessert werden. Daten können Muster oder Beziehungen zeigen und auf Karten darstellen.
Beide Herangehensweisen sind durch Gesetzgebung, etwa zum Datenschutz, begrenzt.
Planung, Beteiligung und Auswertung
Am Beginn eines PPGIS-Projekts stehen Fragen nach Zweck, gewünschtem Ergebnis, Beteiligten und geeigneten Mitteln. Nach P. Schroeder ist PPGIS eine Möglichkeit, nicht-privilegierte Gruppen an GIS und anderen räumlichen Anwendungen zu beteiligen. Grundsätzlich sollen die Beteiligten Stakeholder sein: Personen, die ein Projekt beeinflussen oder von ihm beeinflusst werden. Bei großen Projekten kann es schwierig sein, alle Stakeholder zu erkennen; dadurch können Menschen übergangen werden. Zudem sollen alle die gleichen Möglichkeiten und Stimmen haben. Eine größere Beteiligung verbessert ein PPGIS. Entscheidend ist auch Vertrauen der Teilnehmenden in Studie und Ersteller, damit sie verlässliche Ergebnisse liefern.
Webbasierte Kartenanwendungen wie Google Maps oder OpenStreetMap sind inzwischen die typische, aber nicht die einzige Methode. Das Internet ermöglicht direkte und vergleichsweise kostengünstige Datenerhebung; bei geografischen Projekten können Teilnehmende genaue Angaben machen. Zugleich schließt eine Online-Anwendung Menschen ohne Internetzugang möglicherweise aus.
Ob viele Menschen erreicht werden, hängt in gut ausgebauten Regionen davon ab, ob die betroffenen Gruppen vom Projekt erfahren und zur Teilnahme motiviert werden. Die Benutzeroberfläche muss intuitiv und auf die jeweilige Gruppe zugeschnitten sein; Jugendliche in Industrienationen haben beispielsweise andere Ansprüche als Jugendliche im globalen Süden. Teilnehmende setzen meist Markierungen mit relevanten Daten auf Karten. Die Daten werden ähnlich wie andere Geodaten ausgewertet: Man sucht statistische Auffälligkeiten oder Muster im Gesamtergebnis.
PPGIS kann viele lokale Stimmen und deren Wissen in Planungen einbeziehen und die Beteiligung gerechter verteilen. Dynamische Web-2.0-Karten erlauben individuelle Markierungen und kurze Texte wie Post-its. Persönliche Erfahrungen werden damit anderen Teilnehmenden und Projektverantwortlichen zugänglich. Sehr individuell gestaltete Karten können jedoch eine objektive Auswertung erschweren.
Typische Anwendungen
Map Kibera wurde 2009 von Bewohnern der Kibera-Siedlung gestartet. Kenianische Regierung und Google Maps boten keine ausreichende und verlässliche Kartierung. Eine kleine Gruppe von Aktivisten aus der informellen Siedlung begann, Kibera auf OpenStreetMap zu kartieren; die erste Idee kam von GIS-Experten in Nairobi. Markiert werden für Bewohner wichtige Orte wie Trinkwasserstellen und öffentliche Toiletten. Nach anfänglicher Skepsis beteiligten sich viele Menschen, weil die Vorteile sichtbar wurden. Auch Wasser- und Lebensmittellieferanten nutzen die Karte. Da die meisten Bewohner keinen Internetanschluss haben, sammeln sie Daten im Feld und tragen sie später etwa über Internetcafés ein. Das zunächst von Experten angestoßene Projekt wird von der unterprivilegierten Bevölkerung weitergeführt und liefert eine nutzbare Karte von Kibera.
Jugend-Raum war ein Projekt des Instituts für Raumentwicklung der Hochschule für Technik Rapperswil in Rapperswil-Jona, Kanton St. Gallen. Es ergänzte eine öffentliche Befragung Jugendlicher in der Stadtplanung. Auf einer Online-Karte konnten Jugendliche wichtige Orte und subjektive Einschätzungen wie „Da fühle ich mich wohl ;-)“ oder „Da fühle ich mich nicht wohl ;-(“ markieren. Das PPGIS sollte Umfrageergebnisse bekräftigen und kartografisch zeigen, wo aus Sicht Jugendlicher Handlungsbedarf besteht. Zudem wurden Orte sichtbar, die den Studienmachern vorher nicht aufgefallen waren.
KuLIS bedeutet Kulturlandschaftsinformationssystem und ist eine Internetplattform des Instituts für Raumbezogene Informations- und Messtechnik der Fachhochschule Mainz. Nach kurzer Anmeldung kann jede Person freiwillig VGI eintragen. Die Richtigkeit der Angaben ist kritisch zu prüfen, weil sie nicht unmittelbar überprüfbar ist. KuLIS informiert die Allgemeinheit über die Kulturlandschaft nahe des Wohnorts und liefert Rheinland-Pfalz Informationen für das LEP, das Landesentwicklungsprogramm. Diese können etwa helfen, Windkraftanlagen fern von kulturell und touristisch wertvollen Stellen zu planen. KuLIS ist kein klassisches PPGIS, sondern eher VGI.