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Norn
Norn ist eine ausgestorbene nordgermanische Sprache, die bis in das 18. Jahrhundert hinein belegt ist. Sie war die Landessprache auf den Shetland- und …
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Überblick und Einordnung
Norn war eine nordgermanische Sprache auf den Orkney- und Shetland-Inseln. Sie ist bis ins 18. Jahrhundert belegt, heute aber ausgestorben. Weil nur wenige sprachliche Zeugnisse erhalten sind, gilt sie als Trümmersprache, also als Sprache, die sich nur anhand lückenhafter Überreste untersuchen lässt. Ihr ISO-639-3-Code lautet „nrn“; in ISO 639-2 wird sie unter „gem“ für sonstige germanische Sprachen eingeordnet.
Sprachgeschichtlich gehört Norn zu den indogermanischen, germanischen, nordgermanischen und schließlich westskandinavischen Sprachen. Die westskandinavischen Sprachen werden auch als inselskandinavische Sprachen bezeichnet. Norn stammte vom Altnordischen ab und war mit dem Isländischen und Färöischen verwandt. Von den heute gesprochenen Sprachen kommt ihm das Färöische am nächsten.
Die Orkney- und Shetland-Inseln gehörten seit der Ankunft der Wikinger im 9. Jahrhundert zu Norwegen, waren jedoch bereits zuvor besiedelt. Norn entwickelte sich dort zur Landessprache. Auch nach seinem Aussterben beeinflusst es die Dialekte des Schottischen Englisch und des Scots auf beiden Inselgruppen stark. Besonders auf den Shetlands besteht weiterhin eine enge kulturelle Beziehung zu Skandinavien; auch die kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Shetland, Orkney, den Hebriden und den Färöern werden auf offizieller Ebene intensiviert.
Bezeichnung
Der Name „Norn“ ist eine verkürzte Form von „Norroena“. Dieses altnordische Wort geht auf „norðroenn“ zurück, das „nördlich“ beziehungsweise „vom Norden kommend“ bedeutet. Snorri Sturluson verwendete „Norroena“ erstmals als Bezeichnung für altwestnordische Sprachen wie das Altisländische und grenzte sie damit von den altostnordischen Sprachen Dänisch und Schwedisch ab.
Überlieferung und Erforschung
Die frühen Erforscher des Norn waren keine Muttersprachler. Der Pfarrer James Wallace († 1688), der auf Sanday und in Kirkwall tätig war, zeichnete im 17. Jahrhundert eine orkadische Fassung des Vaterunsers auf. Sie erschien 1700 in London in seinem Werk „Account of the Islands of Orkney“. Das Buch behandelt außerdem die Geografie, Flora, Fauna, Bevölkerung und Kirchengeschichte der Orkney-Inseln.
Der schottische Theologe George Low bereiste im 18. Jahrhundert Shetland und die westlich davon gelegene Insel Foula. In „A Tour through the Islands of Orkney and Shetland“ überlieferte er unter anderem das Vaterunser und die Hildina-Ballade. Seine Aufzeichnungen sind jedoch in Lautlehre und Formenlehre unzureichend: Low beherrschte weder Norn noch eine andere nordgermanische Sprache und schrieb die Wörter nur nach seinem Hörverständnis auf. Sein Informant konnte weder lesen noch schreiben und daher keine verlässliche Schreibweise liefern.
Der Färinger Jakob Jakobsen, der nordgermanische Sprachen kannte, sammelte noch im 19. Jahrhundert etwa 10.000 Norn-Wörter, darunter zahlreiche Toponyme, also Ortsnamen. Auf dieser Grundlage erstellte er ein etymologisches Wörterbuch. 1897 erschien sein Buch „The dialect and place names of Shetland“.
Hugh Marwick verfasste eine 1926 erschienene Doktorarbeit über das Norn der Orkney-Inseln. Da die Sprache damals längst ausgestorben war, konnte er vor allem Ortsnamen untersuchen. Daraus gingen „The Place Names of Rousay“ (1947), „Orkney“ (1951) und „Orkney Farm-Names“ (1952) hervor.
Das Vaterunser als Sprachzeugnis
Zu den wichtigsten erhaltenen Norn-Texten gehören mehrere Fassungen des Vaterunsers. Überliefert sind eine von George Low 1774 auf Foula aufgezeichnete shetländische Version und eine ältere orkadische Fassung von James Wallace, die 1700 veröffentlicht wurde. Spätere Werke zitierten diese Texte in teilweise abweichenden Schreibweisen, darunter Barry (1805), Barry und Headrick (1808), „Northern Antiquities“ (1770) sowie Low und Anderson (1879). Dadurch existieren Varianten wie „Fy vor o er i Chimeri“ und „Favor i ir i Chimrie“ für den Gebetsanfang.
Low berichtete 1774, die altnordische Sprache habe auf Shetland weitgehend ausgedient. Nur noch einige Menschen hätten einzelne Wörter gekannt; sie sei die Sprache des vorhergehenden Zeitalters gewesen und werde im nächsten vollständig verloren sein. Seine Schreibweise ist keine zuverlässige Darstellung der tatsächlichen Sprache und müsste dem heutigen Neufäröischen wesentlich ähnlicher sein. Die Informanten beherrschten Norn nur mündlich und konnten Lows Niederschrift nicht berichtigen. Außerdem stellte Low seiner Foula-Fassung ein „Wallace’s specimen of Orkney Norn“ gegenüber, ohne genau zu erklären, wen oder welche Vorlage er zitierte.
Der Vergleich im Artikel mit Matthäus 6,9–13 auf Altnordisch und mit der neufäröischen Übersetzung von Jacob Dahl und Kristian Osvald Viderø aus dem Jahr 1961 macht die enge westskandinavische Verwandtschaft sichtbar. In allen Fassungen sind trotz unterschiedlicher Schreibung verwandte Formen für zentrale Teile des Gebets erkennbar, etwa für „Vater“, „Himmelreich“, „Name“, „Reich“, „tägliches Brot“, „Vergebung“, „Versuchung“ und „das Böse“. Zugleich zeigen die unsicheren Transkriptionen, warum aus den erhaltenen Texten nur mit Vorsicht Rückschlüsse auf Aussprache und Grammatik des Norn gezogen werden können.