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Niederpreußisch

Niederpreußisch ist ein Dialekt des Ostniederdeutschen, der bis 1945 in Ostpreußen, Westpreußen und Danzig gesprochen wurde.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Dialekt und Verbreitung
  2. 2. Gefährdung und Plautdietsch
  3. 3. Kennzeichnende Sprachformen
  4. 4. Mundarträume
  5. 5. Wortschatz und Sprachbeispiel

Dialekt und Verbreitung

Niederpreußisch ist ein Dialekt des Ostniederdeutschen. Er wurde bis 1945 in Ostpreußen, Westpreußen und Danzig gesprochen; sein historisches Verbreitungsgebiet lag damit am äußeren Osten des niederdeutschen Sprachraums. Auf baltischem Substrat verdrängte das Niederpreußische die altpreußische Sprache, die im 17. Jahrhundert ausstarb.

Sprachwissenschaftlich wird Niederpreußisch von Hochpreußisch unterschieden. Hochpreußisch bezeichnet die Dialekte mitteldeutscher Einwanderer, vor allem aus Schlesien, die hauptsächlich ins Ermland kamen. Die Einwanderung Salzburger Exulanten im 18. Jahrhundert hinterließ, abgesehen von einigen Vokabeln, kaum Dialektspuren.

Gefährdung und Plautdietsch

Nach 1945 war Niederpreußisch mit dem Aussterben der sogenannten Erlebnisgeneration vom Untergang bedroht. Die meisten Sprecher flohen gegen Kriegsende aus Ostpreußen oder wurden bis 1948 vertrieben. Spätere Generationen übernahmen teilweise die Mundart ihrer neuen Heimat oder sprechen regional gefärbtes Hochdeutsch. Die wenigen in Ostpreußen verbliebenen Menschen konnten ihren Heimatdialekt wegen möglicher Repressionen aufgrund ihrer Herkunft kaum verwenden.

Einzelne Wörter blieben teils im familiären Wortschatz erhalten, etwa Lorbas und Marjell. Offenbar leben noch einzelne Sprecher. Als jüngere Publikation wird eine teilweise Bibelübersetzung von 2021 durch Werner Gitt genannt, der 1937 in Ostpreußen geboren wurde. Die im Krieg geborene Generation dürfte jedoch die letzte Sprechergeneration sein.

Auf Grundlage des Niederpreußischen entwickelte sich Plautdietsch, die Sprache der weltweit verstreut lebenden Russlandmennoniten. Sie wird heute noch von etwa einer halben Million Menschen gesprochen. Russlandmennoniten wanderten Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Weichselmündungsgebiet nach Südrussland, in die heutige Ukraine, und von dort in alle Welt aus.

Kennzeichnende Sprachformen

Niederpreußisch unterscheidet sich von anderen ostniederdeutschen Dialekten besonders durch zahlreiche Gemeinsamkeiten mit Hochpreußisch in Phonetik, Grammatik und Wortschatz. Als „Borussozismen“ werden wichtige besondere Merkmale bezeichnet:

  • Beim Infinitiv kann das -n ausfallen. Nach H. Frischbier gilt dies nur für Ostpreußen, nicht für Westpreußen.
  • Im Partizip Perfekt bleibt ge- erhalten: Gegenüber Fritz Reuters „Hei is lopen“ heißt es in Ostpreußen „He is gelope“.
  • Bei der Entrundung werden gerundete Vokale anders gesprochen, zum Beispiel Kenig, Brieder, Fraide und Kraiter statt standarddeutsch König, Brüder, Freude und Kräuter.
  • Das e wird überoffen ausgesprochen, etwa in schnall und ack.
  • Verkleinerungsformen sind besonders beliebt, beispielsweise de lewe Gottke sowie die hochpreußischen Formen kommche, duche und Briefchedräger. Dabei kommen umlautlose Formen wie Hundche, Katzche und Mutterche vor.
  • nuscht bedeutet „nichts“.

Mundarträume

Von Westen nach Osten gliedert sich Niederpreußisch in die Mundart des Weichselmündungsgebietes um Danzig, die Mundart der Weichselwerder, die Nehrungsmundart der Frischen und Danziger Nehrung, die Mundart der Elbinger Höhe sowie Käslausch.

Weitere Gebiete sind die Mundart des Kürzungsgebietes am Frischen Haff um Braunsberg und Frauenburg, Westkäslausch um Mehlsack nördlich der hochpreußischen Mundartinsel und Ostkäslausch um Rössel und Bischofstein östlich davon. Hinzu kommen Natangisch-Bartisch zwischen Pregeltal, Frischem Haff und ermländischer Nordostgrenze, die west- und ostsamländische Mundart auf der Halbinsel Samland sowie die Mundart des Ostgebietes zwischen Memelfluss, litauischer Grenze und Masuren.

Wortschatz und Sprachbeispiel

Viele typische ostpreußische Wörter sind Lehnwörter aus baltischen Sprachen wie Altpreußisch, Litauisch und Nehrungskurisch oder aus dem Polnischen beziehungsweise Masurischen. Sie wurden zum Teil auch im hochdeutschen Sprachmilieu der Region verwendet. Beispiele sind Alus für „Bier“, Flins für „Pfannkuchen“, Kobbel für „Stute“, Kujel für ein männliches Schwein, Panewka für eine Bratpfanne, Pungel für „Beutel“, Schischke für einen Tannen- oder Kiefernzapfen und Schucke für „Kartoffel(n)“.

Weitere Wörter zeigen die Bildhaftigkeit des Wortschatzes: Bowke bezeichnet einen mutwilligen, kecken Burschen; Gnaschel einen kleinen unbedeutenden Menschen oder ein Kind; Lorbas einen ungeschlachten, flegelhaften Menschen, auch liebevoll einen Lümmel oder frechen Jungen. Marjell, Margelle, Merjell oder Mergel bedeutet „Mädchen“. jankere heißt, Appetit auf etwas zu haben oder zu schmachten, und schabbern bedeutet „reden“.

Das Gedicht Klingelschleede von Erminia von Olfers-Batocki, die in Natangen verwurzelt war, veranschaulicht die Mundart. Es erzählt von Kindern, die nach dem ersten Schnee mit einem kleinen Pferd und einem grünlackierten Schlitten fahren. Wörter wie Perdke, Schleede, Marjelles und Schneeballkes zeigen die Verkleinerungsformen und den besonderen Wortschatz des Niederpreußischen.

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