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Neurobiologie der Bindung
Die Neurobiologie der Bindung beschreibt komplexe neurobiologische Abläufe, die während des Bindungsverhaltens wirksam werden. Das Bindungsverhalten hat …
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Grundidee der Neurobiologie der Bindung
Die Neurobiologie der Bindung beschreibt neurobiologische Prozesse beim Bindungsverhalten. Dieses Verhalten ist evolutiv entstanden und motiviert Menschen dazu, soziale Nähe herzustellen und aufrechtzuerhalten. Ob es aktiviert wird, hängt von inneren und äußeren Bedingungen ab: Günstige Bedingungen können die beteiligten Prozesse aufeinander abstimmen, ungünstige Bedingungen können die Aktivierung erschweren.
Wird eine Situation als bedrohlich erlebt, hat die Selbsterhaltung Vorrang vor dem Bindungsverhalten. Bindungssystem, Lustsystem und Annäherungssystem können miteinander zusammenwirken; sie werden als emotional-motivationale Gehirnsysteme bezeichnet. Zum Bindungssystem gehören unter anderem Fürsorge, Pflege, Nestbau, Verteidigung des Territoriums und Familienplanung. Damit verbundene Gefühle sind Ruhe, Sicherheit, soziale Ausgeglichenheit und emotionale Verbundenheit.
Bindung, frühe Interaktion und Gehirnentwicklung
Nach Allan N. Schore ist die Entwicklung der Bindungsbeziehung eng mit der Gehirnentwicklung verbunden. Die Reifung des Occipitallappens ab dem zweiten Lebensmonat geht mit Fortschritten im sozialen und emotionalen Verhalten des Kindes einher. In der frühen Entwicklung ist das Gesicht der Mutter ein besonders wichtiger Reiz.
Mutter und Kind beeinflussen sich in zahlreichen Interaktionen gegenseitig. Viele Mütter reagieren intuitiv auf das Aktivitätsniveau des Kindes, berücksichtigen seine Erholungsphasen und passen die Stärke ihrer affektiven, also gefühlsbezogenen, Anregung an. Dadurch kann ein positiver Affektzustand erhalten bleiben. Die sehr schnelle Kommunikation bleibt nach Schore vermutlich weitgehend unbewusst. Eine gute Synchronisation entsteht, wenn die Mutter rasch auf wechselnde Bedürfnisse des Kindes nach Aktivität reagiert; sie erleichtert dessen Informationsverarbeitung und ist für die affektive Entwicklung zentral.
Im ersten Lebensjahr erfolgt soziale Kommunikation als wechselseitiges mimisches Signalisieren. Die Mutter reagiert auf die sichtbaren Gefühle des Kindes und moduliert sie: Sie schützt vor Über- oder Unterstimulation, senkt insbesondere hohe Erregung und beteiligt sich an der Wiedergutmachung nach Störungen der Interaktion. Diese Regulation ist ein Vorläufer affektiver Bindung. Wichtig sind sowohl die Herunterregulierung negativer Zustände als auch häufige spielerische und freudige Zustände mit interaktiver Verstärkung.
Mit Colwyn Trevarthens Begriff der Protokonversation beschreibt Schore frühe Regulation als emotionales „Ankoppeln“ an ein Erwachsenengehirn. Gehirnwachstum werde demnach nicht nur durch Transaktionen beeinflusst, sondern benötige Gehirn-zu-Gehirn-Interaktion in einer intimen, positiven affektiven Beziehung. Schore zufolge entwickelt sich die rechte vor der linken Hirnhemisphäre. Das Kind richtet seine Aufmerksamkeit deshalb zunächst besonders auf affektiv abgestimmte Face-to-Face-Interaktionen, auf Mimik und Prosodie, also den Klang und Verlauf der Stimme. Dies setzt voraus, dass die Mutter ihre eigenen Emotionen regulieren kann.
Orbitofrontaler Kortex als Regulationsschnittstelle
Der orbitofrontale Kortex ist ein Teil des Frontalhirns und wichtig für Verhaltenssteuerung, Regulation und das Gewahrwerden mentaler Prozesse. Seine entscheidende Reifungsphase liegt im letzten Viertel des ersten Lebensjahres – ab dem Zeitpunkt, zu dem die Bindungsbeziehung erstmals mit psychologischen Experimenten messbar ist.
Er ist mit tiefer liegenden, evolutiv älteren Hirnarealen wie Hypothalamus und Amygdala verbunden und verarbeitet zugleich mimische und prosodische Informationen. Dadurch bildet er eine Schnittstelle zwischen visuellen und auditiven Reizen, instinktivem Verhalten und Trieben. Nach Schore finden hier sowohl emotionale Regulationsmechanismen mit Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem als auch die Verarbeitung von Reizen aus der sozialen Umgebung statt. Der Bereich ist an sozialer Anpassung sowie an der Kontrolle von Trieb, Stimmung und Verantwortlichkeit beteiligt; diese Funktionen sind für die Persönlichkeit bedeutsam.
Der frontolimbische Kortex ist über seine Verbindungen zur Amygdala an der Speicherung affektiver Reaktionen beteiligt. Der präfrontale Kortex verarbeitet Gesichtsausdrücke auch subliminal, also unterhalb der bewussten Wahrnehmung. Das System ermöglicht schnelle Anpassung an veränderte Umgebungen, organisiert neu Gelerntes und reguliert zwischenmenschliches sowie soziales Verhalten. Der orbitofrontale Kortex erhält damit eine Kontrollfunktion über das gesamte rechte „soziale-emotionale Gehirn“. Die rechte Hirnhemisphäre ist besonders an unbewusster Bewertung affektiver Signale beteiligt und beeinflusst das autonome Nervensystem, das den körperlichen Ausdruck emotionaler Zustände steuert.
Neuronale Entwicklung und Oxytocin
Neuronale Verschaltungen des Bindungssystems entwickeln sich in der frühen Kindheit und sollen aus evolutiver Sicht Bindungsverhalten leicht aktivierbar machen. Vermutet wird ein Zusammenhang zwischen frühkindlicher Bindungserfahrung, Stress, Gehirnentwicklung sowie kognitiv-sozial-emotionaler Entwicklung. Die in der Kindheit gebildeten Verschaltungen werden mit ausgetretenen Pfaden verglichen: Sie sind gebahnt und werden bevorzugt genutzt. Sie können jedoch während des gesamten Lebens verändert werden. Dabei handelt es sich um Wachstumsprozesse an Synapsen, durch die neue Verschaltungen entstehen, sich bahnen oder ausweiten können.
Ein typisches Beispiel für Bindungsaktivierung ist ein weinendes oder schreiendes Kind: Die Mutter wendet sich ihm zu, tröstet es und prüft, was es braucht. Das Weinen aktiviert bei ihr nach der Darstellung das neuroendokrine Bindungssystem und führt zur Ausschüttung von Oxytocin. Oxytocin erhöht die Motivation zu angemessenem Fürsorgeverhalten. Das Kind wird bei der Emotionsregulation sozial unterstützt; ein positiv besetztes inneres Modell der Interaktion, also sichere Bindung, kann entstehen. Auch beim Kind kann durch dieses Fürsorgeverhalten beispielsweise Oxytocin ausgeschüttet werden.
Oxytocin wirkt im Zentralnervensystem anscheinend zusammen mit opioiden Peptiden und Strukturen belohnend auf sozialen und sexuellen Kontakt. Es senkt soziale Hemmschwellen, schafft eine Grundlage für Vertrauen und fördert enge zwischenmenschliche Bindungen. Es ist beim Sex zwischen Geschlechtspartnern, beim Geburtsprozess und im Verhalten zwischen Mutter und Kind bedeutsam. An Bindungsverhalten sind vor allem Netzwerke und Strukturen mit Oxytocin und Vasopressin beteiligt. Bei Tierarten mit lebenslang bestehender Partnerschaft wurden deutlich mehr Oxytocin-Rezeptor-Bindungsorte im limbischen und hypotalamischen System festgestellt.
Selbsterhaltung, Stress und mögliche Folgen
Das Selbsterhaltungssystem dient dem Überleben in Gefahr und ist in Stresssituationen dem Bindungsverhalten übergeordnet. Seine typischen Verhaltensweisen sind Kampf, Flucht und Erstarrung; dazu gehören Gefühle wie Stress, Hilflosigkeit, Unsicherheit, Ohnmacht und Bedrohtsein. Bei dauerhaften Erfahrungen von Stress und Hilflosigkeit kann sich die Tendenz bahnen, Selbsterhaltung sehr früh oder in unangemessenen Situationen zu aktivieren. Frühkindlicher Stress kann Mechanismen der Selbsterhaltung gegenüber dem Bindungssystem dominieren lassen.
Als Beispiel beschreibt der Artikel eine Bezugsperson mit belastenden Kindheitserfahrungen und einem negativ besetzten inneren Interaktionsmodell. Wenn das Kind weint oder schreit, kann die Mutter fliehen, indem sie das Zimmer verlässt, oder es gestresst angreifen, etwa durch Schütteln, Schlagen oder Anschreien. Statt des Bindungssystems wird dann ihr neuroendokrines Selbsterhaltungssystem aktiviert. Epinephrin/Norepinephrin wird ausgeschüttet und erhöht die Motivation zu Kampf oder Flucht. Beim Kind folgt kurzfristig eine Stressreaktion mit Glucocorticoiden; es hört möglicherweise auf zu weinen und sein Bindungssystem kann unterdrückt werden. Ein negativ besetztes inneres Interaktionsmodell beziehungsweise unsichere Bindung kann entstehen. Sichere und unsichere Bindung werden dabei als aktiv angepasste Antworten auf als bewältigbar beziehungsweise unbewältigbar eingeschätzte Ereignisse dargestellt; unsichere Bindung ist mit Stress und Hilflosigkeit verknüpft.
Bei überforderten Bewältigungsmechanismen werden über das sympathische Nervensystem im Nebennierenmark Noradrenalin und Adrenalin ausgeschüttet. Gleichzeitig veranlasst der Hypophysenvorderlappen die Nebennierenrinde zur Ausschüttung von Glucocorticoiden. Traumatisierende, stressreiche Erfahrungen können das sympathische System lang anhaltend aktivieren; beschrieben werden erhöhte Werte von Epinephrin/Norepinephrin und eine erhöhte Aktivität des Locus caeruleus. Dieser gehört zum noradrenergen System, enthält viel Noradrenalin und wird mit Orientierungs- und Aufmerksamkeitsverhalten in Verbindung gebracht.
Häufige, lang dauernde Stressreaktionen können das Zentralnervensystem verändern. Genannt werden chronisch erhöhte Aufmerksamkeit beziehungsweise Vigilanz, erhöhte Reizbarkeit und dysphorische Stimmung. Bei posttraumatischer Belastungsstörung ist die Kortisolausschüttung verringert; dies wird mit vermindertem Bindungsverhalten verbunden, etwa mit Alexithymie, einer Beeinträchtigung, Gefühle zu erkennen und auszudrücken.