Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Maigret bei den Flamen

Maigret bei den Flamen (französisch: Chez les Flamands) ist ein Kriminalroman des belgischen Schriftstellers Georges Simenon. Er ist der 14. Roman einer …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Roman und Einordnung
  2. 2. Handlung
  3. 3. Soziale und nationale Konflikte
  4. 4. Entstehung und Ausgaben

Roman und Einordnung

Maigret bei den Flamen (französisch: Chez les Flamands) ist ein Kriminalroman des belgischen Schriftstellers Georges Simenon. Er gehört als 14. Roman zu der Reihe um den Kriminalkommissar Maigret, die insgesamt 75 Romane und 28 Erzählungen umfasst. Der Roman entstand im Januar 1932 in Cap d’Antibes und erschien im März 1932 bei Fayard in Paris.

Im Mittelpunkt steht eine private Ermittlung Maigrets in der Grenzstadt Givet. Eine flämische Kaufmannsfamilie wird verdächtigt, eine junge Französin ermordet zu haben, die mit dem Sohn der Familie ein Kind hatte. Der Roman verbindet die Aufklärung eines Mordes mit Konflikten zwischen sozialen Klassen, nationaler Zugehörigkeit und Vorurteilen. Entscheidend ist außerdem, dass Maigret am Ende zwar die Täterin erkennt, sie aber nicht der Justiz übergibt.

Handlung

Ein Vetter von Madame Maigret bittet Maigret, in Givet in den Ardennen nahe der belgischen Grenze zu ermitteln. Dort betreibt die flämische Familie Peeters ein Lokal mit Alkoholausschank und wird von vielen französischen Einwohnern misstrauisch betrachtet. Anna Peeters, eine resolute junge Frau, empfängt Maigret am 20. Januar. Ihre Geschwister sind Maria, Lehrerin bei den Ursulinen im belgischen Namur, und Joseph, der in Nancy Jura studiert.

Joseph ist seit seiner Jugend mit seiner Cousine Marguerite van de Weert verlobt; nach dem Willen des Familienclans soll er sie heiraten. Trotzdem hat er mit Germaine Piedbœuf ein uneheliches Kind. Germaine fordert bei den Peeters Alimente und verschwindet danach. Die Stadt verdächtigt deshalb die Familie. Besonders Germaines Bruder Gérard Piedbœuf hetzt gegen die Peeters und gegen Maigret, den er als Helfer der Reichen und „Flamenfreund“ darstellt. Anna war jedoch unglücklich in Gérard verliebt.

Als Germaines Leiche in der Maas gefunden wird, gerät zunächst Gustave Cassin unter Verdacht. Der Alkoholiker und mehrfach vorbestrafte Sittlichkeitsverbrecher liegt mit seinem Schlepper vor Anker. An Bord werden Germaines Mantel und die Mordwaffe, ein Hammer, gefunden; Cassin legt zudem falsche Spuren und flieht. Für den örtlichen Inspektor Machère ist der Fall damit gelöst.

Maigret bezweifelt diese Lösung. Er setzt die Familie Peeters unter Druck, bis Anna gesteht: Sie erschlug Germaine bei deren Besuch mit dem Hammer. Die Tat war vorbereitet worden, weil Anna ihren Bruder von Germaine fernhalten wollte. Der unmittelbare Auslöser war eine abfällige Bemerkung Germaines über Annas Beziehung zu Gérard. Annas Geschwister halfen bei der Beseitigung der Leiche. Marguerite gab Geld, damit Cassin untertaucht und der Verdacht auf ihm liegen bleibt.

Maria wird im Kloster durch Angst und Schuld krank; Joseph fügt sich resigniert der vorgesehenen Ehe mit Marguerite. Anna bleibt selbst beim Geständnis gefasst. Maigret nennt die Geschichte zugleich billig, gemein und alltäglich. Weil er in Givet nicht im Dienst ist, lässt er die Familie ihrem Schicksal und reist ab. Ein Jahr später wird Cassin noch gesucht. Anna arbeitet inzwischen als Sekretärin in Paris und lebt in einem Heim für alleinstehende Frauen. Maria ist gestorben, Josephs Ehe ist unglücklich, er trinkt und hat seine Anwaltspraxis aufgegeben. Anna macht Maigret für den Niedergang ihrer Familie verantwortlich, unterdrückt ihren Gefühlsausbruch aber wieder.

Soziale und nationale Konflikte

Nach Bill Alder stellt der Roman zwei soziale Klassen gegenüber. Die Peeters verkörpern das Kleinbürgertum: Sie besitzen einen kleinen Laden, haben trotz der wirtschaftlichen Rezession der frühen 1930er Jahre einen gewissen Wohlstand und streben durch Josephs und Marias Ausbildung sowie Josephs Heirat mit Marguerite nach sozialem Aufstieg. Gleichzeitig steht gegen sie der Vorwurf des illegalen Schmuggels im Raum.

Die Piedbœufs stehen für das Proletariat. Ihre geringe Ausbildung, schlechten Arbeitsbedingungen und begrenzten Aufstiegschancen führen nach dieser Deutung zu Entmutigung und Ablenkung, etwa durch Gérards Billardspiel und Germaines Liebeleien. Marguerite und Germaine zeigen jeweils beispielhaft die Lebenswelt ihrer Klasse. Josephs Entscheidung zwischen beiden Frauen betrifft deshalb auch seine soziale Stellung.

Daneben behandelt der Roman Ausgrenzung aufgrund von Herkunft. Die französischen Piedbœufs sind trotz ihrer Armut Teil der örtlichen Gemeinschaft, während die Peeters als Flamen Fremde bleiben. Inspektor Machère begegnet ihnen mit rassistischen Vorurteilen. Die französischen Schiffer sehen in ihnen vor allem wirtschaftliche Konkurrenten. Gérard verbindet beide Haltungen mit nationalistischen Parolen. Maigret beurteilt Menschen dagegen stärker nach ihren persönlichen Eigenschaften als nach Herkunft oder Status. Alder weist jedoch darauf hin, dass die im Roman verwendete Vorstellung von „Rassen“ diese Botschaft der Toleranz zugleich beeinträchtigt.

Die Gruppen erwarten Verschiedenes von der Polizei: Die Peeters hoffen auf Schutz ihrer gesellschaftlichen Stellung, die Piedbœufs misstrauen der Polizei als Partei des Geldes. Dieses Misstrauen bestätigt sich, weil Maigret Anna nicht verfolgen lässt. Alder deutet dies als besonders deutliches Beispiel dafür, dass Maigret vom unparteiischen Gesetzeshüter zu einem moralischen Richter wird: Für ihn zählen Annas moralische Eigenschaften und eine mögliche Klassensolidarität mit der Kleinbürgerin mehr als die rechtliche Aufklärung.

Ein Leitmotiv ist Solveigs Lied aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite, das für Henrik Ibsens Drama Peer Gynt komponiert wurde. Die Frauen der Familie spielen es Joseph wiederholt vor: „Mein holder Verlobter, gewiss, du wirst mein.“ Wie die Frauen in Peer Gynt einen wenig heldenhaften Mann idealisieren, heroisieren die Peeters-Frauen Joseph. Die Musik macht damit die Spannungen hinter der scheinbar harmonischen Familienfassade sichtbar.

Entstehung und Ausgaben

Simenon bereiste 1929 und 1930 mit dem Fischkutter Ostrogoth die Küsten Belgiens und der Niederlande; dabei entwarf er erstmals die Figur Maigret. Im Frühjahr 1929 besuchte er auch Givet und Namur, die als Schauplätze des Romans dienen. Zahlreiche Orte sind verarbeitet, ihre Namen wurden aber verändert. Maigrets Erinnerung an einen ähnlichen Fall in den Niederlanden verweist auf den ein Jahr zuvor erschienenen Roman Maigret und das Verbrechen in Holland.

Als familiäres Vorbild diente Simenons Tante Marie Croissant, die in Lüttich einen Laden für Schiffer auf der Maas führte. Auch ihre Familie hatte drei Kinder namens Joséphine, Maria und Joseph; Maria war Lehrerin, Joseph hatte ein Kind mit einer Einheimischen. Der Konflikt zwischen französischen Einheimischen und den flämischen Peeters erinnert zudem an den flämisch-wallonischen Konflikt in Belgien. Simenons Eltern gehörten wie die Peeters dem Kleinbürgertum an.

Die erste deutsche Übersetzung von Hansjürgen Wille und Barbara Klau erschien 1964 bei Kiepenheuer & Witsch. Claus Spricks Neuübersetzung veröffentlichte Diogenes 1980. Weitere genannte Ausgaben sind Band 14 der Diogenes-Reihe Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden von 2008 sowie eine Kampa-Ausgabe von 2018 in der Übersetzung von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands.

Weiterlesen