Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Lydie Salvayre

Lydie Salvayre (geborene Arjona; 5. September 1948 in Autainville, Département Loir-et-Cher) ist eine französische Schriftstellerin und Medizinerin.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Leben
  2. 2. Literarisches Werk und zentrale Themen
  3. 3. Eine bedrückende Alltagssituation in La Vie commune
  4. 4. Pas pleurer: Bürgerkrieg, Erinnerung und Liebe
  5. 5. Erzählweise, Wirkung und Bedeutung

Einordnung und Leben

Lydie Salvayre, geboren als Lydie Arjona am 5. September 1948 in Autainville im Département Loir-et-Cher, ist eine französische Schriftstellerin und Medizinerin. Ihre Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Bekannt ist sie besonders für den Roman Pas pleurer, für den sie 2014 den Prix Goncourt erhielt.

Salvayre wuchs als Tochter geflohener spanischer Republikaner in Auterive bei Toulouse auf. Ihre Mutter stammt aus Katalonien, ihr Vater aus Andalusien. Spanisch war ihre Muttersprache; Französisch lernte sie in der Crèche. Nach dem Bac studierte sie moderne Literatur und Spanisch an der Universität Toulouse. 1969 schloss sie ein Medizinstudium ab und spezialisierte sich auf Psychiatrie. Bis zum Ende der 1970er Jahre arbeitete sie in Marseille und Bouc-Bel-Air in der Psychiatrie. Nach ihrer Scheidung 1983 zog sie nach Paris und war als Pädiaterin in einer Praxis in Argenteuil tätig.

Literarisches Werk und zentrale Themen

Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte Salvayre erste literarische Arbeiten in regionalen Zeitschriften. Ihr erster Roman La déclaration erschien 1990 und erhielt den Prix Hermès du premier roman. Seit 2002 veröffentlichte sie neben Romanen auch Theaterstücke. Der Roman Hymne (2011) basiert auf dem Leben von Jimi Hendrix.

Ein wichtiges Merkmal ihres Schreibens ist der bewusste Umgang mit mündlicher Rede. Brigitte Louichon beschrieb 2002 verschiedene Formen der Subversion, also der gezielten Störung literarischer und sprachlicher Konventionen. Salvayre verbindet etwa intime Erfahrungen aus einem Privatleben mit öffentlichen Diskursen oder stattet gesprochene Rede mit rhetorischen Mustern und Sprachregistern der Schriftsprache beziehungsweise der Literatursprache aus. Nach Louichon soll Salvayre dadurch Menschen eine Stimme geben, denen ihre eigene Stimme genommen wurde. Weil diese Stimmen bei Salvayre zugleich nicht vollständig glaubwürdig wirken, verleiht die Autorin ihnen die besondere Macht literarischer Sprache.

Zur ausgewählten Prosa gehören unter anderem La vie commune (1991), La Médaille (1993), La puissance des mouches (1995), La compagnie des spectres (1997), Les belles âmes (2000), Passage à l'ennemie (2003), La méthode Mila (2005), Portrait de l'écrivain en animal domestique (2007), BW (2009), Hymne (2011) und Pas pleurer (2014). Außerdem veröffentlichte sie Essays, darunter Et que les vers mangent le boeuf mort (2002) und Quelques conseils utiles aux élèves huissiers (2005), sowie mehrere Theaterstücke.

Eine bedrückende Alltagssituation in La Vie commune

Im Roman La Vie commune erzählt Suzanne, etwa 60 Jahre alt, in einem Monolog von ihren jüngsten Erlebnissen am Arbeitsplatz. Eine neue Kollegin, mit der sie nun ein Büro teilen muss, wird für sie zur Belastung, weil sie anders ist, jünger ist und mit einem Computer umgehen kann.

Die quälende Situation wird so gestaltet, dass die Leserinnen und Leser mit beiden Seiten sympathisieren können. Der Roman zeigt damit einen Konflikt, der nicht nur aus einem persönlichen Gegensatz besteht, sondern auch aus unterschiedlichen Lebensaltern, Erfahrungen und Fähigkeiten.

Pas pleurer: Bürgerkrieg, Erinnerung und Liebe

Pas pleurer verbindet historische Ereignisse des Spanischen Bürgerkriegs mit der außergewöhnlichen Geschichte der 15-jährigen Montse im anarchistischen Sommer 1936 in Barcelona. Montse und ein junger Mann gehören unterschiedlichen sozialen und politischen Gruppen an. Obwohl sie sich lieben, finden sie in dieser Zeit nicht zueinander.

Der Roman beruht auf persönlichen Erzählungen aus dem Leben von Salvayres katalanischer Mutter und auf Augenzeugenberichten. Dargestellt wird auch die grausame Verfolgung der kommunistischen Bevölkerung, die von Kirchenvertretern vollständig gebilligt wurde. Diesen Verlauf schildert Georges Bernanos in Die großen Friedhöfe unter dem Mond (1938). Am Beispiel von Montses Bruder Josep erinnert der Roman außerdem an Lynchaktionen, die Republikaner untereinander verübten. Der Titel Pas pleurer stammt aus einem Brief der russischen Lyrikerin Marina Zwetajewa.

Erzählweise, Wirkung und Bedeutung

In Pas pleurer sind zwei Perspektiven miteinander verflochten. Der Zeitzeuge Georges Bernanos empfindet Ekel und prangert an, wie die Nationalisten die „schlechten Armen“ („les mauvais pauvres“) terrorisieren. Montse, die damals selbst zu diesen „schlechten Armen“ gehört, erinnert sich dagegen kaum an Einzelheiten. Sie bewahrt vor allem den Eindruck, dass die begeisternden Erlebnisse am Beginn der Befreiungsbewegung zu den intensivsten ihres Lebens gehörten.

Aus diesen unterschiedlichen Redeweisen und Weltanschauungen entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen Heftigkeit und Leichtigkeit sowie zwischen Brutalität und Feingefühl. Die Figuren erscheinen in ihrer Persönlichkeit stark überzeichnet. Salvayre begründet dies damit, dass sich persönliche Einstellungen in einem Bürgerkrieg radikalisieren, sowohl religiöse als auch politische.

Ihre Prosa wirkt einerseits makellos, kann den Leser andererseits aber in einem fröhlichen Ton hart treffen. Salvayres Werke nehmen dadurch einen festen Platz in der französischen Gegenwartsliteratur ein. Zu ihren Auszeichnungen gehören der Prix Hermès du premier roman (1990) für La déclaration, der Prix Novembre (1997) für La Compagnie des spectres, der Prix François-Billetdoux (2009) für BW und der Prix Goncourt (2014) für Pas pleurer.

Weiterlesen