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Kreuzmotiv

Als Kreuzmotiv (seltener Chiasmus genannt) wird manchmal eine Folge von vier Tönen bezeichnet, die so aufeinander folgen, dass man beim Verbinden der Noten …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Definition und Bedeutung
  2. 2. Formen der Kreuzsymbolik
  3. 3. Bach-Motiv und Beispiele
  4. 4. Theorie und Kritik

Definition und Bedeutung

Ein Kreuzmotiv, seltener auch Chiasmus genannt, ist eine Folge von vier Tönen mit einer bestimmten Anordnung: Verbindet man im Notenbild die beiden äußeren Töne miteinander und ebenso die beiden inneren Töne, kreuzen sich die Verbindungslinien. Die Bezeichnung unterstellt meist, dass diese sichtbare Kreuzform symbolisch gemeint ist und vom Komponisten bewusst gestaltet wurde.

Das Motiv gehört überwiegend zur Augenmusik. Damit sind musikalische Bedeutungen gemeint, die sich nicht unmittelbar hören lassen, sondern erst im Schriftbild der Noten sichtbar werden. Das Kreuzmotiv wird daher häufig als bildlicher Hinweis auf Christus oder auf das Leiden am Kreuz gedeutet.

Formen der Kreuzsymbolik

Das viertönige Kreuzmotiv ist nur eine von mehreren möglichen Formen musikalischer Kreuzsymbolik. Nach Brockhaus Musik (2001) kann das Wort „Kreuz“ durch eine Kreuzvorzeichnung, durch die Kreuzung von Stimmen, durch ein Kreuzmotiv innerhalb einer Stimme oder durch die Kreuzform des gesamten Partiturbildes symbolisiert werden. Grove Music Online nennt allgemein eine Gruppe von Noten in Kreuzform als Beispiel für Augenmusik, legt aber weder die Anzahl noch die genaue Anordnung der Noten fest. Daher können damit auch andere Notenkonstellationen als das viertönige Kreuzmotiv gemeint sein.

Der Theologe Friedrich Smend entdeckte zahlreiche symmetrische Strukturen in Werken Johann Sebastian Bachs und deutete sie als „Symbol des Kreuzes Christi“. In seinen erstmals 1947/48 erschienenen Erläuterungen zu Bachs Kirchenkantaten verwendete er dafür den Begriff Chiasmus. Dieser Begriff geht auf den griechischen Buchstaben Chi (X) zurück und bezeichnet eine kreuzförmige Struktur. Wolfgang Kostujak betont jedoch, dass Smends auf die Kreuzigung bezogene Verwendung von „Chiasmus“ in der musikalischen Figurenlehre des 17. und 18. Jahrhunderts nicht vorkomme.

Eine weitere Form sind die von John Eliot Gardiner beschriebenen „Kreuzfiguren“ in der Gambenstimme der Arie „Komm, süßes Kreuz“ aus Bachs Matthäus-Passion. Dabei wechseln sich hohe und tiefe Töne kettenartig ab. Auf der siebensaitigen Viola da Gamba erzwingen sie aufeinanderfolgende, weite Saitenwechsel.

Bach-Motiv und Beispiele

Das bekannte Motiv B-A-C-H stellt den Familiennamen Johann Sebastian Bachs mit Tonbezeichnungen dar und wird manchmal als Kreuzmotiv gedeutet: Beim Verbinden der äußeren und der inneren Noten entsteht im Notenbild ein Kreuz. Bach verwendete solche als Kreuzmotive gedeuteten Tonfolgen in verschiedenen Werken.

Als weitere Beispiele nennt der Artikel Kreuzmotive in Franz Schuberts Es-Dur-Messe: Laut einem pädagogischen Text treten sie dort in den Sätzen Gloria und Agnus Dei auf. Auch der dritte Satz von Anton Bruckners 9. Sinfonie soll ein Kreuzmotiv enthalten, das in Takt 14 beginnt. Die vorsichtigen Formulierungen zeigen, dass diese Zuordnungen auf Deutungen beruhen.

Der Ausdruck hat außerdem noch eine andere musikalische Bedeutung. Franz Liszt bezeichnete als Kreuzmotiv ein Motiv, das zunächst einen Ganzton und danach eine kleine Terz aufwärts führt. Er verwendete es unter anderem in seinem Oratorium Die Legende von der Heiligen Elisabeth.

Theorie und Kritik

Philipp Spitta beschrieb die Figur 1880 in Band II seines Werks Johann Sebastian Bach, ohne sie bereits „Kreuzmotiv“ zu nennen. Bei einem Chorsatz aus Bachs Matthäus-Passion, in dem die Menge die Kreuzigung Christi fordert, vermutete er einen „malerischen Zweck“ der Stimmkreuzungen. Außerdem erklärte er, ein viertöniges „Kreuzigungsthema“ bilde das Kreuzzeichen, wenn man seine äußeren und mittleren Noten jeweils durch Linien verbinde. Diese symbolische Gestaltung im Notenbild nannte Spitta eine „Spielerei“, hielt sie aber für unproblematisch, weil sie von einem bedeutenden musikalischen Gedanken getragen werde.

Arnold Schering deutete solche kreuzförmigen Tonfolgen 1941 in Das Symbol in der Musik als Zeichen für das Leiden Christi am Kreuz und als Beispiele für die „übergeordnete Sinnbeziehung eines Elementarsymbols“. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts galten Kreuzsymbole in Bachs Musik laut Wolfgang Kostujak vielfach als besonders zuverlässige Hinweise auf theologisch beabsichtigte Verweise auf Christus oder das Leiden am Kreuz.

Die Theorie ist jedoch umstritten. Kostujak bewertete das Konzept 2007 als unwissenschaftliche Spekulation und argumentierte, die entsprechende musikalische Figur sei den Musikern des Barockzeitalters nicht bekannt gewesen. Er selbst spricht von Chiasmus, obwohl Friedrich Smend diesen Begriff zuvor für eine andere Art von Kreuzfigur verwendet hatte. Auch die Nachschlagewerke behandeln das Konzept unterschiedlich: MGG Online bespricht es nicht, während Grove Music Online festhält, dass es mehr als ein Beispiel für eine Darstellung der Kreuzigungssymbolik durch kreuzförmig angeordnete Noten gebe.

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